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Artikel


stattweb-News Ausgabe 08, 2008-07

Veegd, Konrad:
Atomkraft ruft- und tausend Blätter schreiten zur Verklärung
News-Beitrag auf stattweb.de vom 8.Juli 2008

Das Schreckenerregende der ersten Atom-Unfälle hat Sprachkunstwerke hervorgerufen, die den Psalmen zum Preise Gottes kaum nachstehen.

Vor Jahren hat in Rowohlts” Kulturmagazin” ein Kritiker diesen Verklärern nachgefragt, was es denn mit dem knackigen, “nussigen” Kern in der Kernkraft auf sich hat? Oder mit dem “Müll“, der eben mit Schaufel und Kehrbesen in sein Eimerchen befördert wird.

Er hat sich nicht sehr lange nach seinem Artikel selbst verbrannt. Die Erkenntnis, dass sein Wort keinen erreichte, hat ihm die Kehle zugedrückt.

Lang ist das her. Und die Sprachkünstler sind weit über die einfachen Umkehrungen der alten Griechen hinausgekommen, die etwa die Rachegöttinnen -Errinyen- zu Eumeniden umbenannten- die Wohlgesonnenen. Damals aus Angst, die Benannten würden zornig ihr Augenmerk auf die Benenner richten und tun, was ihr echter Name sie hieß.

Euphemismus wäre viel zu durchschaubar für das, was die heutigen Verharmloser und Verklärer im Schilde führen. Ihnen geht es darum, der Menschheit die bösen und nur allzu wirklichen Erfahrungen aus Hirn und Gedächtnis zu radieren, die sie mit der nicht zu benennenden furchtbaren Sache gemacht haben.

Dazu ein paar Beobachtungen.

Zu Beginn dieser Woche ist eine Werbeschrift auf Glanzpapier erschienen- vielleicht nicht im unmittelbaren Auftrag, aber sicher im Interesse der vier großen Energiekonzerne der BRD, die wir alle kennen.

Merkwürdigerweise sollte man für diese Werbebroschüre auch noch zahlen (Freilich enthielt sie wie “Bäckerblume” oder “Apothekerzeitung” auch noch ein paar nichtatomare Neuigkeiten).

Diese Werbebroschüre hat sich offenbar unter noch nicht bekannten Umständen den Titel “DER SPIEGEL” angeeignet. Wir erwarten, dass die Herausgeber des Blatts mit früher kritischen Absichten rechtzeitig einschreiten.

Die Werbung ist zeitlich exakt platziert: G8 in Hokkaido. Gute Gelegenheit, den Deutschen Angst zu machen: alle für Atom, nur ein Land dagegen. Schon wieder ein Sonderweg? Merkel bekam von Bush dieses Mal nicht nur den Rücken massiert, sondern verbal die Hucke voll. Atom, Atom! Fürs Klima! Merkel ging in die Knie, aber hielt stand. Wegen der Koalition. Noch.

Andere wären froh um das, was wir wegwerfen. Oh Satz aus Kindertagen! Damals war es meistens altes Brot, über das einer in Zentralafrika so überfroh wäre.

Im SPIEGEL müssen dieses Mal die Finnen herhalten.Wie sind die froh! Erst werden die Wälder beschrieben, die schattigen Straßen, die zu dem Ort führen, wo sie schon zwei Meiler haben und auf zwei weitere warten. Überall Wald. Und hinterm Zaun geht ein Elch vorbei. Es wird einem warm und ökologisch ums Herz.

Solche Meiler werden überall fern von den Städten gebaut. Auch Brokdorf liegt idyllisch. Die Urwälder um Tschernobyl werden weithin gerühmt.

Dann wird die glückliche Gemeinde geschildert, um das Kern-Kraftwerk herum, das ihnen vom französisch-deutschen Konsortium Areva-Siemens gebaut wird. Selbst haben sie natürlich keine Möglichkeit, in die Gestaltungen dieses eingerichteten selbständigen Gewerbebetriebs einzugreifen. Da sei das Aktiengesetz davor.

Aber das Netteste: die Leute ziehen gern dahin. Und am liebsten haben sie neben dem Meiler das zu errichtende Endlager für hochradioaktiven Müll, der da in den Granit gebettet werden soll.

Schluss des Idylls: Immer wieder werden Schulkinder oder auch solche aus dem Kindergarten an das Endlager für niedrig- und mittelaktiven Müll herangeführt, das schon in Betrieb ist. Und wenn das vorbei ist und bevor sie nach den mitgebrachten Snickers greifen, werden die lieben kleinen Patschhände in die Höhlungen eines Apparats gelegt, in dem die Kontamination gemessen wird. Wie nicht anders zu erwarten, kommen die Hände so heraus, wie sie hineingesteckt wurden. Und es erscheint eine Schrift auf dem bekannten mattgrünen Grund -die besagt” clean”.” und dann hat die finnische Atomindustrie wieder ein paar Freunde mehr” (SPIEGEL 7.7. S.23)

So glücklich und froh sind die. Und wir- Miesepeter? Uns fällt doch nichts anderes ein, als dass eine ganze Reihe von Frauenvereinen in Finnland sich gegen Werk und Endlager recht erbittert ausgesprochen haben. Und dass das Endlager ausgerechnet an der einzigen Stelle in Finnland vorgesehen ist, an der es immer wieder zu kräftigen Erdbeben kommt. Und dass die Gegend nicht nur wegen ihrer Elche und Schönheit ausgewählt wurde, sondern auch, weil sie sehr dünn besiedelt ist- vor allem von Samen, von denen anzunehmen ist, dass ihr Protest weniger Gehör bei den übrigen Finnen findet als es zum Beispiel der der schwedisch-sprachigen Minderheit täte.

Schließlich: der neue Meiler, der sich im Bau befindet. Das tut er ausdauernd, geduldig und schon recht lange.

Seite 30, in strenger Quarantäne vom finnischen Idyll, findet sich ein Vorbehalt:

“Auch das finnische Reaktorprojekt Olkiluoto hat längst jeden Rahmen gesprengt. Eigentlich sollte das Kraftwerk 2009 ans Netz gehen. Jetzt ist der Start für den Sommer 2011 vorgesehen. Die Mehrkosten, so viel steht schon heute fest, gehen in die Milliarden” (SPIEGEL 7.7.08, S.30)

Ach so! Ja- aber dann... Was hilft mir das wunderbarste Bauwerk, wenn es nie fertig wird?

Schnell weiter lesen. Nur nicht an so einer Kurve hängen bleiben. Der SPIEGEL folgert nämlich froh und auftragsgemäß. Also gar keine neuen KKWs bauen, aber die, die wir haben, auslutschen bis auf den letzten Brennstab!

Er schreibt also doch nicht, wie er vorgibt, aus Sorge um Weltklima und Menschheit, sondern ausschließlich für die Viere in der Bundesrepublik.

Würde er seine eigene Reklame-Rhetorik nämlich ernst nehmen, dürfte er nicht Epplers faulem Kompromiss folgen: im Grundgesetz sich heilig versprechen, keine neuen Kernkraftwerke mehr zu errichten. Was wegen der Kosten ohnedies keiner will.Wenn es so sehr Matthäi am letzten wäre, wenn die Katastrophe wirklich schon vor der Weltentür stünde, dann müsste man doch alle Bedenken fahren lassen. Bei allen Gefahren der KKWs: lieber mit denen noch ein paar Risikojahrzehnte fristen, als ohne -alsbald, demnächst, wann eben der SPIEGEL befiehlt- lautlos abzukratzen.

Seite 28, letzte Spalte bis Seite 29, Mitte, kommt dann nebenbei das noch vor, an was jeder bei Kernkraft zuerst denkt, und was früher in dem gleichnamigen Organ (vor der Umwandlung zur Hochglanzbroschüre) ,dem SPIEGEL auch nicht unbekannt war. Die Abfälle sind so unversorgt für ihre Strahlungsdauer wie am ersten Tag. (Zwischendurch wird den Karlsruher Forschern nachgesagt, sie hätten ein Modell in petto mit fast keinen Abfällen -S.25, letzte Spalte- aber vorsichtshalber nicht weiter erklärt, wie das funktionieren soll)

Auch hier Neu-SPIEGELs kühner Schwenk: Aber die Altabfälle müssen ja auf jeden Fall entsorgt werden, bei Laufzeitverlängerung oder ohne diese. Mitgedacht: Die Abfallfrage hat mit der Verlängerung gar nichts zu tun.

Missgünstigen, Kritikastern und Nörglern fällt da doch sofort ein: Aber wenn die vorhandenen strahlenden Dinger schon nicht sicher gebunkert werden können, dann hört doch auf damit, besinnungslos immer neue in die Castoren zu packen.Damit wird es doch nur noch schlimmer!

(In der EM gab es in der Verlängerung nur manchmal Tore. Bei den KKWs aber mit Sicherheit jedes Jahr weiteren Müll)

Unter Statistiken verschüttet, hirnverklebt von rosigen Phantasien, halb matschig und zugemüllt, lassen wir das Heft aus der schlaffen Hand sinken.

Laut Augstein sollte der SPIEGELeinmal das Verborgene ans Licht zerren. Schlichter: Etwas zur besseren Kenntnis von Menschen und Umständen beitragen. Ohne die Sachen zu kennen, die gemeinsam zu handhaben wären, ist keine Beschlussfassung über gemeinsames Handeln möglich. Was man früher unter Demokratie verstand.

Heute ist die SPIEGEL-Schreibweise und Kombinatorik gefährlicher als die plumpe der BILD. Gefährlicher, weil eine Art wissenschaftlich durchwachseneZwangsläufigkeit suggeriert wird, der sich gerade der Aufgeklärte -wie traurig oder freudig auch- wissend zu unterwerfen hat.

Volkshegelianisch: Freiheit, Einsicht in die Notwendigkeit. Hegel hat sie sich noch selbst konstruiert. SPIEGEL macht den kollektiven Hegel für 3,50. Und lähmt. Und fordert Unterwerfung. Und am Ende war es nicht die Notwendigkeit, sondern die starken Begierden von vier Oligopolen, ihrer Nutznießer und politischen Begünstiger. Von wegen ewige Wahrheiten! Wenn der Wind sich dreht, und andere Wohltäter kommen hoch, wie schnell wird der SPIEGEL dann ganz neue Wahrheiten deduzieren. Aber immer mit statistischen Zahlen und überwältigender Faktenmenge im Hintergrund.

Quelle: SPIEGEL,7.7.08, Artikel:Kernkraft- ja bitte - Artikel Philipp Bethge u.a.



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