stattweb-News Ausgabe 08, 2008-07![]()
Veegd, Konrad:
Zwanzigster JULI- trotz allem mehr als eine Ausrede für Jungs militaristischen Appell
News-Beitrag auf stattweb.de vom 15.Juli 2008
Im FOCUS vom 15.7. findet sich ein Interview mit der Tochter Stauffenbergs, die ein Buch über ihre Mutter verfasst hat. Darin berichtet sie von deren argen Kränkung anlässlich des fünfzigsten Jahrestags des Attentats. Da wollten doch allen Ernstes gewisse Kreise Stauffenberg auf eine Stufe stellen mit “Kommunisten wie zum Beispiel Erich Honecker und Walter Ulbricht. Diese aber hatten nur eine menschenvrachtende Diktatur durch eine andere ersetzen wollen, welches sicher nicht im Sinne meines Vaters und seiner Mitverschwörer war” (FOCUS, S.36)![]()
Was soll man da noch Wehrmachtsministern und Bundespräsidenten vorwerfen, wenn in der eigenen Familie die Erinnerung an die wirklichen Ereignisse so zugeschüttet wird.![]()
Denn es steht fest- und selbst Fest, ehemals Quasi-Monopolist der offiziellen Verschwörerdeutung, gibt es mürrisch zu, dass gerade der engere Kreis um Stauffenberg Kontakte sowohl mit dem Gewerkschafts-Führer Leber wie mit der kommunistischen Bästlein-Gruppe angeknüpft hatte. Deren Verhaftung beschleunigte sogar den Entschluss, das Attentat durchzuführen.![]()
Um das Verschüttete über den Widerstand halbwegs hervorzugraben, ist es angebracht, noch einmal an das Buch von Roth/Ebbinghaus über die Konzeptionen der verschiedenen Widerstandsgruppen zu erinnern. Roth geht ausdrücklich nur am Rande auf den Widerstand von unten ein, der schon oft behandelt wurde, auch von ihm selbst. Er hatte sich vorgenommen, für dieses Mal gerade die Konzeptionen der militärischen und bürgerlichen Gruppen zu untersuchen über das “danach”. Wie und mit wem sollte es weitergehen nach dem -als geglückt vorausgesetzten Attentat.”![]()
Deshalb hier -sozusagen recycled- eine Besprechung aus früheren Tagen.![]()
Joachim Fest beansprucht inzwischen das Monopol der finalen Deutung deutscher Geschichte. Nach „Hitler“ und vor „Untergang“ hat er im „Staatsstreich“ den 20. Juli endgültig eingereiht und abgefertigt. Sein Buch endet zustimmend mit dem Zitat: „ Ich glaube, es war gut, dass es gemacht wurde, und vielleicht auch gut, dass es misslang“. Fest und viele staatstreue Nachbeter heften sich an Tresckows letzte Meldung: „Das Attentat muss gemacht werden, coûte que coûte“. Die Handlung aufs äußerste ausgedünnt, aufs Zeichen reduziert. Die Gräte statt des Fischs. Als hätten die Verschwörer alles nur getan, damit wir vor dem Ausland einen Gedenktag zum Feiern vorzeigen können. Gerade umgekehrt gehen Karl-Heinz Roth und Angelika Ebbinghaus vor. Sie versuchen den Vorgang, der zum 20 Juli führte, nicht zu verarmen, sondern zu bereichern.![]()
Was hatten nicht nur die Offiziere, nicht nur der Goerdelerkreis, sondern auch die Gruppe um Graf Moltke für Vorstellungen? Was sollte nach dem Schluss der NS-Diktatur kommen? Was davon hätte Eingang finden können in die Diskussionen unmittelbar nach Kriegsende? Dabei arbeitet vor allem Karl Heinz Roth die scharfen Gegensätze heraus, die die Verschwörer nur mühsam überbrücken konnten. Goerdeler, ehemals Bürgermeister von Leipzig, Sparkommissar in der Weimarer Republik und auch noch in den ersten Jahren der Naziherrschaft, war stark vom Ordo-Liberalismus geprägt. Im Überlebensfall hätte er ohne weiteres den Ludwig Erhardt geben könnten. Er suchte eine Sanierung des Staatshaushalts durch Steuererhöhung, unbezahlte Mehrarbeit und einen rigiden Sparkurs. (Der gegebene Mann für heute). Wie die meisten seines Kreises wollte er keineswegs zurück zu einem Parlamentarismus irgendeiner Art. Er schwärmte dem Präsidialsystem Hindenburgs und Brünings am Ende der Republik nach. In der Durchführungsplanung des Aufstandes führte das dazu, dass ängstlich jede breite Volksbeteiligung, auch Streiks, ausgeschlossen wurden. Die Massen als Gefahr- ein Gedanke,der sich bis in die verfassunggebende Versammlung 1949 durchfraß. Ebenso wurde kein Gedanke an die Beteiligung einfacher Soldaten verschwendet. Brutal gesagt: Gerade die angstvolle Erinnerung an die Soldatenräte von 1918 beschleunigte den Willen zu einer Einigung mit den Kriegsgegnern. Um Gottes Willen, nicht noch einmal die wilde Rotte, die Offizieren die Achselklappen herunterriss.![]()
So wundert es nicht, dass sowohl Stauffenberg und die Offiziere um ihn den als Reichskanzler vorgesehenen Goerdeler nur als „Kerenskilösung“ ansahen. Kerenski: das war derjenige, der in der ersten Zeit der russischen Revolution unbedingt den Krieg fortführen wollte, bis die Bolschewiki ihn stürzten. Schon der ganz unverhohlene Bezug auf die russische Oktoberrevolution zumindest als Verlaufsmuster sollte Tochter Stauffenberg in ihrem Anti-Kommunismus etwas beirren. Die Überlegung war: 1918 haben sich die Sozialisten in Deutschland vor allem verhasst gemacht, weil sie den Kapitulationsvertrag unterzeichnet hatten. Dafür sollte Goerdeler herhalten: Danach: Adieu... Es gibt einen witzigen kleinen Roman Christian v. Ditfurths, in dem er davon ausgeht, das Attentat sei geglückt. Allerdings die SS erwiese sich am 21. Juli als Mitinhaber der Macht. Schließlich gäbe es 1953 vielleicht einen Bundeskanzler Himmler...![]()
Der Roman bohrt sadistisch in der Unentschlossenheit des Goerdelerkreises. Diese Gruppe wollte Reich ohne Hitler. Nur dass ohne stärkste Volksbeteiligung eine erfolgreiche Umwälzung sich nicht einmal denken lässt. Notwendig blieben alte Machtblöcke dabei ungestürzt. Herausgearbeitet wird von Karl Heinz Roth, dass zum Beispiel Offiziere, die selbst in der Partisanenabwehr tätig waren, und die aktiv den Sturz Hitlers betrieben, trotzdem niemals auch nur den Gedanken fassten, etwa mit Partisanen zusammen einen gesamteuropäischen Aufstand zu planen. Gerade darin zeigt sich der Unterschied zum Widerstand von unten, dem im Buch zwar ein zusammenfassendes Kapitel gewidmet ist, der dieses Mal für die Verfasser aber nicht im Mittelpunkt steht. Zu erinnern wäre zum Kontrast an den halbjüdischen Peter Brückner, dem es gelungen war, in der Armee unterzukommen. Kaum war er zur Bewachung eines Gefangenenlagers abgeordnet, knüpfte er Kontakte sowohl zu russischen Gefangenen wie auch zu Mitgliedern der im Untergrund immer noch tätigen Kommunistischen Partei Österreich. Ebenso berichtet Roth vom Bruder der Freya von Moltke. Er benutzte die Gelegenheit, als er in Italien als hoher Funktionär Arbeitskräfte für Bauten im Reich anwerben musste, selbst sich der Partisanengruppe „ Giustizia e Libertà“ anzuschließen.![]()
Stark heben Roth und Ebbinghaus die Rolle des Moltkekreises hervor- nach dem Gut der Familie: Kreisauer Kreis genannt. Sie, in der offiziellen Literatur immer etwas geringschätzig als bloßer Diskutierclub behandelt, verzichteten bewusst auf gewaltsamen Sturz der Diktatur. Sie sahen die Notwendigkeit der Kapitulation voraus und beschäftigten sich mit den Möglichkeiten eines Neuanfangs. Dabei setzte Moltke selbst vor allem auf „kleine Einheiten“ unten, die sich fast räteartig selbst verwalten sollten. Als zusammenfassendes Element sollte hinzutreten ein wirklich geeintes Europa, an dem deutsche Teilstaaten gleichberechtigt teilnehmen sollten.![]()
Gerade der Kreisauer Kreis nahm am ehesten sozialistische Elemente in sein Denken auf. Zwar rühmte Moltke sich im Abschiedsbrief, dass Freisler im Volksgerichtshof ihn wegen bloßen Denkens verurteilt hatte. Also war Denken als solches im Dritten Reich schon ein Verbrechen. Das könnte den Vorwurf gegen den blassen Nur-Denker bestärken. Nur dass Moltke bei „Denken“ stets ans Eingreifen dachte- wie es im Wort Begriff ja selber steckt: Wer so denkt, ist in Gedanken immer schon beim künftigen Zugriff.![]()
Zur Roten Kapelle wusste Fest im Jahre 94 nur zu sagen: “Die Gesinnungsbedürfnisse dieses vorwiegend intellektuellen Zirkels, dessen Mitglieder der einen Ideologie den Vorzug vor der anderen gaben... waren nur auf Unverständnis gestoßen“ S.237. Das, nachdem die „Ästhetik des Widerstandes“ von Peter Weiss ein Jahrzehnt lang vorlag, in deren drittem Band die Tätigkeit der Roten Kapelle ausführlichst gewürdigt wurde. Stefan Roloff im vorliegenden Band räumt mit diesen Gönnerhaftigkeiten auf. Er weist nach, dass über hundert Personen in engerem und weiterem Zusammenhang mit der Gruppe standen. Vor allem geht er gegen das gängige Klischee vor, die von der Gestapo so genannte Rote Kapelle hätte ihre Haupttätigkeit im Funken für die Rote Armee gefunden. Die Tatsache, dass sie über einen erstmaligen Funkkontakt mit einem neuen Gerät aufgespürt wurden, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier ein wesentlich linker Zusammenschluss sich organisatorisch und gedanklich für die kommende Zeit vorbereitete.![]()
Insgesamt ein Buch, das im Jahr 2008 sein Gewicht immer noch finden sollte, wenn –hoffentlich– auch darüber diskutiert werden wird, was an Vorarbeiten vorlag, woran anzuknüpfen war, als endlich im Frühjahr 45 die Bunker sich öffneten.![]()
Bibliographische Angaben: Karl Heinz Roth/ Angelika Ebbinghaus (Hrsg.): Rote Kapellen- Kreisauer Kreise- Schwarze Kapellen Neue Sichtweisen auf den Widerstand gegen die NSDiktatur 1938-1945 ISBN 3-89965-087-5 VSA-Verlag Hamburg 2004![]()
Quelle: FOCUS, 15.7.08+ Besprechung Karl-Heinz Roth/Angelika Ebbinghaus: Rote und Schwarze Kapellen.
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