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Artikel


Stattzeitung für Südbaden Ausgabe 60, 2005-03

Gingold, Peter:
Zum 60. Jahrestag des 8. Mai
"Für die Mehrheit der deutschen Bevölkerung war die Niederlage der Nazis ihre eigene Niederlage"

Jahrzehntelang galt der 8.Mai in der Bundesrepublik Deutschland nicht als Tag der Befreiung, sondern als Trauertag und Tag der Kapitulation; der deutsche, antifaschistische Widerstand wurde ignoriert und diffamiert- auch deshalb, weil eine wirkliche Entnazifizierung nach 1945 nicht stattgefunden hat. Stattdessen gelangten ehemalige Nazis in Verwaltung, Wirtschaft, Justiz, Hochschulen und Medien in führende Positionen und bereiteten den Boden für Restauration und Neofaschismus.

Peter Gingold, 89 Jahre alt, kommunistischer Widerstandskämpfer, Überlebender des NS-Terrors und Bundessprecher der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten(VVN/BdA), erinnert sich im folgenden Beitrag für die Stattzeitung anlässlich des 60. Jahrestags der Befreiung an den 8.Mai 1945 und reflektiert den Umgang in Deutschland mit diesem Jahrestag. (Die Redaktion)

Kaum ein anderer Tag, den ich so verinnerlicht habe wie den 8.Mai 1945. Den habe ich in Turin erlebt. In der letzten Phase des Krieges war ich zur Resistenza nach Italien entsandt worden. Dort sollte ich meine Erfahrung aus der französischen Résistance einbringen, der TA- "Travail allemand" ("Deutsche Arbeit"), die Bezeichnung eines speziellen Sektors in der Résistance. Das heißt mit Streuzetteln, Flugblättern, auch Zeitungen in deutscher Sprache die Wehrmachtsangehörigen aufklären, sie zur Unterstützung der Résistance zu gewinnen. Wir hatten einen wichtigen Beitrag zur Résistance leisten können. Mit dieser Aufgabe befand ich mich unter den italienischen Partisanen in Piemonte.

Viel konnte ich nicht machen, lediglich nur ein Flugblatt, als es zum Aufstand der norditalienischen Bevölkerung kam. Die deutsche Armee unter Marschall Kesselring kapitulierte bereits im April 1945. Vielleicht war mein Flugblatt derartig wirksam. Nun lag ich mit den Partisanen in einer Kaserne in Turin. Als am Morgen des 8.Mai unaufhörlich die Kirchenglocken läuteten, wussten wir, sie verkünden das Kriegsende. Dann war ich inmitten von hunderttausenden, jubelnden Menschen im Zentrum der Stadt, bis in die Nacht hinein getanzt, unter Mandolinenklängen immer wieder das Bella-ciau, Avanti-popolo, Bandera rosa, bis wir alle heiser waren. Der 8.Mai - das Morgenrot der Menschheit, die menschliche Zivilisation von der Nazibarbarei gerettet! Uns ging die Sonne auf. Mit Ausnahme einer kleinen Minderheit wurde der 8.Mai von der deutschen Bevölkerung jedoch nicht so wahrgenommen. Obwohl sie das Ende des Krieges herbeisehnte, je mehr der Krieg sich nach Deutschland wandte, sich die Todesnachrichten aus der Ostfront häuften, die deutschen Städte sich in Trümmerlandschaften verwandelten, in höllischen Ängsten in Luftschutzkellern. Endlich Friede.

Wer hatte in Deutschland nicht aufgeatmet?! Aber Befreiung? Dieses Glück der Befreiung empfanden nur die Überlebenden des Widerstandes, die Befreiten

aus KZ und Gefängnissen und Zuchthäusern, die im Exil, schließlich alle, auch wenn sie keinen Widerstand leisteten, im Innern Gegner des Naziregimes, im aufrechten Gang geblieben sind. Jedoch für die große Mehrheit der Bevölkerung war die Niederlage des Nazireiches ihre Niederlage, besiegt zu sein, diese Schande, vor allem von den Russen besiegt zu sein. Der Jubel, der am 8.Mai Europa, die ganze Welt erfasste, den gab es in Deutschland nicht.

Anlässlich des 60.Jahrestages der Landung in der Normandie war ich vom Frankreichs Präsidenten, Jacques Chirac, eingeladen, an der Feierlichkeiten in einer deutsch-französischen Begegnung mit dem deutschen Bundeskanzler teilzunehmen. Dort traf ich auf ehemalige Angehörige der Wehrmacht, die Gerhard Schröder mitnahm. Als ich zu den Veteranen sagte, ich vertrete hier die Deutschen, die an der Seite der Résistance kämpften, ist mir wortwörtlich entgegnet worden: "Da haben Sie gegen Deutschland gekämpft". Als ich antwortete, wir haben beigetragen Frankreich von der deutschen Okkupation zu befreien, für uns war es zugleich ein Kampf für Deutschland, Deutschland von Hitler und den Krieg zu befreien, kam die Entgegnung: "Wir wollten ja nicht befreit sein".

Tatsächlich, sie wollten nicht befreit sein. Jahrzehnte in der Nachkriegszeit war der 8.Mai eher ein Trauertag, der Tag der Kapitulation. Man kann doch nicht eine Niederlage feiern, erklärte der damalige Vorsitzende der CDU-Fraktion, Alfred Dregger, der sich noch am 40.Jahrestag brüstete, noch an diesem Tag gegen die heranstürmenden Sowjetsoldaten gekämpft zu haben. Es hatte 40 Jahre bedurft, bis ein Bundespräsident, es war Richard von Weizsäcker, den Mut hatte, den 8.Mai als Tag der Befreiung zu bezeichnen und auch die Kommunisten erwähnen, die dazu gehören, als er über die Breite des deutschen Widerstandes sprach. Wofür er Empörung und Entrüstung in den Reihen seiner Partei erntete.

Mit dem 8.Mai, als Tag der Befreiung, können die Nachgeborenen heute unbefangener umgehen. Jedoch für die meisten ist er lediglich das Ende des Zweiten Weltkrieges. Auch ist ziemlich unbekannt, dass im Zusammenwirken und mit Unterstützung der antifaschistischen Widerstands- und Befreiungsbewegungen in allen okkupierten Ländern die Armeen der Anti-Hitlerkoalition die Hitlerwehrmacht vernichtend schlagen konnten. Der Befreiungskampf, der alle von den Hitlerarmeen eroberten Länder erfasste , nicht nur die Industriestaaten wie Frankreich, Italien, Belgien, Holland, Dänemark, Norwegen, Luxemburg, auch die damals sozial und ökonomisch rückständigen Länder wie Jugoslawien, Albanien, Bulgarien, Slowakei, leistete einen enormen Beitrag zur Zerschmetterung der gewaltigen Wehrmacht. Im Verlauf des Krieges wurde er zu einer mächtigen Kraft, erweiterte und stabilisierte die Front der Anti-Hitlerkoaltion. In ihren Ländern banden sie einen großen Teil der hitlerischen Streitkräfte. Allein gegen die sowjetischen Partisanen mussten 25 Divisionen, über 300.000 Mann der SS, SD und Polizei, neben 500.000 Mann Hilfstruppen eingesetzt werden. In Frankreich vor dem 6.Juni 1944 über 500.000 Mann, in Griechenland 30.000 Soldaten, 15 Divisionen nach der Kapitulation in Italien. Über eine Million Soldaten und Offiziere der faschistischen Armeen sind außer Gefecht gesetzt worden. Unübersehbar die riesige Menge des Militärpotentials, die vernichtet wurde. 25.000 Militärzüge wurden entgleist oder in die Luft gesprengt, 15.000 Lokomotiven und 125.000 Waggons, tausende Brücken gesprengt, hunderte Schleusen in Flüssen und Kanälen, mindestens 75.000 Autos und LKWs, tausende Geschütze, Flugzeuge, Panzer. Hinzu kommt die Sabotage in Industrie und Landwirtschaft, die Zerstörung technischerKommunikationsmittel, Telefonleitungen usw. Den Verkehr behindert, wenn nicht sogar für lange Zeit in Gebieten lahm gelegt. So wie die Truppenbewegungen der Hitlerwehrmacht in der Normandie tagelang blockiert waren, als es den Alliierten gelang, einen Landekopf zu erkämpfen. "Die französische Résistance hat mir 15 Divisionen erspart", erklärte später General Eisenhower, Kommandeur der alliierten Streitkräfte der Zweiten Front im Westen. Dies verschafft in etwa eine Vorstellung, wie viel Kräfte der Hitlerarmeen gebunden waren, welche Hilfe die Widerstandsbewegungen für die Anti-Hitlerkoalition waren.

Der deutsche antifaschistische Widerstand gehört gemessen an seinen Leiden und Opfern ebenbürtig zu dieser europäischen Résistance. Jedoch im Unterschied zu den Befreiungsbewegungen in den okkupierten Ländern führte er nicht zur Erhebung der Bevölkerung, wie ich es in Paris beim Aufstand und in Norditalien zweimal erleben konnte. Nein, dieses Erlebnis gab es nicht in Deutschland. Das Erhabenste in meinem Leben war, als ich inmitten von zwei Millionen jubelnden, sich gegenseitig umarmenden Menschen auf der Champs-Elysée stand: Paris libre! Paris frei, mit eigner Kraft Paris befreit. Hatten wir doch im Widerstand diese Hoffnung, diese Vision, wir könnten an der Spitze eines solchen Aufstandes stehen, so wie der Erste Weltkrieg endete mit einer Erhebung der Massen, der Revolution. An unserer Seite stünden noch Millionen verschleppten Zwangsarbeiter, dachten wir. Es war auch der Alptraum der deutschen Kapitalmächte, die sich 1918 vor dem Abgrund sahen. So darf diesmal der Krieg nicht enden. An der Mauer der Gedächtnisstätte des Preungesheimer Gefängnis in Frankfurt, an der Stelle, der Guillotine, mit der hunderte Antifaschisten hingerichtet wurde, stehen die Worte der Schriftstellerin Ricarda Huch: "Nicht erhob sich das Volk, denen Freiheit und Leben zu retten, die ihre Freiheit und Leben für das Volk hingaben".

Auch nicht einmal, als ganz Deutschland befreit war bis auf Berlin, selbst da gab es nicht den Aufstand, Schluss mit dem Kämpfen! 30.000 Sowjetsoldaten mussten noch sterben, um diese Stadt zu befreien. Darin liegt die große Tragik deutscher Geschichte Hätte doch die deutsche Bevölkerung, die so sehr das Ende des Krieges herbeisehnte, es aus eigner Kraft herbeigeführt. In Deutschland hätte es den gleichen Jubel gegeben. Der 8. Mai wäre, wie in anderen Ländern, der eigentliche nationale Feiertag geworden.

Wie anders wäre die gesamte Nachkriegsentwicklung verlaufen. Nur im sowjetisch besetzten Teil Deutschlands wurde die Chance genutzt, den endgültigen Bruch mit der verhängnisvollen Kontinuität deutscher Geschichte zu vollziehen, wurde enteignet, endgültig den Boden denen entzogen, die zweimal in einem halben Jahrhundert die Welt in Brand setzten. Aber hier war der reibungslose Übergang vom Nazireich in die Bundesrepublik möglich, in der ehemalige hohe Funktionäre des Nazireiches, die ihre Fähigkeiten dem Führer und der SS zur Verfügung stellten, alles werden konnten: Bundespräsident, Bundeskanzler, Ministerpräsident, Staatssekretär, wie unter Adenauer der Erste Staatssekretär Dr. Hans Globke, der wichtigste Mann in der Regierung, der die juristische Grundlage für die Rassengesetze lieferte. Sie kamen in die führenden Positionen der Ministerialbürokratie, der Verwaltung, der Wirtschaft, der Justiz, der Hochschulen, der Medien, sie bauten die Geheimdienste und das Militär auf und organisierten das Verschweigen der Nazivergangenheit. Der von Hitler propagierte, mit Antisemitismus verknüpfte Antikommunismus wurde bis auf den Judenhass übernommen, es blieb die "bolschewistische Gefahr", die Bedrohung aus dem Osten. Der Antikommunismus wurde zur Staatsdoktrin, die eigentliche ideologische Grundlage der Restauration, der Wiederaufrüstung, was den Boden für den Neofaschismus bereitet hat, der im erschreckenden Ausmaß Urstände feiert.

Millionen Menschen sahen den so sehr offiziell empfohlenen Film über den 8.Mai, den "Untergang". Als ich in der Frankfurter "Alten Oper" im ausverkauften Haus in Anspielung an diesen Film sagte: "Untergang? Nein! Befreiung, Erlösung, Errettung war dieser Tag! Untergang? Das war 1933!" Ein unaufhörlicher Beifall setzte ein. Das ist begriffen worden. 1933 nicht verhindert zu haben. Was es Deutschland und der Welt gekostet hat! Mit eigner Kraft haben wir uns nicht befreien können, die anderen Völker mit unermesslichen Opfern mussten es tun. Dem sowjetischen Volk hat es allein 25 Millionen seiner Menschen gekostet. Der kategorisches Imperativ (Ardono): Alles Denken, alles Tun darauf zu richten, damit es nie wieder zu einem 1933 führen kann, damit nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg! - Das ist die eigentliche Botschaft des 8.Mai.

Peter Gingold

Gingold wuchs in einem jüdischen Elternhaus in Aschaffenburg und Frankfurt am Main auf. 1930 begann er eine kaufmännische Lehre und trat in die Gewerkschaftsjugend des Zentralverbandes Deutscher Angestellter (ZDA) ein. 1931 trat er in den Kommunistischen Jugendverband Deutschland (KJVD) ein. 1933 wurde er im illegalen Widerstand tätig - im Mai emigrierten die Eltern und Geschwister von Peter nach Frankreich. Gingold wurde im Juni bei einer Razzia der SA verhaftet und bekam nach mehreren Monaten Gefängnis die Anordnung, Deutschland zu verlassen. Er emigrierte im Herbst nach Frankreich, arbeitete bei der deutschsprachigen antifaschistischen Tageszeitung "Pariser Tageblatt" und war in einer kleinen Gruppe des KJVD in Paris politisch tätig. 1936 gründete er im Juni in Paris mit anderen jungen deutschen AntifaschistInnen die "Freie Deutsche Jugend" (FDJ) und lernte dort Ettie Stein-Haller, seine spätere Frau, kennen.

1937 trat er in die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) ein. Im Januar 1940 heiratet er Ettie und wurde im Mai als "deutschstämmiger Staatenloser" von den Franzosen interniert. Im Juni wurde ihre Tochter Alice geboren. Er kehrte im Oktober nach Paris zurück und war im deutschen antifaschistischen Widerstand aktiv. Im Frühjahr 1941 gab er die Tätigkeit auf, da die Gestapo nach ihm fahndete. Er ging im April nach Dijon und wurde in der Travail Allemand (TA), einer Gruppe in der Résistance, tätig. Seine Aufgabe war unter anderem, den Kontakt zu den Soldaten der deutschen Wehrmacht herzustellen, um Hitler-Gegner herauszufinden und für die Zusammenarbeit in der Résistance zu gewinnen. Im Juli 1942 wurden zwei Geschwister von Peter in Paris verhaftet und in das KZ Auschwitz deportiert. Im Februar 1943 wurde er in Dijon von der Gestapo verhaftet und mehrere Wochen lang verhört und gefoltert. Er wurde nach Paris überführt, dort gelang ihm im April die Flucht und nach ein paar Wochen war er wieder in der Resistance tätig. Im August 1944 beteiligte er sich am Aufstand zur Befreiung von Paris und ging als Frontbeauftragter des Komitees Freies Deutschland mit dem 1. Pariser Regiment nach Lothringen. 1945 wurde er von der US-Armee inhaftiert und kam wegen falschen Verdachtes für kurze Zeit in ein französisches Kriegsgefangenlager. Ende April war er als Frontbeauftragter bei den Partisanen in Norditalien und erlebte dort die Befreiung vom Faschismus.

Er kehrte im August 1945 nach Frankfurt am Main zurück und wurde wieder zusammen mit seiner Frau Ettie in der KPD aktiv. Er lebt heute in Frankfurt am Main und ist unter anderem politisch aktiv in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN/BdA), in dem Verband Deutscher in der Résistance, in den Streitkräften der Antihitlerkoalition und der Bewegung "Freies Deutschland" (DRAFD) und im Auschwitzkomitee. Er ist als Zeitzeuge bei den verschiedensten Gelegenheiten und Veranstaltungen in der gesamten BRD aktiv.


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