stattweb-News Ausgabe 08, 2008-10![]()
Friedrich, Sebastian:
Marx reloaded – Die Renaissance der Kapitallesekreise an den Hochschulen
News-Beitrag auf stattweb.de vom 31.Oktober 2008
Wir befinden uns mal wieder in einer Finanzkrise. Die eiligen und hektischen Reaktionen der Machthaber lassen auf die Vermutung schließen, dass es sich dieses mal alles ein bisschen krisenhafter ist. Auch die Stimmen nach einer Veränderung des Finanzmarktsystems werden zunehmend lauter – selbst einstige marktliberale Hardliner wie der Ifo-Chef Hans-Werner Sinn erkennen plötzlich Systemfehler (interessanterweise sprach er von diesen Fehlern im selben Interview, in dem er die Lage der Manager mit den der Juden nach 1929 verglich). Doch wer genauer hinhört, erkennt, dass es den PolitikerInnen und KommentatorInnen in den bürgerlichen Medien eigentlich nicht um eine wirkliche Veränderung geht. Denn die gegenwärtigen Interventionsmaßnahmen der Regierungen zielen nicht darauf ab, die Grundstrukturen zu verändern. Vielmehr geht es darum, ein eigentlich halbtotes System irgendwie wieder zu beleben – doch wie soll Vertrauen in grundsätzlich misstrauische – da auf Konkurrenz und Spekulation basierende – Strukturen geschaffen werden? Diese Frage wird im breiten öffentlichen Mainstream nicht beantwortet – ja nicht einmal gestellt.![]()
Doch fern von der bürgerlichen Hegemonie wächst die Gruppe derer, die Grundsätzliches infrage stellen. Selbst an den Orten, an denen manche schon vermuteten, der Dämmerschlaf sei nicht nur zu einem Tiefschlaf geworden, sondern dort seien einige bereits dabei, gänzlich geistig zu sterben, werden mehr und mehr Menschlein kritischer. Gemeint sind die Studierenden an den Universitäten und Hochschulen.![]()
Eigenartigerweise scheint sich genau in einer Phase Widerstand zu regen, in dem das Kampffeld Hochschule schon längst verloren schien. Nach dem neoliberalen Umbau der Hochschulen müssen die Studierenden extremer als zuvor ihre Ellbogen ausfahren und gegeneinander statt miteinander lernen und forschen. Zudem werden immer weniger Lehrstühle mit kritischen ProfessorInnen besetzt. Was also tun? Wie während des Studiums doch noch Inseln finden, um eigene reflektierte Standpunkte zu entwickeln? Bleibt nur die Selbstorganisation – das gemeinsame Lesen, Verstehen und Entwickeln kritischer Theorien. Diese scheinen in einer Zeit, in denen die gesellschaftlichen Widersprüche immer sichtbarer werden, so langsam wieder einen Nerv zu treffen: Ab diesem Wintersemester wird an vielen Hochschulen in der Republik wieder gemeinschaftlich gelesen und diskutiert. Und welches Werk bietet sich in der momentanen Situation – vielleicht auch prinzipiell – besser an als Das Kapital von Karl Marx?![]()
Genau jene Kritik der politischen Ökonomie wird nun fast flächendeckend gelesen (übrigens auch in Freibug und Konstanz). Das vom Hochschulbund DIE LINKE.SDS initiierte Projekt wird seit etwa einem Jahr vorbereitet: Sogenannte Teamer – diejenigen, die also über gewisse Vorkenntnisse verfügen sollen – wurden auf mehreren Wochenend-Seminaren auf die Lesekreise vorbereitet. Unterstützung erhielten die InitiatorInnen von Leuten wie Elmar Altvater, Frank Deppe, Alex Demirovic, Klaus Dörre und Michael Heinrich. Letztgenannter Marx-Experte, Prokla-Redakteur und Wissenschaftler war es auch, der am 30.10. bei einer der zahlreichen Auftaktveranstaltungen zum „Kapitallesebewegung“ an der Humboldt-Uni in Berlin referierte.![]()
Zu Beginn seines Vortrags hob er das stärker werdende Interesse für Kapitalismuskritik hervor. Dieses sei zwar seit etwa 5-8 Jahren zu beobachten, spitze sich aber im Zuge der Finanzkrise deutlich zu. Ein Ende der Renaissance von Werken wie dem Kapital wird es die nächste Zeit auch nicht geben, geht Heinrich doch von einer sich bald einstellenden starken Rezession aus. ![]()
Auch die Reaktionen und Kommentare von neoliberalen WirtschaftsexpertInnen und anderen SystembefürworterInnen zeigen deutlich, dass sie nervös sind: Die Banken werden beispielsweise kritisiert, da sie zu gierig nach Profiten seien - da stellt sich automatisch die Frage, was die Banken im Kapitalismus eigentlich sonst machen sollen. Weitere Stimmen sind zu hören, die sagen, es müssen Wege gefunden werden, wie zukünftig solche Krisen vermieden werden können. Heinrich empfiehlt in diesem Zusammenhang, sich Hilfe bei Marx zu suchen, der meinte, dass Krisen keine Ausnahme oder Betriebsunfälle, sondern logisch und notwendig seien. Denn Krisen beseitigen Blockaden und ermöglichen neue Wege der Akkumulation. Vor allem wegen dieser produktiven Funktion sind Krisen im Kapitalismus daher unvermeidbar. ![]()
Wenn jetzt die Studierenden – und hoffentlich auch viele andere Menschen – wieder das Kapital lesen und die Theorien von wieder Gegenstand der öffentlichen Debatte werden, wird die bürgerliche Seite schnell Gewehr bei Fuß stehen und mit alt-bekannten Argumenten versuchen, aufzutrumpfen. Sehr beliebt dürfte dabei sicher die Aussage sein, der Marx habe zwar ganz gut den Kapitalismus in England beschrieben, aber seitdem hat sich bekanntlich einiges getan und der Kapitalismus habe sich doch in den letzten 140 Jahren weiterentwickelt. Heinrich kann diesen KritikerInnen schon vorab entgegnen: Marx analysierte zwar die kapitalistische Produktionsweise anhand von Illustrationen in England – dem damals kapitalistischstem Land der Welt –, jedoch nicht, um den englischen Kapitalismus zu beschreiben, sondern um die Gesetze des Kapitalismus als solchen in seinem idealen Durchschnitt zu begreifen. ![]()
Belege für die Aktualität des Kapitals finden sich laut Heinrich nicht nur bei der „Produktion des relativen Mehrwerts“, was als solches erst im 20. Jahrhundert wirklich zum Thema wurde, sondern auch bei der aktuellen Finanzkrise (siehe dritter Band; Kapitel zum „fiktiven Kapital“). ![]()
Nach dieser Lobpreisung und der Werbung für das Werk von Karl Marx stellte Michael Heinrich jedoch noch einige wichtige Dinge klar: Die Lesenden sollten nicht den Fehler machen, aus dem Lese- einen Bibelkreis zu machen, denn sie seien dann kaum in der Lage, kritisch zu denken. Es gehe nämlich beim Lesen und Begreifen der Theorien von Karl Marx insbesondere darum, sich Werkzeuge anzueignen, um den gegenwärtigen Kapitalismus zu verstehen. Das Kapital ist also nur die Hilfe zum Finden eines adäquaten Mittels zur Analyse und somit notwendige Voraussetzung auch zum nächsten Schritt: der Kritik.![]()
Nun geht das heitere Kapitallesen also los. Viele der Studierenden (wohlgemerkt: größtenteils Studierenden, denn es sollen auch SchülerInnen, Azubis und andere nicht-studierende Menschen dabei sein) werden nach einiger Zeit aufgeben, die Lust verlieren oder aus anderen Gründen den Lesekreis verlassen. Doch für alle bleibt hoffentlich die Erkenntnis, dass Kritik durchaus radikal sein kann, Alternativen und somit auch wirkliche Veränderungen möglich sind.![]()
Einen Haken hat die Sache allerdings: Zwar ist die Finanzkrise sicher momentan eine der „wichtigsten Unterstützerinnen“ für die Lesekreise, aber dummerweise wird es noch eine Weile dauern, bis diejenigen, die jetzt beginnen das Kapital zu lesen, damit auch fertig sein werden. Aber bekanntlich muss sich Theorie und direkte Aktion nicht ausschließen. ![]()
Quelle: Michael Heinrich an der HU, 30.10. 19 Uhr


