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stattweb-News Ausgabe 08, 2008-11

Peritore, Silvio:
Heidelberg: Erinnerung an die gemordeten Sinti und Roma aus dem Heidelber Raum
News-Beitrag auf stattweb.de vom 5.November 2008

Gedenkveranstaltung Bergfriedhof Heidelberg am 1. November 2008 (Rede Silvio Peritore)

Meine sehr geehrten Damen und Herren, lieber Herr Fehrentz, ich möchte zunächst den Organisatoren dieser Gedenkfeier danken und freue mich über die Einladung, hier sprechen zu können.

Wir gedenken heute allen Menschen, die Opfer des Nationalsozialismus wurden, weil sie als Sinti und Roma oder als Juden geboren worden waren, weil sie aus politischen oder religiösen Gründen verfolgt wurden, weil sie homosexuell waren, weil sie behindert oder krank waren, weil sie eine schwarze Hautfarbe hatten, weil sie aus unterschiedlichen Gründen nicht in das ideologische Weltbild der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“ passten oder weil sie Widerstand gegen das menschenverachtende NS-System leisteten.

Holocaust steht nicht nur für den Massenmord an den Juden, sondern auch für den staatlich organisierten Völkermord an 500.000 Sinti und Roma im nationalsozialistisch besetzten Europa. Mit diesem in der Geschichte beispiellosen Verbrechen beabsichtigte die NS-Führung die totale Vernichtung auch der Sinti und Roma vom Säugling bis zum Greis. Aufgrund der NS-Rassenpolitik wurden unsere Menschen ausgegrenzt, erfasst, entrechtet, beraubt, deportiert und schließlich systematisch ermordet.

Namen wie Auschwitz, Chelmno, Treblinka, wie Buchenwald, Dachau, Sachsenhausen, Ravensbrück haben sich unauslöschlich in das kollektive Gedächtnis unserer Minderheit eingebrannt. Dies gilt ebenso für die unzähligen Orte im besetzten Teil Ost- und Südosteuropas, wo Sinti und Roma den Massenerschießungen der Einsatzgruppen zum Opfer fielen. Zentrum der systematischen Vernichtung unserer Minderheit war Auschwitz-Birkenau. 23.000 Sinti und Roma aus dem Deutschen Reich und den besetzen Ländern Europa wurden dorthin deportiert und fast alle ermordet.

Auch die Heidelberger Sinti, von denen viele in der Altstadt wohnten, wurden bald nach der nationalsozialistischen Machtübernahme von der Verfolgungsmaschinerie erfasst. Unter den im Mai 1940 in das besetzte Polen deportierten Sinti und Roma befanden sich mehrere Heidelberger Familien. Der größte Teil der verschleppten Frauen, Männer und Kinder erlag in den Gettos und KZs den unmenschlichen Lebensbedingungen oder wurde von den Exekutionskommandos der SS bestialisch umgebracht.

Dass wenige Heidelberger Sinti-Familien den Holocaust überleben konnten, ist Johann Josef Herold zu verdanken, einem Beamten der damaligen Heidelberger Kriminalpolizei. Er bewahrte die in Heidelberg zurückgebliebenen Sinti, denen er freundschaftlich verbunden war, vor der Deportation nach Auschwitz. Solche Beispiele von Mitmenschlichkeit und persönlichem Mut sind es wert, als Teil unseres historischen Gedächtnisses erhalten zu werden.

Unter uns Sinti und Roma gibt es keine Familie, die in der Zeit des Nationalsozialismus nicht den Verlust von Angehörigen zu beklagen hätte. Die Erfahrung des Holocaust wird die Identität unserer Minderheit auch in der Zukunft prägen.

Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus bedeutet über 60 Jahre danach, dass sich Politik und Gesellschaft zu ihrer historischen Verantwortung bekennen. Vor allem sind die unveräußerlichen Menschenrechte zu bewahren und die heute von Rassismus und Rechtsextremismus bedrohten Minderheiten wirksam zu schützen. In einer Zeit, in der ökonomische und politische Erwägungen oft über der Würde des Einzelnen stehen, müssen wir den Gefahren für unser Gemeinwesen entschieden entgegen treten.

Wir dürfen es auch nicht zulassen, dass Rechtsextremisten, Holocaust-Leugner und Revisionisten die Geschichte umdeuten und NS-Täter zu Opfern ihrer eigenen Verbrechen erklären. Unverzichtbar ist eine differenzierte Auseinandersetzung mit den Ursachen und Folgen der unterschiedlichen Zeitepochen vor und nach 1945. Es darf nicht in Frage gestellt werden, dass der von Nazi-Deutschland entfesselte Vernichtungskrieg mit den Menschheitsverbrechen ursächlich für die politische Gesamtentwicklung in Europa nach 1945 war. Ebenso dürfen die nationalsozialistischen Verbrechen nicht durch pauschale Gleichsetzungen mit dem stalinistischen Unrecht relativiert werden. Dies muss in der Erinnerungsarbeit der Bundesregierung und der Gedenkstätten sichtbar werden. (Fortschreibung der Gedenkstättenkonzeption des Bundes)

Vor allem junge Menschen müssen wir dabei unterstützen, sich mit der Geschichte des Nationalsozialismus und seinen Folgen auseinander zu setzen. Ich freue mich, dass heute zahlreiche Jugendliche an dieser Gedenkfeier teilnehmen. Dem Vermächtnis unserer Opfer, die an ihnen begangenen Verbrechen niemals in Vergessenheit geraten zu lassen, bleiben wir alle auch künftig verpflichtet.

Ich danke Ihnen.

Quelle: freundlicherweise per mail zugesandt



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