stattweb-News Ausgabe 08, 2008-12![]()
Veegd, Konrad:
“Die Erfahrung unserer Generation: dass der Kapitalismus keines natürlichen Todes sterben wird! (W. Benjamin)
News-Beitrag auf stattweb.de vom 26.Dezember 2008
Dieser Satz W.Benjamins, unauffällig untergebracht im PASSAGENWERK im Faszikel ”Marx", niedergeschrieben wohl zwischen 1937 und 1938 - lässt zweierlei Lesarten zu. (X,11,a,3)![]()
Er kann verstanden werden als: der Kapitalismus wird gar nicht sterben, sondern über alle Reduktionen und Krisen hinweg, wie ein gestrandeter Walfisch stinkend liegen bleiben, ohne endgültig weggeschafft werden zu können.![]()
Oder aber- mit dem Sinnakzent auf “natürlichen”- es wird den großen Kladderadatsch nicht geben, in dem der Kapitalismus von sich aus dahinsinkt- sondern er muss von einer bewussten Gruppe besiegt und erledigt werden.![]()
Den Gruppenbegriff “Generation” -von 1892- verwendet Benjamin selten; am nächsten der Verwendung hier kommt ein kleiner Vorspruch zu einer geplanten Vorlesungsreihe, die dann nicht zu stande kam. Darin behauptet Benjamin, dass für seine Generation weniger der Weltkrieg selbst, dem er sich durch Exil in die Schweiz entzog, als vielmehr die Zeit danach den prägendsten Eindruck hinterlassen hätte. Politisch gemeint wohl das Ersticktwerden der Revolution unter der Regie der Sozialdemokraten, hinter denen schon die alten Mächte, als neue drapiert, lauerten.![]()
In beiden Fassungen eine -trotz Weltwirtschaftskrise 2008- scheinbar erledigte Alternative. Wenn wir Fülberth glauben, richten sich die kühnsten Gedanken inzwischen allenfalls auf Zähmung des Kapitalismus - wie angeblich in den skandinavischen Ländern - in keinem Fall auf dessen Abschaffung.![]()
In einem Vortrag in Offenburg zog Fülberth die Ameisen heran: sie könnten die Blattläuse melken, ohne diese fundamental zu bekämpfen. So sollte es mit einer Art Rest-Kapitalismus laufen. Er funktioniert weiter, aber seine Früchte werden ihm abgenommen.![]()
Nur, dass eine etwa anhaltende Krise, mit Massenarbeitslosigkeit und Stilllegung von Werken, nicht mehr viel zum Melken übrigließe. Müsste also doch noch einmal über den Tellerrand geblickt werden. Woran scheinen alle Versuche gescheitert, die Abschaffung des Kapitalismus selbst auch nur in Gedanken in Angriff zu nehmen?![]()
Antwort: Eben an der Unwilligkeit, ihn zu denken.![]()
Gemeint damit: nach so langen Jahren der Fanfarenstöße und des Trommelschlags haben sich die meisten in ein gemütliches Interieur zurückgezogen, und setzen die verbliebenen Lebensenergien darauf, wenigstens dieses -mit bescheidenem Auskommen- vor den Stürmen und Überschwemmungen zu bewahren.![]()
Die Frage kann dann also nur lauten: lassen sich Umstände denken, die selbst dieses letzte Refugium erschüttern - und die uns zwingen würden, lieber draußen zu lernen, wie man schläft, an den Wind gelehnt, als im Kämmerchen oder Keller den Einsturz gelähmt abzuwarten?![]()
Vom eigenen Wunsch oder Willen her lässt sich dazu nur noch einmal sagen, dass wir der Alternative am liebsten entgehen wollten, wenn es allein von uns abhinge.![]()
Nur, dass gerade Benjamin eine andere Perspektive anbot und verlangte. Es sollte nicht der stiere Blick in die Zukunft regieren - der wo es in den zeitgenössischen Reden immer um “unsere Kinder geht”- es sollte die Perspektive derjenigen zum Zuge kommen, die uns vorangegangen- und die -ohne ihre Ziele zu erreichen- untergingen. ![]()
So -nach Benjamin- ließe sich ein Blick über den Tellerand ermöglichen, ohne ausschließlich auf die Befindlichkeit des eigenen Ich mit seinen Wünschen und Müdigkeiten zurückgreifen zu müssen. ![]()
Von den Bauernkriegen bis in unsere Lebenszeit hinein- so viele mit dem Willen zur klassenlosen Gesellschaft hingesunken, ohne ihr auch nur nahe gekommen zu sein. ![]()
Soviel zur emphatischen Fassung des Problems, die für sich allein freilich nicht allzu weit reicht. Lässt sich nicht immer schnöde, aber nicht unlogisch dazu sagen: die haben eben zu viel Rosinen im Kopf gehabt, sich ein Ziel gesetzt, das vielleicht für immer unerreichbar ist? Ich setze mir ein geringeres und friste damit den Lebensrest, so gut es eben geht.![]()
Um Revolution denken zu können, müsste ein gegenwärtigeres Motiv hinzutreten. ![]()
Fast zur gleichen Zeit mit Benjamin saß ein Gelehrter in den USA namens Schumpeter. In Blättern wie der FAZ über den Schellenkönig gerühmt für seinen Satz von der “Schöpferischen Zerstörung” vor allem auch in den Krisen des Kapitalismus. (Er hat ihn übrigens- bewusst oder unbewusst - vom Anarchisten Bakunin übernommen, bei dem er freilich mehr bedeutete als die “Zerstörung” des Postkutschenwesens durch die Eisenbahn). Zweite fällige Rühmung Schumpeters, nach jeder Wahl: Demokratie bedeute bei ihm beileibe nicht Volksherrschaft, also wirklichen Einfluss auf die Fragen: was soll gemacht werden? Und -”Wer soll das durchführen?"- sondern schlicht die Möglichkeit, einen Regierungswechsel ohne gewaltsamen Umsturz durchzuführen. ![]()
Verschwiegen wird in den einschlägigen Artikeln, dass Schumpeter, einst Troubadour des Kapitals, seinem letzten Buch den Titel gab ”Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie”. Er schrieb -nach manchen Notizen- schon in den Jahren ab 35 daran. Herausgekommen ist es auf englisch dann 1942, Deutschsprachige Erstausgabe dann in der Schweiz 1945, mit einem Vorwort des George-Schwärmers Salin, der darin die Schwierigkeiten der Übermittlung des Manuskripts während des Krieges schildert.![]()
In diesem Buch- und der Umstand fehlt normalerweise bei allen Rühmungen der FAZ- erklärt Schumpeter, der hochverehrte Theoretiker des Kapitalismus, wie Warenproduktion sowie ihre Verteilung im Sozialismus ohne zwingende Widersprüche reibungslos funktionieren könnten.![]()
Zur Begründung des vorausgesehenen Untergangs, der von ihm doch ein Leben lang geliebten Wirtschaftsweise entwickelt er eine nicht völlig bestätigte Theorie. Der Hauptsache nach breche der Kapitalismus zusammen, weil die ihn stützenden Gesellschaftsklassen- ehemalige Adlige, Intellektuelle, Bauern ihn im Lauf der Zeit im Stich ließen. Vor allem die Intelleltuellen- Schumpeter war ja auch einer- bekommen kapitellang ihr Fett weg. Offenbar hat der Gelehrte das Bataillon von Lohnschreibern nicht vorausgesehen, das heute die Krise aus der “Gier” der Manager erklärt, um das Große Ganze zu retten. ![]()
Das alles mag auf sich beruhen.![]()
Was Schumpeter aber ebenfalls- und unbestreitbar- berücksichtigt, ist das Elend der Arbeitslosen, die in jeder Krise mehr werden. Elend- nicht nur finanziell gesehen. Hier räumt Schumpeter ein, dass eine voll entwickelte kapitalistische Gesellschaft den Geldverlust durch staatliche Leistungen ausgleichen könnte- wenn er auch zugibt, dass das in seiner Lebenszeit nie stattfand. ![]()
“Offenbar würden nämlich die Leiden und die Entwürdigung- die Zerstörung menschlicher Werte...weitgehend beseitigt, und die Arbeitslosigkeit würde weitgehend ihre Schrecken verlieren, wenn nicht das Privatleben der Arbeitslosen durch ihre Arbeitslosigkeit ernsthaft in Mitleidenschaft gezogen würde! (Schumpeter, S.118)![]()
Gerade um dieser endgültig Herr zu werden, fordert Schumpeter den sozialistischen Plan.![]()
In der kühlen Diktion des Gelehrten österreichischer Schule benennt Schumpeter damit einen Punkt, der von der Seite der Subjekte her die Überwindung des Kapitalismus mit der Unvermeidlichkeit seiner periodischen Krisen gebieterisch verlangt. ![]()
Was Schumpeter berührt- die Unmöglichkeit, sich in ein angeblich unberührtes Privatleben vor der elenden äußeren Situation zurückzuziehen, benennt ein ganz anderer offen als Hauptmerkmal der proletarischen- und noch mehr der prekären - Situation. Debord in seinem 1967 erschienenen Spektakel-Buch sinnigemäß: Proletarier ist der, “der seinem Leben weder dem Verbrauch seiner Zeit noch dem Ort seines Verweilens nach unter keinen Umständen eine eigene Perspektive zu geben vermag.”![]()
Nichts anderes ist in den distanzierten Worten Schumpeters ausgedrückt: der Arbeiter wird von Fabrik zu Fabrik weitergeschubst, umgeschult, Hartz-IV gezwiebelt, muss sich abmelden, wenn er mal verreist usw. ![]()
Jeder kennt es, es muss nicht noch einmal breitgewalzt werden. Debords Begriffsbestimmung reicht weit über den landläufigen Begriff des Arbeiters hinaus: Auch der Mehrzahl der Akademikerinnen und Akademiker geht es nicht viel anders, wenn sie nach einem Stipendium schnappen oder einer Stelle um den Erdenkreis herum nachreisen müssen.![]()
Sie alle wollten sich möglicherweise in ein gemütliches Privatleben zurückziehen- sie können es nur nicht angesichts der Auflagen, die ihnen da gemacht werden. ![]()
Wenn das in Betracht gezogen wird, scheint Benjamins Aussage nicht mehr verstaubt. Zugleich ergibt sich in diesem Licht, dass die zweite Deutung zutreffen muss: der Kapitalismus wird nur dann nicht als stinkender Leichnam am Strand übrigbleiben, wenn er bewusst angegriffen wird, von einem Zusammenschluss, in dem der Kampf um eine eigene Perspektive nach Zeit und Raum aufgegriffen und ausgetragen wird. Soviel zumindest zur Denkbarkeit eines neuen Anlaufs zu einer Gesellschaft, in der Kapitalismus nicht nur gezähmt, sondern überwunden wäre.![]()
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Bibliographische Angaben:![]()
Joseph Schumpeter: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie.1945.Francke Verlag Bern.Übersetzung v.Susanne Peiswerck.![]()
Quelle: Walter Benjamin, Das Passagen-Werk, Bd 2,S.819 Schumpeter: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, 2.Auflage, Bern, 1950
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