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Artikel


Stattzeitung für Südbaden Ausgabe 73, 2009-01

Quarti, Adi:
Blick zurück im Zorn auf die verführerischen Bilderwelten der Medien
kukuli

Dass Bilder uns auch ansehen, wird selten so deutlich wie in den Hochglanzmagazinen und den Kinos, die von Überblendungen, Schnitten und Retuschen nur so wimmeln. Es handelt sich gewissermaßen um Bilder mit Anhängen, den Blick fokussierenden Textteilen und einem Subtext in Wort und Abbildung - es handelt sich also um eine Kopie einer Kopie (Slavoj Zizek), gegebenenfalls mit Nachbearbeitung am Computer. Jacques Lacan und aktuell der Philosophieprofessor Zizek haben ausführlich zum Supplement im Signifikanten gearbeitet und analysiert. Auch Hochtechnologie, Drohnen, welche digitalisierte Fotos beispielsweise für die Kriegsführung liefern, oder, noch schlimmer, die Aktivierung eines Raketenschutzschildes auslösen, auf solche Unfälle sollte man sich gefasst machen (Virilio). Erst nach und nach setzt sich bei einigen WissenschaftlerInnen die Erkenntnis durch, dass unsere Vorstellung von der Welt immer nur auf einen Ausschnitt bezogen und die Jagd nach dem Higgs-Teilchen, einige nennen es auch Gott-Teilchen, eine Illusion ist.

Denn sie wissen nicht was sie tun

Der slovenische Philosophieprofessor Slavoj Zizek untersucht in einem Standardwerk die Rolle der dialektischen Aufhebung von Hegel, Lacan und Marx über Derrida und den späten Foucault - und verbindet dies mit dem Genießen, welches als in der Natur der Sache, aber vor allem auch im Sinne des Leidens betrachtet wird. Da kann einem schon mal schwindelig werden, aber keine Sorge, Zizek ist ein ausgezeichneter Leser, vor allem auch Erzähler, der problemlos auch mal scheinbar widersprüchliche Autoren zusammen denken kann.

These, Antithese, Synthese, so lautete lange Zeit das dialektische Dogma der Triade. Zizek besteht allerdings darauf, dass ein Dialektiker mindestens bis vier zählen sollte. Man könnte das nun mit einem Hitchcock-Film versuchen zu erklären, wie auch mit dem Wesen des Faschismus als Wesensmerkmal der liberalen Demokratie, als auch seines Antagonisten. „Um den Liberalkapitalismus tatsächlich zu negieren, muß man darum gerade die Negation negieren“, dies sei laut Hegel das paradoxe Moment, welches ein drittes ist, bereits im Übergang begriffen. Es wäre der Versuch des liberalen Kapitalismus durch den Übergang zum Faschismus, etwas zu verändern, dass sich nichts wirklich verändert (aus Angst vor einem freiheitlichen Sozialismus). Der Autor sieht die Filme (Hitchcock, Rosselini, Lynch) und versucht gelegentlich auch mehrere Sichtweisen des selben Plots zu interpretieren. Ganz schön clever, dieser letzte Lacanianer! Diese Art von Aufhebung sieht der Slovene auch bei den Dissidenten des ehemaligen realen Sozialismus ins Werk gesetzt. Sie brauchen geradezu den Stalinismus, einfach um zu beweisen, dass sie recht hätten, deswegen hätten sie auch nach dessen Fall keinerlei Bedeutung mehr gehabt. Der Übergang selbst hätte seine Protagonistinnen aufgehoben. Selbstreferentielle, in sich geschlossene Systeme wie das kapitalistische, müssten verschwinden, sich unsichtbar machen, um nicht zu enden wie Don Quichotte: Der hätte sich von einem verrückten zu einem vernünftigen Menschen gewandelt, also „eine traumatische Erfahrung zu ‚gentrifizieren‘, ihre traumatische Auswirkung durch ihre Verwandlung in ein Moment bedeutsamer Totalität zu tilgen“. Der Kapitalismus als Meister der Transformation, des Schauspiels, wie in Fellinis Casanova, der sich vom voyeuristischen Botschafter eines Landes beobachten läßt, in welches er gerne einreisen möchte, dennoch keine Gnade findet. Hier kommt Zizek mit der Interpretation Lacans Der Jasager und Die Maßnahmen von Brecht, die „große Pädagogik“, was diese mit dem phantasmatischen europäischen Blick auf Japan zu tun hätten. Die totale Aufopferung, einmal des japanischen Jungen, der andere ein junger Genosse, der seine Maske zerreist, bevor er seinem Opfertod in den Kalkgruben zustimmt. Gerade heute müsse man zu Brechts Lehrstücken zurückkehren. Zweifellos sind es gerade diese Umwege, welche die Originalität Zizeks ausmachen, leider bleibt sein anderes großes Thema, das des Genießen, sehr undeutlich zwischen den Zeilen hängen. Lacan jedenfalls, auf den sich der Autor immer wieder bezieht, muss sich da ausgekannt haben und zwar keineswegs nur in Form des Leidens, womit er eher beruflich als Psychoanalytiker zu tun hatte. Vielleicht sind aber nur Bilder (Kino, Kunst) und Texte (Literatur) gemeint, eine Form des Genießens über ein Medium, was zwar sinnvoll und durchaus ehrenwert wäre, dennoch etwas Ratlosigkeit hinterlässt. War es doch kein geringerer als Marx selbst, der Hegel auf den Kopf stellte: Die Philosophen hätten danach die Welt nur unterschiedlich interpretiert, es komme darauf an sie zu verändern, die wahre Aufhebung.

Dennoch ist gerade diese Arbeit wohl vielleicht die wichtigste des Philosophen und Psychoanalytikers, die bereits im Titel auf den bekannten Film mit James Dean bezug nimmt.

Slavoj Zizek:Denn sie wissen nicht was sie tun. Genießen als politischer Faktor, Passagen-Verlag, Wien 2008.

Die Universität des Desasters

Paul Virilios Essays hinterlassen immer einen seltsam beunruhigenden Eindruck: In Rasender Stillstand (1992) analysierte er die elektronische Telekommunikation als elektronische Apartheit, Krieg und Kino (1986) geiselte die mediale Aufrüstung der Infrarot- oder Laser-Steuerungen. Nun also eine neue Arbeit, die sich mit dem vollständigen Unfall, dem big bang der Finanzmärkte, der Klimabombe und der sich selbst überschätzenden Technowissenschaften beschäftigt.

Man sollte den großen Skeptiker der Modernität nun nicht vorschnell als den Architekten der Apokalypse abtun, wer sich auch nur oberflächlich mit dem Arsenal des technischen Wahnsinns beschäftigt muss nachdenklich werden, wenn etwa der Astrophysiker Stephen Hawking im Sommer 2006 der BBC verkündete, es sei Zeit nach einem anderen Planeten zu suchen um ihn zu kolonisieren. Andere Wissenschaftler, die er zitiert, würden Unsummen auf die zu erwartende Kernschmelze verwetten, bliebe dann noch die Möglichkeit den Mehrwert einzusammeln. Das Desaster hat bereits begonnen, einfach in dem es benannt wird! Am deutlichsten im Desasterkino Hoolywoods, Independence Day oder Twister, die aus Wetter Special Effects machen. Noch intensiver, wenn auch aus ganz anderen Gründen, Vernetzt – Johnny Mnemonic, (Kanada 1995, Regie: Robert Longo) Keanu Reeves gibt den Titelhelden, welcher als Datenschmuggler der Pharmaindustrie in die Quere kommt.

Aber Klimaveränderung, Überbevölkerung, illuminierende Cyberwelten und nicht zuletzt sogenannte atomare Schutzschilde, sind Folgen menschlichen Handelns. IBM hat 2006 entschieden, den leistungsstärksten Rechner der Welt für das Pentagon zu bauen, berichtet der Autor. Er solle zur Simulation zukünftiger nuklearer Explosionen dienen. Es wird an Bildverarbeitungsprogrammen gearbeitet, die in der Lage sein sollen jede Person zu identifiziern, die vor einem interaktiven Werbeplakat stehenbleibt. Ganz zu schweigen von den zahlreichen kypernetischen und nanotechnologischen „Fortschritten“. Selbst große Versicherungsgesellschaften, vor allem Rückversicherer, betreiben heute systematisch Risikoanalysen, während die Politik die Wissensgesellschaft proklamieren möchte und selbst Mitglieder des Zentralkomitees der Katholiken, wie die Bildungs- und Forschungsministerin, die sich Schavan (CDU) nennt, sowie gerne fliegt, preisen die Vorteile pränataler Forschung. Für Virilio hat aber schon die Militarisierung der Wissenschaft im 20. Jahrhundert die Fachgebiete diskreditiert. Die virtuelle Blase der globalen Finanzmärkte hat er schon 2007 vorausgesehen, was allerdings auch nicht sehr schwer war. Ihm gehe es nun darum, eine Universität des vollendeten Desasters zu begründen, in der die neuen Disziplinen der grossen Katastrophen analysiert werden sollen, um die Zukunft davon abzubringen, sich zu ereignen. Deutlicher als in seinen früheren Arbeiten bezieht er sich auf den Theologen Dietrich Bonhoeffer und den Phänomenologen Maurice Merleau-Ponty, den er mit folgenden Worten zitiert: „Das operative Denken wird zu einer Art absoluter Künstlichkeit, wie man es an der kybernetischen Ideologie beobachten kann, wo das menschliche Schaffen aus einem natürlichen Informationsprozess abgeleitet wird, welcher wiederum auf dem Modell der ‚menschlichen Maschinen‘ aufbaut. Es gibt heutzutage, nicht in der Wissenschaft, sondern in einer recht verbreiteten Wissenschaftsphilosophie, die gänzlich neue Auffassung, dass die konstruktive Praxis sich als autonom begreift und auch so verhält, und dass Denken sich bewusst auf die Menge der von ihm erfundenen Erfassungstechniken reduziert“. Ein kritischer Zeitgenosse der älter geworden ist, aber ernst genommen werden sollte, ein Mahner!

Paul Virilio:Die Universität des Desasters. Passagen-Verlag, Wien 2008.

Die Verantwortlichkeit der Intellektuellen & Interventionen

Gleich zwei Neuerscheinungen des Sprachwissenschaftlers und Symbolfigur der amerikanischen Anti-Kriegsbewegung Noam Chomsky, die beide einen Sinn machen.

Die Verantwortlichkeit der Intellektuellen legt den Schwerpunkt auf die zeitgeschichtliche Aufarbeitung der 1968er Bewegung und ihren Folgen, Interventionen dagegen ist ein höchst aktuelles Dokument der jüngsten Entwicklung der USA und der Weltpolitik.

Die Verantwortlichkeit der Intellektuellen enthält Schriften und Wortbeiträge Chomskys von 1966 bis 2006. Welche Verantwortung also trägt ein Intellektueller? Die Pflicht die Wahrheit zu sagen und Lügen aufzudecken, aber das sei nicht immer ausgemacht, wie er in einem Zitat von Heidegger von 1933 zu erklären versucht. Aber auch in den USA gebe es eine Menge von der Sorte, z.B. Herman Kahn („Superkahn“), den Großmeister des kalten Krieges, dem Stanley Kubrick in Dr. Seltsam oder wie ich lernte die Bombe zu lieben ein zweifelhaftes Denkmal setzte. Dem Autor ist vollkommen klar, dass wenn man sich politisch engagiert und dabei anfängt Unsinn zu erzählen, man nicht länger ein Intellektueller sei. Wilhelm von Humbold bezeichnet er als den aufregendsten Denker seiner Epoche. Der Aufsatz Über den Widerstand erschien 1967 in der New York Review of Books und versucht eindringlich, die Ereignisse nach den berühmten Demonstrationen in Washington aufzuarbeiten, bei der die Einberufungsbefehle an das Justizministerium zurückgegeben werden sollten. Es kam zu heftigen Straßenschlachten, bei denen auch Militär eingesetzt wurde - viele wurden festgenommen, darunter auch Chomsky selbst. Er macht aber keinen Hehl daraus, dass die Militantesten selten in den ersten Reihen anzutreffen seien und der Kampf gegen den Vietnamkrieg, an der Heimatfront, um es sehr deutsch zu formulieren, ohnehin nicht militärisch zu gewinnen sei. Es ginge darum, die Kampagne zur Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht zu verbreitern. Spätestens jetzt müsste bei einigen deutschen Altachtundsechzigern der Groschen fallen: Hoppla, war da hierzulande nicht auch mal etwas und was ist daraus geworden? Warum hält sich der Unsinn vom Staatsbürger in Uniform ausgerechnet hier so zäh, im Gegensatz zu den meisten europäischen Länder? Stand das nicht auch mal auf der Agenda einer als Protestpartei angetretenen Grünen Programmatik, die es dann gerade mal zur berüchtigten Agenda 2010 geschafft hat?

In dem Abschnitt Bemerkungen zum Anarchismus werden die Aufklärung, der englische Philosoph Bertrand Russell und der deutsche Anarchist Rudolf Rocker als wichtige Bezugsquellen seines Denkens genannt. Aber es gibt auch hier Überraschungen, die man so bei deutschen Aktivisten nie lesen würde. Er nennt zum Beispiel auch den Mitbegründer der britischen Communist Party, William Paul, den er sehr bewundert und ausführlich zitiert. Ohne die Unterschiede zu verwischen, ist er der Meinung, dass der radikale Marxismus mit anarchistischen Strömungen zusammen fließe. Es gibt eigentlich kein Problem auf der Welt, zu dem er nicht eine ausgesprochen kenntnisreiche Meinung hat, Zusammenhänge aufdeckt und bis ins Detail analysiert. Der Aktivist lässt es sich nicht nehmen, in einem Nachwort Mut zu machen, während es in der Natur doktrinärer Systeme liege, Pessimismus, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung zu verbreiten.

Bei Interventionen handelt es sich um Kolumnen für das New York Times Syndicate von 2002 bis 2008, also von 9/11 bis zum Wahlkampf in den USA. Man sollte sich nun aber nicht täuschen und diesen Abschnitt mit dem Wahlsieg Obamas erleichtert als Geschichte abtun. Der Irakkrieg sei ein Probelauf für Bushs Präventivkrieg-Doktrin. Gerade dagegen hatte sich Chomsky immer entschieden und unmißverständlich gewannt, sie als völkerrechtswidrig und gegen alle Resolutionen der Vereinten Nationen gerichtet bezeichnet. Auch der Ethanoleffekt, die Destilierung von beispielsweise Mais in sogenannten Biosprit, welche drastische Preissteigerungen für Lebensmittel zur Folge habe, die beispielsweise in Mexiko zu Streiks und Demonstrationen geführt haben, wird untersucht und Alternativen genannt. Mit der Politik Israels gegen die Palästinenser geht der Autor hart ins Gericht und besteht auf eine Verhandlungslösung, die aber von der Haltung der USA abhängen wird.

Der amerikanische Herausgeber macht im Nachwort darauf aufmerksam, dass der Präsident von Venezuela, Hugo Chávez, ein Buch Chomskys (Hegemony or Survival) in einer Rede 2006 vor den Vereinten Nationen gelobt hatte. Eigentlich kann man alle empfehlen!

Noam Chomsky: Die Verantwortung des Intellektuellen. Zentrale Schriften zur Politik. Verlag Antje Kunstmann, München 2008.

Noam Chomsky: Interventionen. Edition Nautilus, Hamburg 2008.



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stattweb.de: Stattzeitung für Südbaden im Internet - Donnerstag, 29.Juli.2010, 16:50Fake - Nicht klicken! Do not click here!Counter