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stattweb-News Ausgabe 09, 2009-03

Güde Fritz:
Dem Andenken Franz Mehrings - nachträglich zum neunzigsten Todestag
News-Beitrag auf stattweb.de vom 7.März 2009

Als -wie Hannah Arendt berichtet- viele Bekannte über Benjamins Linkswendung staunten, manche besorgt waren, richtete der schweizer Literat Rychner nach einem entsprechenden Artikel lakonisch die Frage: Dic cur hic? Sag warum finden wir Dich auf dieser Seite.

Und Benjamin antwortete am 7.März 31: "Dass die historische Größe einen Standindex hat, kraft deren jede echte Erkenntnis von ihr zur geschichtsphilosophischen, -nicht psychologischen- Selbsterkenntnis des Erkennenden wird, das mag eine recht unmaterialistische Formulierung sein ist aber eine Erfahrung, die mich den hanebüchenen und rauhbeinigen Analysen eines FRANZ MEHRING immer noch eher verbindet, als den tiefsinnigsten Umschreibungen des Ideenreiches,wie sie heute aus Heideggers Schule hervorgehen...." Und weiter, offenbar gerade auf Mehring bezogen: "ich habe nie anders forschen und denken können als in einem, wenn ich so sagen darf, theologischen Sinn-nämlich in Gemäßheit der talmudischen Lehre von den neunundvierzig Sinnstufen jeder Thorastelle. Nun - Hierarchien des Sinns hat meiner Erfahrung nach die abgegriffenste kommunistische Plattitüde mehr als der heutige bürgerliche Tiefsinn der immer nur den einen der Apologetik besitzt." (Briefe, ursprüngliche Ausgabe in zwei Bänden, Band 2, S.523/524)

Da stieß ich vor mehr als vierzig Jahren zum ersten Mal auf den Namen Mehrings. Ziemliche Verblüffung, als ich dann "Lessinglegende" las und die in der DDR sorgfältig edierten Bände der Aufsätze aus der "Neuen Zeit". Theologie dürfte dem wirklichen Mehring das fernste gewesen sein. Und aufs Metaphysische legte er den geringsten Wert. Trotzdem: große Begeisterung, Erleichterung beim Lesen von "Lessinglegende".

Wir nämlich, nachdem wir Marxisten geworden sein wollten, hatten die größten Schwierigkeiten, weiterhin wie bisher über all das zu reden, was wir aus unserer "bürgerlichen" Zeit im Lauf des Lebens angesammelt hatten, was doch, war man einmal über dreißig, gar nicht wenig war. Der Anwendungsbereich dessen, was marxistisch erfassbar war, schien gering.

Nun aber Mehring, der in schärfster -fast positivistischer Haltung historisch der Frage nachging, ob wirklich Lessing als der Prophet des Hohenzollern- und Preußentums gesehen werden dürfe, wie die nationalistische Literaturgeschichte ihn aufbaute. Minutiös untersuchte Mehring etwa den Schluss von "Minna von Barnhelm oder Soldatenglück". Bedeutete der Schluss, in welchem Major Tellheim vom König das vorgestreckte und geschuldete Geld zurückbekam, wirklich Huldigung gegenüber dem aufgeklärten Absolutismus? Ließ sich nicht gerade umgekehrt am Wunder dieses Entschlusses -wie bei Molière- auf das Nichtwundersame des gewöhnlichen Absolutismus schließen? Ist ein Gnadenakt von ganz oben nötig, um die Ordnung der Welt zu sichern, dann kann es mit dieser Ordnung nicht besonders weit her sein.

Und dann: Untersuchung des Militärs selbst im preußischen Staat. Erkenntnis der brutalen Zwangsmaschine die nötig war, ein Gebilde zusammenzuhalten, das aus nichts als zusammengeraubten Flecken und Flicken bestand, über Deutschland verstreut, ohne jeden inneren Zusammenhang.

Und so weiter. Damit konnte Benjamins Satz von den Sinnstufen zumindest eine Bedeutung erhalten: dass vom Geschriebenen weitergegangen wird nicht nur zu anderem Geschriebenen, sondern zu den Verhältnissen, denen das Schreiben sich stellt. So selbstverständlich sich das heute anhört: genau dieses Hinabsteigen unterlag in den herrschenden Geisteswissenschaften nach 1950 dem größten Verbot. Schrift bezog sich auf sich selbst. Die dominierende Staigerschule untersagte den Ausblick von der Darstellung auf das Dargestellte. Wenn es in Stifters Novellen im österreichischen Bergland regnete, durfte keineswegs die geographische Banalität der Niederschlagshäufigkeit als Erklärung herangezogen werden. Es musste eine ausschließlich innere Entsprechung zur Bildwelt des Dichters gefunden werden, wie dieser sie weltlos in sich trug. Zu tragen hatte, nach Staigers Vorschrift.

Wie verhielt es sich dann aber mit den weiteren Stufen, die hinabzuschreiten wären, nach Benjamins Thora-Analogie? Nun vom Stück über das Militär ging es weiter zum wirklichen Militär, von diesem zu dem Staat, das genau dieses Militär als Maschine brauchte, von da zur Entstehung und zum Aufbau eines solchen künstlichen Gemeinwesens wie Preußen es darstellte.

Die Selbsterkenntnis dessen, der über die Zeit Lessings schrieb, ergab sich schlagend durch die Tatsache, dass auch das neue Kaiserreich genau die Sorte Militär als Zwangsapparat brauchte , wie alle Staaten, die sich den eigentlichen Bestrebungen ihrer Bewohner mehr oder weniger brutal entgegenstellen.

Am 18.Juni 1914 behandelt Mehring in der "Sozialistischen Korrespondenz" die Strafverfolgung Rosa Luxemburgs und anderer Journalisten, weil diese die Tatsache der Soldatenmisshandlungen im preußischen Heer zur Sprache gebracht hatten. Mehring schreibt unter dem Titel "Molochs Selbstanklage":

"Kriegsminister Falkenhayn zieht daraus seine sonderbaren Schlussfolgerungen: "Will er der Sozialdemokratie beweisen dass die Heeresverwaltung nach Kräften die Misshandlungen auszurotten sucht, so rennt er offene Türen ein; die Sozialdemokratie ist überzeugt,dass der heutige Militarismus gern diese Frucht los wäre, an der sein abschreckendes Wesen am ehesten erkannt werden kann, und hat nie etwas anderes behauptet.

Will Herr v.Falkenhayn aber nur der patriotischen Welt beweisen, dass er und seine Offiziere die äußerste Kraft daran setzen,die Soldatenmisshandlungen auszurotten, ohne dass sie doch trotz ihrer schrankenlosen Machtvollkommenheit ihr anerkennenswertes Ziel erreichen so kann der Militarismus sich selber nicht wirksamer anklagen." (Mehring, Politische Publizistik, 1905- 1918, S.638)

[Falkenhayn musste die Anklage zurückziehen, denn die damals noch soweit handlungsfähige Partei bot sofort 1000 Zeugen auf, um den Wahrheitsbeweis für Misshandlungen zu erbringen. Eine Heerschar stand auf, durch bloßes Dasein gerechtes Gericht zu halten]

Das fortdauernde Elend seit der Zeit des Soldatenkönigs bettet die literarische Unstersuchung des Wirkens Lessings in die real wirkende Geschichte vor und im ersten Weltkrieg.

Benjamin, der nach seinem Exil in Skobovstrand bei Brecht alle Ausgaben der NEUEN ZEIT bis 1914 zur Verfügung hatte, wäre -wie er später an Horkheimer schreibt- vor allem auch dem kollektiven Wirken in einer Zeitschrift nachgegangen, um das Zusammenwirken Mehrings mit den anderen Mitarbeitern herauszuheben.

Bliebe nur das Insistieren Benjamins auf dem "Theologischen" zu erklären. Am wichtigsten zuvor, den Unterschied zum "Religiösen" herauszuheben. Religion ist nach Schleiermacher das "Gefühl schlechtinniger Abhängigkeit". Bleibt es bei dieser, kann von Selbstbefreiung der Menschheit keine Rede sein. Theologie ist aber -als Wissenschaft- nur die Frage nach den Vorstellungen der Menschen über diese Abhängigkeit. In den Bereich dieser Wissenschaft gehört nicht nur die Möglichkeit einer positiven Antwort: Gott ist- wie die einer strikt verneinenden: Gott ist nicht. Genau wie in die Parapsychologie auch die mögliche Antwort gehört: Es gibt gar keine Gespenster.

Wie Benjamin im Brief an Rychner ausführt, geht es ihm beim Materialismus nicht um den Besitz eines neuen Wissens, sondern um eine "Haltung". Die desjenigen, der weiterkommen will, der nicht festkleben möchte am Wort als Wort. Theologie ist demnach zu verstehen als fragendes Eindringen ins Innerste der Welt, wobei bei keiner Stufe aufzuhören wäre. Überwindung des Stehenbleibens vor dem toten Faktum, herausgenommen aus dem Strom seines Entstehens und Werdens.

Mehrings politische Aufsätze scheinen dieser Haltung des "immer-weiter" "immer -tiefer" zunächst zu widersprechen. In der Polemik mit den bürgerlichen Liberalen und mit den propagandistischen Tricks der Regierung zwischen 1890 und 1910 insistiert er immer wieder in fast glaubensbekennender Weise auf der Unerschütterlichkeit des Proletariats kraft seiner wachsenden Erkenntnis in die Gesetzmäßigkeit des Sieges, wie ihn Marx verbürgt hätte.

Diese Haltung ist keine des Suchens, sondern eine des Besitzes. Genau des Besitzes der Wahrheit, auf den schon Lessing verzichtet hatte.

Anders wird Mehrings Schreiben, als er zu Beginn des Jahres 1914- also schon vor dem Kriegsbeginn- aus der Redaktion der "Neuen Zeit" vertrieben wird und nur noch in kleineren Zeitungen sich äußern kann.

Nachdem schon die USPD sich gebildet hatte, und es mehr oder weniger ernst gemeinte Rufe gab nach "Versöhnung der Arbeiterparteien" (Beim Haufen bleiben), findet Mehring folgende Worte der Absage: August 1917:

"Lasalle sagte einmal, jeder Prozess sei ein Streit um den Kopf des Richters. So ist der Prozess zwischen den Abhängigen und den Unabhängigen ein Streit um den Kopf der deutschen Arbeiterklasse. Solange eine Unzahl ihrer einsichtigsten und tatkräftigsten Mitglieder in den Schützengräben liegt und solange der Belagerungsstand [Notstandsgesetzgebung während des Krieges] währt, der den Abhängigen volle Press-und Redefreiheit gewährt, während er den Unabhängigen diese legitimen Waffen des politischen Kampfes vorenthält, solange mögen sich die Scheidemänner in dem trügerischen Glanz einer "Mehrheitspartei" sonnen;sobald der Kampf wieder unter gleichen Sonne und gleichem Wind geführt wird, wird sich das Blättchen wenden...

Bis dahin gehört auf alle Versöhnungsschalmeien nur die eine Antwort:Mit einer Partei, die in der Gegenwart nur von Gnaden des Belagerungszustandes lebt und für die Zukunft nur auf die Gnade der Regierung angewiesen ist.das heißt mit einem LEICHNAM verbindet man sich nicht (ebd. S.750)

Hier gewinnt Mehring seine Festigkeit in nahezu aussichtsloser Lage: nicht aus Gewissheit des eigenen Sieges, sondern aus dem unmittelbaren Anblick der Leichenstarre der Mehrheits-SPD unter den Eberts, Noskes und Scheidemanns.

Solche Stellen könnte Benjamin ins Auge gefasst haben. Der theologische Blick erkennt in der gesamten bisherigen Geschichte das Gestorbene, in welchem die ganze Vergangenheit bewahrt ist- aber als tote. Aus der Gewissheit des Zerfalls in der Verwesung lässt sich angesichts des Untergangs festhalten an dem, was dem jetzt toten Lebens-und Geschichtsprozess zugrundelag.

In dieser neuen Haltung hielt der über siebzigjährige Mehring durch. bereitete schwerkrank noch den Gründungsparteitag der KPD im Dezember 1918 vor, an dem er all zu geschwächt nicht mehr teilnehmen konnte. Er überlebte im Sanatorium den Mord an Luxemburg und Liebknecht und kam durch den eigenen Tod Ende Januar 1919 dem Zugriff Noskes zuvor.

Mehring wieder lesen- das heißt lernen, aus ganz geringen Alltagsereignissen immer neu den Anblick der kämpfenden Klasse gewinnen, in zugleich immer neuer Abweisung des Toten, das sich an Staatsmacht und Zwangszusammenschluss klammert, um zu bestehen. Die Abstoßung vom Bestehenden, die Benjamin Mehring ansah, immer neu vollziehen.

Quelle: Franz Mehring, Politische Publizistik 1905-1918, Dietz-Verlag, 3.Auflage 1977



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