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stattweb-News Ausgabe 09, 2009-03

Veegd, Konrad:
Krise: Zeit der Ausgesetzten! Zwingt den Fachmann, seine Unwissenheit zu gestehen! Auch wenn der ganze Laden dann stillesteht
News-Beitrag auf stattweb.de vom 10.März 2009

Der letzte SPIEGEL enthält 3 Momentaufnahmen aus dem gegenwärtigen und vorigen Zustand der Banken. LB Nord im kleinsten Maßstab, Österreichs Banken im Verhältnis zum europäischen Osten der nächste, schließlich Lehman Brothers im Himmelsaufstieg und folgendem schweren Fall.

Was haben alle drei gemeinsam vom Blickwinkel des SPIEGEL aus? Oberflächlich gesehen könnte man meinen, es wird wieder psychologisiert und moralisiert: die übermäßige Gier betritt wieder die Bühne und wandert an uns vorbei. Bei genauerem Hinsehen wird aber nicht so sehr der innere Antrieb gezeigt, das Herznagen, Nierenfressen vor und nach den ersehnten Milliarden. Vielmehr die Errichtung eines Denkgebäudes, gerade bei Lehman Brothers, das keiner verlassen konnte, der sich auch nur die Probezeit lang halten wollte. Umgekehrt fühlt sich der junge Bankmann in diesem Gehäuse so sicher, wie in seinem Fahrstuhl. Denn überall, wo ihn Zweifel anfallen könnte, steht der Fachmann und beruhigt. Mit Formeln, Expertisen, und angeblich langer Erfahrung. Da alle sich auf dessen Aussagen beziehen, gelten sie als so unmittelbar wahr, wie dass der Apfel fällt, wenn man ihn loslässt. Die Welt außerhalb der Bankentürme mit ihren eigentümlichen sinnlichen Wahrnehmungen hat jedes Gewicht, jeden Beweiswert verloren.

Und wenn das nur in den Banken so wäre! Beim in den Schoß der Erde versunkenen Stadtarchiv behauptete im Morgenmagazin heute oder gestern ein Fachmann: und hätte man zehn Minuten vor dem Einbruch eine Messung vorgenommen, man hätte nichts Bedenkliches gefunden. Auch hier: Selbsteinschließung ins Gehäuse der anerkannten Messzahlen: die wirklich für jede mit zwei Sehschlitzen versehene Person wahrnehmbaren Risse, von denen sofort nach dem Unglück dutzendfach die Rede war, durften keine Rolle spielen. Sie gingen ja nicht in die "vorgesehenen Parameter" ein.

Noch ein Bezugsfall: Asse II. Woher kam da das Unbeirrte der Betreiber? Die einzelnen AKWs lieferten offenbar ihren Müll an die Versuchsanstalt Karlsruhe weiter, die nach ASSE 2 zur Entsorgung- alles unter dem Label "Wissenschaft" und "Lagerungsversuch". Das musste vor den Gerichten herhalten für "sichere Endlagerung" und tat es auch.

In allen drei Fällen muss es Experten gegeben haben, Fachleute, die allen übrigen eine Ersatzwirklichkeit boten. Ersatzbezugspunkte für ihr Handeln, so dass das große Leitwort "ES LÄUFT" sich erfüllen konnte.

Soviel zum Dienst des Fachmanns am gewöhnlichen Funktionierer in der Mühle. Was aber treibt und sichert diesen selbst? Genau der selbe Imperativ des "ES LÄUFT". "ES MUSS LAUFEN". Die jeweilige Riesensumme des immer schon eingesetzten Kapitals hängt wie eine Bergwand über dem Fachmann: wenn ich jetzt meinen Stempel verweigere, steht alles still. Ist alles verloren!

Wieviel Energie, ja Heroismus brauchte so einer, um sein wirkliches Nichtwissen, seine Ungewissheit sich einzugestehen, wenn auf der einen Seite Gutachtertausender ziehen, auf der anderen Kapitalgebirge drücken.

Hier scheint der entscheidende Ansatzpunkt, um das Gehäuse der kapitaldienlichen Gewissheiten zum Einsturz zu bringen. Denn wie steht es mit uns Nichtfachleuten, die zum Beispiel am 28 3. gegen das Gehäuse antreten wollen. "Wir zahlen nicht für euere Krise" wirkt piepsig - weil wir, soweit Steuerzahler, alle dafür schon gezahlt haben und unweigerlich zahlen werden. Der Steuerstreik hat sein Recht verloren, sobald der Arbeitgeber die Steuer immer schon abgeführt hat, bevor er uns den mehr oder weniger mageren Rest zuteilt.

Zugleich stehen wir -im Gefühl unserer Unwissenheit- vor einer undurchdringlichen Wand, der der Aussagen der Fachleute, dazu bestimmt, uns Unwissende einzuschüchtern und niederzuschmettern.

Wir glauben dem Fachmann nicht. Was aber haben wir gegen ihn aufzubieten. Das unbezwingliche Gefühl, dass die Erde birst, dass das Vertraute sich verliert, dass die Stützen wanken. Das reicht zum Antrieb, aber nicht zum Sieg. Mehr als ein Gefühl, eine deutliche Wahrnehmung lässt uns die Seekrankheit auf festem Lande spüren, von der Kafka spricht. Das Dach überm Kopf fliegt weg, der Boden unter den Füßen spaltet sich. Wir, taumelnd, krallen uns aneinander. Daraus aber wird Klumpen, nicht Block.

Vor diesem Blickwinkel nimmt Krise selbst den Charakter eines Tsunami an: einer Naturerscheinung, für die keiner was kann. Damit bliebe es beim gemeinsamen Heulen von Kapitän und Kalfaktor auf dem Schiff im Sturm. Vielleicht nicht weit von der Suche nach einem Jonas, ihn auszuwerfen, um das unbegriffene Schicksal zu besänftigen.

Müsste, um das zu vermeiden, für einen wirkungsvollen Protest, das Kunststück gelingen, die Gesetzmäßigkeit der Krise im Kapitalismus zu verknüpfen mit der Haftbarmachung der Einzelnen, die ihm dienten und nichts gegen seine Hinfälligkeit unternahmen, sondern als Fachleute ihm noch in dem Augenblick Krisenfestigkeit bescheinigten, da er schon splitterte.

Haftbarmachung aller Fachleute - die wie ein Steinbrück noch vor weniger als einem halben Jahr dreist beteuerten, die Krise sei was Amerikansiches und ginge uns nichts an.

Denn nachträglich fällt es allen auf, und den Propheten von gestern am ersten, dass alles nicht wahr war. Dass sie betrogen haben. Dass ihr "Immer weiter" und "ES läuft" eine Ermunterung waren zum Vollgas auf dem Weg nach unten. Und das nicht nur oben bei den Steinbrücks: es müsste weitergeganen werden zum Sachbearbeiter, der einer OMA aus Essen seine Lehman-Zertifikate andrehte und Provision bezog. Beim Gutachter von Asse, beim Unbedenklichkeitserklärer in Köln.

Wozu das alles? Von den einzelnen ist sicher nicht genug zu holen, um auch nur ein Hundertstel des Schadens gut zu machen. Aber um den allgemeinen Grundsatz der Haftbarkeit einzuschärfen. Öffentlich machen, mit Namen, was ein jeder zur Erzeugung von scheinhafter Gewissheit beigetragen hat. Vielleicht sogar vor der Wohnung demonstrieren. Es muss Angst erzeugt werden. Eine, die für die Zukunft jedem Fachmann, jedem Gutachter ein Gegengewicht an die Hand gibt: gegen die Belohnungserwartung, gegen die Bedrohung durch das schon ausgegebene Geld sich zum vorhandenen NICHTWISSEN zu bekennen anstatt zum scheinhaften Wissen. Die Unwissenheit aussprechen - nicht den Persilschein abliefern für die fragwürdigsten Unternehmen!

Daraus eine allgemeine Haltung entwickeln: die erneute der Aufklärung. Gewiss hatten die Aufklärer gepredigt: Wissen ist Macht. Und vor allem darauf gesetzt, dass dem Menschengeist auf die Dauer kein Geheimnis von Natur und Gesellschaft sich entzieht. Diese Haltung kann nicht aufgegeben werden.

Der Akzent muss allerdings "auf Dauer" liegen. Wann nämlich die Erkenntnis an ihr Ziel gekommen sein wird, ist damit nicht gesagt. Auf keinen Fall darf es Abschlagzahlungen geben auf künftiges Wissen durch gegenwärtige Berhigungsschecks, denen keinerlei Gewissheit zugrundeliegt. Dafür muss die andere Haltung wieder ihr Recht erlangen: die des Zweifels. Die Pflicht, den Zweifel auszusprechen, solange keine Gewissheit möglich ist, und die Beruhigung zu verweigern all denen, die einfach möglichst schnell ihr investiertes Geld verzinst wiederbekommen wollen.

Recht und Pflicht zum Nichtwissen propagieren! Haftbarmachung derer, die durch falsche Behauptungen Menschen ins Unglück stürzten. In kleinen Gruppen Untersuchungskomitees bilden, mit der Absicht, die Namen sämtlicher falscher Propheten - der großen wie der kleinen - ans Licht zu ziehen! Sie zur Rede stellen! Sie als Gutachter für die Zukunft unmöglich machen. Solche unterstützen, die in ihren Gutachten wirklich den Mut aufbringen, ihren Zweifel, ihr Nichtwissen den bedenkenlosen Weitermachern im Dienste des Kapitals und der Amtszufriedenheit entgegenzusetzen. Falsch Zeugnis verweigern und verweigern helfen - und wenn der Karren stille steht...

Quelle: SPIEGEL, 9.3.09



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