stattweb.de LogoStattzeitung Logo (2)

Artikel


Stattzeitung für Südbaden Ausgabe 74, 2009-05

Quarti, Adi:
Typisches und atypisches in Politik und Popkultur aus der Perspektive von links
kukuli

In Shakespeares Mcbeth trugen die Hexen, welche die Zukunft orakelten, noch Bärte. Heute dagegen eher Nadelstreifen und Hosenanzüge. Doch das Atypische im Typischen (Zizek) läßt nicht immer einen Umkehrschluss zu. Macbeth jedenfalls, der sich in seiner Phantasie alles vorstellen konnte, also auch alles machen wollte, will sich nicht von Schicksalhaftem aufhalten lassen. Der schottische König und Tyrann erlebte einen kometenhaften Aufstieg und einen tiefen Fall, als das Orakel sich erfüllte und die Wälder an sein Schloss heranwuchsen. Sieg und Niederlage liegen oft dicht beieinander.

Ein Plädoyer für die Intoleranz

Slavoj Zizek versucht in einem Essay die moderne Post-Politik von links zu kritisieren, also Multikulturalismus, partikulare (hybride) Identitätspolitik (ethischer, sexueller u.a.), welche Minderheiten bevorzugen. Er stellt der sogenannten Globalisierung einen radikalen Universalismus entgegen und plädiert für eine Rückkehr zum Primat der politischen Ökonomie. Was wäre, fragt sich der Philosophieprofessor, wenn alle diese postmodernen Ansätze exakt das Modell des Neoliberalismus verkörpern würden?

Keine Angst, Zizek ist keiner jener Querdenker, die aus der Analyse von Phänomenen gleich in radikale Gegenpositionen kippen. Wenn er also thematisiert, warum die politische Strömungen, welche Minderheiten in den Mittelpunkt stellen, wie z.B. MigrantInnen, wo die Klassenfrage überhaupt nicht mehr gestellt wird, wenn man zudem weiß, wie das Arte-Magazin „Mit offenen Karten“ kürzlich berichtete, dass 63% der Ärzte aus Angola heute in OECD- Staaten arbeiten, dann liegt die Vermutung nahe, dass wir alle früher oder später in Bananenrepubliken leben werden. Man sollte sich hier nichts vormachen: Es sei leicht die Hybridität des postmodernen Migrantensubjekts zu feiern, welches einerseits ein modernes, mit passendem Visa ausgestattetes Mitglied der Oberschicht sei, anderseits aber die der Unterschicht, welche niemals in der Lage sein werden, sich im neuen Zuhause legal einzurichten. Die traumatisiert von der Erfahrung mit geldgierigen, das Leben ihrer „Klienten“ aufs Spiel setzenden, Schleusern, um schließlich auch noch um den kärglichen Lohn in einer illegalen Tätigkeit betrogen, vom Zoll abgeschoben werden. Genau davon handelt der höchst aktuelle Film Welcome von Philippe Lioret, der in Frankreich sehr kontrovers diskutiert wird. Noch klarer wird dies in der Frage der Abtreibung bei den amerikanischen Rechten. Wenn sie davon sprechen, taucht immer eine schwarze Karrierefrau auf, was im eklatanten Widerspruch zu den Fakten stehe, die zeigen, dass die Mehrzahl der Abtreibungen in den kinderreichen Familien der unteren Klassen durchgeführt werden: „in dem Augenblick, wo wir dem Fall der Abtreibung in einer Großfamilie der Unterschicht, die nicht in der Lage ist, ein weiteres Kind aufzuziehen, als ‚typisch‘ annehmen würden, kippt die gesamte Perspektive auf radikale Art und Weise...“ Wo der liberale Multikulturalismus lediglich nur als Platzhalter für den Universalismus fungiert, wird Politik zum apolitischen Schattentheater, welches entweder völlig militarisiert oder aber als Sachverwaltung des Möglichen auftritt. Zizek versucht dies mit den Klassifikationen der Politik von Jacques Ranciére zu erklären („Das Unvernehmen“, 2001), genau wie die komplexen Strukturen des Universalen von Etienne Balibar abgeleitet werden. Der Autor versucht einen Raum aufzumachen, in dem das politische Ereignis wieder eintreten kann, als genau das Gegenteil der „Kunst des Möglichen: ...das heißt die Kunst des Unmöglichen – sie verändert gerade die Parameter dessen, was als in der existierenden Konstellation ‚möglich‘ betrachtet wird“. Hier kommt Zizek, wie so oft, mit einem Film, Under Fire.

Er spielt in den 1980er Jahre während der Revolution in Nicaragua, Nick Nolte gibt einen amerikanischen Fotoreporter der mit den Sandinisten symphatisiert. Kurz vor dem Sieg der Revolution töten Anhänger des Diktators Somosa einen einflußreichen Sandinisten-Führer, worauf seine Sandinistenfreunde ihn bitten, ein Foto des getöteten zu fälschen, um zu beweisen, dass er noch am Leben sei. Dadurch könnte der schnelle Sieg der Revolution unterstützt und unnötiges weiteres Blutvergiessen verhindert werden. Für den Reporter ist das keine einfache Sache, beruflicher Ethos stehen auf dem Spiel und die Frage, ob man die journalistische Objektivität zum Instrument des politischen Kampfes macht. Nichtsdestotrotz fälscht er schließlich das Foto. In vierundzwanzig Bildern pro Sekunde um die Welt, ganz großes Kino. Und dass Lacans Bildtheorie wieder einen wichtigen Raum einnimmt, versteht sich fast wie von selbst, der sah sich gelegentlich nach dem Öffnen einer schönen Sardinendose regelrecht von denen beobachtet.

Zizeks Polemik sollte ernst genommen und diskutiert werden, gelesen wird sie ohnehin!

Slavoy Zizek: Plädoyer für die Intoleranz (4. überarbeitete Auflage). Passagen Verlag, Wien 2009.

Psychotische Reaktionen und heiße Luft

Der Musikjournalist Lester Bangs war mit Sicherheit einer der spektukulärsten seines Fachgebiets. Er schrieb unter anderem für das amerikanische der White Panter Party um John Sinclair nahestende Creem-Magazine und war selbst Musiker, Fan sowie größter des Rock’n’Roll – Zirkus.

Seine ausgewählten Essays, herausgegeben von keinem geringeren als Greil Marcus, sind nun endlich auch auf Deutsch bei Edition Tiamat erschienen.

Was ist zum Pop–Olymp, bzw. seinen Niederungen nicht schon alles geschrieben worden, was verspricht, hält und vor allem – wie lange – überdauert dieser Kanon? „Was sollte eigentlich die ganze Aufregung um die Yardbirds?“, fragt sich der Autor in einem fiktiven Streitgespräch. In dem dann wie nebenbei die Heroes des Rock´n´Roll wie Led Zeppelin, die Rolling Stones und The Who, sowie deren eher peinliche Vertreter wie Elton John abgearbeitet werden - selten zu deren Vorteil. Sowie, kaum zu glauben, regelrecht die Musikgeschichte der 1960er Jahre neu geschrieben wird. Es wird auf Garagenbands verwiesen, z.B. The Count Five, die Troggs, aber auch auf John Coltrane und Charlie Mingus, womit schon viel über die Vorlieben von Bangs ausgesagt ist. Von Miles Davis empfiehlt er nicht etwa das allgemein akzeptierte Album Bitches Brew, sondern das schwer zugängliche On the Corner. Sicher, auch Astral Weeks von Van Morrison war eine tolle Scheibe, allerdings könne man sich nicht recht entscheiden, ob das Vorgängeralbum T.B. Sheets nicht doch besser gewesen sei. Und überhaupt: Was sei mit White Light / White Heat von Velvet Underground - ein Album, welches zu seinem Erscheinen nur von wenigen wahrgenommen wurde.

Nun aber wird es schwieriger: The Stooges sind an der Reihe, irgendwo zwischen Faszination und Abscheu vor Iggy Pops Livedarbietungen, oft genug Zumutungen. Seltsam unentschieden ist sich Bangs bei den Entwicklungen im Jahre 1970, aber nie um einen frechen Seitenhieb verlegen. Obwohl gerade dieser Song (1970) auf Fun House wegen des Saxophonspiels von Steven Mackay besonders zu empfehlen sei.

Jetzt aber wird James Taylor vom Tod gezeichnet - Taylor taucht allerdings zu recht, wenn überhaupt nur verächtlich am Rande auf. Statt dessen widmet sich der Autor seinen Helden: ausführlicher den Troggs und wie nebenbei den MC 5, sowie auch den ersten nicht immer jugendfreien Liebeserfahrungen Lesters.

Egal ob Fiktion oder nicht. In John Coltrane lebt geht es um die eigenen Versuche des Autors, Altsaxophon zu lernen, aber natürlich auch um den Jazzer selbst. Das ist es auch was Lester Bangs vor allem ausmacht, er wollte ebenfalls ein gottverdammter Popstar sein, noch größer als selbst David Bowie oder Lou Reed werden! Genau in den Interviews mit ihm, also Mitte der 1970er Jahre, diesem Geschenk für die Frauen, Schwule, Sadomasochisten dieser Welt – unklar wem noch alles –, die nicht selten in gegenseitige wüste Beschimpfungen und Beleidigungen ausarten, wird dies deutlich. Genie und Wahnsinn des Musikjournalisten wie des Rockstars lagen selten so dicht beisammen! Wobei Bangs über den frühen Lou Reed nichts kommen lässt, insbesondere bei Velvet Underground, er lobt vor allem das Intro zu All tomorrow´s parties und beweißt erneut, dass er sehr genau zuhören kann. Bangs legt bei den späten 1970er Jahre den Schwerpunkt auf The Ramones, The Clash, PIL und Richard Hell and the Voidoids, mit dessen Gitarristen Robert Quine Lester Bangs and the Delinquents das Album Jook Savages on the Brazos veröffentlichte.

Nun hatte er also bereits die zweite Platte veröffentlicht, Star geworden ist er dennoch nicht. The Clash, die ziemlich gelangweilt von den USA waren (I´m so bored with the U.S.A.), durfte der Autor auf Einladung der Plattenfirma CBS auf Tour begleiten, deren Musik er zwar sehr schätzt, den Umgang der Musiker mit ihren Fans und ihre angeblich so politisch korrekte Haltung aber sehr kritisch betrachtet. Gerade diese Zeit, also die des Punk mit ihrer Kritik an den langweiligen alten Fürzen, dürfte er wohl mit am meisten inspiriert haben.

Lester Bangs ist 1982 im Alter von 33 Jahren verstorben.

Das Buch enthält die Smash Hits und den richtigen Geist des letzten Jahrhunderts, unbedingt empfehlenswert.

Lester Bangs: Psychotische Reaktionen und heiße Luft - Rock´n´Roll als Literatur und Literatur als Rock´n´Roll. Tiamat, Berlin 2008.

Regress

Regress ist so etwas wie eine vorläufige Bestandsaufnahme des Backflash in ziemlich allen gesellschaftlichen Bereichen, aufgestellt in der aktuellen Ausgabe des Pop-Magazin testcard. Hier wird allerdings nicht das immer gleiche Anti-Repressionslied (Foucault) angestimmt, sondern diese Phänomene umfassend analysiert. Dietmar Dath macht mit „Das große Abschaffen“ den Auftakt und - wer hätte das gedacht - wir sitzen in der Straßenbahn der Green City (mit ebensolchem Oberbürgermeister) in Freiburg, wo es verboten ist aus einer Wasserflasche zu trinken und bei Zuwiderhandlung man im besten Fall dumm angeraunzt wird. Ansonsten ist Bußgeld fällig! Mittlerweile erledigen das Menschen, die in sogen. Arbeitsgelegenheiten mit Aufwandsentschädigung gedrängt wurden, auch 1 Euro-Jobs genannt. Oder Alkoholverbote in der Innenstadt, Runde Tische mit Bürgervereinen und Polizei, Konzepte die vorsehen z.B. den Augustinerplatz, der im Sommer bei Jugendlichen sehr beliebt ist, in Zukunft mit Flutlicht auszustrahlen und Bürger Patrouille laufen zu lassen (wir berichteten in diversen Ausgaben, die Red.). Dath kennt sich in dieser spießigen Welt bestens aus, er wohnt schließlich hier. Anne Roth skizziert die Verhaftung des Andrej Holm nach. Gegen den Soziologen wurde 2007 im Zusammenhang mit einer ominösen militanten Gruppe nach § 129a ermittelt, Telefone und Mailverkehr wurden überwacht, selbst Kameraüberwachung der Wohnräume und Offline-Durchsuchungen wurden durchgeführt. Die zum Teil grotesken Details dieser Staatsschutzpannen sind absolut einmalig, Holm musste schließlich freigesprochen werden. Ron Steinke erläutert in „Genug gekuschelt“ die mediale Debatte um „Erziehung“: die Super Nanny (RTL), „Das Erziehungscamp“ (RTL II) und den Hardcore- Pädagogen Bernhard Bueb. Die Rückkehr der Schwarzen Pädagogik sei unübersehbar. Wolfgang Seidel, Ex-Schlagzeuger von TON STEINE SCHERBEN, erklärt in „Zukunftsmusik“, warum es auch in der Popmusik nach rückwärts geht, während Klaus Walter das Phänomen Morrissey analysiert, Ex-Sänger von THE SMITHS, der immer wieder durch rassistische Sprüche aufgefallen war. Martin Büsser stellt schließlich in „Im Beichtstuhl des Grauens“ die Ausnahme von der Regel vor, den wunderbaren Filmemacher Wenzel Storch.

Wie gewohnt mit den besten Tonträger-, DVD- und Bücherbesprechungen ever!

testcard #18: Regress. Beiträge zur Popgeschichte. Ventil Verlag, Mainz 2009.

Chromamix 2 & Silences

Gleich zwei themenspezifische Ausstellungen bietet das Museum für moderne und zeitgenössische Kunst in Strasbourg: Chromamix dreht sich um Farbe, Pigmente und Pixel in der Kunst und ist eine sehr französische museumspädagogische Ausstellung. Es werden Arbeiten von u.a. Donald Baechler, Jean Leppien und Ugo Rondinone präsentiert. Silences dagegen versucht die unterschiedlichsten Formen wie Instalation, Bildhauerei, Fotografie, Video und Musik zu vereinigen. So trifft man etwa bei Martial Raysee auf eine skurille Strandlandschaft, aus der Musikbox tönt Musik der sechziger Jahre. Der Besucher kann sich gerne am fröhlichen Strandleben beteiligen, Schwimmreifen werden zur Verfügung gestellt. Ähnlich Chris Marker, der Fotos mit Klanginstalationen verbindet. Bei Christian Boltanski flüstern seine Holzfiguren gar, ziemlich verwirrend. Zu Alberto Ciacomettis Skulpturen, die oft hager, immer aber viel zu groß geraten scheinen, muss eigentlich nicht mehr viel gesagt werden. Er ist einer der Größten seines Faches! Bei Georg Baselitz stehen die Bilder noch nicht auf dem Kopf: „Drei Köpfe einer Schnecke“ (1966) nennt er ein Frakturbild, die Motivumkehr kam erst später. In Joseph Kosuths Instalation, in der scheinbar wahllos Tausende Bücher im Raum verstreut liegen, erinnert der Titel an den Philosophen Michel Foucault. Es handelt sich um ein Bibliotheksphänomen: „Du phénomè de la bibliothèque“ von 2006. Vom 05. Mai bis 30. Juni gibt es immer Dienstags Abende, die den einzelnen Künstlern gewidmet sind (Eintritt frei bei beschränkter Platzzahl). Ganz grosse Klasse!

Chromamix 2, bis 15. November. Silences bis 23. August 2009. Musée d’art moderne et contemporain, 1 place Hans Jean Arp, Strasbourg.



[Seitenanfang]

[Impressum] [Kontakt]
stattweb.de: Stattzeitung für Südbaden im Internet - Donnerstag, 29.Juli.2010, 16:49Fake - Nicht klicken! Do not click here!Counter