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Artikel


Stattzeitung für Südbaden Ausgabe 74, 2009-05

Schenk, Barbara:
Wenn eine demonstrieren geht, dann kann sie was erleben
Ostermarsch 2009 Kehl

Der Ostermarsch, traditionell geht die Friedensbewegung an Ostern auf die Straße. Kennzeichnend in den letzten Jahren, man ist friedlich und in der Regel unter sich. Nicht so dieses Jahr. Im Zeichen des Nato Geburtstages sollte der Ostermarsch 2009 ein machtvolles Zeichen setzten gegen Krieg und Militarismus. Also nichts wie los am 4.April nach Kehl.

So, Kehl liegt am Rhein ein beschauliches Städtchen mit einer Brückenverbindung nach Strasbourg. Mit dem Zug in ca. 20 Minuten zur erreichen.

Also wir steigen, um 11 Uhr geht die Demo los, um 8.30 ins Auto. So früh? Na ja, man will ja pünktlich sein. Also auf nach Appenweier und dann mit dem Bus, Schienenersatzverkehr nach Kehl.

Schienenersatzverkehr? Ach ja, die B 28 und die Zugverbindungen nach Kehl waren eingestellt, wegen Terror- und Chaoten-Gefahr, außerdem hätte man ja dem Konvoi der Geburtstagsteilnehmer aus Baden-Baden in die Quere kommen können. Aber wir sollen ja demonstrieren dürfen und deshalb hat man Busse zur Verfügung gestellt, kostenlos und die wollten wir nutzen.

Bis Appenweier war es ein ganz normaler Samstag, na ja wenig Verkehr.

Angekommen war die Frage zu klären, wo fährt der Bus. Kein Problem, wie sich schnell herausstellte, denn es gab eine klare blaue Spur bis zum Einstieg. Durch ein Spalier von Polizei fühlten wir uns, ehrlich, sicher geleitet zu unserem Bus. Doch halt, nachdem wir ungefähr 80- 100 Polizeibeamte und Beamtinnen sozusagen unbehelligt passiert hatten kam die Überprüfung.

Ausweis, bitte zur Kollegin zur Leibesvisitation.

Kein Problem es waren ja genug Beamtinnen da, die auch sorgfältig ihre Aufgabe wahrnahmen. Zum Glück konnte ich sie davon überzeugen, dass dieser harte Gegenstand in meiner Hosentasche keine Waffe, sondern lediglich mein Hüftknochen ist. Nach mehrmaligem Drücken auf diesen dürfte ich ihn behalten und mitnehmen, geschafft, auf nach Kehl.

Da kamen wir auch an, nach etwa 2 Stunden Fahrt, während derer unser anfänglich reservierter Busfahrer sich auch die Frage stellte, warum wir zweimal eine Stunde bzw. ½ Stunde warten mussten auf weiter Flur. Ein Trost für uns, wir waren nicht alleine. Bauern die auf´s Feld wollten, Frauen auf dem Weg zum Einkaufen, Polizisten auf dem Weg zum Einsatz, ja wir alle mussten uns gedulden im Interesse der Sicherheit von Staatoberhäuptern, die dann sowieso keiner zu sehen bekam.

Kehl, endlich, jetzt wird demonstriert, nichts wie hin zum Läger. Hoffentlich sind wir nicht zu spät. Ab durch die Reihe von Polizei aus Hamburg, Berlin, Schleswig-Holstein, die einen noch in Grün die meisten schon in Blau.

Die sind aus Hessen, hallo wir haben uns schon auf der Anfahrt im Stau getroffen, also auch angekommen.

Endlich auf dem Kundgebungsplatz doch was ist das? Wir sind tatsächlich bei den Ersten. Wo sind die Anderen, sind wir hier richtig?

„Guten Morgen, liebe Demonstrationsteilnehmer, hier spricht ihre Polizei, wir begrüßen sie recht herzlich zum diesjährigen Ostermarsch und wünschen ihnen einen schönen Tag.“ – Gut, wir sind richtig. So langsam kommen auch die anderen, der Platz fängt an sich zu füllen. Viele tragen rote Westen mit der Aufschrift Antikonfliktteam, die mit den blauen Westen nannten sich Komunikatoren. Halt Komunikatoren, man soll das auch verstehen, wenn man nicht von hier ist. Die in Zivil mit den Westen werden Konfliktmanager genannt! Ehrlich man hat sich viel Mühe gegeben, damit auch wirklich jeder bei Fragen einen Ansprechpartner finden konnte. Es waren außer uns auch noch andere Demonstranten da, der Sonderzug aus Nordrhein-Westfalen wurde sogar begrüßt durch unsere Konfliktmanager, wir hätten sonst womöglich gar nicht bemerkt, dass 700 Leute angekommen sind.

Geht’s jetzt los?

Gleich, erst wurden wir von den Veranstaltern vom Friedensnetz mit den Auflagen zu unserer Sicherheit bekannt gemacht: Bitte seid leise, haltet die Transparente nicht so hoch, bleibt bei der Demo, keine Staubwedel und Klobürsten mitnehmen...

Kein Witz, im Vorfeld hatte man sich umfassende Gedanken darüber gemacht, was für unsere Sicherheit notwendig ist. Schade nur, dass die Lautsprecheranlage so leise war, dass man kaum etwas verstanden hat. Aber unser Gehör musste auch geschützt werden, durch die Hubschrauber über uns war es sowieso ein „bisschen“ laut. Doch keine Angst wir haben alles erfahren, die Komunikatoren waren ja da.

Plötzlich erreicht uns die Nachricht, dass unser Gegenstück auf französischer Seite, wir wollten uns vereinen, symbolisch wie die „Großen“ auf der Europabrücke, nicht so gut „kommunizierte“ mit ihren Beschützern. Da es schon spät war, wir unserem „Gegenstück“ solidarisch und friedlich beistehen wollten, konnte die Kundgebung in Kehl nicht wie geplant ablaufen und der Demozug, mittlerweile 6000 – 7000 Menschen, setzte sich bunt und laut in Bewegung.

Aufgrund meiner Ortskenntnisse kann ich sagen, wir demonstrierten etwa 1000 – 1500 Meter. Wir wurden sicher geleitet durch eine enge Straße, aus der es kein Entweichen gab, Richtung Bahnhof. Laufen, stehen, laufen, stehen, wunderbares Wetter, schön warm für April. Das konnte man daran sehen, dass unsere Beschützer in voller Montur, sprich Helm, Feuerschutweste, kugelsicherer Weste, in dem schönen neuen Blau, schwitzten und zum Teil ihren Humor suchten.Warum geht’s nicht weiter?

Jetzt kam die Stunde der Konfliktmanager!

Keine Chance auf eine Unterhaltung, sofort war einer da und hat erklärt, wie die Lage gerade ist. Die Veranstalter konnten das ja nicht wegen der Auflagen und wir durften ja nicht so laut sein. Aber wir haben erfahren, dass es in Strasbourg brennt! Eine Delegation verhandelt, damit wir über die „Grenze“ dürfen, dass uns die anderen gar nicht wollten! Ja, Kommunikation ist alles.

Um es deutlich zu sagen: Wir standen 2-3 Stunden, die Rauchsäule im Blick, eingekesselt von Polizei vor dem Bahnhof und wurden mit Informationen, die kein Mensch wollte, überschüttet.

Die einzigen, die an diesem Tag zufrieden waren, waren die Eisdiele und die Bäckerei, die trotz der Panikmache im Vorfeld des Ostermarsches geöffnet hatten.

Nachdem wir mehrere Stunden auf die Abschlusskundgebung gewartet hatten, die nicht stattfand, da der Lautsprecherwagen uns nicht erreichen konnte, sind wir mit dem Zug um eine Erfahrung reicher wieder zurückgefahren, jetzt mit Ticket und haben uns alle gefragt, was uns da widerfahren ist und wie wohl die Zukunft aussehen soll bei soviel Sicherheit.



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