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Artikel


stattweb-News Ausgabe 09, 2009-08

Thimas Tarn, i.e. Fritz Sternberg:
Zum festgestellten und zum phantasierten Aufschwung. 1932-2009
News-Beitrag auf stattweb.de vom 14.August 2009

Von n-tv flog die frohe Botschaft zu ARD und ZDF -zu allen Blättern deutscher Zunge bis hin zu BILD - also so schnell war das Allerschlimmste vorbei. War wohl doch nur eine US-Infektion, wie Steinbrück und Merkel schon vor einem Jahr vermutet hatten.

Der vorliegende Artikel wirkt im Vergleich zum gemeinsamen Aufatmen etwas mürrisch. Alles nicht so weit her. Mit Recht wurde auf den Absturz von ARCANDOR angespielt - und das Auslaufen der Notlösungen auf dem Arbaitsmarkt nach den Wahlen.

Der Propagandawert der Meldungen wurde unterstrichen. Wie verschiedene Blätter meldeten, hätte man auf eine neue Reichspressekammer schließen können, die per Einheitsbefehl Grinszwang verordnete.

So viel braucht es aber gar nicht. Die Interessen des Börsenahndels, der natürlich n-tv bestimmt, erzwingen Stimmungsaufhellungen zur Absatzermunterung. Die zwei großen Parteien + FDP brauchen die Stimmung bis zu den Wahlen. Erst dann sind wieder die Mehrwertsteuern dran. Diese Kombination reicht schon zur Lügeninnigkeit von Kapital und Kasernenverwaltung.

Der Artikel oben aber stammt gar nicht aus unseren Tagen. Er ist der letzten Nummer “Weltbühne” entnommen vom November 1932. Geschrieben Ende November 1932 von Thomas Tarn, Psedonym eines Fritz Sternberg, 1895-1963, emigriert schon März 33 nach England. Der Autor stand der SAP nahe, derjenigen Parteigruppe, der auch Willy Brandt angehört hatte, als er in Richtung Skandinavien emigrierte. (Immerhin aufschlussreich, dass damals Sozialdemokraten bei etwas wie der “Weltbühne” mitmachen konnten, wenn auch vorsichtshalber unter Pseudonym).

Einzige redaktionelle Änderung im Abdruck: Wo bei uns zur Irreführung in der Regel nur “Regierung” steht, hieß und heißt es im Original: Papenregierung. Papen hatte in seiner kurzen Regierungszeit Preußen so entmachtet, dass Göring es ein paar Monate später unter seine Privatdiktatur nehmen konnte.

Wichtig aber im wirtschaftlichen Sinn: Papen war vor Hitler das anerkannteste Großmaul im Versprechen, nur ohne die Anfangserfolge des Führers. Papen stürzte mit seiner Adelsmannschaft im Kabinett, kaum dass der Reichstag mal wieder einberufen worden war.

Tarn/Sternberg zeigt in seiner kühlen Art, dass die Pleite der deutschen Wirtschaft auf die bisherige Weise nicht mehr zu beheben war. Dem politischen Urteil des Reichstags schickte er das politische nach.

Eines zeigen die Parallelen der zwei Kommentare. Es braucht heute keine Reichspressekammer mehr, um sich gegenseitig die Hucke Vollzulügen. Der kollektive Gewinnsinn von Börse und Behörde reicht zur Verblendung aus. Nur nicht für immer.

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“Wenige Monate sind es her, da glaubte unsere Regierung zu erkennen, dass in der Weltwirtschaft das Tief der Krise erreicht sei und dass es nur noch notwendig sei, der deutschen Wirtschaft einen starken Stoß zu geben, damit sie im Anschluss an die Konjunkturblebung des Weltkapitalismus selber wieder aufwärtskomme. Der größte Teil des Publikums machte diesen Optimismus mit. Wenn man aber die nackten Tatsachen betrachtete, ergaben sie schon damals keinen Raum für den Optimismus der Regierung. Wenn in der Weltwirtschaft das Tief der Krise bereits erreicht wäre, dann müssten Produktion und Außenhandelszahlen steigen, auf der anderen Seite die Arbeitslosenzahlen zurückgehen. Aber der Weltaußenhandel verharrt auf seinem Tiefpunkt, die Produktionszahlen weisen hie und da mal eine leichte Belebung auf, bleiben aber im großen und ganzen so gering wie vordem, und auch die Weltarbeitslosigkeit zeigt durchaus keine Besserung...

1,5 bis 2 Millionen Arbeitslose sollten nach dem Programm durch die Milliardenbeträge, die man der Wirtschaft, wieder in den Produktionsprozess eingestellt werden. Schon heute, nachdem immerhin Monate seit dieser Notverordnung vergangen sind, kann man feststellen, dass die Tatsachen diesen Teil des Programms als Illusion enthüllen....

Das Krisentief ist weder im Weltkapitalismus noch in Deutschland erreicht. Auf der anderen Seite - das ist ja nach der relativ langen Dauer der Krise nur zu verständlich - hat sich das Tempo in der weiteren Verschärfung der Krise etwas verlangsamt. Und es ist nicht zuletzt die Verlangsamung des wirtschaftlichen Abstiegs, die auf dem politischen Gebiete die Mächte der alten Reaktion veranlasste, explosionsartige politische Erschütterungen möglichst zu vermeiden.”


Quelle: "Die Weltbühne" 29.November 1932/ Artikel" Des Kaisers neue Kleider" S.810ff



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