stattweb-News Ausgabe 09, 2009-10![]()
Hertha Müller, Nobelpreisträgerin für Literatur:
Hertha Müller - treue Chronistin unserer Schäuble-Zukunft
News-Beitrag auf stattweb.de vom 9.Oktober 2009
[Wie es die Staatsweiber so an sich haben. Kaum war Hertha Müller nominiert, hielt Merkel sie weniger in den Armen als unter den Pfoten. Hertha Müller- oh wie passend zum zwanzigsten Jahrestag des Mauerfalls. Bei Lebzeiten zum Denkmal werden: wer kann sich dagegen wehren. Dass Hertha Müller lang vor dem gedachten Ereignis aus Rumänien freigekauft worden war: wen kümmerte es in diesem Augenblick. Merkel, die möglicherweise von Müller nichts wusste, als was der zuständige Referent ihr in den paar Minuten bis zur Aus- und Anspreche in Angst auf den Zettel gekritzelt hatte, enteignete mit gewohnter Fingerfertigkeit die zu ehrende Person ihrer Persönlichkeit. Was blieb? Eine Mater dolorosa, hauptamtlich Darstellerin eines Millionenschicksals. Was ging verloren? Eben die Einmaligkeit der Verarbeitung des Erlebten, von der alle am Tag der Verleihung so ausgiebig berichteten. In Wirklichkeit ist Hertha Müller genau das Gegenteil gelungen. Sie hängt nicht dem Vergangenen nach, sondern geht uns in eine Zukunft voraus, die -nach Schäubles Absicht- bald unsere sein wird. In dem Text, den die FRANFFURTER RUNDSCHAU dankenswerterweise wiedergegeben hat, versucht sie den "Fremden Blick" zu erklären, den sie in Rumänien erworben, in Deutschland nie mehr verloren hat. Streng genommen wäre der Ausdruck "befremdet" noch besser. Geschildert wird unter Wahrung der kleinsten Einzelheit die Entstehung eines Gefühls, in welchem jedes Ding- gerade das vertrautest- dich auf einmal erstarrt und fremd anblickt. ![]()
Du erkennst: Es ist nicht mehr dein. Das Seinige haben fremde Hände berührt. Die der geheimen Dienste müssen es sein. Das Ich -das spricht- hat keinen Ort mehr, sich zu bergen. In einem dänischen Krimi, der zu Beginn dieser Woche lief, siegt ohne Glanz, aber auch ohne Ausweichmöglichkeiten der Geheimdienstchef über den, der zu sehr nach Wissen begehrte. Nachgebildet den klassischen Figuren der Literatur, die nach Erkenntnis verlangten. Letztes Wort des Inhabers aller Informationen zu dem Einzelnen: ![]()
"Nun weißt du alles. Und: Du hast niemanden mehr, an den Du dich wenden könntest -gegen meinen Willen und meinem Wissen über dich." Der neue Hamlet gibt sich geschlagen und kehrt zu Frau und Kind zurück. Beobachtet aber von der nie fehlenden Kamera der Dienste. ![]()
Genau so ergeht es Hertha Müller. Nicht nur, dass sie gezwungen wird, über immer neue mögliche Spuren des Zugriffs der Dienste zu grübeln. Real gesehen sind diese ja niemalas allmächtig, so spinnenartig sie sich auch ausgedehnt haben mögen. Es kann nicht sein, dass nicht irgenwo doch eine Stelle wäre, die "dich nicht sieht". Aber .... Die Gewöhnung an die Allgegenwart der Dienste, die ständige Erwartung erzwingt ein Grundmisstrauen. Sprach man früher einmal, in vergessenen Zeiten, vom Urvetrauen des Kindes, so ist heute von grundsätzlichen Angst zu sprechen. Der einzelne Mensch in seiner absoluten Verlorenheit vollendet im Misstrauen, was die Dienste für sich allein nicht vermochten. ![]()
Er lebt im Flüsterkabinett der Zumutungen. Im Geraschel der Aktenblätter, die ihn erwarten. Im Kellergang einer nicht mehr heilbaren Verlorenheit. ![]()
Was hier beschrieben wurde ist keine Kafka-Wiederholung. Keine OrwellRomanze. Es ist genau die Vorwegnahme dessen, was nicht nur Schäuble mit uns vorhat. Sondern dessen, was wir mit uns selbst anstellen werden, hat uns nur einmal der Verdacht erfasst. Die Angst vor dem eigenen Verdacht. Die noch größere vor dem Verdächtigwerden. die gößte und letzte vor dem Versacken der eigenen Stimme. Vor einer Abgeschiedenheit, die wenig mit der des Mytikers Tauler zu tun haben wird. ![]()
Hertha Müller geht uns in unsere eigne Zukunft voraun. Sie ist nicht Denkmal vergangener Zeiten, wie Merkel möchte. Sie ist Mahnmal der allernächsten drohenden Gegenwart. Die Figuren halten das hoch,was sie vielleicht selbst nicht erkannen, was aber uns erinnern soll. Wachhalten vor dem Ende. fg in REDAKTION STATTWEB] ![]()
---![]()
Und der nicht mehr zu Hause war den kriegt der Heimwehhund der hat ein weites Gras statt Haar und Nachtbusaugen im Geschau aus jedem Mund pfeift fremdes Brot der Frühapfel gefiedert grau der Kuckuck später backenrot Das allererste, was man diesem Text bescheinigt hat, war der Fremde Blick. Und die Begründung lautet: weil ich aus einem anderen Land nach Deutschland gekommen bin. Ein fremdes Auge kommt in ein fremdes Land - mit dieser Feststellung geben sich viele zufrieden, außer mir. Denn diese Tatsache ist nicht der Grund für den Fremden Blick. Ich habe ihn mitgebracht aus dem Land, wo ich herkomme und alles kannte. Warum ich ihn dort im Bekannten hatte, kann ich nur darstellen, indem ich als Beispiel ein überschaubares Stück alltäglicher Zeit von dort erzähle: In dem Dorf, wo ich aufwuchs, bin ich als Kind jahrelang Fahrrad gefahren. Durch Tabakfelder, Obstgärten, ins Flusstal, zum Waldrand. Am liebsten ganz allein und ohne Ziel. Nur, um die Gegend anders zu sehen als zu Fuß, fließend unter den Rädern und in Augenhöhe wie Gürtel, die sich drehen und drehen. Mit fünfzehn zog ich in die Stadt. Und fünf Jahre später kannte ich die Stadt so gut, dass ich auch da die Wege fließen und die Umgebung wie Gürtel sehen wollte. Nach langem Überlegen kaufte ich mir ein Fahrrad. Mein Wunsch wäre schnell gewesen, worüber ich nachdachte, war ein Satz, den mir bei einem der Verhöre der Geheimdienstler ohne jeden Zusammenhang gesagt hatte: "Es gibt auch Verkehrsunfälle." Ich hatte seit vier Tagen ein Fahrrad in der Stadt. Am fünften Tag fuhr mich ein Lastauto an und schleuderte mich durch die Luft. Ich hatte ein paar Schürfwunden an den Rippen, sonst nichts. Zwei Tage später war ich zum Verhör bestellt. Der Geheimdienstler sagte ohne jeden Zusammenhang: Ja, ja, es gibt wirklich Verkehrsunfälle. Ich schenkte das Fahrrad am nächsten Tag einer Freundin. Den Grund der Schenkung sagte ich ihr nicht, sondern nur: Ich will es nicht mehr haben. ![]()
Einen Tag später ging ich zum Haareschneiden. Kaum hatte ich mich vor den Spiegel gesetzt, fragte die Friseuse: Und, bist du mit dem Fahrrad gekommen? Ich hatte ihr nie gesagt, dass ich ein Fahrrad habe. Sollen wir die Haare nicht mal bleichen, fragte sie, ich habe aus Frankreich Blanche gekriegt. Warum nicht, ich willigte ein. Wenigstens blonde Haare, dachte ich mir, wenn ich schon kein Fahrrad haben darf. Sie rührte aus weißemStaub und Wasser die Paste, verteilte sie auf meinem Kopf. Das brannte wie Glut. Ich beschwerte mich. So muss es sein, sagte sie, davon werden die Haare bleich. ![]()
Am nächsten Tag war die ganze Kopfhaut eine Wunde. Sie bildete verblüffend schnell eine Kruste, zwei Wochen lang trug ich sie wie eine Nussschale, dann bröckelte sie beim Kämmen wie frische Brotrinde. Sie war schon am Abklingen, man sah sie nicht mehr unterm Haar, als das nächste Verhör stattfand, und der Geheimdienstler ohne jeden Zusammenhang sagte: Blondsein muss leiden, nicht wahr. Er sagte etwas, was er nicht wissen konnte, wie die Friseuse nach dem Fahrrad gefragt hatte. ![]()
Da ich beim nächsten Mal Haareschneiden von der Kruste erzählte, sagte die Friseuse ein kurzes "Entschuldigung", wie man "Guten Tag" sagt. Als ich nach Hause kam, lag in der Schale, die auf dem Kühlschrank stand, ein Zettel mit der Handschrift einer Freundin: "Ich wollte mir die Haare schneiden lassen, schade, dass du nicht zu Hause bist." Ich hatte ihr alle paar Wochen in der Fabrik das Haar geschnitten. Nun war ich aber längst entlassen. Und ich ging am nächsten Tag zu ihr und wollte wissen, wie sie in meine Wohnung gekommen war. ![]()
An die Türklinke im Treppenhaus habe sie den Zettel gesteckt, sagte sie. Dann plötzlich mitten im Satz hielt sie ihren Zeigefinger senkrecht auf den Mund, nahm das Telefon und stellte es in den Kühlschrank. Sie habe schon lange den Verdacht, dass die Abhörwanze im Telefon ist, sagte sie. Und während das Telefon in ihrem Kühlschrank stand, erzählte ich von meinem Kühlschrank, auf dem die Schale steht, in die ihr Zettel von der Türklinke gelangt war. Ich musste alles mehrmals sagen, sie unterbrach mich ständig mit: Bist du sicher. Und: Bist du verrückt. Und: Überleg noch mal. Bis ich sie brüskierte und wir beim Kaffeetrinken lang in den Tassen rührten. Der Dunst flog an ihrer Hand vorbei, und sie sagte: Siehst du, auch in meinem Kaffee sind sie. Die Welt baute sich Stück für Stück zusammen gegen den Verstand. Die Freundin war Juristin, geschult in logischen Begründungen. Aber jetzt suchte gerade sie natürliche Erklärungen für die Zettelwanderung: vielleicht Zugluft, vielleicht zwischen Tür- und Fensterritzen ein Wirbel. Sie glaubte sich selber nicht und mir nicht ganz. Sie wirkte infantil. Trotzdem hätte ich ihr gern geglaubt, statt einsehen zu müssen, dass der Geheimdienst in meiner Wohnung war. ![]()
Ich weiß alles noch so genau, weil damals zum ersten Mal passierte, was danach regelmäßig geschah. Oder besser gesagt, der Geheimdienst wollte damals zum ersten Mal, dass ich es merke. ![]()
So bleibt das Fahrrad nicht lange ein Fahrrad, das Haarebleichen kann kein Haarebleichen bleiben, die Türklinke keine Türklinke, der Kühlschrank kein Kühlschrank. Die Einheit der Dinge mit sich selbst hatte ein Verfallsdatum. Alles rundum schien sich nicht mehr sicher zu sein, ob es das oder dies oder etwas ganz anderes war. Über kurz oder lang gab es nur noch nichtige Dinge mit wichtigen Schatten. Keine Fantasie, nicht die Lust auf Surreales war es, sondern diese ungenierte Nacktheit oder Verpuppung, diese Indiskretion, mit der sich alles verbandelt hatte.. ![]()
Den ganzen Text der Nobelpreisträgerin lesen unter www.fr-online.de/in_und_ausland/kultur_und_medien/feuilleton/2000579_Herta-Mueller-Der-Fremde-Blick....html
Links
[Seitenanfang]
www.fr-online.de/in_und_ausland/kultur_und_medien/feuilleton/2000579_Herta-Mueller-Der-Fremde-Blick....html

