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stattweb-News Ausgabe 09, 2009-10

Jan Freitag:
Arte: Seit den exten Atomexperimenten legte sich vor der atomaren eine undurchdringliche Wolke der Lüge um die Menschheit
News-Beitrag auf stattweb.de vom 13.Oktober 2009

[In einer über zweistündigen Sendung flog, lief und fuhr ein Team der ARTE über die Welt. Immer nur einem auf der Spur: der undurchdringlichen Wolke aus Lügen, die die Menschheit unfähig machte, ihre eigene Selbstzerstörung wahrzunehmen.

Dass die Endlagerung der atomaren Reste ungelöst ist auf der ganzen Welt -wußte jeder. Trotzdem qualvoll eindringlich die lange Suche -die schamlosen Lügen -bis endlich tief in Russland sich in aller Unschuld die atomaren "Abfalle" unter freiem Himmel zeigten. Die französische Umweltministerin gab sich -oder noch schlimmer: war- ahnungslos, was das Wort recycling eigentlich bedeutet. Dass sie schon heute im franzöischen Parlament verzweifelt lügen musste und in Philosophien über den Begriff "Abfall " versank, wird für sie selbst die geringste Folge sein.

Das eindrucksvollste bei der Reise um die Welt war die Vielfalt der Sprachen. Der Stimmen, in denen sich viel Lüge und wenig Erkenntniswille mischten- in der gemeinsamen Traurigkeit die die Sprachen durchzog. Wort und Benennung -den Menschen doch zur Erkenntnis gegeben- verstärkt nur Trübnis, Verwirrung und die geahnte, niemals zugegebene Ahnung, dass die ganze Menschheit gemeinsam aan ihrem Untergang arbeitet. Vielleicht jetzt schon nicht mehr aufzuhalten. Und hätte doch mit gemeinsamer Anstrengung aufgehalten werden können. fg in REDAKTION STATTWEB ]

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Bernard Bigot ist ein optimistischer Mann. Die ersten Kathedralen, erzählt der französische Atomkommissar, seien ja auch nicht entstanden, um irgendwann zu Staub zu zerfallen. "Nein, die Menschen glaubten an ihr Geschick und Material, die Zeit zu überdauern." Genauso sei es auch mit Nuklearabfall. "Wir können perfekten Schutz garantieren", der Präsidentenberater lächelt, "aber das wichtigste Wort dafür ist Vertrauen."

Vertrauen also. Das fällt gerade nicht leicht, angesichts der gefälschten Gutachten rund ums geplante Endlager in Gorleben, um verheimlichte Schadensberichte vom Salzstock Asse, all die offenen Fragen einer strahlenden Zukunft.

Noch schwerer fällt es, wenn man "Albtraum Atommüll" sieht. Die Dokumentation von Eric Guéret belegt auf erschütternde Art das Gleichnis vom Auto, dem die Bremsen erst bei voller Fahrt montiert werden sollen. Mindestens 200.000 Jahre belastet kernenergetischer Abfall unsere Erde. Wo genau, wie lange noch, mit welchen Risiken – das zeigt Guérets Reise durch die Historie atomarer Entsorgung. Sie beginnt bei verklappten Fässern von gestern, die Greenpeace heute beim Zerfall auf dem Meeresboden filmt. Sie führt zurück zum verseuchten Hiroshima-Versuchsfeld der USA über sowjetische Nuklearklos im Ural bis zur Wiederaufbereitungsanlage am Ärmelkanal, zu sibirischen Atomhalden, zu deutschen Zwischenlagern und ins AKW-hörige Frankreich. Der Film zeigt nicht nur, wie skrupellos, menschenverachtend und ignorant die Verursacher von Abermillionen Tonnen Atommüll – militärisch oder zivil – die Öffentlichkeit täuschen. Er tut es auch ohne das Pathos, das dieses Thema durchaus vertrüge, angesichts eines Genozids auf Raten, den uns die Industrie als zukunftsfähige Energie verkauft. Dafür bedarf es keiner Erklärungen aus dem Off; die Fakten reichen: Dass beim Recycling in La Hague jährlich Hunderte Millionen Liter Rückstände im Meer landen, was seit 1993 nur verboten ist, wenn er in Fässern lagert. Dass dabei mehr radioaktives Krypton 85 in die Luft entweicht, als von allen gezündeten Atombomben zusammen. Dass Aufarbeitung ohnehin ein Euphemismus ist, angesichts von 90 Prozent ungenutzten Restmülls, der in anschließend in russische Kleinstädte rollt, um dort zu verrotten. Dass Vergraben derzeit als einzig realistische Entsorgung gilt, wo das Erbe 6000 Generationen lang abklingen soll, also um ein Vielfaches länger als jedes politische Kontrollsystem darüber bislang Bestand hatte. Der berühmte Atomphysiker Hubert Reeves findet dafür am Schluss ein ganz anderes Wort als Vertrauen: Wahnsinn. Ihn als Vernunft zu deuten, erfordert das Werk findiger Lobbyisten. Es ist Eric Guérets Verdienst, die zu entlarven – Betreiber, Forscher, Politiker, die ihre Mär von der sicheren Entsorgung mit einem Grinsen verkaufen, das besonders Franzosen zueigen ist. Ob also ein Endlager verschwiegen werde, um künftige Archäologen nicht zum Graben zu bewegen, oder gekennzeichnet, um deren natürliche Neugier erst anzufachen – "das ist fast Science Fiction", sagt der Sprecher eines Versuchsstollens in Frankreich und macht ein charmantes Gesicht. Es ist eines, mit dem Bernard Bigots sein Kathedralen-Bild untermalt. Die ältesten intakten Bauwerke stammen übrigens aus der Bronzezeit – sie müssten also noch 195.000 Jahre halten, um dem Vergleich mit dem Endlager standzuhalten. Keine andere Technologie, sagt die Sprecherin, erfordert ein Denken in solchen Zeiträumen.

Den Artikel im Original lesen:

Arte-Doku "Atommüll": Genozid auf



Quelle: Frankfurter Rundschau, 13.10.09


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Arte-Doku "Atommüll": Genozid auf

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