Stattzeitung für Südbaden Ausgabe 59, 2004-12![]()
Schenk, Barbara:
Am 22.Januar 1944 holten sie meine Mutter
Ein Interview mit Dorothea Siegler-Wiegand, Zeitzeugin der Befreiung vom Faschismus aus Offenburg
Dorothea du wurdest am 22. September1920 als Tochter der Ärztin Dr. Herta Wiegand und des Arzt Dr. Otto Wiegand in Freiburg geboren und bist in Offenburg aufgewachsen. Als Kind einer jüdischen Mutter hast du in Offenburg die Zeit des Faschismus erlebt. Du bist Zeugin gewesen als deine Mutter, am 12.1.1944 von der Gestapo verhaftet wurde, sie sollte via Karlsruhe nach – man vermutet Theresienstadt deportiert werden. Du hast deine Mutter damals bis Karlsruhe begleitet. Sie hat (wie der Historiker Frank Stern es formulierte) „die Selbsttötung als eine Form des Widerstehens angesehen und der entwürdigenden Deportation die Würde der Wahl des Todes“ vorgezogen. ![]()
SZ: Wie hat man als junger Mensch, der du damals warst, diese Erlebnisse verarbeitet?![]()
Dorothea: Zu deiner ersten Frage ein kurzer Lebenslauf: Ich bin das, was man im Dritten Reich mit „Mischling 1.Grades“ bezeichnete. D.H. in meinem Fall, ich hatte mütterlicherseits zwei Großeltern jüdischen Glaubens, väterlicherseits waren sie „arisch. Meine Mutter – nach 10-jähriger Ehe 1925 verwitwet – hatte durch mich – eine nichtjüdisch konfessionslos erzogene Tochter – trotz Witwenstandes den Status einer „privilegierten Mischehe“. Dieser schützte sie vor dem Tragen des Sterns, vor einer Deportation – die man 1942 schon einmal versucht hatte durchzusetzen – bis zum Jahr 1944. Er erleichterte jedoch nicht die täglichen Demütigungen, schützte nicht vor Schikanen, der Ungewissheit, dem J im Pass und den Fingerabdrücken auf allen Juden aufoktroyierten Kennkarten. Nicht vor dem endgültigen Entzug ihrer Arztpraxis 1938. Aber wer ist Jude, was ist Judentum – Religion, Volkszugehörigkeit, Zionismus, ein Kulturkreis? Nur die Nazis behaupteten mit menschenverachtendem Zynismus, es genau zu wissen. Manifestiert in den Nürnberger Gesetzen mit weitgehender Übereinstimmung des Textes mit der entsprechenden Stelle im Parteiprogramm der SDAP von 1920. Mich verbindet mit dem Judentum lediglich der Antisemitismus. Während der Nazizeit hatten Leute wie ich nur die Möglichkeit, einen kaufmännischen oder handwerklichen Beruf zu ergreifen. Bei mir war es die Lehre in einer Spedition. Nach 1945 arbeitete ich eine Zeitlang in der Betreuungsstelle für die Opfer des Nationalsozialismus in Freiburg (nicht zu verwechseln mit dem Amt für Wiedergutmachung). Es gibt Ausdrücke, die man ablehnt, so „Betreuung“, und es müsste statt „Opfer“ „Verfolgte“ heißen. Wichtig ist eine klare Aussage, die das Geschehene präzise benennt und nicht verschleiert. Nach meiner Heirat eine Ausbildung im zweitliebsten Beruf – dem Buchhandel – in Hannover, und nach Stationen in Bonn und Göttingen einige Zeit nach der Rückkehr nach Offenburg Leiterin der hiesigen Stadtbücherei. Die Erlebnisse verarbeitet? Ich glaube kaum, dass das möglich ist „Die Vergangenheit ist nie vergangen“; sie holt einen immer wieder ein, kommt immer von neuem, ob man sich von Anfang an mit ihr auseinandersetzt – wie ich es tat – oder ob man versucht, sie zu verdrängen. Alle auf irgendeine Art Verfolgten holt sie ein, denn auch die Gegenwart ist eine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Brecht hat Recht, denn der Schoss ist fruchtbar noch und die Anfänge sind längst keine Anfänge mehr.![]()
SZ: Welchen Einfluss hatte diese Reflektion auf dein Leben, dein Engagement und deine Ideale? Wie hast du die Zeit der „Entnazifizierung“ erlebt? Dorothea: Du fragst nach der Entnazifizierung. Sie war von vornherein ein Fehlschlag. Sie entstand nicht auf der Grundlage von Einsicht wie z.B. die – sicher auch manchmal fehlerhafte – Wahrheitskommission in Südafrika, sondern auf Anordnung der Alliierten. Sie traf bei einem Volk, das ja von allem nichts gewusst hatte und im Widerspruch zu dieser Aussage nichts hatte dagegen tun können, auf Unverständnis. Ohne Einsicht von Schuld wird nichts auch nur annähernd gut. Wiedergutmachung – auch so ein schreckliches Wort. „Die Entnazifizierung sollte eine Befreiung von sämtlichen nazistischen Einflüssen werden.“ (Richard Bätz)![]()
Begutachtet wurde nach folgenden Gesichtspunkten:![]()
Hauptschuldige![]()
Belastete![]()
Minderbelastete![]()
Entlastete![]()
Jeder in der französischen Zone wurde entnazifiziert. Auch ich musste die entsprechenden Fragebögen ausfüllen. Wir Verfolgte wurden dann als „Entlastete“ eingestuft.![]()
Dieses Resultat erreichten nach Einspruch bei höheren Instanzen auch Belastete der Stufen 1-3. Manchmal war es berechtigt, für mich meistens zweifelhaft. Ich bekenne, dass auch ich einige „Persilscheine“ ausgestellt habe. Der eine oder andere hatte den Einsatz wirklich verdient, anderen war man für Selbstverständlichkeiten, die 1933/45 eben doch keine waren, dankbar. Mich hat das alles nicht mehr losgelassen. Aber mit dem Wort „Ideale“ kann ich nicht viel anfangen. Vielleicht weil die Nazis den Ausdruck vielfach missbraucht haben mit ihrem angeblichen und so verlogenen Hang zu hehren Idealen. Aber es gibt für mich Utopien, nicht oder selten erreichbar aber anstrebenswert, Hoffnung gebend, das Unerreichbare eben doch erreichbar zu machen. Ernst Bloch spricht vom Prinzip Hoffnung – Und Hoffnung hatte ich 1945. Ich hatte Weltverbesserungsideen. Ich hatte und habe einen Deutschen Pass, lebte und lebe in Europa und wollte und will bis heute gerne Weltbürgerin sein. 1945 glaubte ich wirklich, man würde Menschen wie mich hier brauchen. Aber – und dies immer noch - : man ist für die meisten Mitmenschen nur eine unerwünschte Mahnung an eine Zeit, die sie am liebsten vergessen würden. Wie schnell nach der Befreiung dieser Gedankengang aufkam, beschreibt Ralph Giordano in seinem Roman „Die Bertinis“.![]()
SZ: In wie weit hast du deine Ideale in der damaligen Politik wiedergefunden? Welche Hoffnungen waren damals mit „Europa“ verbunden? In wie weit siehst du die damaligen Ziele 60 Jahre nach der Befreiung vom Faschismus realisiert?![]()
Dorothea: 1945 habe ich mir vorgenommen, nie mehr den Mund zu halten, wenn Unrecht geschieht, mich einzumischen, Stellung zu beziehen. Ich frage mich oft, inwieweit ich das mir gegebene Wort verletzt habe. 1946 habe ich in Offenburg eine eindrucksvolle Rede von Carlo Schmid miterlebt – auch mit dem Europagedanken. Ich bin in die SPD eingetreten – immer mit Neigung zur USPD. Heute bin ich nicht mehr in dieser Partei. Ihre heutige Politik kann ich nicht mehr mittragen. Vielleicht würde sich eine SPD in Opposition wieder auf ihre alten Werte besinnen. Ich wünsche mir nach wie vor, dass ein Sozialismus mit menschlichem Antlitz, auf demokratischer Grundlage keine Utopie bleiben wird. Ich habe versucht, mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln zur Erreichung dieses Ziels etwas beizutragen. Ich könnte mir vorstellen, dass ich als Leiterin der Stadtbücherei Offenburg manchen nicht willkommen war, dass man – und das nicht ganz zu Unrecht – befürchtete, bei der Anschaffung der Bücher etwas zuviel linke Literatur vorzufinden. Nun wer z.B. Werke von Karl Marx nicht kennt, kann auch nicht darüber urteilen. Doch es gab auch Lob. Manche (r) war fasziniert über die Bestückung einer verhältnismäßig kleinen Bücherei mit Literatur zum 3.Reich und Faschismus. Veranstaltungen unter dem Motto: „Lesung, Musik und Diskussion“ rundeten das Bild ab.![]()
SZ: Du bist bis heute eine engagierte und politisch wachsame Frau, mit welchen Projekten beschäftigst du dich heute?![]()
Dorothea: Heute arbeite ich mit in der VVN-BdA, der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, Gewerkschaften, Arbeitskreis Asyl, der Aidshilfe, im Arbeitskreis Sozialtherapie und Strafvollzug. Zusammenarbeit mit Minderheiten: nie über deren Köpfe hinweg. Dies alles kann man auch ohne amtliches Ehrenamt tun. Aber, da „die Freiheit auch immer die Freiheit des Andersdenkenden ist“ (Rosa Luxemburg), bin ich gegen Verbote jeglicher Art, denn wo ist die Grenze? Ab und zu erreicht man auch durch Überzeugungsarbeit jemanden. Wenn der Wunsch an mich herangetragen wird, versuche ich dies in Schulen zu tun. Wie hat Martin Luther King gesagt: „I have a dream!“![]()
SZ: Dorothea wir bedanken uns für das Gespräch.
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