stattweb-News Ausgabe 10, 2010-05![]()
Güde, Fritz:
Am Beispiel Tucholskys: Ende der Satire -oder nur eines Satirikers?
News-Beitrag auf stattweb.de vom 15.Mai 2010
Am Beispiel Tucholskys: Ende der Satire -oder nur eines Satirikers? ![]()
[ Reprint eines Artikels zum fünfzigsten Todestag Tucholskys, erschienen 1985 in der Zeitschrift KOMMUNE ] ![]()
EIN KASPAR HAUSER,DER KEIN REITER WERDEN WOLLTE. ![]()
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Redaktionelle Vorbemerkung: ![]()
“Soldaten sind Mörder“.Damit ist er uns im Gedächtnis geblieben:Kurt Tucholsky.Schäuble drängelte -und Ehrensoldat Fischer musste sich gleich für ihn im Bundestag entschuldigen. So steht es inzwischen mit dem einmal so vielgerühmten Tucholsky.Er ist für die politisch Rechtgläubigen zur Peinlichkeit geworden. ![]()
Für die Kampfentschlossenen war er es schon lange.Was sollte das:gerade ,wenn die Sache brenzlig wurde, sich absetzen. Schon 1932 saß Tucholsky endgültig im Ausland -und schwieg offiziell. ![]()
Inoffiziell schrieb er süchtig weiter. Aber behielt es für sich.Was war das für eine Kampfmoral? ![]()
Die SS bekam 1935 nach seinem Tod den Brief an Hasenclever in die Hände, in dem er eingestand, “dass er nicht mehr wollte :nicht vom Café-Stühlchen aus in Paris ins Leere kläffen“.Da lobte die SS ihn -das erste und einzige Mal .Sollens doch alle so machen -die Kritikaster und Nörgler,die nicht einsehen wollen ,dass wir gesiegt haben. ![]()
Soll es bei diesem Urteil bleiben? ![]()
Er hat inzwischen Gesamtausgaben und Artikel bekommen. Tucholsky ist eingesargt worden in ihnen. Wir sollten ihm die Ruhe in diesem Sarg nicht gönnen. ![]()
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“Ich will ein Reiter werden, wie mein Vater einer gewesen ist.” Das sollen, der Überlieferung nach, die einzigen Worte gewesen sein, die das Findelkind Kaspar Hauser stammeln konnte, als es die ersten Schritte übers Kopfsteinpflaster Nürnbergs tat. ![]()
An dieses Verlangen, es einem Vater gleichzutun, der ein Fürst gewesen sein soll, hat Kurt Tucholsky sicher am wenigsten anknüpfen wollen, als er sich nach 1920 zu den vorhandenen drei Pseudonymen Kaspar Hauser als das vierte zulegte. Er dachte wohl eher an die Verse Verlaines: ![]()
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ZITAT : ![]()
Ich kam als stilles Waisenkind/ ![]()
in eure grossen Städte hinein;/ ![]()
konnt' nur aus großen Augen schauen . . . ![]()
Sie hielten mich für keinen Schlauen!” ![]()
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Der Fremde in der johlenden Stadt. Derjenige, der nicht dazugehört und staunt.Dabei hat doch Tucholsky von allen linken Schriftstellern den größten Erfolg gehabt bis auf den heutigen Tag. Er muss dem Volk wirklich aufs Maul geschaut haben, wenn er sein Ohr so lang besaß. ![]()
Wie geht das dann zusammen: das Bild des verkannten Fürstensohns, der aus der Verborgenheit auftaucht-und das des populären, weltläufigen Schriftstellers. Welche Verbindung sind beide eingegangen- und wie lange hat sie gehalten? Mythos Berlin ![]()
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Tucholsky war einer der ersten, die ein Bild von der Stadt Berlin entwarfen, das sie als riesiges, gefräßiges, lebendes Wesen darstellte. Verzehrend kam ihm die Stadt vor, wie aus den Briefen an seine spätere Frau zu entnehmen ist: und als verzehrend, rastlos und unersättlich hat er sie dargestellt. ![]()
In den achtziger Jahren plante man eine Ausstellung zum “Mythos Berlin“. Dabei ging man von einer überdimensionalen Guckkastenbühne aus oder, eher, von vielen Bühnen, auf denen Szenen aus dem Leben der Stadt dargestellt werden sollten. Kann aber vom Optischen her das Überwältigende einer Stadt erlebbar werden? Überwältigung heißt doch auch: Drinnenstecken. Der Betrachter einer Bühne aber ist immer draussen. ![]()
Tucholsky jedenfalls hat - wie später Döblin - seinen Mythos vom Akustischen her entworfen. Da ist erst einmal das pausenlose Telefonieren all seiner Berliner Akteure. Es gibt vielleicht in der ganzen Weltliteratur niemanden, der so oft über das Telefon geschimpft hat, und keinen, der den Sprechstil seiner Figuren so sehr durch das Telefon bestimmen ließ. Gehetzt reden sie alle, machen ihre Sätze nie fertig, röcheln, zischeln, wüten an der Strippe und verlieren alle Sekunden den Faden. ![]()
Sie kommen zu nichts, wie sie nicht müde werden zu beteuern, all die Wendriners und Lottchen, aber aufs Telefon würden sie um nichts in der Welt verzichten. Es ist die moderne Nabelschnur, durch die sie mit Mutter Berlin verbunden sind. Tucholsky vermittelt uns den Eindruck, dass durch die riesige Stadt unaufhörlich die Nachrichten fluten. ![]()
Was heisst: Nachrichten? Etwas Monströses kreist da, eine Sorte Blut, von dem nur das Rauschen wahrnehmbar wird, ein Rauschen, das die Ohrmuscheln anfüllt und überschwemmt. Nichts bleibt was es war bei dieser sehr lauten ,Stillen Post“, die niemals schläft. ![]()
Wendriner selbst tritt 1922 zuallererst am Telefon auf, in dem Augenblick, als die Postgewerkschaft zum Protest gegen die Ermordung von Walther Rathenau durch rechte Fememörder zehn Minuten lang alle Verbindungen lahmlegt. Wendriner, der jüdische Geschäftsmann, dreht in diesen zehn Minuten vor uns seine Gedankenkurven. Von ![]()
“wegen Rathenau. Sehr gut.Sehr richtig ist das.der Mann ist ein königlicher Kaufmann gewesen und unser grösster Staatsmann” ![]()
schafft er spielend den Übergang zu: ![]()
“Kateridee, deshalb das Telephon abzusperren. Davon wird er auch nicht lebendig ... Wer sperrt das Telephon ab, wenn ich mal nicht mehr bin? Meschugge, das Telephon abzusperren . . . Nu hör an! Da draussen gehnse demonstrieren ! Sieh doch-mit rote Fahnen-das hab ich gar gern! Was singen sie da? Fräulein. Mich kann die ganze Republik . . . Fräulein! Fräulein! Mein politischer Grundsatz ist .. Fräulein! endlich! Fräulein! Königstadt _!(Ges. Werke / III, 217) ![]()
Worin die politischen Grundsätze bestehen, brauchen wir nicht mehr zu erfahren. Die totale Unberührbarkeit des Juden Wendriner durch den Mord am Mit-Juden Rathenau spricht für sich. Dabei wurde der Mord ganz offen von Helfferich und den Deutschnationalen damit gerechtfertigt, dass der Friedensvertragsunterzeichner als Jude zugleich notwendig ein Vaterlandsverräter gewesen sei. ![]()
Gewiss hat Tucholsky den jüdischen Wendriner,diese Ausgeburt Berlins, gehasst und, mehr noch, verachtet. Und doch begleitet er ihn fasziniert, solange die WELTBÜHNE, in der er veröffentlichte, erschien-bis zum letzten “Wendriner unter der Diktatur” (1930). In einem Punkt prophetisch, nimmt Tucholsky damit eine Eigenheit vieler deutscher bürgerlicher Juden aufs Korn, die Hannah Arendt später in “Eichmann in Jerusalem” karikierte: die abergläubische Bindung an Gesetz und Verordnung. Wenn die Sachen nur überhaupt geregelt sind, sind sie auch gut geregelt.Na ja -gewissermaßen...... ![]()
Stellte Tucholsky deshalb die paradoxe Figur des “jüdischen Antisemiten” dar, wie Gershom Scholem in einem Brief an Hanna Arendt unterstellte ? Nur hat der aufrechte jüdische Antisemit, für den Scholem ihn hielt, in Wendriner allzudeutlich sich selbst gemalt, den wendigen Burschen, den flatterhaften, der von einem zum andern kommt, das Wesen, das vom Berliner Tempo geschüttelt wird. Wenn schon Antisemit, ist Tucholsky in gleichem Umfang ein Anti-Tucholsky. ![]()
Die Schilderung der Rathenau-Demonstration lässt sich nämlich auch anders verstehen: nicht nur als Kritik an Wendriners Gedankenlosigkeit, sondern auch als eine an der Schwäche der Gegenreaktion. ![]()
Denn nicht nur als Kaspar Hauser, der von Wendriner schreibt, hat Tucholsky den Rathenaumord kommentiert. Er sprach mit all seinen Namen darüber, nur nicht mit dem angestammten. Als Theobald Tiger schreit er die Stadt und darüber hinaus die Republik an: ![]()
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“Steh einmal auf! Schlag mit derFaust darein! ![]()
Schlaf nicht nach vierzehn Tagen wieder ein! ![]()
Heraus mit deinem Monarchistenrichter, ![]()
mit Offizieren-und mit dem Gelichter, ![]()
das von dir lebt, und das dich sabotiert, ![]()
an deine Häuser Hakenkreuze schmiert “. ![]()
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Unter eigenem Namen aber schrieb er kurz vor dem Rathenaumord ![]()
“was wäre wenn . . . Q, ![]()
und vor seinem inneren Auge sieht er die Stadt von verschiedenen illegalen Wehrverbänden in einem Putsch überwältigt: bekannte Linke werden abgeführt und erschossen, aber ... die Stadt bleibt ruhig. ![]()
Tenor: ![]()
“Man weiß doch, wo man dran ist!” ![]()
Das ist das Doppelgesicht dieser Stadt, das Vertrackte, vor dem Tucholsky selten unter eigenem Namen und häufig in der Rolle aller vier Pseudonyme rätselt: ist die Oberflächlichkeit, das Huschende aller Geschöpfe, die dies Berlin hervorgebracht hat, nicht doch ein Zeichen der Hoffnung? Wer flattert, haftet nicht, er geht weiter, er hängt nicht dem ollen Kaiser nach, dem Militär, den Richtern aus den Korps, all den Gespenstern , die Tucholsky fast so oft per Schreibmaschine schilderte wie ein George Grosz die seinen mit der Zeichenfeder. Aber ... Ist dies Allzuflüchtige der Berliner nicht doch nur hemmungslose Anpassungsbereitschaft, die Fähigkeit, die Gesäße einem jeden Stiefel zum Tritt entgegenzuwölben? ![]()
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Vor diesem Doppelgesicht der wimmelnden Stadt erwacht Tucholskys Angst. Angst, selbst im blossen Rollensprechen aufzugehen, durch Mimikry sich in seine Geschöpfe zu verwandeln. Dann gäbe es keine Rettung vor dem Verzehr durch den Moloch . ![]()
Schutzmaßnahmen sind nötig. Distanz. Der dienen zunächst die vier Pseudonyme selbst. Wer unter Pseudonym schreibt, der behält einen verborgenen Kern intakt, unberührbar. . Das Pseudonym erlaubt das Vorläufige. Das Vorläufige der Pseudonyme wird dem Vorläufigen der Stadt entgegengehalten. ![]()
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Distanz drückt Tucholskys ganze Haltung aus. Er, der mit Vorliebe hemdsärmelig schrieb, in einem von ihm schriftgerecht gemachten Berlinerisch, trat persönlich im Maßanzug auf, in Wintermänteln, die noch ein Täschchen für das Kavalierstüchlein hatten. Lebenslänglich die Abhängigkeit von der standesgemäßen Wohnung: ![]()
“lch will und will nicht, dass du herkommst, bevor ich nicht genau weiß, dass eine vernünftige Stütze in der weißen Schürze Dich in ... einer fertigeingerichteten Wohnung erwartet” ![]()
schreibt er mitten im Nachkriegselend am 29.Oktober 1919 an seine spätere Frau Mary Gerold. ![]()
Um dieser nie zu findenden Wohnung willen kam es lange nicht zu einem Zusammenleben mit ihr -und als es dann dazu kam, stellte sich schnell heraus, dass die Stadt stärker zog als die Frau. ![]()
Aus den Erfahrungen der Geldnot , die ihn in den Inflationstaumeln sogar nötigte, eine Privatsekretärsstelle bei dem Bankier Simon anzunehmen, zog Tucholsky die endgültige Konsequenz: er siedelte nach Paris um, damit er über Berlin schreiben konnte, ohne in ihm zu versinken. ![]()
Ein geringerer Abstand tat es nicht. ![]()
So begann Tucholskys freiwilliges Exil eigentlich schon im Jahr 1924. Das Wesen, das der andere sein sollte, Kaspar Hauser, konnte nur durch die dazwischengelegte Distanz sich einigen mit den Pseudonymen und mit der heimlich bewunderten Stadt Berlin Darin lag zweifellos eine Schwäche des Angriffs. Nicht nur, dass außerhalb der heimischen WELTBÜHNE die verschiedenen Perspektiven des Schriftstellers auseinanderdividiert werden konnten: es wurden z.B. in den Ullsteinblöttern nur die humoristischen Peter Panther-Stücke übernommen, von Naziblättern später ungefragt aber gerade auch die Wendrinerstories mit entsprechend beifälligem Kommentar. In der Distanz wurde Tucholskys Gesprächston selbst mehr und mehr zur blossen Sprechtechnik, sobald die genauen Kenntnisse zur inhaltlichen Unterfütterung weggedrückt werden konnten. Der Ton konnte isoliert gelernt und übernommen werden. Einer der trübsten Schreiber, Stein, der unter dem Namen “Rumpelstilzchen” schrieb und dessen Kolumnen in zahllosen Provinzblättern abgedruckt wurden, hatte zum Beispiel den leichten und huschenden Ton so sehr drauf, dass er 1932 im Tucholskyton das Verbot eines Tucholskychansons im Berliner Rundfunk (nach dem Papenschen Staatsstreich am 20. Juli 1932) glossieren konnte. ![]()
Der kennzeichnende Titel des Sammelbandes 1933 von Rumpelstilzchen: “Mang uns mang”genommen von dem Erzberliner Spruch “Mang uns mang ist keiner mang / der nicht mang uns mang gehört” (mang uns = zwischen uns). Da hatte freilich einer Tucholsky beerbt, der keine Distanz nötig hatte.Er hockte im Kuschelmief: Und Berlin war ihm nichts als ein überdimensionales Sofa, auf das die Richtigen gehörten. ![]()
Wer 1933 nicht dazugehörte, muss nicht eigens betont werden. Also musste am Ende der draußen bleiben, der anfangs freiwillig die Flucht ergriffen hatte. Musste es soweit kommen? Hatte Tucholsky mit den falschen Waffen gekämpft, wie er sich nach 1933 in den Briefen immer wieder vorwarf? ![]()
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Lehrer ohne Klasse ![]()
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Tucholsky hatte sich von Anfang an auf die Aufklärung berufen, und zwar gerade auf die Berliner Art. Auf Nicolai zum Beispiel, den von den Romantikern wegen seiner Aufdringlichkeit so fertiggemachten. Demokratie, öffentliche Kontrolle, vernünftige Regelung der öffentlichen Angelegenheiten, Appell an das Denkvermögen der Massen: all das hat sich Tucholsky von Anfang an zu eigen gemacht. ![]()
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Wie oft finden sich in seinen Aufsätzen Wendungen, wie “man muss“, noch häufiger: “man muss auch nicht“? Volkstümliche Regelsammlungen durchziehen sein Werk: “Zehn Gebote“, “Merksätze für Geschworene“, “Merksätze für einen schlechten Redner” bis hin zu einem der letzten schriftlichen Zeugnisse, dem letzten Brief an seinen Bruder Fritz, der im Begriff stand, nach den USA auszuwandern. (Vergleiche Kurt Tucholsky: Politische Briefe, rororo 1183, 1969, Brief vom 8.12.35, S. 112 ff.) Nichts falscher als der verbreitete Vorwurf, Tucholsky habe nur genörgelt und keine ![]()
Handlungsvorschläge gemacht. Meist hatte er einen ganzen Katalog parat. In “Die zufällige Republik” nimmt er den Rathenaumord zum Anlass, um zu fordern: ![]()
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“1.Umwandlung der Reichswehr in eine Volksmiliz ![]()
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2. Entmilitarisierung der Schutzpolizei ![]()
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3. Reformierung der Justiz ![]()
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4. Demokratisierung der Verwaltung; Beachtung aller Beschwerden gegen Beamte ![]()
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5. Stärkung des Reichs den Ländern gegenüber ![]()
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7. Amnestie aller politischen Häftlinge, soweit sie republikanisch sind ![]()
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9. Vor allem aber: Aufklärung und Propagierung der neuen Ideen einer neuen Republik.” ![]()
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Das ist zwar nicht übermäßig konkret, aber immerhin Vorschlags genug in der Eile, eine Woche nach dem Attentat! Das Problem liegt nicht in der mangelnden Konkretion, sondern in der schlichten Frage: Mit wem? Mit wem sollen die Maßnahmen durchgesetzt werden? ![]()
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Kennzeichnend für die Verlegenheit des Aufklärers ist Vorschlag fünf. Tatsächlich handelt es sich hier nicht um eine Anwandlung Tucholskys. Noch nach 1933 lobte er-als Gutes im Schlechten-die Abschaffung der Länderkompetenz durch Hitler. Mangels anderer Erzwingungsmöglichkeiten träumte Tucholsky zumindest in der Frühzeit der Weimarer Republik allen Ernstes davon, dass ein-trotz allem- aufgeklärtes Preußen, genaugenommen: sein Berlin-die reaktionäre Provinz zu ihrem Glück zwingen könnte. Es scheint, dass Tucholsky in dieser Phase durchaus geneigt gewesen wäre, die geschriebene Verfassung der Weimarer Republik und die ungeschriebenen Rechte des einzelnen Menschen in eins zu setzen. ![]()
Diese Verwechslung - und dazu noch die der Zentralverwaltung mit dem Einzelrecht-könnte nach den seitherigen Erfahrungen-kaum jemand noch teilen. Wieviel Maßnahmen gegen KKW 's -um nur die zu nennen -sind bisher regelmäßig am Bund und seinem Vorrecht gescheitert. In dieser Sonderform stellt sich Tucholskys Problem heute nicht mehr. ![]()
Wohl aber in einer allgemeineren, wie sie der Schriftsteller nach dem Ende der USPD, der er angehört hatte, aufwarf. Auch in den letzten Jahren der Weimarer Republik blieben seine Themen die gleichen: die reaktionäre Justiz, der ungebrochene Militarismus und die unkontrollierbare Reichswehr, die Feigheit und Schwäche der demokratischen und der Linksparteien, vor allem der SPD. Positiv gesagt: dem allem setzte er das verletzte Recht des Einzelnen-etwa das eines Toller oder eines Mühsam- entgegen, die in der Festung saßen. Nur der Glauben an die Zentralbehörden hatte inzwischen Abschürfungen bekommen.... ![]()
In den letzten Jahren der Republik finden wir-wie bei Ossietzky-eine vorsichtige Annäherung an die KPD. Er schrieb in der Illustrierten der Partei -AIZ , veröffentlichte sein Buch “Deutschland, Deutschland, Über alles” in Münzenbergs Verlag, stellte Songs für Kabaretts der KPD zur Verfügung. Etwas halbherzig hoffte er nun wohl, dass die Arbeiterklasse (und von deren Organisationen traute er der KPD immer noch am meisten zu), wie es im Lied heisst, “das Menschenrecht erkämpfen”werde. Selbst hat sich Tucholsky nach dem Ende der USPD einer Organisation nicht mehr angeschlossen. Die Vorträge, die er hielt, Lesungen, die er veranstaltete, die Leserkreise der Weltbühne waren für sich selbst offensichtlich nicht ausreichend, um kollektive Handlungsmöglichkeiten zu schaffen ![]()
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Ist da ein anderesEnde als Ermüdung absehbar in einem Kampf, der schon gar nicht die Vereinheitlichung der Interessen am Ende verspricht? Und: wie kann der einzelne isolierte Intellektuelle mit seinem Verlangen nach seinem allerpersönlichsten Recht sich überhaupt mit jedem beliebigen anderen verbinden? ![]()
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Die Schwierigkeiten dieser bis heute nicht gelösten Aufgabe lassen sich an der Zusammenarbeit Tucholskys mit den Arbeiterorganisationen untersuchen. ![]()
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Eins der bekanntesten Gedichte, heute in allen Lesebüchern abgedruckt, “Mutterns Hände“, hat Tucholsky 1929 in der AIZ veröffentlicht: ein Stück Rollenprosa, diesmal ohne den Schutz des Pseudonyms. Tucholsky hatte freilich ein total anderes Bild seiner eigenen Mutter: das vergaß er um der Aufgabe willen. Was er ablieferte, war eine proletarische Replik auf Dürers Bild seiner Mutter, der verhärmten, rechtschaffenen -und abgeschafften alten Frau. ![]()
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Deutlicher wird das Uneigentlichsprechen noch bei dem Gedicht “Fragen an eine Arbeiterfrau“, das ebenfalls in der AIZ (1928) veröffentlicht wurde: ![]()
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“Bist du sein guter Kamerad ![]()
Und stehst an seiner Seite_? ![]()
Und bist du ihm auf jedem Pfad ![]()
Im Kampf mit diesem Klassenstaat ![]()
Gesellschaft und Geleite_? . . . ![]()
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Und ist dein Herz denn auch dabei? ![]()
Seid ihr die richtige Zweiheit? ![]()
Und machst nicht nur die Kocherei? ![]()
Und tust auch was für die Partei? ![]()
Für Licht und Luft und Freiheit?” ![]()
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Nie wäre der grosse Erotiker auf die Idee gekommen, so ein Gedicht für seine Claires oder Marys oder Lottchen zu schreiben. Hier steht einmal ein Lehrer vor seiner Klasse: Ignaz Wrobel in Reinkultur-und gibts den andern, er.der, wie sehr er sich auch bemühte, doch nicht zum Mitmarschierer werden konnte. ![]()
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Noch in den Beschwörungen, die sich in den Arbeiten der Jahre von 1928-1930 häufen, zeigt sich die Unbehaglichkeit des Schriftstellers: so oft er beteuert, es seien nur die Gewerkschaftsfunktionäre und Bonzen, die Herren in Maßanzügen etwas befremdlich fänden, der einfache Arbeiter denke sich da nichts bei: es spricht doch unverhohlen die Schwierigkeit daraus, das gewohnte Milieu zu verlassen. ![]()
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So blieb die Verbindung zu den Organisationen der Arbeiterklasse äußerlich. Und doch hatte Tucholsky riesigen Einfluss: nur gerade nicht mit den Werken, die ausdrücklich zum Gebrauch der kämpfenden Massen geschrieben waren. ![]()
Von seinem ersten Kurzroman “Rheinsberg” sagt er anlässlich des hundertsten Tausends selbst, dass eine ganze Generation danach “vom Blatt geliebt” habe. In der Gestaltung des privaten Lebens war Tucholsky also unschlagbar. Wieso musste er_im Exil später bitter bemerken, dass all sein Einfluss nicht ausgereicht habe, um auch nur einen einzigen Schupo abzusetzen? ![]()
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Ohnmacht hing hier wohl mit Macht zusammen: beides beruhte auf der Fähigkeit, sich dem Gerede preizugeben. Nämlich den in der Umgangssprache verankerten Wertvorstellungen. Als richtiger Aufklärer ging Tucholsky davon aus, dass der gesunde Menschenverstand die am gerechtesten verteilte Sache der Welt sei. Wie oft findet sich nicht der Appell an den “anständigen” Menschen in seinen Arbeiten? ![]()
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“Was an wirklichen Führerqualitäten im deutschen Volke steckt, hat man während des Krieges in brenzlichen Situationen dann gesehen, wenn der abgestempelte Achselstückträger Fehlanzeige gemeldet hatte und die Leute - besonders auf kleinen Kommandos-auf sich angewiesen waren Wo sind sie? Wo sind all diese, die durch ihre Existenz der brillentragenden Juristenclique einen Schreck ins Gebein jagten, weil die durch bunte Bierbänder geeinte Beamten-Genossenschaft mit beeidetem Hintern deutlich fühlte, wie hier Leute ans Ruder zu kommen drohten, die gar keine Paragraphenkenntnis, aber sehr viel gesunden Menschenverstand besassen.” (Kurt Tucholsky: DeutschesTempo, hrsg. von Mary Gerold-Tucholsky und Fritz Raddatz, Hamburg 1985, S. 288 f.) ![]()
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Das war nun zweifellos wirkungsvoll, solange es auf Leser traf, die in einer Stimmung lebten, die jedem Einzelbegriff seine Interpretation zuwies. Nur dass die umgangssprachlichen Wertungen ohne Theorie sofort zur Allzweck-Heftklammer sind: Wie Himmler das Wort “anständig” enteignet hat, um die Unversehrtheit der SS-Henker vor Leichenhaufen zu kennzeichnen, ist bekannt. Aber auch die “Führerqualitäten“, der Hass gegen die “brillentragende Juristenclique” konnten, aus ihrem Kontext gelöst, ganz anderen Stimmungen und Zielen dienstbar gemacht werden. ![]()
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Die Zeitgebundenheit und Stimmungsabhängigkeit der Diktion Tucholskys machten ihn selbst wehrlos und angreifbar. Kaum vier Jahre von Deutschland entfernt, klagt er: ![]()
“Ich spreche nicht mehr das Deutsch, das heute gesprochen wird . “ ![]()
Damit untertrieb er noch: in Berlin wurde immer noch das kesse Deutsch gesprochen, das gerade er populär gemacht hatte: nur hatte es jetzt die Stimmung der Aufgekratztheit zu verbreiten, der munteren Unentwegtheit, der frischen Sturheit jener, die durch Dick und Dünn zusammenhielten mit den Leuten, denen j e t z t die Führerqualitäten zuerkannt wurden. ![]()
Musste da einer sich nicht zurückziehen, um nicht dauernd “drauszukommen“, wenn den eigenen Worten durch unerbetene Souffleure ein anderer Sinn unterlegt wurde? Die tiefe Zerrissenheit des späten Tucholsky ist aus dieser Not zu erklören. Der Aufklärer, der Kämpfer für das Menschenrecht, der zu den organisierten Massen den Zugang nicht findet, dem all sein Einfluss auf die unorganisierten Menschen sich ins Gegenteil verkehrt: Muss er nicht in eine unaufhebbare Lebensschwierigkeit kommen? ![]()
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“Und wenn alles vorüber ist, wenn sich alles totgelaufen hat: der Hordenwahnsinn, die Wonne, in Massen aufzutreten, in Massen zu brüllen und in Gruppen Fahnen zu schwenken, wenn diese Zeitkrankheit vergangen ist, die die niedrigen Eigenschaften der Menschen zu guten umlügt; wenn die Leute zwar nicht klüger, aber müde geworden sind; wenn alle Kampfe um den Faschismus ausgekämpft und wenn die letzten freiheitlichen Emigranten dahingeschieden sind:dann wird es eines Tages wieder sehr modern werden, liberal zu sein. Dann wird einer kommen, der wird eine geradezu donnernde Entdeckung machen: er wird den Einzelmenschen entdeckenö (zitiert nach Rühle: Die Schriftsteller und der Kommunismus in Deutschland, Kiepenheuer und Witsch, Köln_ Berlin 1960, S. 37). ![]()
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Rühle wertet diese Worte von 1931 als “Vermächtnis und Aufhebung der Linken“. Wenn es dabei geblieben wäre, dann hätte Rühle freilich recht. Dann wäre aber nicht von Zerrissenheit des Aufklärers zu sprechen. Tucholsky wäre als zufriedener FAZ-Korrespondent vor der Zeit gestorben. ![]()
Nur dass es aus demselben Jahr 1931 einen zweiten, mindestens so bekannten Text gibt, der mit genau demselben zeitraffenden, zukunftvorwegnehmenden Gestus anhebt: ![]()
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“Eines aber möchten wir in absehbarer Zeit gewiss nicht hören: das jammervolle Geächz der aus der Regierung herausgeworfenen Sozialdemokraten, weil man sie dann gerade so behandeln wird, wie sie heute den Reaktionären helfen, die Arbeiter zu behandeln . . . Da werden sie dann die Mottenkisten aufmachen, in denen-ach ist das lange her-die guten alten Revolutionsjacken modern, so lange nicht getragen, so lange nicht gebraucht. werden ihnen zu eng geworden sein. Und dann frisch als Sansculotten maskiert, vor auf die Szene. ,Die Partei protestiert auf das nachdrücklichste gegen die Gewaltmaßnahmen . . . ' Herunter! Abtreten! Faule Äpfel! Schluss! Schluss! . . .Alles gut und schön. Aber erzählt uns ja nichts von: Recht auf die Strasse; Polizeiwillkür; Verfassung; Freiheit . . . erzählt sonst alles, was ihr lustig seid. Aber dieses eine jemals wieder zu sagen-: das habt ihr verscherzt.” (IX, 294 ![]()
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Als die letzte SPD-Regierung, die von Preußen, wenige Monate später wirklich von Papen gegangen wurde, erzählte der Volksmund (laut Harry Graf Kessler), der vorgesehene Reichskommissar habe Severing, der angeblich nur der Gewalt weichen wollte, devot gefragt: “Wann befehlen Herr Minister die Gewalt? (H. Graf Kessler: Tagebücher, Inselverlag, ed. Pfeiffer-Belli, 1961, S. 691). ![]()
Tucholsky kannte seine Pappenheimer. Aus welcher Position spricht er aber hier? Ist es die der KPD? Und wie steht es mit der Absage an den Kampf um die Menschenrechte im letzten Satz: hat die SPD wegen ihres “Verrats” (Tucholsky gebraucht die volkstümliche Vokabel unbefangen) das Recht verloren, mitzukämpfen - oder sind diese Rechte damit selbst nur zu SPD-Illusionen, Sprechblasen für Festreden, geworden? ![]()
In diesem fast dramatisch aufgebauten Text bewegt sich Tucholsky wieder im Umkreis einer bestehenden Stimmung: der Wut auf die SPD, weil sie ihre Versprechungen nicht erfüllte und alle Erwartungen enttäuschte. Tucholsky teilt dieses Gefühl aus vollem Herzen. Nur wird damit unklar, wie er die Forderungen nach den Rechten des Einzelnen durchsetzen will. Und noch einmal: mit wem? ![]()
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Einer, der Tucholsky im Lehrertum nacheiferte, nur leider immer seltener in der Fulminanz, Günter Grass nämlich, hat die Verleihung der Ossietzkymedaille am 9.12.1968 dazu benutzt, Ossietzky und Tucholsky nachträglich wegen solcher und ähnlicher Texte zu verwarnen: ![]()
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“lch bin nicht bereit, eine Tradition (Ossietzkys und Tucholskys) fortzusetzen oder gar kritiklos zu feiern, die dem Grabgesang der Weimarer Republik zwar nicht die Melodie und den Rhythmus, aber doch eine der vielen Strophen gewidmet hat. Wie sagte Tucholsky, als er Mitte der zwanziger Jahre seinen Spott über das sozialistische Reichsbanner ausgoss: ,Diese Republik ist nicht die meine!' Und selbst in der Emigration wollte die Selbstzerfleischung der deutschen Linken nicht aufhören. Ich habe meine Lehren gezogen.” (Grass: Über das Selbstverständliche, dtvreport 579, 1969, S. 203) ![]()
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Wird uns also der brave Grass retten, wenn es das nächste Mal so weit ist? Nur verrät er uns leider nicht, was Tucholsky hätte anders sagen sollen. Er befand sich in aussichtsloser Lage : was er wollte, war, für sich und seinesgleichen die Lebensluft zum Atmen und die Ellbogenfreiheit zum Ausfahren zu sichern. Zugleich fand er niemanden, mit dem zusammen er das hätte erkämpfen können. In dem “Nein“, das er da ausspricht, steckt aber überdeutlich eine Aufforderung: schafft Bedingungen, in denen der Kampf möglich ist. Für den Schriftsteller, den Satiriker war dies das einzige. ![]()
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Das Ende der Satire ! ![]()
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Die SPD-Zeit war den grossen Satirikern Kraus und Tucholsky eine wahre Erntezeit. Das lag weniger an der persönlichen Gehässigkeit der beiden Schreiber, es lag einfach an dem Auseinanderklaffen von Anspruch und Wirklichkeit. Der vorher angeführte Text gegen die SPD entfaltete das gleich zu einer kleinen Szene: die Schauspieler verlassen die Bühne, merken, dass die alten Fräcke zu eng sind, müssen trotzdem auf das Repertoire der “Sansculotten“, also das Erbe der Aufklärung und der französischen Revolution, zurückgreifen, treten vor und kommen ins Faulapfelgewitter. Die SPD konnte ohne die Revolutionsfahne nicht existieren, so verschlissen die auch sein mochte. Damit forderte der Kontrast aber ewig zum Gelächter heraus. ![]()
“Zu Hitler fällt mir nichts ein.” Karl Kraus musste die Waffen senken vor einem, der doch nachweislich viel schlimmer war als alles, was er bisher angegriffen hatte. Tucholsky fiel zwar einiges ein: aber es fiel kraftlos aus im Vergleich zu dem, was er über die SPD geschrieben hatte. Warum? ![]()
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Joebbels ![]()
Mit dein Klumpfuss_sieh mal, bein andern ![]()
da sacht ich nischt; det kann ja jeda ham. ![]()
Du willst als Recke durch die Jejend wandern ![]()
un passt in keen Schützenjrahm? ![]()
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Im Sportpalast sowie in deine Presse, ![]()
da haste eine mächtich jrosse Fresse. ![]()
Riskierst du wat?_De Schnauze vornean. ![]()
Josef, du bist'n kleener Mann . . .” ![]()
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Da wird zwar ein Gegensatz aufgegriffen: der zwischen dem Anspruch auf Heldentum und der körperlichen Unfähigkeit dazu. ! Nur: das ist nicht, wie bei dem: SPD-Beispiel, ein im Wesen liegender Gegensatz, sondern ein zufälliger. Und dann: die von der SPD “verratenen” Ideale der Sansculotten waren Tucholskys eigene. War es auch sein eigenes, “was zu riskieren“, in einen “Schützenjrahm” zu passen? Wahrscheinlich nicht. ![]()
Die Satire an den Nazis musste misslingen, weil diese die Ideale ganz offen einzogen. Sie liessen sich an nichts messen. Sie wollten sich selbst genügen. Ihr monströses Dahinrasen war nicht mehr satirisch darstellbar, weil keine Gangart daneben gestellt werden konnte, die die “eigentlich” geforderte gewesen wäre. Das Lügen der Nazis etwa -Bloch hat es in “Erbschaft dieser Zeit” akribisch klassifiziert-entzieht sich der Satire. Die Nazis erheben schon gar nicht mehr den Anspruch, eine Wahrheit zu besitzen, die allen Menschen zugänglich sein sollte. Wenn die Rasse nur sich selbst versteht, was will denn da ein Kläffer von außerhalb? ![]()
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Ein Beispiel mag das Problem verdeutlichen: Kraus hat eine seiner besten Satiren geschrieben über die Hure, der es zu Kaisers Zeiten gelingt, im Bordell Ärgernis zu erregen. Ja, wie kann man das? Antwort: durch Tragen einer Kriegsverdienstmedaille an diesem Orte, “nicht für sie gebaut” . ![]()
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Gegenbeispiel:Mitscherlich dokumentiert in seinem Band “Medizin ohne Menschlichkeit” die sittliche Entrüstung eines SS-Offiziers, der ein blondes arisches Mädchen im Lagerbordell von Buchenwald entdecken muss.. Die Menschenquälerei, die Vernichtungsvorrichtungen erschüttern den Offizier nicht, auch nicht, dass es im hochsittlichen Dritten Reich überhaupt Lagerbordelle gibt; nur das eine: dass eine Arierin sich zu so etwas hergibt._ So monströs der Vorgang ist, die satirische Absicht fasst ihn nicht. Ein Gegensatz ist da, aber einer, der sich nur in einer geschlossenen Wahnwelt entfalten kann, zu der wir keinen Zugang haben. ![]()
So klebt Tucholsky fassunglos am Volksempfänger ,als der Führer spricht. ![]()
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“Der Führer hat das Wort. Immerhin, da sollte nun also der sprechen,vom Apparat weg und ich gestehe, ich hörte mit dem ganzen Körper hin. Und dann geschah etwas sehr Merkwürdiges .Dann war nämlich gar nichts. Die Stimme ist nicht gar so unsympathisch, wie man denken sollte-sie riecht nur etwas nach Hosenboden, nach Mann, unappetitlich, aber sonst geht's. Manchmal überbrüllt er sich: dann kotzt er. Aber sonst: Nichts, nichts, nichts. Keine Spannung, keine Höhepunkte, er packt mich nicht, ich bin doch schließlich viel zu sehr Artist, um nicht noch selbst in solchen Burschen das Künstlerische zu bewundern, wenn es da wäre. Nichts. Kein Humor. keine Wärme, kein Feuer, nichts.' (Kurt Tucholsky: Politische Briefe, 4.111. 33_an Hasenclever, S. 12) ![]()
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Der Einsame vor dem Radio, all seiner Arbeitsmittel beraubt. Berlin vom Zerrbild seiner selbst besetzt, alle Gruppen niedergeschlagen oder-in Tucholskys Augen-erbärmlich, mit denen er den Kampf ums Recht des Einzelnen hätte führen können. Die Satire: ausmanövriert von jener Art Realpolitik, die nur noch real war, sich selbst wollte und sich aus der Menschheit herausgeschält hatte (und daran hat sich auch in der Nachkriegszeit nicht viel geändert). ![]()
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Gewiss, Tucholsky litt im Exil auch körperlich.Er wurde x-mal an der Nase operiert. Die Nase, die nichts mehr roch, die vielen Operationen, das war gewiss real-zugleich aber auch eine Verkörperung des Gefühls: ich krieg die Atmosphöre nicht mehr mit. Ich bin ausgeschaltet. Schärfste Vorstellungskraft konnte das Leiden nur verstärken: ![]()
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“Bleibt es nicht, so kann es nur abgelöst werden, von andern, die das ja mitgemacht haben, die nur gewisse böse Formen ablehnen, und zu denen soll ich zurück?-Nach der Melodie ,Na da sind Sie wohl froh, dass Sie das nicht mitgemacht haben? Was wir hier ausgehalten haben?' _ Oder gröber: ,Seien Sie froh, dass ich Sie nicht in meinem Konzentrationslager gehabt habe . . . ' Und auf alle Fälle: ,Diese alten Taktlosigkeiten hören nun auf_ Sie dürfen hier bleiben, aber nur, wenn . . . “' (ebenda, an Hasenclever, Juli 1934, S. 44 f.) ![]()
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Genau so war es dann nach 1945. Auch zehn Jahre abwarten hätten dem armen Tucho nichts mehr genützt. Mit der Satire war und ist es seither aus. ![]()
Kaspar Hauser-ohne Nürnberg. Kaspar Hauser _ nur noch absagend an die Väter hoch zu Ross. Er wollte kein Reiter sein. ![]()
Weihnachten 1935 war es dann so weit.Das Geld war alle, der Feind allmächtig. ![]()
Im Abschiedsbrief an seine (inzwischen von ihm geschiedene) Frau war es Ibsens “Peer Gynt“, dem er sich verglich: ![]()
“Da kraucht der Held gegen den Schluss hin im Wald herum, kommt an die Hütte, in der dieses Schokoladenbild, die Solveig, sitzt, und sie singt da irgendetwas Süßliches. Aber dann steht da, ,er erhebt sich totenbleich' . Und dann sagt er vier Zeilen. Und die meine ich.” ![]()
Sie sind in einem Brief, der sechzehn Jahre früher geschrieben worden war, schon einmal zitiert: ; ![]()
“Einer, der sein Leben verspielt_ und eine, die wartend sass_ ![]()
Eine, die Treue hielt, und einer,der vergass.” (Unser ungelebtes Leben, a.a.O., S. 546, 282) ![]()
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Unmittelbar zielen die Verse auf das Versagen vor der Frau. In zweiter Lesung zeigt sich aber, dass Tucholsky, nun entblößt von allen Pseudonymen, die er bisher vorgeschickt hatte, sich selbst als beides sah. Fast monoman hatte er seine Themen festgehalten, von den Tagen der Novemberrevolution bis zu denen des Verstummens. Insofern war er, “wartend” auf die Erfüllungen der Versprechen von 1918, wirklich “ltreu” an derselben Stelle geblieben- und hatte sich doch in all seinen Mimikrys und Rollen preisgegeben, “verspielt“. Treue hatte er den Idealen von damals gehalten, aber es war kein Leben mehr in ihnen; “vergessen” hatte er in einem uneigentlichen Sinn: in dem erbittert durch alle Briefe der Exilzeit hindurch wiederholten Refrain der Absage: ![]()
“Das geht mich alles nichts mehr an.” ![]()
Dass es mit den großen Organisationen der Arbeiterklasse nichts mehr ist, gilt inzwischen überprüft oder nicht -als Gemeingut. Was liegt näher, als in dieser Verlegenheit sich der älteren Vorstellung vom “Dichter” (und Schriftsteller) als “Führer” zuzuwenden. Die Überprüfung des Beispiels Tucholsky zeigt, dass auch auf dieses Modell nicht unmittelbar zurückzugreifen war.Er bleibt uns als Fragezeichen erhalten.![]()
Quelle: Reprint aus KOMMUNE, Dezemberheft 1985
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