stattweb.de LogoStattzeitung Logo (2)

Artikel


Stattzeitung für Südbaden Ausgabe 58, 2004-09

Güde, Fritz:
"Wenn ihr euch totschlagt, war es ein Versehn..."
Der erste Weltkrieg- wie neu (zur Wiederverwendung)

Der SPIEGEL war früh dran: schon zu Jahresbeginn kam er mit einer Serie zum Ersten Weltkrieg heraus, dann mit einem Dokumentenband, schließlich mit einem üppigen Buch: DIE UR-KATASTROPHE DES 20. JAHRHUNDERTS. Inzwischen haben sich andere angehängt: Friedrich in der WELT hat 1917 für uns nachträglich schon fast gewonnen.

Die Pointe bei all diesen Versuchen: Keiner war schuld. Es ist einfach geschehen. Rührend malt der SPIEGEL den Kriegsausbruch aus: es passierte ja alles

mitten in den Ferien. Die leitenden Staatsmänner und Generäle mussten eigens zurückgeholt werden. Und dann die Mechanismen... Jeder hatte seinen Plan im Tresor. Wir Deutschen eben den von Schlieffen, der vorsah, dass an der Ostfront gegen Russland nur einfach die Front gehalten wurde, bis im Westen – über Belgien - Frankreich im Blitzkrieg geschlagen worden wäre. Dann alle Macht gegen die Russen, die ja ohnedies zu lang zum Aufmarsch bräuchten. Dass das so weit kam, geschah nur, weil das Deutsche Reich Österreich zu sehr nachgab. Es gab ihm leichtfertig Vollmacht gegen Serbien, das sich durch Unterstützung des Attentats gegen den Thronfolger schuldig und angreifbar gemacht hatte. Dass dann Russland zur Stützung Serbiens eingriff, Frankreich zur Stützung Russlands, England zur Stützung Frankreichs – und dass der Schlieffenplan die Verletzung der belgischen Neutralität voraussah- es passierte eben. Es ist einfach so geschehen...

Retro-Mode in der Geschichte

Genau so habe ich das vor über fünfzig Jahren in der Geschichtsstunde auch schon gehört. Lloyd George, einer der großen englischen Durchhaltekrieger, gab nachträglich das Motto dazu aus: „Wir sind in den Krieg einfach hineingeschlittert“. Auch damals schon, um unbefangen neu anfangen zu können. Für deutsche Ohren hörte sich das besonders gut an: dann gab es ja keine besondere deutsche Schuld am Krieg. Eins vor allem entfällt bei all diesen Darstellungen: der Imperialismus. Der beherrschte damals alle entwickelten Industrienationen Europas. Insofern ließe sich daraus eine Entschuldungsthese auf höherer Ebene zimmern: dann waren eben doch alle gleich schuld. Nur klärt das die Frage nach der Absicht zum Angriff nicht völlig. Wenn auch tatsächlich Frankreich, England und Russland nicht weniger imperialistisch waren als das Deutsche Reich- diese Länder hatten ihre Kolonien und Beuteländer schon weg, waren relativ satt. Angreifen muss der Hungrige- der zu spät Gekommene, der auch noch was abhaben will. Schon Jahre vor Kriegsausbruch hatte Kanzler Bülow geschrien: „ein Platz an der Sonne“- für uns Deutsche. Tatsächlich hatte das Deutsche Reich unter Kaiser Wilhelm II dann aufgerüstet: vor allem im Flotten-bau. Und Werbung dafür gemacht. Die Matrosenanzüge, in die noch wir als Kinder gesteckt worden waren, sollten die Sache populär machen. Dahinter stand der mächtige deutsche Flottenverein- als Reklamepuster. Ebenso die sogenannten Alldeutschen. Die hatten im tiefen Frieden schon ihre Pläne parat. Was könnte man denn noch alles ins Deutsche Reich holen?

Die Schwäche nur: das Deutsche Reich gab zwar prozentual zeitweise am meisten für die Aufrüstung aus- aber musste damit rechnen, dass alle anderen nachzogen. Was auch geschah. Dann war gegen die Masse der potentiellen Feinde nicht mehr durchzukommen. Also musste möglich früh losgeschlagen werden... Ziemlich deutlich wird das in einer Äußerung des damals zuständigen Reichskanzlers Bethmann-Hollweg zu dem jungen Historiker Riezler, der es in seinen Tagebüchern sinngemäß festgehalten hat: “Jetzt ist es noch möglich, schon ein Jahr später wären wir überholt“. Was man neudeutsch Zeitfenster nennt- das eben gerade noch geöffnet wäre.



[Seitenanfang]

[Impressum] [Kontakt]
stattweb.de: Stattzeitung für Südbaden im Internet - Sonntag, 12.Februar.2012, 01:17Fake - Nicht klicken! Do not click here!Counter