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Artikel


Stattzeitung für Südbaden Ausgabe 34, 1997-12

Güde, Fritz:
Unistreiks: Das Politische am Unpolitischen
Aus den Tiefen der Erkenntnisgruben: Der Schrei nach dem Förderband

Als Kohl den Studierenden Ende November so nett über die Schädel strich, da lobte er an ihnen eines, und das war ihm das liebste: die wollen nur Knete, wie wir alle-aber sie denken sich nix dabei! Bedeuten tut das gar nichts.

Abfiel mit einem Mal die Qual der Schmunzelgrimasse... Für einen Augenblick wurde Kohl aufrichtig. Nach Geld darf man heutzutage heulen, winseln, gieren, schnappen... Da man es normalerweise ohnedies nicht bekommt, ist der Wunsch unschädlich. Bißchen Bewegung an der frischen Luft im Bonner Hofgarten! Is' doch gesund...

Die Frage ist nur, ob es dabei bleibt, dabei bleiben kann. Daß es unmöglich ist, zugleich nach acht Semestern sein Examen zu machen (das war es vor fünfunddreißig Jahren schon) - und auf den Eintritt ins erste Proseminar ein Jahr zu warten, liegt auf der Hand. Daß auch nach dem Studium der bescheidene Wunsch unerfüllbar geworden ist, sich in seinem Fach auf dem laufenden zu halten, darüber belehrt der Besuch des nächstbesten Lesesaals. Standen dort früher wenigstens die wichtigsten Fachzeitschriften bereit, so schaut der «le-benslängliche Weiterbildner» (Rüttgers) heu-te meist betrübt in einen leeren Karton. Auf der Frontseite klebt noch ein Titelblatt aus besseren früheren Tagen. Drin: ein Zettel: man habe leider das Abonnement einstellen müssen; ein paar Restexemplare früherer Nummern seien bei der Aufsicht einzusehen. Bleiben wir eben dumm! Vergnügte Wiederkäuer, die jahraus, jahrein die selben Schnitten bähen...

Der Schrei nach mehr Geld für mehr Bücher, mehr Zeitschriften ist völlig berechtigt, nur führt er nicht weit. Die Parole «Geld ist genug da» - sie ist ja nicht falsch, nur klebt sie noch immer am Fetisch. Träumerisch gafft der Blick nach den Riesensummen, die Börsentag für Börsentag um den Erdball hecheln... Dem Vernehmen nach soll es sich inzwischen um Billionen handeln. Wäre von diesen Zeichenwolken, die über den weiten Himmel ziehen, nicht ein wenig erfrischendes Naß abzumelken? Ein ganz klein bißchen für die Bücherei?

Aber die huschenden Zahlen, die da von Monitor zu Monitor springen, fungieren als Geld bloß innerhalb des spekulativen Kreisverkehrs; greift man sie heraus aus ihrem gespenstischen Biotop: gleich sind sie nichts mehr wert. Längst entspricht nicht jedem Geldzeichen mehr ein Anteil an Produktion.

»Geld ist genug da». -Diese Attrappe von Satz bekommt ihren Sinn erst in der Variante: Pro-duktionsmöglichkeiten sind genug da: Ma-schinen, technische Möglichkeiten, mensch-liche Arbeitskraft... Sie werden nur erstickt.

Ziehen wir schamlos die Gelddecke weg und gucken auf die realen Potenzen darunter. Es ergibt sich: Die Zeitschriftennot, die Bücherarmut - mit den vorhandenen Mitteln ließen sie sich in absehbarer Zeit beheben. Ganz laienhaft gedacht, von einer technischen Niete: Die meisten wissenschaftlichen Zeitschriften und viele Fachbücher werden weitgehend nur für öffentliche Bibliotheken und Seminare hergestellt. Was spräche dagegen, die vorhandenen Schriften in ein universitäres Internet zu scannen, die neuen gleich für dieses, in diesem zu verfassen. Ausdruck nach Bedarf. Die Ausgaben für die einscannenden Hilfskräfte, für die Korrekturleser, für die Geräte wären einmalig: der Nutzen dauerhaft.

Es gäbe keine Knappheit an geistigen Gütern mehr! Informationsfreiheit: seit der Aufklärung propagiert, endlich greifbare Realität.

Und warum wird das dann nicht gemacht? -Das Heiligste steht dem entgegen: das Eigentumsrecht. Wissen muß Ware bleiben, es muß als Ware knapp gehalten werden, um einen Kaufpreis zu erzielen. Und wenn auch der neue SPIEGEL von einer kommerziellen TELE-Universität schwärmt mit Internet-Zugang: die Zugangsbeschränkungen darin sind schon jetzt einprogrammiert.

Die Natur des Wissens ist luftig. Ginge es nach ihm, es liefe durch Augen und Ohren in sämtliche Köpfe. Dann wäre es aber wie die Luft: (noch) zahlt keiner fürs Atmen! Deshalb ist eine Unmenge von CODE-Bastlern, von Juristen und Polizisten damit beschäftigt, das Flüssige fest zu machen und handlich abzupacken. Kaum waren Schallplatte, Tonband, Videokassette, Computerdiskette erfunden als Mittel der einfachsten Verbreitung von Information - da standen ganze Bataillone von Urheberrechtlern bereit, um die technische Mög-lichkeit privatrechtlich wieder aufzuheben. Ge-schafft allerdings haben sie es bis heute nicht.

Viele Studis werden zitiert mit Parolen wie «Wir sind die Zukunft!» -Noch deutlicher: »Bildung ist der einzige Rohstoff in unserem Land!» Die Studenten wären dann die Bergleute unten, die ihrem Zechenherrn gut zureden, die Förderkörbe und die Fräsmaschinen nicht verrotten zu lassen. Sie, an den Wissensflözen, verlangen doch nur, als neue Berg-leute angesehen und behandelt zu werden.

Genau das wird ihnen blühen! Eine Zeitlang durchgefüttert - wie die Ruhrgebietler und Saarländer - und dann kaltgestellt.

Es trifft sich gut, daß nach dreijährigem Forschen ein paar Gelehrte im Sold von Stoiber und Biedenkopf alles über die Wissensbergwerke und Denkfabriken der Zukunft herausbekommen haben. Prominentester Mitdenker: der Individualisierungs-Beck! Der Prophet der Risikogesellschaft, Wegweiser in die Moderne, Verweser der Suhrkampbestände...

Unternehmerische Wissensgesellschaft» - so wird die Zukunft aussehen! Nicht mehr Arbeit und Natur schaffen künftig allen menschlichen Reichtum- nein: Kapital und Wissen. Wie kann das Wissen das aber?

»Mein Geld arbeitet für mich»! - »Ich hab noch nie einen Hundertmarkschein am Fließband gesehen». Joke aus den Siebzigern.

Allerdings: ein Buch habe ich auch noch nie beim Schreiben erwischt, auch keine Diskette. Noch weniger bei Handarbeit... Immer hing bisher ein Mensch dran... Was haben die Becks da für eine Entdeckung gemacht?

Behandlungsbedürftig dumm ist Beck nicht. Also kann er an Produktion gar nicht gedacht haben. Er und seinesgleichen sehen nur noch Verkauf. Gentechnologie, Klonungskünste, Verschlüsselungsverfahren: alles wird am besten noch vor seinen Erfindern geheimgehalten, patentbewährt, und den anderen verkauft, die stumpfsinnig kleben und zappeln in der «arbeitnehmerzentrierten Industriegesellschaft.»

Schritt 1 dazu: das lebendige Denken muß erst einmal abgetötet werden, festgelegt, genormt, damit es verkäuflich wird.

Schritt 2: Wie bei allen Waren kommt es entscheidend auf Verpackung und Image an, auf das, was andere von der Wissenszeche Deutschland halten. Deshalb: Höchststeuersätze runter: macht einen schlechten Eindruck im Ausland, wenn man hier was vom Gewinn abgeben muß.

Umgekehrt: Friedhofspflege, Hundescheißesammeln für alle Fürsorgeempfänger macht einen schlechten Eindruck im Ausland, wenn bei uns vor der Denkfabrik zuviel gegammelt wird.

Schritt 3: Niedrige Löhne für die Stiesel, die es nie über die »industrielle Arbeitnehmergesellschaft» hinausgebracht haben.

Aber wovon leben die dann alle?

Schritt 4 erklärt, wie leicht das geht:

Durch steigendes Kapitalangebot - die Bürger zahlen nicht mehr in die Rentenversicherung, sondern investieren ihr Geld - könnte es nach Ansicht der Kommission dazu kommen, daß die Wertschöpfung Kapital und Wissen intensiver werde und zugleich beschäftigungsärmer. »Dann aber würden die Vermögenseinkommen der Bevölkerung besonders kräftig sprudeln. Dies wiederum kann dazu beitragen, daß sich Erwerbspersonen vom Arbeitsmarkt zurückziehen und so der Arbeitslosenanteil gesenkt wird.» (FAZ/29.11.97)

So einfach ist das. Die Arbeiter, die vorher weniger verdient haben, kaufen anschließend dafür einfach mehr Aktien...

Das also ist das Ideal der «unternehmerischen Wissensgesellschaft»! Weg mit solchen Professoren? Nein, her damit: wer könnte besser zeigen, auf welche Selbstzerstörung des Denkens der heutige Universitätsbetrieb hinausläuft! Gerade in seinen Spitzen...

Um lebbare Studienzeiten und Bedingungen zu kämpfen, ist nahezu selbstverständlich. Nur: In diesem Kampf wird sich herausstellen, daß hinter dem Geld, das nicht herausgerückt wird, noch Schlimmeres steht: - die wahnsinnige und phantastische Aussicht auf noch mehr Geld, das künftige Geld, den Gewinn, der unter Opferung der Menschen imaginär erwirtschaftet wird - in den Beckschen Wissensgruben...

Eine Welt, in der die Anstrengungen nötig sind, ein Buch auszuleihen, die früher ausreichten, es zu schreiben - ist nicht nur in diesem oder jenem kleinen Punkte krank. Sie ertaubt, erblindet, verödet. Sie kann und darf nicht so weiter bestehen, wenn wir uns ihre Krankheit zum Tode nicht selber reinziehen wollen.

»Daß es so weiter geht, das ist die Katastrophe.» (Benjamin) Vielleicht findet doch eine(r) die kleine Nadelschere, um den Faden an seiner Stelle einfach durchzuschneiden...



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stattweb.de: Stattzeitung für Südbaden im Internet - Donnerstag, 29.Juli.2010, 16:59Fake - Nicht klicken! Do not click here!Counter