Stattzeitung für Südbaden Ausgabe 58, 2004-09![]()
Kirchhoff, Bernd:
Friedensaktivistin Eisfeld berichtet über Israel-Palästina-Reise
SZ: Mechtild, Du warst im Rahmen eines oekumenischen Friedensdienstes mehrere Monate in Israel und Palästina. Was hat dich als Friedensaktivistin bewegt, diese nicht ungefährliche Reise als internationale Beobachterin zu unternehmen.![]()
Eisfeld: Ich empfinde eine starke Verbundenheit mit Israel und Palästina. Als Deutsche – zu Beginn des zweiten Weltkrieges geboren – entdecke ich Spuren der Nazi-Verbrechen auch in mir – keine Schuld, aber ein Gefühl: das hat auch etwas mit mir zu tun. 2002 konnte ich während einer kurzen Studienreise die Menschen und ihre Wirklichkeiten auf beiden Seiten etwas kennenlernen, und ich wusste damals, dass ich einmal länger in dieses Land gehen würde. Jerusalem wirkt ja auf viele der Reisenden besonders faszinierend, so auch auf mich. Ich spürte und spüre eine Art verdichteter Kraft, die von der Jahrhunderte alten Geschichte und Leidensgeschichte ausgeht, die die drei großen Kulturen: Juden, Moslems und Christen in dieser Stadt und in diesem Land miteinander haben. Was die Gefahren betrifft, auf die du anspielst, so war und bin ich überzeugt, dass sie- bei entsprechendem Verhalten – keinesfalls größer sind, als wenn wir uns in einem Auto auf Deutschlands Straßen bewegen. Die Dimension der Gefahr wächst in unserer Einschätzung mit dem örtlichen Abstand und ist auch beeinflusst von den Bildern, die wir sehen. Einmal vor Ort, tritt die Vielfältigkeit des Lebens in den Vordergrund und auch eine gewisse Normalität.![]()
SZ: Was waren Deine Eindrücke? Welche Erfahrungen hast Du gemacht?![]()
Eisfeld: Das ist ein großes Thema. Meine Erfahrungen waren so vielfältig, dass ich sie auf die Schnelle gar nicht zusammenfassen kann. Ganz generell kann ich sagen, dass es mir sehr geholfen hat in meinem Umgang mit dem Thema, dort die Realitäten zu erleben. Die bedrückenden Gegebenheiten sind beinahe zum Alltag geworden, und wichtiger wurde mehr und mehr die Begegnung mit den Menschen. Ich bewundere die unendliche Geduld der PalästinenserInnen, wie sie Entwürdigungen, Einschränkungen, Verluste hinnehmen – sicher, was können sie anderes tun!- und versuchen, doch immer noch das Beste daraus zu machen. Sie haben mich immer herzlich willkommen geheißen, ich fühlte mich nie fehl am Platz. Auch auf israelischer Seite, wo sich viele Menschen große Sorgen um die moralische Integrität ihrer Gesellschaft machen, bekam ich meistens die Rückmeldung: wie gut, dass du da bist. Die inneren Probleme werden in Israel so dringend, die Absurditäten der Sharon-Politik so offensichtlich, dass ich immer wieder denke: Es muss und wird in nächster Zukunft eine Wende geben.![]()
SZ: Was kannst Du über die Friedensbewegung und Kritiker der Gewaltspirale berichten.![]()
Eisfeld: Unser Auftrag im Israel-Team, dem ich angehörte, war speziell die Zusammenarbeit mit der israelischen Friedensbewegung, und entsprechend habe ich viele Menschen aus dieser Szene kennengelernt. Sie sind offensichtlich aus ihrer dreijährigen relativen Inaktivität herausgekommen. Es gab so viele Aktivitäten wie Treffen, Demos, Mahnwachen, Arbeitseinsätze, zum Schluss eine Fastenaktion, dass ich längst nicht überall teilnehmen konnte. Ein Student sagte mir: wir sind höchstens 10 Prozent der Bevölkerung, die kritisch denken, die anderen seien eher apathisch, politisch uninteressiert oder hätten alles satt. Ich finde 10 Prozent gar nicht so schlecht und bin überzeugt, dass die vielfältigen Gruppen und Menschen, die mit ihren Ansätzen von weit links bis ins Zentrum reichen, immer wirksamer werden können. Auch in der Welt der Universitäten gibt es heftige kritische Stimmen, die sich den Anfeindungen des rechten Lagers aussetzen. Es hat mich besonders gefreut, vielen Initiativen auch auf palästinensischer Seite zu begegnen – sie treten weniger spektakulär auf, weil ihnen die Mittel und die Bewegungsfreiheit fehlen.![]()
SZ: Die UN-Vollversammlung und der Internationale Gerichtshof in Den Hag verurteilen den Verlauf der Mauer, die weit in palästinensisches Gebiet hineinreicht. Dennoch hält Israel an seinen Mauerbauten fest. Was denkst Du dazu?![]()
Eisfeld: Ich halte diesen Bau der gigantischen Trennungsanlagen für verheerend und letztendlich auch sehr schädlich für den Staat Israel. Ich schließe mich israelischen und palästinensischen KritikerInnen an, die sagen: Wenn schon Mauerbau, dann bitte auf der sog. Grünen Linie, der Waffenstillstandslinie von 1949. Die Annexionen eines großen Teiles des palästinensischen Landes werden die Bewegungsfreiheit und Überlebensmöglichkeit der Menschen so weit beschneiden, dass sie als Staat kaum eine Zukunft haben können. So einen massiven Verstoß gegen internationales und humanitäres Recht dürfte es nach meinem Verständnis in einem westlich geprägten Land heutzutage eigentlich nicht mehr geben – jedenfalls nicht ungestraft. Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag hat vor der UN-Resolution ja das klare Urteil gefällt: Die Trennungsanlagen verstoßen gegen internationales Recht und müssen abgebaut, die Bevölkerung für ihre Verluste entsprechend entschädigt werden. In Israel macht sich wohl mehr und mehr eine Stimmung breit, die sagt: Die Welt hasst uns eh, wir haben nichts mehr zu verlieren. Der Hauptinhalt der israelischen Politik ist ja zur Zeit das Thema Sicherheit. Die Verantwortlichen wollen oder können nicht erkennen, dass sie mit ihren Handlungen selber an der Gewaltspirale, wie du sagst, drehen. Vier ehemalige Chefs der staatlichen Sicherheitsdienste haben bei einem Treffen vor einigen Monaten die israelische Politik – die sie selbst im Dienst mitbestimmt haben – im Nachhinein heftig kritisiert. Sie sagen, dass ihre Kenntnis von den inneren Strukturen beider Seiten sie dazu treibt, ihre Sorge mitzuteilen und vor einem Weiter-So zu warnen.![]()
SZ: Ist die ausgeübte Gewalt in Palästina Krieg oder ist Israels Begriff „Bekämpfung des Terrorismus“ angebracht?![]()
Eisfeld: Ein israelischer Uni-Lehrer antwortete mir, als ich mit ihm an einem Checkpoint mit Tarnvorhängen, Sandsäcken und Soldaten mit schussbereiten Maschinengewehren stand und sagte: dassieht ja aus wie Krieg! , “Das ist Krieg!” - ein Krieg “of low intensity” wie wir ihn aus der jüngeren amerikanischen Geschichte![]()
kennen. Ich glaube mit anderen, dass die Sorge um die Sicherheit und die Bekämpfung des “Terrors” ein Vorwand ist, um nicht tiefer nach den Ursachen forschen und die eigenen Anteile entdecken zu müssen. Es ist eher ein verbissenes Weiter-So, und dahinter stehen ohne Zweifel diverse machtpolitische und religiös-ideologische Interessen.![]()
SZ: Wie stehst Du zu den Selbstmordattentaten?![]()
Eisfeld: Das ist ein kompliziertes Thema. Mein ethischer Hintergrund ist die Gewaltfreiheit, ich weiß, einen Menschen töten, ist eine Tat, die nicht rückholbar ist, und ich sage grundsätzlich Nein. Doch: Ich habe Mitgefühl mit den jungen Tätern und Täterinnen, die sich für ein – wie sie glauben – höheres Ziel “opfern” oder auch benutzt werden. Und ich finde es tragisch, dass sie unzählige andere Menschen mit in den Tod reißen oder andere für ihr Leben lang schädigen. Ich versuche, die Täter und Täterinnen zu verstehen. Ein Familienvater aus Rafah/Gaza sagte kürzlich in einem Interview, ihm sei zweimal vom israelischen Militär sein Haus zerstört worden, zweimal sei er obdachlos geworden und seine dritte Bleibe sei ihm auch genommen worden. Jetzt habe er mit seiner Frau und seinen acht Kindern in der Sporthalle des Ortes eine provisorische Unterkunft gefunden. Ein Haus sei für ihn fast mehr als sein Leben, es sei Heimat, Stolz, Sicherheit, Zukunft. Er brachte das Beispiel einer Wildkatze und fragte: Was tut solch ein Tier, wenn es in die Enge getrieben wird? Die Antwort hat er dem Fragenden überlassen. So verstehe ich die Selbstmordattentäter, es bewegt mich, wenn ich an die Verzweiflung denke, die sie getrieben haben mag. Verstehen ist nicht Einverstanden-Sein, das möchte ich deutlich unterscheiden.![]()
SZ: Welche sozialen Realitäten sind Dir in Palästina begegnet und was kannst Du zur Lebenssituation der dort lebenden Araber berichten?![]()
Eisfeld: Die sozialen Realitäten sind sicherlich- je nachdem, mit wem wir es zu tun haben, sehr unterschiedlich. Es gibt Familien, die – auch wenn ihnen der Mauerbau Land und 300 Obst- und Olivenbäume genommen hat, doch gut überleben können, weil die Arztpraxis weitergeht und der LehrerInnen-Beruf auch im nächsten Schuljahr ausgeübt werden kann. Andere Menschen haben, wie der Mann, von dem ich oben gesprochen habe, fast alles verloren: ihr Haus, ihre Arbeit (die Arbeitslosigkeit ist extrem hoch, vor allem in dem dicht gedrängen Gaza-Streifen), Zugang zu Gesundheitsund sozialen Diensten und – in nicht seltenen Fällen, einen oder mehrere Familienangehörige. Viele Väter und Brüder/ Söhne sitzen in israelischen Gefängnissen. Mich hat verblüfft, wie geschickt sich offenbar viele den Einschränkungen des täglichen Lebens anpassen und Alternativen finden: z.B. gibt es an manchen Checkpoints eine rege Verkaufstätigkeit, Waren werden auf improvisierten Ständen oder am Boden ausgebreitet. Oder junge und ältere Männer transportieren auf alten stabilen Holzkarren Gepäck für Menschen, die die Kontrollanlagen zu Fuß durchqueren. Die Taxis vermehren sich täglich auf jeder Seite. Ganz allgemein denke ich, dass bereits sehr viele Familien in großer Armut leben und dass es nicht absehbar ist, wie und ob die palästinensische Gesellschaft - wenn die derzeitige israelische Politik sich nicht radikal ändert – genug Kraft und Ressourcen zum Überleben haben wird.![]()
SZ: Dürfen wir Deutschen angesichts unserer geschichtlichen Vergangenheit überhaupt Kritik gegenüber Israel üben?![]()
Eisfeld: Ich glaube, wir müssen es. Andernfalls bleibt die Aufarbeitung des Holocaust nur ein selektiver Prozess der Unrechts-Wahrnehmung. Wenn wir sagen: Nie wieder soll so etwas geschehen, dann müssen wir auch das Unrecht, das nun den Palästinensern geschieht, beim Namen nennen. Um so mehr, als die Vernichtung der Mehrheit der europäischen Juden sie zur immer stärkeren Einwanderung in das arabisch bevölkerte Land getrieben hat. Im Krieg zwischen dem Staat Israel und den Palästinensern wird Unrecht fortgepflanzt wie in einer fatalen Kettenreaktion. (Ich spreche hier nicht von dem Anteil Gewalt und Mitverantwortung an dem jetzigen Desaster, der auch auf palästinensischer Seite liegt.) Wenn nicht die israelische Gesellschaft als Ganzes, dann sind wir es, die doch höchst sensibilisiert sind und auch den nötigen Abstand haben, welche Stopp sagen sollten. Kritische Israelis beklagen sehr, dass die europäischen Staaten und auch Deutschland nicht deutlich Stellung nehmen zu dem Unrecht, das Regierung und Militär ausüben – sie bitten uns darum! Ganz abgesehen von den Menschen in Palästina, die sich verzweifelt wünschen, dass die EU endlich Israel in die Schranken weist. Ich glaube, die deutsche Gesellschaft ist hysterisiert durch den überall lauernden Vorwurf des Anti-Semitismus, dem sich niemand aussetzen will und den die meisten nicht mit klarem Kopf von einer Kritik an der Politik Israels unterscheiden können. Wir sollten die Juden wie normale Menschen ansehen und den Staat Israel wie eine normale Nation, der wir unsere Meinung sagen. Andernfalls machen wir uns mitschuldig am Unrecht und üben eine andere Art des Diskriminierung, was im ursprünglichen lateinischen Sinn des Wortes “Unterscheidung/ Trennung” heißt: Wir billigen dem jüdischen Staat zu, was wir anderen nicht zubilligen.![]()
SZ: Wie beurteilst Du den vorherrschenden Antisemitismus unter der arabischen Bevölkerung?![]()
Eisfeld: In der Frage steckt eine problematische Unterstellung. Ist Anti-Semitismus wirklich in Palästina vorherrschend? Ich glaube es nicht. Wenn ja, dann ist es ein relativ neues Phänomen. Seit der islamischen Eroberung im 7.Jahrhundert gab es in diesem Raum immer wieder Perioden relativ fruchtbaren Zusammenlebens zwischen Arabern, Muslimen und Juden, die immer in der Minderheit gegenüber der arabischen Bevölkerung waren. Konkurrenz und großflächiges Befeinden begann erst mit den intensiver werdenden jüdischen Einwanderungswellen seit Ende des 19. Jahrhunderts., Konkurrenz um Land und Ressourcen, vor allem auch um Wasser. Über heutigen Anti-Semitismus in der arabischen Welt kann ich wenig sagen. Ich meine, es handelt sich eher um Anti- Israelismus, der bedingt ist durch die aktuelle politische Situation. Von Gesprächen mit PalästinenserInnen kann ich sagen, dass die meisten nur in Frieden und Würde leben wollen. Manche betonen: ja, die Israelis sind auch Menschen wie wir!. Das Verhängnisvolle ist, dass sie die anderen mehrheitlich nur als die Unterdrücker in militärischen Uniformen kennen. Einige hörte ich religiös argumentieren: Allah wird die wahren Gläubigen siegen lassen über die Ungläubigen – das sind in ihrem Fall die Juden. Dieser Glaube gibt ihnen, denke ich, die große Leidensfähigkeit – sie sind sich sicher, dass eines Tages ihre gerechte Sache siegen wird. Die Stoßrichtung ist weniger gegen die Juden als solche, sondern gegen die Übermacht, die ihnen Freiheit und Menschenrechte verwehrt. Übrigens: Wenn wir von einem Anti- Semitismus der Araber sprechen, sollten wir genauso den Anti-Arabismus der jüdischen Welt benennen.![]()
SZ: Was sind deine Pläne für die Zukunft?![]()
Eisfeld: Erstmal muss ich das Erlebte etwas ver- und aufarbeiten. Ganz sicher möchte ich wieder nach Israel/Palästina fahren, vielleicht dann in einem Ort wie Ramallah leben, der ein lebendiges, interessantes Zentrum ist. Wenn es eine Möglichkeit gibt, würde ich gerne mit einer palästinensischen Organisation zusammenarbeiten in den Themen Konfliktmanagement und Stärkung der Frauen in der Zivilgesellschaft. Vorerst gehen ja auch meine Fortbildungen in Mediation an der VHS Freiburg weiter.![]()
Die Stattzeitung bedankt sich für das Interview.
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