Stattzeitung für Südbaden Ausgabe 34, 1997-12![]()
R.B.:
Internationalismus und Solidarität konkret
Mit Internationalismus verbinden die meisten Menschen eine politische Bewegung und politische Strukturen, die bis ca. Ende der 80er Jahre attraktiv und politisch relevant waren. Nach dem Zusammenbruch der RGW-Staaten 1990, dem Machtwechsel in Nicaragua und durch die scheinbare Ohnmacht gegenüber der sich herauskristallisierenden, neuen Welt-ordnung, waren viele emanzipatorisch denkende, für eine gerechtere Gesellschaft kämpfende Menschen demoralisiert. Der Imperialismus feierte seinen Siegeszug, indem er buchstäblich auf den Füßen der Völker der Welt herumtrampelte. In den letzten sieben Jahren ist politisch viel passiert: die USA, die sich immer begeisterter als Sanktionen verteilende Weltpolizei aufspielt; die konkrete Gestalt eines vereinten Europas, in dem freie Grenzen fürs Kapital den geschlossenen Grenzen für Flüchtlinge und ImmigrantInnen gegenüberstehen; der kontinuirliche Abbau sozialer Strukturen, der immer mehr Menschen unter das Existenzminimum bzw. in Armut treibt; die Tatsache, daß faschistisches, rassistisches und nationalsozialistisches Gedankengut und dessen praktische Auswirkungen zur alltäglichen, oft bedrohlichen Konfrontation für marginale Gruppen gehören...![]()
Die Beispiele, die zeigen, daß hier in Deutschland, in Europa, ja auf der ganzen Welt Unterdrückung und Aushungern von Menschen und Völkern Voraussetzung ist für hegemoniale Macht und imperialistische Strukturen, könnten unzählig weitergeführt werden. Die politisch linke Bewegung ist durch die rasanten Veränderungen weltweit in eine Sackgasse geraten: die Ideale und Utopien waren plötzlich »Schnee von gestern«, den sogenannten Werten war die kulturelle Grundlage entzogen- es herrsch-te allgemeine Orientierungslosigkeit, Rük-kzug ins Private und Frustration.![]()
Es ist überfällig, daß diese Passivität im Kampf gegen den Imperialismus und für internationale Solidarität durchbrochen wird, und es gab und gibt immer noch Impulse dafür. Ein Beispiel, auf das ich hier näher eingehen möchte, ist die internationale Solidarität, im speziellen für Cuba. Cuba steht für den Erhalt des Internationalismus und der Prinzipien der Solidarität mit allen unterdrückten Menschen in der Welt. Cuba besteht weiter auf den Anspruch, die Errungenschaften der Revolution zu erhalten und den Sozialismus aufzubauen. Cuba kämpft stellvertretend gegen das Schicksal der gesamten Welt. Cubas Krise ist die Krise der westlichen Zivilisation.![]()
Es geht im Moment vorrangig darum, nicht stehen zu bleiben bzw. etwas Neues entwickeln zu wollen. Die Ideen und Erfahrungen Che Guevara's, seine Schriften zum Internationalismus, zur Ökonomie und zum neuen Menschen sind nicht nur in seinem 30. Todesjahr äußerst relevant, sondern weiter für's nächste Jahrhundert. Aber auch die Medien entdeckten Che Guevara und kommerzialisierten ihn zum harmlosen Heiligenbildchen, zum T-Shirt- Helden, zum Frauenhelden, zum ersten linken Popstar.![]()
Denn seine fortdauernde Wirkung muß von Seiten des Großkapitals entschärft werden, sonst könnte ja die globalisierte Welt radikal in Frage gestellt werden.![]()
In Freiburg schlossen sich in Laufe des Sommers 15 linke Gruppen, Organisationen bzw. Parteien zusammen, um anläßlich des 30. Todesjahres Che Guevaras ein Fest zur internationalen Solidarität vorzubereiten. Bei dem Vorhaben standen folgende Ziele in Vordergrund: dem geschmacklosen Kommerz und Medienrummel um Che Guevara etwas entgegenzusetzen; ein Fest mit verschiedenen linken Gruppen gemeinsam inhaltlich und organisatorisch vorzubereiten und durchzuführen; die Themen Internationalismus, Solidarität und Sozialismus in den Vordergrund der Diskussion zu stellen; als Zeichen internationaler Solidarität den Erlös den förderpädagogischen Einrichtungen in Pinar del Rio/Cuba zukommen zu lassen; über das Fest hinaus den Zusammenschluß verschiedener Gruppen in Freiburg zu erhalten, um weitere Ideen zu realisieren.![]()
Das Fest zur internationalen Solidarität fand am 11. Oktober in einer Halle am Güterbahnhof statt. Folgende Gruppen waren vertreten: Cuba-Gruppe-Freiburg, Antifa, SAGA, Villa Courage, RDL in anderen Sprachen, Frauengruppe Courage, Nord-Süd-Laden, MLPD, »Solidarität International«, SDAJ, Kaldirac, Medienwerkstatt, Wiwili-Gruppe, VVN-Bund der AntifaschistInnen, Linke Liste. Das Programm begann gegen 17.30 Uhr mit Videos zu: Cuba in den Jahren 1990-96, Weltjugendfestspiele 1997 in Cuba, Abschiebeknäste in der BRD. Ab 21.00 Uhr spielte die Salsa-Gruppe SANDIA, und anschließend war Caribean Disco. Alle Gruppen beteiligten sich in Form von Info-Tischen, Getränke- und Essensständen. Ca. 500-600 Personen besuchten im Laufe des Abends das Fest. Der Erlös,![]()
der den förderpädagogischen Einrichtungen in Pinar del Rio/Cuba zugute kommt, bewegt sich bei knapp 3 000 DM. Seit 1992 besteht das Solidaritätsprogramm der Cuba-Gruppe Freiburg nach Pinar del Rio/Cuba. In den letzten Jahren kamen Spenden von über 20 000 DM den förderpädagogischen Einrichtungen in Form von Lehr- und Arbeitsbüchern bzw. Ausstattungsgütern für die Schulen zugute. Im Herbst 1995 besuchte Olga Alvarez Cruz, die Direktorin der insgesamt über 20 Förderschulen in der Provinz Pinar del Rio, auf Einladung der Cuba-Gruppe Freiburg die Bundesrepublik. Sie leitete mehrere gut besuchte Vorträge in Freiburg, Berlin, Hamburg, Bremen und Offenburg. Mit dem Erlös aus dem internationalen Soldaritätsfest soll ein Kopierer für die förderpädagogischen Schulen finanziert werden, so daß die cubanischen PartnerInnen perspektivisch selbst über ihre Lehr- und Arbeitsbücher herstellen können. Das Fest zur internationalen Solidarität am 11. Oktober diesen Jahr war als Premiere ein gelungenes Fest.
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