Stattzeitung für Südbaden Ausgabe 34, 1997-12![]()
Anonym:
Der Schwarze Kanal
Gastkommentar
Jozef M. liest jeden Tag seine Zeitung. Er ist ein einfacher Mann, doch er liest seine Zeitung sehr gewissenhaft.![]()
Sein Kalenderblatt, das an der Küchenwand hängt, zeigt heute den 15. Mai 1997 - nebenbei bemerkt - ein langweiliger Tag!![]()
Jozef M. liest auch heute seine Zeitung.![]()
Wäre ein unsichtbarer Besucher im Raum, dann würde dieser plötzlich bemerken, wie sich die Augenbrauen von Jozef M. zusammenziehen. Er erscheint uns in voller Aufregung!![]()
Seine Aufmerksamkeit gilt einem Artikel in der Zeitung. Ein schwarzer Mitbürger beschreibt darin seinen Versuch, die Diskothek OM in Offenburg zu besuchen. Es war ihm nicht möglich, denn er kam erst gar nicht rein!![]()
Jozef M. liest weiter. Der Mann hatte schon öfters versucht, die Disco zu besuchen. Er kam mit Freunden und alle durften rein - nur er nicht. Der Mann und seine Freunde redeten mit den Türstehern und die antworten mit verbaler Gewalt: "... Klappe halten! Sonst gibt's aufs Maul". Der Chef nimmt seine Türsteher in Schutz. Die Kleidung sei nicht richtig! Ein anderes mal entspricht unser schwarzer Mitbürger nicht seinem "Raster" des typischen OM-Gastes - was immer das heißen mag. Doch eher zufällig darf er eben nie rein!![]()
Jozef M. überfliegt den letzten Abschnitt.![]()
Andreas Pfund, einer der drei OM-Geschäftsführer bietet dem Mann einen Besuch am Nachmittag an. Da solle er sich einmal vorstellen kommen.![]()
Wenn der Chef das bei jedem Besucher machen will, hat er viel zu tun denkt sich Jozef M.![]()
Am Abend, liest Jozef M. den Artikel noch einmal. Er wundert sich, daß so etwas wieder möglich ist und schüttelt den Kopf. Dann entzieht er sich der Realität mit einem Bett...![]()
Heute hat die Zeitung das Datum vom 27. Mai 1997 und Jozef M. hat sie natürlich auch schon wieder studiert. Bei der Lokalseite ist ihm das Toastbrot vor Erstaunen vom Küchentisch runtergefallen. Haben die OM-Chefs dem Farbigen doch tatsächlich Hausverbot gegeben. Schnell liest Jozef M. die Begründung: "Wir wollen Ihn auf diese Weise für den geschäftsschädigenden Inhalt verantwortlich machen." Jozef M. ist empört darüber und liest die nächsten Zeilen. Hat man dem Mann doch tatsächlich einen Tag vor Erscheinen seines Artikels in die Disco gelassen. Verständlich, nach dem Wirbel mit dem Interview von OT und Radio OHR.![]()
Weiter lassen die Chefs schreiben, daß ihre Türsteher "... jetzt überall als Nazis tituliert werden!". Jozef M. muß schmunzeln. Er hat inzwischen eine Geschichte gehört, daß einer der Chefs das OM an bestimmten Tagen nur mit deutschen Besuchern gefüllt haben möchte. Natürlich sind die Türsteher keine Nazis, denkt sich Jozef M - es reicht wenn es der Chef ist und die Befehle erteilt. Derjenige, der diese dann ausführt ist einfach nur dumm!![]()
"Man könne von Glück reden, daß der schwarze Mitbürger keine große Lobby hinter sich habe." behaupten die OM-Chefs. Denn die Mitarbeiter seien von Ausländern "ja schon des öfteren auch bedroht worden." Jetzt ist Jozef M. aber wirklich wütend! Die Türsteher wurden vielleicht bedroht, aber doch nicht von dem Mann, der seine Meinung in einem Artikel sagte und jetzt deswegen Hausverbot hat.![]()
Es muß etwas geschehen, beschließt Jozef M. und zwei Wochen später, an einem Donnerstag, geht er in diese seltsame Disco.![]()
Keine 20 Minuten später sieht man Jozef M. vor der Disco stehen und eine Zigarette rauchen. Gedankenverloren bläst er den Rauch in die Nacht ... Wann hatte er das zum letztenmal gesehen? Da oben tanzten viele, viele Menschen zu deutscher Volksmusik und Polka. Das ertrug Jozef M. noch, doch hätte er nur die Decke nicht angeschaut. Dort hingen eine weiß-rote Fahne mit einem schwarzen Adler neben einer schwarz-rot-goldenen. Auf der anderen eine Schwarzrotgoldene mit dem Adler neben einer Weißroten mit Adler. (-Reichskriegsflagge, Anm. d. Red.)![]()
Jozef M. kannte diese Fahnen, er verabscheute Ihre Symbolik und ging. Doch seinen Freunden und Bekannten erzählte er davon.![]()
Doch jetzt ist der 6. September und es sind 3 Monate vergangen. Die Badische Zeitung liegt heute einmal auf dem Küchentisch von Jozef M. Wieder einmal ist ihm vor Schreck das Toastbrot auf den Boden gefallen - mit der Butterseite nach unten, natürlich! - Findet Jozef M. doch in dieser Zeitung einen Artikel mit der Schlagzeile: "Immer wieder Donnerstags - aber bitte mit Schlager".![]()
Wer jetzt denkt, Jozef M. hat was gegen Schlager, der liegt falsch. Doch bei diesem Fall ist es was anderes, denn es geht um deutsche Schlager, am Donnerstag, bei einer der "größten Partys der Ortenau" in der Diskothek OM. Mit einem Schaudern denkt Jozef M. an seinen Besuch im OM und an die Flaggen zurück.![]()
Er überfliegt den Artikel nur. Es erscheint ihm wie eine Werbung für diesen Tag, bei dem das Motto heißt: "Angesagt deutsch".![]()
Jozef M. denkt an die Polka-tanzende Menge, als er liest, daß die OM-Besucher immer brav in Aufstellung gehen, wenn der DJ bringt: "Theo wir fahrn nach Lotsch ..." und daß auch schön alle die Hände bei dem Lied "Wo sind Eure Zipfelmützen" über dem Kopf falten.![]()
Außerdem stärke dieser Tag das "Wir-Gefühl" - behauptet Andreas Pfund, einer der Chefs. In Gedanken schüttelt Jozef M. den Kopf.![]()
Was denn für ein "Wir-Gefühl", bei dem meine Freunde nicht dabeisein dürfen weil sie schwarz sind - oder?![]()
Aber es ist schön denkt sich Jozef M., daß er auch lesen darf, daß eigentlich alle nur wegen der Frauen kommen. Das Ver-hältnis sei ja teilweise 90:10 und außer zum Baggern komme ja keiner hierher.![]()
Mit der Zeit ist Jozef M. beim letzten Absatz angekommen. Wieder muß er an die Fahnen mit dem Reichsadler denken, als er die Tips für "schüchterne Jungs liest":![]()
Bei "Daß der Herrgott den Weg in den Himmel Dir bahne ...", die Hand zur Faust ballen, ihr das imaginäre Mikrophon vors Gesicht halten. Bleibt Sie stumm, ist sie die Falsche.![]()
Jozef M. weiß nicht ob Frauen es mögen, wenn man ihnen in der Disco mit der Faust vorm Gesicht rumfuchtelt und ihnen was von Herrgott und Himmel vorbrüllt. Es fällt ihm schwer, das zu glauben - doch wem es gefällt ...![]()
Aber eins weiß Jozef M. genau, daß er nie mehr Eintritt in ein Lokal bezahlt, das mit deutscher Musik, deutschen Fahnen und deutschem Publikum ganz für sich sein will. Warum auch, denn Josef M. ist Ausländer - er kommt aus Polen!![]()
PS.: Ein Fall wurde mir zugetragen von einem Franzosen, besser Elsässer - der darf auch nicht rein. Weil "er halt ein dummer Gallier ist" und den TürstehHerren sein Gesicht nicht gefällt.
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