Stattzeitung für Südbaden Ausgabe 54, 2003-08![]()
Höxtermann, Martin:
"Der Besuch hat nicht zu einer breiten Diskussion in der Stadt geführt"
Interview mit Irene Vogel, Stadträtin der Fraktionsgemeinschaft Unabhängige Frauen/Linke Liste in Freiburg
Stattzeitung: Im Mai waren 13 ehemalige NS-ZwangsarbeiterInnen auf Einladung der Stadtverwaltung 13 zum ersten Mal nach fast 60 Jahren zu Gast in Freiburg und haben ein mehrtägiges Besuchsprogramm absolviert- fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit...![]()
Vogel: Das habe ich kritisiert und bedauere es gleichzeitig. Denn damit wurde vielen Freiburgern und Freiburgerinnen diese menschlich sehr berührende Begegnung![]()
vorenthalten. Und zu erfahren, dass unsere Gäste nicht mit Hassgefühlen gegen die Bevölkerung gekommen sind, dass sie aber fast 60 Jahre lang auf so eine symbolische Geste der Wiedergutmachung gewartet haben. Sicherlich hätten große Massenveranstaltungen die sehr alten Leuten überfordert, doch mehr Begegnungen in kleineren Gruppen wären durchaus möglich gewesen. Offenbar hat die Stadt solche Diskussionen gefürchtet, da die Begegnung mit der Generation, die ihnen das Leid zugefügt hat, zu Konfrontationen hätten führen können. Aber gerade solche Diskussionen sind wichtig. Im Vergleich zu Delegationsbesuchen aus Partnerstädten wurde der Gruppenbesuch auf ziemlich kleiner Flamme gekocht. Eine breite öffentliche Diskussion über Freiburgs NS-Vergangenheit war (und ist) politisch nicht gewollt. Das gilt für die Aktion "Stolpersteine" zur Erinnerung jüdischen Lebens in Freiburg genauso, wie für das Zusammentreffen verschiedener Bevölkerungskreise und Generationen mit den Opfern der Zwangsarbeit. Beim nächsten geplanten Besuch im Jahr 2004 werden wir darauf drängen, dass das anders läuft.![]()
Stattzeitung: War dieser Besuch dann überhaupt sinnvoll?![]()
Vogel: Ja, denn die Einladung sollte für die ehemaligen NS-Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter eine symbolische Geste der Wiedergutmachung sein. Sie sollten sehen, dass sich das heutige Freiburg auch für dieses dunkle Kapitel seiner Geschichte und für das Leid, das diesen Menschen angetan wurde, verantwortlich fühlt. Sie sollten die Gelegenheit haben, uns damit zu konfrontieren, was es bedeutet, in frühester Jugend aus seiner Heimat verschleppt zu werden, unter schwersten Bedingungen zwangsarbeiten zu müssen für ein Land, das gegen ihr eigenes Land Krieg führt. Für beide Seiten ist das ein wichtiges Erlebnis zur Bewältigung der eigenen![]()
Vergangenheit.![]()
Stattzeitung: Freiburg hat bislang 261 ehemalige NS-ZwangsarbeiterInnen mit Beträgen zwischen 1250 und 2500 Euro aus eigener Tasche entschädigt. Die Einladung war als eine weitere Geste der Wiedergutmachung gedacht...![]()
Vogel: Eine echte Entschädigung für Zwangsarbeit kann es nicht geben. Aber ich bin froh, dass wir den Gemeinderat und die Stadt zu diesen Einladungen bewegen![]()
konnten, wenngleich sehr viel Penetranz und politischer Druck nötig war. Dennoch hat dieser Besuch nicht zu einer von uns gewünschten breiten Diskussion in der Stadt geführt. Sinnvoll im Vorfeld des nächsten Besuchs wären beispielsweise Filme, Lesungen oder eine Ausstellung zur Zwangsarbeit in Freiburg. Auch Stadtrundgänge zu ehemaligen Stätten der Zwangsarbeit, die kaum jemand kennt, könnten dazu beitragen, das Wissen um die Verbrechen in der NS-Zeit zu vergrößern. Wir haben nur noch wenig Zeit, ehemalige ZwangsarbeiterInnen als Zeitzeugen und Zeitzeuginnen zu hören. Wer Fremdenhass und Rassenwahn heute verhindern will, sollte jede Chance nutzen, dass möglichst viele Menschen Lehren aus der Vergangenheit ziehen können.
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