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Artikel


Stattzeitung für Südbaden Ausgabe 34, 1997-12

Piermont, Dorothee:
Che Guevara - nur noch ein Mythos?

"Wenn die Lebenden nicht mehr kämpfen können,

werden die Toten kämpfen.

Mit jedem Herzschlag der Revolution

wächst Fleisch zurück auf ihre Adern,

Leben in ihren Tod."

Heiner Müller, Der Auftrag, 1977

Wer tot ist, kann sich nicht mehr wehren. Dieser scheinbar banale Satz bewahrheitet sich wieder mit voller Wucht im 30. Jahr der Ermordung des Ernesto "Che" Guevara de la Serna. Fernsehanstalten senden zahllose Reportagen, Dokumentarfilme oder Schnulzen; Verlage, die etwas auf sich halten, werfen zumindest eine neue Che-Biographie auf den Markt (eine Gesamtausgabe seiner Schriften läßt allerdings noch immer auf sich warten...). Die einen, z.B. die Firma Sixt, bemächtigen sich des zum Verkaufsargument verkommenen Wortes "Revoluti-onär", um ihre Ware, also etwa Autovermietung, an den Mann oder die Frau zu bringen. Andere vereinnahmen Che als Pop-Ikone, als harmloses Heiligenbildchen, um die politisch-soziale Spreng-kraft seines Denkens und Handelns verschwinden zu lassen. Seine Feinde beleidigen ihn auch nachträglich noch, indem sie, wie etwa die "New York Times"1, behaupten, wenn Che das Jahr 1989 erlebt hätte, dann hätte er sich heute zu einem Anhänger des "rheinischen Kapitalismus" gemausert wie andere ehemalige Guerilleros aus Columbien, Venezuela, Guatemala und El Salvador auch. Sozusagen als neuer Kohl! Und gewisse politische Freunde schließlich belegen ihn für die eigene politische Sekte mit Beschlag, um ihn als Kronzeuge gegen Cuba, Fidel und die Länder des "realen Sozialismus" zu instrumentalisieren. Tote können sich auch dagegen nicht mehr wehren.

Glücklicherweise haben "Cuba-Sí" (Ar-beitsgemeinschaft in und bei der PDS), der AstA der Humboldt-Universität und die Zeitung "junge welt" mit der Organisation der internationalen Che-Konferenz Ende September in Berlin*, zu der über 1200 überwiegend junge Teilnehmer aus allen Teilen der BRD anreisten, ein gewisses Gegengewicht geschaffen...

Wer also war "Che" Guevara?

Ernesto "Che" Guevara, Argentinier, als Jugendlicher erstaunlicherweise politisch weder interessiert noch gar engagiert, er-lebte während seines Medizinstudiums auf einer siebenmonatigen, abenteuerlichen Reise durch Lateinamerika Armut und Ausbeutung hautnah mit. Er begann, sich mit Marx' "Capital" zu befassen. Nächste Station war Guatemala, wo soeben Arbenz an die Regierung gelangt war, um demokratisch-soziale Reformen zu verwirklichen. Ein Militärputsch setzte diesem mit den Interessen der USA nicht übereinstimmenden Treiben bald ein blutiges Ende. Aus der guatemaltekischen Erfahrung drängte sich Che eine entscheidende Konsequenz auf: daß es nicht reichte, an der Regierung zu sein und Reformen im Interesse der Mehrheit der Bevölkerung (in diesem Falle der Bauern) anzustreben, sondern daß es unumgänglich war, auf Konflikte mit der He-gemonialmacht USA vorbereitet zu sein und dementsprechend auch die militärische Machtbasis zu erobern und von Gegnern zu säubern. Der Putsch zwang Che, der bereits 1954 in Guatemala vom CIA ausspioniert worden war2, nach Me-xico zu gehen, wo er Fidel kennenlernte. Im Juni 1956 wird er dort mit Fidel Castro und anderen cubanischen Rebellen, die die Befreiung Cubas von der Batista-Diktatur vorbereiten, ins Gefängnis geworfen, jedoch nach 2 Monaten wieder freigelassen. Bereits am 2. Dezember desselben Jahres besteigen beide das mit 80 weiteren Guerilleros und Waffen völlig überladene Schiff "Granma". Die Landung in einem cubanischen Sumpfgebiet, unter Beschuß der regulären Armee, wächst sich zur Katastrophe aus: nur noch 22 Guerilleros bilden die Trup-pe! Dennoch zieht am 2. Januar 1959 das inzwischen riesig angewachsene Guerilla-Heer triumphal in Havanna ein, aus dem der Diktator Batista mit seinem korrupten Anhang bereits geflohen ist. Cuba hat sich vom US-gestützten Tyrannen befreit und kann seine Revolution beginnen.

Che übernimmt gleichzeitig oder nacheinander neben seiner militärischen Aufgabe als "comandante" der revolutionäre Streitkräfte wichtigste Funktionen im cubanischen Revolutionsprozeß: Verantwortlicher für die Landwirtschaftsreform, Präsident der Nationalbank, Industrie- d.h. Industrialisierungsminister. Aufgrund seiner kommunistischen Überzeugung wird er zum Architekten der Beziehungen Cubas zur UdSSR. Anfang 1961 proklamiert Fidel dann öffentlich den so-zialistischen Charakter der cubanischen Revolution. Doch schon damals hatte Che Fidel Castro ein Versprechen abgenom

men: wenn die Revolution in Cuba stabilisiert sei, würde er, von Fidel unterstützt, aufbrechen, um die Revolution im Guerillakampf nach ganz Lateinamerika und vor allem in sein Geburtsland Argentinien zu tragen. Bereits 1962 begann er mit Ausbildung und Aufbau einer Guerilla-Gruppe, die unter dem Namen Ejér-cito Guerillero del Pueblo in Argentinien kämpfen sollte und der er sich später anschließen wollte. Bevor es dazu kam, war die Gruppe allerdings bereits entdeckt und ausgelöscht. Aber aufgeschoben war für Che auf keinen Fall aufgehoben. Noch der Guerilla-Focus, den er 1967 in Bolivien aufbaute und führte und der mit Ches vom bolivianisches Heer gemeinschaftlich mit dem CIA betriebenen Ermordung am 9. Oktober 1967 in Valle-grande endete, war als Ausgangspunkt eines auf Argentinien übergreifenden, revolutionären Kampfes geplant. Dazwischen hatte er jedoch 1965/66 ein Jahr in Congo/Zaïre mit ca. 120 Guerilleros die Rebellen unterstützt, die nach der auch wieder vom CIA gesteuerten Entmachtung und Ermordung Patrice Lumumbas gegen Tschombe und dessen General, den späteren Diktator Mobutu, kämpften. Denn Ziel Che Guevaras war es, die drei unterdrückten Kontinente Afrika, Asien und Lateinamerika vom Würgegriff des (für ihn vor allem amerikanischen) Imperialismus zu befreien. Die Völker der Welt sollten "zwei, drei, viele Vietnam schaffen", dadurch die kämpfenden Vietcong in Vietnam entlasten und die USA durch diesen Viel-Fronten-Krieg endgültig schwächen.

Vom Dienstwagen wieder zum Maultierrücken.

Viel ist darüber spekuliert worden, ob der Wille, die Revolution auf ganz Lateinamerika, ja auf den gesamten Trikont (Lateinamerika, Afrika, Asien) auszuweiten, für Che das einzige Motiv war, sein Leben als "Schreibtisch-Revolutionär" in Cuba wieder gegen das eines bewaffneten Kämpfers einzutauschen. Vermutlich nicht. Zweierlei schält sich jedoch heraus: ein von interessierter Seite gerne herbeigeredetes und -geschriebenes Zerwürfnis mit Fidel, das es erlauben würde, den toten - und zur Idealfigur verklärten - Che gegen Fidel und die spätere cubanische Wirklichkeit in Stellung zu bringen, gab es nicht3. Ihre Zusammenarbeit während 10 Jahren, die natürlich nicht frei von Auseinandersetzungen war, stellte eher eine Arbeitsteilung dar: Che sprach vorab offen aus, was erst danach zur offiziellen, von Fidel angekündigten Position der cubanischen Revolution wurde. Andererseits hatte sich nach Raketenkrise und Erfahrungen mit dem Verhalten der UdSSR gegenüber anderen, um ihre Befreiung kämpfenden Ländern (für Che vor allem Congo und Nordvietnam) seine Haltung zur UdSSR abgekühlt. In seiner Rede am 25. Februar 1965 in Algier hatte er das unmißverständlich zum Ausdruck gebracht. Er forderte, die sozialistischen Supermächte sollten die Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt uneigennützig mit Geld und Waffen unterstützen. Gleichzeitig kritisierte er die angeblich beiden Seiten zugute kommenden Handelsvereinbarungen zwischen sozialistischen und unterdrückten Ländern, da sie zu Weltmarktpreisen abgeschlossen würden. Damit seien "die sozialistischen Staaten in gewisser Weise Komplizen der imperialistischen Ausbeutung". Den am 10. Oktober in der "jungen welt" nahegelegten Schluß jedoch, Che sei ein heimlicher oder offener Anhänger Trotzkis gewesen, hat Guevara selbst von sich gewiesen. Auf solcherlei Vermutungen von sowjetischer Seite, die natürlich aus deren Sicht als gravierende Vorwürfe gemeint waren, hatte er 1964, die Notwendigkeit einer freien Diskussion unterstreichend, gekontert: "Entweder haben wir mit unseren Argumenten die Mittel, entgegengesetzte Meinungen aus dem Weg zu räumen, oder wir müssen sie sich ausdrücken lassen... Man kann eine Meinung nicht durch Gewalt zerstören, weil das jede freie Entwicklung der Intelligenz blockieren würde. Selbst im Denken Trotzkis gibt es Interessantes, auch wenn er sich nach meiner Überzeugung in den grundlegenden Konzeptionen getäuscht hat und sein Handeln sich dann verirrt hat." Dem ist wohl nichts hinzuzufügen.

Ernesto "Che" Guevara, auch heute noch eine Herausforderung?

Eins ist klar: Che war nicht der sanft strahlende Jesus-Typ - San Ernesto de la Higuera, wie die Bauern des Dorfes, in das er am 8. Oktober 1967 gefesselt gebracht wurde, ihn heute nennen - als den ihn das berühmte Foto nach seinem Tode erscheinen läßt. Seine Gefühle und persönlichsten Einstellungen hatte er gelernt, hintanzustellen und unter der harten Schale des Pflichtgefühls zu verstecken. Diplomatie und Fingerspitzengefühl im Umgang mit anderen waren weniger seine Sache als das unverblümte Aussprechen seiner Gedanken und Meinungen, ja auch das heftige Aufbrausen. Er stellte höchste Anforderungen an sich, aber auch an diejenigen, mit denen er zusammenarbeitete und lebte, und setzte sie unerbittlich durch. Kompromißlos stritt er für seine Überzeugungen und war im wörtlichsten Sinne bereit, für die Befreiung der Welt von Ausbeutung und Unterdrückung bis zum Tod zu kämpfen. Privilegien in jeder Form lehnte er grundsätzlich ab, und zwar nicht nur für andere sondern auch für sich und seine Familie. Alles in allem also nicht gerade ein bequemer Charakter... würde man sagen, wenn diese Verhaltensweisen nicht direkte Konsequenzen seiner politischen Zielsetzungen gewesen wären.

Eine Revolution, so war er überzeugt, darf sich nicht darauf beschränken, die Produktionsverhältnisse zu verändern. Sie müsse vielmehr gleichzeitig den "Neu-en Menschen" heranbilden. Der wirkliche Revolutionär müsse daher in jedem Augenblick Vorbild sein, den "Neuen Menschen" bereits vorleben, materielles Desinteresse und geradezu asketische Strenge an den Tag legen. Und das bedeutete, wie Guevara 1960 in einer Rede vor Studenten sagte: "Der Individualismus als solcher, als isoliertes Handeln eines einzelnen Menschen in einem sozialen Umfeld, muß... verschwinden. Der Individualismus von morgen sollte die angemessene Nutzbarmachung des ganzen Individuums zum uneingeschränkten Wohl der Gemeinschaft sein". Nicht materieller Nutzen für den Einzelnen, also materielle Anreize sollten vorrangig genutzt werden, um die Wirtschaft zu stimulieren, sondern moralische Anreize, d.h. das Be-wußtsein, durch sein Handeln die Revolution fortzuentwickeln und zu festigen. Nicht Besitzdenken sondern Verantwortungsgefühl mußten seiner Meinung nach die Grundlage der Gesellschaft sein, wenn man in Cuba nicht einfach nur eine zweite amerikanische Gesellschaft aufbauen wollte. Idealismus pur? Wohl kaum, denn nicht nur zur Umwälzung der Produktionsverhältnisse war Marx, auf den er sich trotz einiger Kritik berief, mit seinen Schriften einmal angetreten, sondern auf dem Programm stand auch eine Überwindung der Entfremdung!

Inzwischen ist passiert, was Che in seinen unveröffentlichten Bemerkungen zur "Politischen Ökonomie" vorausgesehen hatte, daß nämlich die UdSSR und der gesamte Ostblock dazu verdammt seien, wieder in den Kapitalismus abzurutschen, weil sie seit Lenin gewisse Formen des kapitalistischen Wettbewerbs eingeführt hätten, um die Wirtschaft anzukurbeln4. Für uns steht also nicht nur weiterhin die Herausformung eines neuen Menschen sondern auch, weltweit und in der globalisierten Welt verstärkt, die Überwindung von Kapitalismus und Ausbeutung wieder auf der Tagesordnung. Dazu brauchen wir Ches mit Diskussionsfreudigkeit und Überzeugungsfähigkeit verbundene Kom-promißlosigkeit. Denn: "Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft hat schon verloren" (B. Brecht).

* Reden und Diskussionen auf diesem Kongreß sollen Ende dieses Jahres als Buch erscheinen: Verlag 8. Mai GmbH, Am Treptower Park 28-30, 12435 Berlin.

1 Zit. nach FAZ, 15.8.1997, S. 31

2 El País, sept. 1997. Es wurde bekannt aufgrund von jetzt für die Öffentlichkeit freigegebenen Dokumenten des FBI.

3 Interessantes dazu in der von Jon Lee Anderson vorgelegten Che-Biographie (München, List, 1997), da Anderson Zugang zu bisher nicht veröffentlichtem Material in Cuba hatte.

4 Vgl. Anderson s. 616 ff



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stattweb.de: Stattzeitung für Südbaden im Internet - Donnerstag, 29.Juli.2010, 16:51Fake - Nicht klicken! Do not click here!Counter