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Artikel


Stattzeitung für Südbaden Ausgabe 50, 2002-07

Bochtler, Anja:
Antikriegsarbeit in Israel
Keren Assaf, Kriegsdienstverweigerin und "New Profile"-Aktivistin aus Tel Aviv

Die Zwei-Staaten-Lösung, das Menschenrecht auf Kriegsdienstverweigerung und die Entmilitarisierung der Gesellschaft: Das sind die Ziele, für die sich die israelische Antikriegsorganisation „New Profile“ seit 1999 einsetzt. Drei AktivistInnen waren im April auf Rundreise in Deutschland. Auf Einladung von „Connection“ und der Deutschen Friedensgesellschaft/Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG/VK) informierten sie über Antikriegsarbeit und den Alltag in Israel. Keren Assaf, 21-jährige Kriegsdienstverweigerin aus Tel Aviv, kam nach Freiburg.

Keren Assaf erzählt ihre eigene Geschichte. Die persönlichen Erfahrungen der AktivistInnen waren es auch, die vor drei Jahren zur Gründung von „New Profile“ führten. Erfahrungen mit einer stark militarisierten Gesellschaft - und mit der Angst, von der Keren Assaf sagt: „Mit dieser Angst, die wir Juden alle haben, werden wir manipuliert.“ Sie erzählt von ihrer Großmutter: „Sie ist traumatisiert, immer noch.“ Die Familien der Großeltern lebten in Polen, fast alle Angehörigen wurden im Holocaust ermordet. Damals, als ihnen nichts außer dem eigenen Leben geblieben war, seien sie nach Israel/Palästina gekommen. Das war 1948. Wieder, erzählt Keren Assaf, hätten sie dort die Erfahrung gemacht, dass andere sie töten wollten: „Und sie verstanden nicht, warum.“ Das sei so geblieben, bis heute - und darum bestehe für ihre Großmutter eine direkte Linie von Hitler zu Arafat. „Der Staat Israel ist aus Angst geschaffen worden“, Keren Assaf sagt es immer wieder. Die Armee sei das einzige, dem die Menschen vertrauen.

Die Israelis hätten es versäumt, gleichberechtigte Beziehungen zu den Palästinensern aufzubauen. Statt dessen hätten sie ihre Energie in die Militarisierung gesteckt. Das wirke sich aus, in der ganzen Gesellschaft. Und ganz besonders in der Erziehung: „Man sagt uns, wir seien immer zu schwach und zu gut gewesen. Das darf nicht noch mal passieren, darum brauchen wir eine starke Armee.“ Dadurch werde es sehr schwer, Zweifel und Kritik am Militär überhaupt nur zu äußern: „Denn der Armee, wird uns gesagt, verdanken wir alle unser Leben.“ An Lügen zu glauben, sei leicht, wenn man die Hintergründe nicht kenne: „Die meisten Israelis sind nie einem Palästinenser begegnet, haben nie auf einer gleichwertigen Ebene miteinander gesprochen.“ Und sie erzählt: Ein palästinensischer Freund von ihr habe, nachdem sie sich kennen gelernt hatten, die ganze Nacht nicht geschlafen - weil er so geschockt darüber war, dass sie ihm zur Begrüßung die Hand gegeben hatte. Solche Geschichten gehören zum Alltag. Keren Assaf macht diese Erfahrung immer wieder, wenn sie an Schulen mit Jugendlichen arbeitet: „Da ist nie jemand, der Kontakt zu Palästinensern hat.“ Weil die Israelis keine Palästinenser kennen, sei es möglich, dass sie die israelische Politik nicht kritisieren. Dass sie es zulassen, dass palästinensische Dörfer zerstört und Menschen getötet werden. Nur 40 Minuten von ihr entfernt, erzählt Keren Assaf, leben Millionen von Palästinensern: „In Bedingungen, die wir uns nicht vorstellen können.“

Sie selbst hat den Kriegsdienst verweigert. Für Frauen sei das leichter als für Männer. Aber ohne die Unterstützung ihrer Eltern hätte sie es kaum geschafft, glaubt sie. Denn an ihrer Schule war sie die einzige: „Und wenn ich Leute in meinem Alter treffe, reden sie vor allem über die Armee.“ Aber sie sieht auch Entwicklungen, die Hoffnung machen. Nicht nur bei „New Profile“, wo sie neben der Arbeit an den Schulen Jugendliche bei der Kriegsdienstverweigerung unterstützt und Informationen weiter gibt. Auch in der Gesellschaft, glaubt Keren Assaf, wachse das Gefühl, dass die Politik der israelischen Regierung keine Sicherheit, sondern immer mehr Gewalt bringe: „Die Menschen haben den Krieg satt.“ Das zeige sich auch daran, dass immer mehr Jugendliche den Kriegsdienst verweigern. „Dieser Krieg ist nicht der Krieg der Menschen.“ Hinter dieser Feststellung steht, was nicht nur für diesen Krieg gilt: „Es gibt viele auswärtige Interessen“, sagt Keren Assaf, erwähnt koloniale Absichten und Waffenlieferungen und spricht von einer symbiotischen Beziehung zwischen westlichen Allianzen und israelischer Politik.



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