Stattzeitung für Südbaden Ausgabe 63, 2005-11![]()
Höxtermann, Martin:
"Asyl beantragen ist keine Gunst, auch kein Privileg, sondern ein Grundrecht"
Eine Dokumentation über das Leben in Flüchtlingswohnheimen". Ein Film von Cine Rebelde in Zusammenarbeit mit SAGA
Die Wald- und Wiesenidylle, mit der der Film beginnt, trügt. Dies machen die zahlreichen Zeitungsausschnitte, die die AutorInnen gleich zu Beginn einblenden, deutlich. "Es ist die totale Katastrophe", bestätigt Heimbewohner Ibrahim M. aus Guinea. Und die Kamerafahrt ins Innere der Unterkunft lässt ahnen, was gemeint ist. ![]()
Seit vielen Jahren steht das Flüchtlingswohnheim "Stieg" im Landkreis Waldshut-Tiengen, rund zehn Kilometer zwischen Albbruck und Waldshut im südbadischen Hotzenwald gelegen, in der Kritik. Aufgrund der räumlichen Isolierung der BewohnerInnen und den miserablen Lebensbedingungen vor Ort (ungenügende ärztliche Betreuung, keine Deutschkurse, einmal pro Woche "Zwangseinkauf", schlechte bis gar keine Sozialbetreuung) fordern Initiativen wie das Südbadische Aktionsbündnis gegen Abschiebungen (SAGA) seit langem die Schließung der Sammelunterkunft. "Elementare Menschenrechte" würden dort verletzt, die Interessen der Lagerinsassen "extrem missachtet". "Es ist vollkommen nachvollziehbar, dass es selbst einem gesunden Menschen nach mehreren Monaten Aufenthalt in dieser Gemeinschaftsunterkunft schlecht geht und dass er krank wird", resümierte auch der AK Asyl Baden-Württemberg nach einem Besuch in Stieg. Rund 120 Flüchtlinge aus 12 bis 16 Ländern sind in dem Lager untergebracht. Es diente zunächst als Heim für tuberkulosekranke Kinder, bis 1998 als Übergangswohnheim für Spätaussiedler. Mehrmals hat es seither in der Unterkunft gebrannt. Zwei Frauen begingen Selbstmord, weitere Flüchtlinge Suizidversuche, andere befinden sich in psychotherapeutischer Behandlung. Eine Zuweisung nach "Stieg" wird von den AsylbewerberInnen als "Strafexpedition" betrachtet, berichtet Elisabeth Götz, Sozialarbeiterin des Deutschen Roten Kreuzes, gegenüber der Badischen Zeitung.![]()
Die politisch Verantwortlichen zeigen sich von der Kritik unbeeindruckt. Verbesserungen seien nicht beabsichtigt, eine Schließung nicht geplant, dies sei aufgrund der Zuweisungsquote des Landes nicht möglich, erklärte der Sprecher des zuständigen Landratsamts in Waldshut, Jürgen Glocker, gegenüber der Presse. Zynisch kommentierte Landrat Bernhard Wütz, dass die Unterkunft "kein Mädchenpensionat" sei. Alle Vorwürfe entbehrten jeglicher Grundlage. ![]()
Dass das Gegenteil der Fall ist, veranschaulicht der jüngste Dokumentarfilm des Freiburger Medienkollektivs "Cine Rebelde", der im Oktober Premiere hatte. Titel: "Zwischen Asyl und Abschiebung". Das Medienkollektiv ist aus der Idee entstanden, im öffentlichen Raum kritische Filme aufzuführen, die aus emanzipatorischen Bewegungen kommen, dreht aber auch selbst Filme. Unter anderem hat "Cine Rebelde" Dokus über die Besetzung des Freiburger Uni-Rektorats, die jüngste "Love & Hate- Parade" und die "Tour de Fessenheim 2005" gedreht (Weitere Infos auf der Homepage www.cinerebelde.org). ![]()
"Zwischen Asyl und Abschiebung" entstand in Zusammenarbeit mit SAGA. Ein Jahr lang wurde gefilmt, geschnitten, synchronisiert. Ergebnis ist ein 43-minütiger, sehr informativer und professionell gemachter Film, der unter die Haut geht. Im Mittelpunkt stehen neun Flüchtlinge bzw. Flüchtlingsfamilien, die in Interviews offen über ihre Wohnsituation, ihre Lebensgeschichten, ihre Verzweiflung und ihre Hoffnungen Auskunft geben. Viele kämpfen mit Tränen, während sie erzählen. "Mein Sohn ist 14 Jahre alt und schläft noch mit uns in einem Zimmer. Das ist sehr unangenehm für ihn und auch für uns", berichtet die Kurdin Hatice B., die mit Ehemann und drei Kindern seit 1998 in Deutschland lebt. "Nachts haben wir Angst, auf Toilette zu gehen, weil dort Männer sind. Eine einzige Toilette und Dusche wird von drei bis vier Familien benutzt". Eine Roma-Familie aus dem Kosovo berichtet von ethnischen Konflikten, die durch die Lagerunterbringung weiter geschürt werden."30 oder mehr sind gekommen (...) und haben geschrieen, kommt raus, wenn ihr nicht rauskommt, werden sie uns mit Feuer verbrennen und die haben meinen Vater raus gerufen, sie wollten ihn umbringen, und sie haben meinen Bruder am Hals gepackt, dass er meinen Vater holen soll, dann haben sie ihm am Hals geschnitten," erzählt Remzije B. Die Familie ist aus dem Wohnheim geflüchtet, Hilfe hat sie nicht bekommen. "Es gibt keinen Unterschied zwischen diesem Heim und einem Gefängnis", sagt Hasan N., der aus politischen Gründen aus der Türkei geflohen ist. Ihm drohen in seiner Heimat 36 Jahre Haft. "Wenn ich gewusst hätte, dass das Leben hier so ist, dann wäre ich hier in Deutschland keine 24 Stunden geblieben". "Weil ich und meine Familie politische Probleme hatten, bin ich aus der Türkei geflohen", berichtet auch Bülent E. "Die Menschen betrachten uns nicht als Flüchtlinge, sondern als Kriminelle. Ich denke, dass Flüchtlinge menschlich behandelt werden müssen, egal, ob sie aus wirtschaftlichen oder politischen Gründen geflohen sind. Bis auf wenige Ausnahmen wurden wir hier von niemand menschlich behandelt". "Was wir verlangen ist Respekt", fordert Mboyo S. aus dem Kongo. "Wir sind Menschen, keine Tiere. Asyl beantragen ist keine Gunst, auch kein Privileg, sondern es ist ein Grundrecht". Die Flüchtlinge schildern, wie ihr Wunsch, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, bei den Behörden immer wieder an Grenzen stößt- aber auch, wie sie versuchen, daran nicht zu zerbrechen. ![]()
Der Film versteht sich jedoch nicht als Dokumentation über die Situation in Stieg, sondern sieht das Wohnheim im Hotzenwald exemplarisch für die Situation von Asylsuchenden in Deutschland. Ein beliebiges Lager in einem beliebigen Landkreis. Nach diversen Protesten sind viele Insassen inzwischen in anderen Lagern untergebracht, ihre Situation hat sich jedoch keineswegs gebessert. Denn ihre Lebensbedingungen sind durch die rigiden Ausländergesetze, wie Residenzpflicht, Asylbewerberleistungsgesetz, vorgeschriebene Wohnraumgröße (4,5 qm pro Person), Arbeitsverbot, willkürliche Bestimmung von Geburtsdaten, Schikanen und Kontrollen, Kettenduldungen etc. festgelegt. So leben allein in Baden-Württemberg 26.000 Flüchtlinge mit Duldung. Auch nach sieben Jahren Rotgrün hat sich an den menschenunwürdigen Lebensbedingungen der Flüchtlinge nichts geändert. Verbesserungen sind auch unter der Großen Koalition nicht zu erwarten. Im Gegenteil zeichnet sich eine Verschärfung des EU-Abschieberegimes ab. Und man braucht nicht nur in die spanischen Enklaven Ceuta und Melilla zu schauen, um zu sehen, mit welcher Menschenverachtung Behörden und Polizei mit schutzsuchenden Menschen umgehen. Ein Blick in deutsche Flüchtlingswohnheime genügt. In diesen Zeiten sind Dokus wie diese um so wichtiger. Vielleicht schafft der Film ja den Weg in Kinos und Schulen. ![]()
"Zwischen Asyl und Abschiebung. Eine Dokumentation über das Leben in Flüchtlingswohnheimen". DVD-Format, Preis 10 Euro. Bestellung bei cinerebelde c/o Umwelt- und Projektwerkstatt, Baslerstr. 103, 79100 Freiburg. Mail: cinerebelde@cinerebelde.org.


