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Artikel


Stattzeitung für Südbaden Ausgabe 61, 2005-05

Quarti, Adi:
Über Plattenspieler, Ich-AG und Wirtschaft die arm macht

Zum internationalen Kampftag der Arbeiterklasse: Currywurst und abgestandenes Bier, zu Musik von Roxy Music und Kevin Ayers, Wolfgang Clement stellt seinen Antrag auf Arbeitslosengeld II, das Nichtgewerkschaftsmitglied Thomas Meinecke (FSK, Autor von Musik, 2004) unterhält sich mit dem kämpferischen Gewerkschafter Klaus Walter (DJ und Popautor) über: Na, was wohl?

PLATTENSPIELER

Plattenspieler ist ein Buch über Popmusik und Lebensgefühl. Und natürlich Politik! Kann so etwas funktionieren, wo selbst in jeder beliebigen Stammtisch-Runde der Kanon immer wieder strapaziert wir? Frank Witzel, Klaus Walter und Thomas Meinecke haben sich einfach zusammen gesetzt und ein Tonband laufen lassen. Die Regeln sind einfach: "keine Begradigung, keine Beschönigung. Wegstreichen okay, redigieren oder umformulieren verboten". Da fallen gelegentlich schöne Sätze, die das Lebensgefühl der 70er Jahre beschreiben: "Für mich gehörte das zusammen, war ein Konglomerat: Dope rauchen, Kevin Ayers hören, mal sehen was die RAF wieder gemacht hat. Das war für mich immer auch Glam." Dazwischen immer wieder Grenzüberschreitungen, sogenanntes Heiliges und Profanes zusammenbringen, das weiße Album der Beatles, mit Rumours von Fleetwood Mac (1977), genau wie die RAF, Stammheim, Punk Rock und (>>Pinoccio Comes Alive<<) Peter Framton. Ein Sakrileg! Richtig witzig wird es dann, wenn die Autoren von sich selbst erzählen, Klaus Walter über seine Zeit als Kulturredakteur beim Frankfurter Sponti-Blatt Pflasterstrand etwa. "Und Nach-Punk-Zeiten wurde das eher konfrontativ. Nicht mit Fischer selbst, aber mit seiner Gang." Oder Meinecke über sein Angagement bei der Zeitschrift Mode & Verzweiflung, zusammen unter anderem mit Schlingensief. Manchmal Anekdotenhaft, aber nie langweilig. Gelegentlich auch selbstkritisch, in einer Art >>Cinderella Theory<< von George Clinton: "Das kulturschaffende Proletariat ist das Vorbild, das ist auch das ironische, für die Flexibilsierung, die immer eingefordert wird. Wir haben das vorgemacht, als komische selbstausbeuterische Ich-AG" (Meinecke). Bei diesen Themen wird es, im Gegensatz zu den musikalischen Metamorphosen des Geschmacks, richtig deutlich. Das liegt zweifellos an Frank Witzel, der zwar am wenigsten spricht, dafür aber die klügsten Fragen stellt. Pierre Bourdieu, der in einem Interview einmal bemerkte, das ästhetische Intoleranz eine der stärksten Klassenschranken überhaupt sei, hätte dies gefallen. Witzel bemüht im Nachwort den Philosophen Derrida. Auch gut! Ein schön aufgemachtes, informatives Buch.

Frank Witzel, Klaus Walter, Thomas Meinecke, Plattenspieler. Edition Nautilus, Hamburg 2005.

JAHRESHAUPTVERSAMMLUNG MEINER ICH-AG

Rettungsreime von Fritz Eckenga: "Was spricht für Deutschland", fragt sich der Autor der TAZ-Wahrheitsseite zurecht?

"So vieles, das Deutschland im Leben nicht ist:

Lebendig? Wendig? Wird beides vermisst.

Wenigstens Wirtschaft? Ökonomie?

Schlusslicht. Am Ende. Zero. Fini."

Wären da nicht die italienischen Brocken, der Vers holperte, so aber stimmt es, der Mann hat Humor. Alle kriegen ihr Fett ab: Die Trainerfindungskommision des DFB, Kerner (der emphatische mit der ZDF-Talkshow), Effenberg und im Dienste der Völkerfreundschaft ausgerechnet Oliver Kahn. Da bleibt kein Auge trocken.

Das deutsche Lied zum Aufschwung

kann man auch anders singen.

Wirtschaft ist für die Menschen da?

Malochen, knechten, springen.

Auch die ehemalige Protestpartei kriegt ihr Fett ab: "Wenn die grünen Fahnen wehen, geht die Kaffeefahrt zum Meer...". Ein witziges Buch für Leute, die dem alltäglichen Wahnsinn mit Versen begegnen möchten.

Fritz Eckenga, Jahreshauptversammlung meiner Ich-AG. Rettungsreime. Verlag Antje Kunstmann, München 2005.

WIRTSCHAFT DIE ARM MACHT

Eine globalisierungskritische, deutsche Stimme: Horst Afheldt, Sozialwissenschaftler am Max-Planck-Institut, untersucht die Auswirkungen des Neoliberalismus speziell in der Bundesrepublik. Seine Ergebnisse sind ernüchternd! Seit den 50er Jahre verläuft das Wirtschaftswachstum linear, mit abnehmenden jährlichen Wachstumsraten. Afheldt bringt die Zahlen des Statistischen Bundesamtes, belegt ausführlich wie die Steuerlast auf die abhängig Beschäftigten verlagert wurde. So zahlen Unternehmen die niedrigste Umsatzsteuer ganz Europas. Der Staat zieht sich zurück durch Privatisierungen, selbst der Jugendknast in Hamburg wird inzwischen von einer privaten Sicherheitsfirma überwacht, in Hessen betreibt ein ehemaliger Boxer >>Jugendhilfe<< nach dem KJHG im Auftrag des Jugendamtes, mit >>Kollektivstrafen<< und anderen pädagogisch höchst wertvollen Methoden. Haben wir also zu viel oder zu wenig Staat? Der Autor veranschaulicht dies an Hand der Gesetzgebung nach dem 11.9., mit biometrischen Pässen und Einsatz der Bundeswehr im Inneren. Auf der anderen Seite werden die Menschen in Deutschland zu so substanziellen Dingen wie die EU-Verfassung, nicht einmal gefragt! Der Nachtwächterstaat für Reiche, ein wahrhafter Heroldscher Sonnenstaat für Arme. Auswege gibt es genug, sind aber politisch nicht gewollt: Abbau der Subventionszahlungen etwa, direkte und indirekte, wie unnötige Infrastrukturmaßnahmen. Der Hamburger Senat etwa baggert seit Jahrzehnten die Elbe immer tiefer aus. Mittlerweile ist man bei 15 Meter angelangt und damit knapp über dem Elbtunnel, von den ökologischen Schäden abgesehen.

Was bei diesen Diskussionen allerdings in den Hintergrund tritt, ist die Tatsache, das die Wirtschaft sich jedem beliebigen politisch vorgegebenen Rahmen anpasst und Nutzen daraus zieht: Nationaler Protektionismus oder globaler Welthandel, Hauptsache die Profite stimmen! Der Umstand das gerade die exportorientierten deutschen Firmen dies zu nutzen wissen, zeigen die Mannheimer Bauunternehmer Bilfinger & Berger. Die bauen und betreiben z.B. in Australien Gefängnisse, Produktion und Dienstleistung aus einer Hand. Deutschland ist also nicht in der Falle der Globalisierung, die nun der >>Reformen<< der sozialen Sicherungssysteme verlangen, wie es Politiker gerne formulieren. Das deutsche Kapital selbst, vor allem die großen Kapitalgesellschaften, sind es die weltweit am meisten davon profitieren (Stichwort: Exportweltmeister).

Afheldt nimmt sich Kapitel für Kapitel die neuesten neoliberalen Worthülsen vor und beweist, das komplexe Zusammenhänge, Zahlen und Fakten nicht notwendigerweise langweilig und unverständlich klingen müssen. Ein wichtiges Buch, nicht nur für die Gewerkschaftsschulung.

Horst Afheldt, Wirtschaft die arm macht. Vom Sozialstaat zur gespaltenen Gesellschaft. Verlag Antje Kunstmann, München 2005.

STUNDE NULL

Ein Sonderheft der Aktion, das als Buch daher kommt: Ein Roman über die Nachkriegsgeschichte von Gerd Fuchs. Familiengeschichten aus einem Dorf im Hunsrück im Mai 1945, es ist von den Amerikanern besetzt, die Bewohner entwickeln unterschiedliche Strategien mit der neuen Situation umzugehen. Für die einen war alles aus. Für die anderen fing alles an.

Da sind die unzähligen Ex-Nazis, die sich um >>Persilscheine<< für die Entnazifizierung bemühen, aber auch Antifaschisten, die einen neuen Anfang machen wollen. Als wirkliche Befreiung haben aber die meisten die Anwesenheit der Amerikaner am allerwenigsten empfunden, auch wenn die amerikanischen Zigaretten und die Schokolade natürlich willkommen waren. Die Hauptfigur in Stunde Null, Werner Haupt, findet nach dem Krieg kein Zuhause mehr vor, das Haus steckt voller Fremder, Ost-Flüchtlinge. Sein fünfzehnjähriger Bruder Georg sitzt im Gefängnis, er hatte sich kurz vor Kriegsende einer Gruppe angeschlossen, welche Werwolf-Aktivitäten ausführte und das Dorf in den letzten Tagen regelrecht tyrannisierten. Inzwischen ist er tief traumatisiert und weigert sich zu sprechen. Lea Grund war jetzt Bürgermeisterin, wie schon zuvor ihr Mann, bis die Nazis ihn in ein KZ verschleppten, wo er umgebracht wurde. Um diese Personen entwickelt sich mit häufigen Rückblenden ein dichtes Beziehungsgewirr, welches politisch nicht immer leicht zu entschlüsseln ist. Die meisten hatten daran auch keinerlei Interesse. Bis der jugendliche Ex-Werwolf erkennen muß, dass der eigene Vater einer Jüdin Unterschlupf gewährt hatte. Mit ihm endet die Geschichte: Er war während der Währungsreform 1948 aus englischer Gefangenschaft nach Kanada geflüchtet und unterrichtete an einer Schule, die nach den antiautoritären Ideen von Summerhill arbeitet.

Keine leichte Geschichte, sehr verschlungen - ein Stück Provinz als Exempel, wie in einem Brennglas. Sehr genau und unbestechlich hat Gerd Fuchs eine Zeit beschrieben, an die sich unsere Eltern nur ungern erinnerten. Zum 60. Jahrestag genau das Richtige.

Die Aktion. Sonderheft; Gerd Fuchs, Stunde Null. Edition Nautilus, Hamburg 2005.



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