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Stattzeitung für Südbaden Ausgabe 61, 2005-05

Springmann, Veronika:
"Ich habe mir immer vor Augen gehalten, dass ich nicht alleine bin, sondern Teil des antifaschistischen Widerstandes"
Lebenserinnerungen der Gertrud Müller 1915-1950

2001 haben sich Ursula Krause-Schmidt und Michael Nolte gemeinsam mit Gertrud Müller entschlossen, das Leben der langjährigen Vorsitzenden der Lagergemeinschaft Ravensbrück/Freundeskreis e.V. aufzuzeichnen. Die Aufzeichnungen aus den Interviews, die mit Gertrud Müller geführt wurden, sind stets von ihr gegengelesen worden.

So bleibt der Charakter einer Autobiografie gewahrt. Beim Lesen entsteht eine Auseinandersetzung mit dem Leben Gertrud Müllers. Geboren 1915 in Feuerbach wuchs sie in einer kommunistischen Arbeiterfamilie auf. Gertrud Müllers Erzählungen geben Einblick in die Lebenswelt einer schwäbischen kommunistischen Familie in der Weimarer Republik. Wer sie kennt, wird sich nicht wundern, dass sie bereits früh engagiert war, sei es als Schreibhilfe, als Kassiererin oder als Austrägerin der Arbeiter-Illustrierten Zeitung in Feuerbach. Im Kommunistischen Jugendverband lernte sie ihren späteren Mann Hans Müller kennen: “Er hat mir sehr gut gefallen, und wir haben uns politisch sehr gut verstanden. Das war mir besonders wichtig, denn ich kann mich ja nicht in jemanden verlieben, der mir vollkommen entgegengesetzt war.“

Das ist nur eine von vielen Stellen, an denen unverhüllt der trockene schwäbische Charme der Ehrenvorsitzenden der Lagergemeinschaft Ravensbrück aufblitzt. Das Buch beschreibt detailliert die Anfangszeit der NSDAP, das „widerständige“ Handeln von Gertrud und die Repressionen durch die Nationalsozialisten.

Ihr Vater wurde bereits 1933 verhaftet; auch Gertrud Müller erlebte einige Verhaftungen, bevor sie dann am 26.Juni 1942 endgültig festgenommen wurde.

Vom Gefängnis wurde sie in das „Arbeitserziehungslager“ Rudersberg gebracht und von dort nach Ravensbrück. Eingeliefert wurde sie mit dem Eintrag RU in ihrer Akte – Rückkehr unerwünscht. Um sie zu schützen, versuchten Kameradinnen sie auf einem Transport unterzubringen. Sie kam gegen Kriegsende nach Geislingen an der Steige. Von dort wurde sie im April 1945 nach Allach deportiert, um am 30.April 1945 die Befreiung durch die Amerikaner zu erleben.

Ganz besonders beeindruckend an der vorliegenden Autobiografie ist, dass Gertrud Müller Ihre „zweite Verfolgung“ nicht ausspart.

Auch in Stuttgart gab es Entnazifizierungsverfahren. Hans, Gertruds Mann war bei der Spruchkammer beschäftigt; Gertrud Müller selbst arbeitete als Sekretärin bei der Investigation Section der US-Militärregierung. Die Section ermittelte gegen Nazis. Im Herbst 1947 schließlich erließ die Spruchkammer eine Anordnung gegen Gertrud. Ihr wurde vorgeworfen Mitgefangene in Geislingen als sogenannter Funktions-Häftling misshandelt zu haben. Ungeachtet dessen, dass Gertrud Häftling war, wurde sie dennoch als „Hauptschuldige“ angeklagt. Der Kläger in der Spruchkammerverhandlung war ein ehemaliges Mitglied der NSDAP. Gertrud wurde für schuldig erklärt und zu zwei Jahren Internierungslager verurteilt. Sie legte Berufung ein; in einer Denkschrift, die die VVN verfasste, heißt es: „Man macht die Gefangene Gertrud Müller für die Verhältnisse im Lager verantwortlich, ohne zu bedenken, dass alle Anordnungen im Lager von der SS, bzw. der Lagerführung ausgingen...“

Detailliert beschreibt Gertrud die Anklage, die Vorwürfe, sie skizziert aber auch, in welchem Dilemma sie sich befand: „Ich hatte Mitleid mit diesen Zeuginnen, aber trotzdem war es eine große Belastung für mich. Ich weiß, dass sie ganz Schlimmes erlebt haben und ich kann ihr Rachegefühl genauso verstehen wie ihren Hass auf Deutsche“. Gertrud Müller wurde zu zwei Jahren Arbeitslager verurteilt, das erste Urteil also bestätigt- Im September 1948 nach den Ergebnissen eines Prozesses gegen SS-Aufseherinnen vor dem Rastatter Militärgerichtshof ergab sich die Möglichkeit, das Verfahren noch einmal aufzurollen. In diesem Prozess ergab sich nämlich, dass vor allem gegen die Angeklagte Klara Pförtsch von Zeuginnen, die vorher gegen Gertrud Müller ausgesagt hatten, identische Vorwürfe erhoben wurden. Aus den sich hier ergebenden Widersprüchen ergab sich, dass das Spruchkammerverfahren nicht korrekt durchgeführt worden war. Im Wiederaufnahmeverfahren 1950 vor der Zentralspruchkammer Nordwürttemberg wurde Gertrud Müller endlich voll rehabilitiert. Die zwei Jahre Internierungslager bis dahin nahm ihr freilich keiner wieder ab. – All das ein kennzeichnendes Beispiel für die Schwierigkeiten, mittels einer oft ganz zufällig zusammengesetzten Justiz mit dem Nazi-Unrecht aufzuräumen.

Veronika Springmann

Bibliographische Angaben:

Gertrud Müller, Die erste Hälfte meines Lebens.

Erinnerungen 1915 – 1950. Nach Gesprächen aufgezeichnet von Michael Nolte und Ursula Krause-Schmitt, herausgegeben von der Lagergemeinschaft Ravensbrück/Freundeskreis e.V., Renchen 2004

Das Buch ist gegen eine Schutzgebühr von 5 Euro zuzüglich Porto und Verpackung zu bestellen bei: druckwerkstatt-renchen@t-online.de, Tel.:84146



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