Stattzeitung für Südbaden Ausgabe 65, 2006-06![]()
Quarti, Adi:
Philosophy & Underwear
Mit Philosophie und Unterwäsche im engeren Sinne haben die folgenden Besprechungen nichts zu tun. Wir haben den Titel bei Kid Congo & The Pink Monkey Birds geklaut, die ihr neues Album so genannt haben. Und Kid Congo Powers ist schließlich nicht irgendwer: Er war Gitarrist bei The Cramps, dem Gun Club und bei Nick Cave & The Bad Seeds. Hammer- und gepflegt konversierende Caféhaus-Philosophen werden nun die Bärte kraulen, oder wie Frau Cristiansen, nervös den Füller oder die Lesebrille schwingen. Die, mehr oder weniger, eleganten Feinripp-Dessous zum Thema, sollen der (natürlich auch dem) geneigten LeserInn ausnahmsweise erspart bleiben.![]()
Am Grund der Bilder![]()
Jean-Luc Nancy, Philosophieprofessor an der Strasbourger Marc Bloch-Uni und Autor der in Frankreich erscheinenden Zeitschrift Futur Anérieur, die von einem Redaktionskollektiv unter der Leitung von Antonio Negri herausgegeben wird, schreibt in seinem neuen Buch über den Unterschied und das Gemeinsame von Bilder und Text. Das ist nicht ganz einfach, erinnern wir uns: In den ´80er Jahren gab es ganze Denkrichtungen, die der inflationären Bilderwelt der Massenmedien zutiefst mißtraute. Paul Virilio (Krieg und Kino Logistik der Wahrnehmung, München / Wien 1986) und Jean Baudrillard (Der symbolische Tausch und der Tod) gehörten zu den exponiertesten Vertretern dieser Gattung. Baudrillard ging gar später so weit zu behaupten, dass der Golfkrieg gar nicht stattgefunden habe. Kritiker meinten daraufhin brüskiert, dass Baudrillard gar nicht existieren würde und nur als Simulation seiner selbst funktioniere. Tatsächlich ist es seither erstaunlich ruhig um ihn geworden. Vielleicht lag es am Hufeisenplan und an Saddams nicht vorhandenen Atomwaffenpotentiale, am 11.09. und anderen ominösen Medienbilder. Die aber sind profan. Nancy geht es zunächst um das Heilige des Bildes, dass Ausgegrenzte, versteckte, nicht sofort ins Auge springende Detail des Bildes. Magrittes Pfeifenbild etwa, das da paradoxer Weise heißt: "Dies ist keine Pfeife". Bilder sind aber auch Gewalt, wir stehen unter einem medialen Dauerbeschuss, die einer Werbekampagne oder des Internet. Ganz im hier und jetzt! Philosophie ist nach Nancy nicht dazu da, Fragen zu beantworten, die keiner gestellt hat. Im Gegenteil: Im Kapitel Das Darstellungsverbot versucht der Autor die Frage zu beantworten, ob man den Holocaust darstellen darf, im Film Schindlers Liste oder Claude Lanzmanns umstrittener Dokumentarfilm Shoa.![]()
Vom Schwierigen zum eher, na ja, sagen wir Leichtgängigen. Landschaftsmalerei zum Beispiel, oder Agrikultur. Es gibt immer noch Leute, vor allem in Deutschland, die diese für die Kunst der Künste überhaupt halten. Deshalb gibt es auch ein Landwirtschaftsmisterium. Und ein Bilderverbot, man denke nur an die freiwillige Medienzensur der Bilder über die jüngsten Entführungen im Irak. Nun aber oszillieren die Abbildungen, überschneiden sich, kurze Schnitte, sich überlagernder Einstellungen. Die Metaphern, die einen beim schreiben schon verzweifeln lassen, verhüllen nun mehr als sie preisgeben. Wie in Stanley Kubricks letztem Film, mit einem phantastischen Titel: Eyes wide shut. Nicole Kidman trägt hier übrigens Unterwäsche von Calida, dies aber nur am Rande – und genau in der Schlüsselsequenz. Der Stoff, des Filmes natürlich, an Schnitzlers Traumnovelle angelehnt, führt einen jungen, ehrgeizigen Arzt durch die karnevalesken Orgien der Oberschicht, alles mit einem Hauch tiefenpsychologischer Selbstwahrnehmung. Am Ende ist sie es aber, die eine Traumdeutung bewältigt, und er derjenige, der wieder einmal nichts versteht. Tom Cruise: "Häh"? Fast wie im Kino, nur..., nennen wir es realistischer, durchdachter eben. Hierzulande macht man sich ein Bild von etwas, was man genauer ergründen möchte, das könnte es treffen. Von Jean-Luc Nancy wird man noch hören, wenn die Bilderwand sich auflöst.![]()
Jean-Luc Nancy, Am Grund der Bilder. diaphanes Verlag, Zürich-Berlin 2006![]()
Dekonstruktion und Destruktion![]()
Zeitgenössische europäische Philosophie und ihre Wurzeln sind nicht immer leicht zu interpretieren. Wenn nun ein russischer Philosoph ein ganzes Buch mit Gesprächen einer ganzen Reihe der Wichtigsten ihres Fachbereichs veröffentlicht, wird es spannend. Zumal er gleich in der Einleitung, mit dem Titel "Was sie schon immer über Philosophie wissen wollten, aber nie zu fragen wagten...", klarmacht das es ihm darum ginge, auf unsere nicht gestellten Fragen an die Gegenwartsphilosophie zu antworten. Michail Ryklin wäre drauf und dran den dümmsten philosophischen Witz zu wiederholen, wären seine Gesprächspartner nicht die Crème brûllée der Denker: Jacques Derrida, Félix Guattari, Jean Baudrillard, Jean-Luc Nancy, Paul Virilo, Richard Rorty und einige andere. Im Mittelpunkt des Buches und fast aller Gespräche steht das Denken Derridas, der sich allerdings selbst ungewöhnlich zugeknöpft gibt. Kein Wunder: Geht es doch Ryklin darum, die Dekonstruktion Derridas, welche die Probleme elliptisch angeht, in die Nähe der Destruktion Heideggers zu rücken, was dieser zu recht zurückweist. Entsprechend kurz ist das Gespräch geraten, mit einem der gewöhnlich gerne, ausführlich und immer gerissen geantwortet hat. Hier liegt genau die Schwierigkeit des Autors von Dekonstruktion und Destruktion, dass er versucht ein im Grunde unvereinbares Gedankenpaar zusammen zu bringen. Dabei soweit geht zu behaupten, dass sie (die Dekonstruktivisten, seiner Meinung nach Derrida, Nancy und Lacoue-Labarthes) dem gesprochenen Wort zutiefst mißtrauen würden. Das kann schon deshalb als absurd bezeichnet werden, wenn man weiß das ein nicht unbeträchtlicher Teil des Werkes von Derrida auf das gesprochene Wort zurückgehen, die vielleicht schönsten sogar direkt aus Vorlesungen und Kollogquien hervorgegangen sind. Eilige können auch einfach das letzte Interview auf dem Sterbebett mit Derrida lesen (in: Lettre International, Herbst 2004). Oder die erste Lieferung von Die Postkarte von Sokrates bis an Freud und jenseits (Berlin 1982), die man lesen könne als das Vorwort eines Buches, das er nicht geschrieben habe. Philosophische Liebesbriefe, nicht an die Philosophen allerdings, an seine Frau möglicherweise. In der UB-Ausgabe, in der ich gerade blättere, sind exakt immer jene verfänglichen Stellen von einer aufmerksamen LeserInn markiert, in denen der Autor sich wiederholt abmüht, die LeserInn zu verführen! Übrigens folgt auf eine erste Lieferung immer auch eine zweite. Die hat es in sich. Oder das gespenstische R-Gespräch eines gewissen Martin Heidegger am 22.08. 1979 aus den USA, ob er annehmen wolle? Derrida: "It’s a joke, I do not accept"! Egal ob Fiktion, oder echt, die Frage bleibt: Wer zahlt?![]()
Guattari hat viel geraucht, klar das er auch seinem Kollegen eine angeboten hat. Die Gespräche sind schon deshalb spannend, weil der Mitverfasser von Mille Plateaus schnell zu erkennen gibt, das er eigentlich von Denksystemen wenig versteht. Das macht ihn zwar sympathisch, kann aber nicht über den doppelbödigen Nitzscheaner hinweg täuschen. Gleich zwei Interviews mit Félix Guattari, ist der nicht längst tot? Gewiss, sie sind von 1991 und 1992.![]()
Bei Baudrillard gab es Eis ins Glas, was sonst noch drin war verrät Ryklin nicht. Dafür aber plaudert der gerne in die postmoderne Ecke gedrängte Autor darüber, dass er immer noch auf einer Schreibmaschine publiziere, sein Freund Virilo schreibt sogar noch mit Hand. Computer bedienen können sie beide nicht, aber das soll die großen Entwürfe nicht schmälern.![]()
Die ergiebigste Unterhaltung ist zweifellos die mit Jean-Luc Nancy, Co-Autor von Der Nazi-Mythos. Der ist es nämlich, welcher der ständigen Gleichsetzung des Stalinismus mit dem Nazionalsozialismus, die Ryklin vornimmt, widerspricht. Und den Bogen bis zu Le Pen spannt. Ein Buch für Theorie-Freaks, die sich komplizierten Themen über die berühmten kleinen Texte nähern wollen.![]()
Michail Ryklin, Dekonstruktion und Destruktion. Gespräche. diaphanes, Zürich-Berlin 2006![]()
Kunst und Brot![]()
Von den "weichen", eher spekulativen, zu den harten, empirisch untermauerten soziologischen Fakten: Pierre-Michel Menger hat, ausgehend von den monumentalen Untersuchungen zum "Neuen Geist des Kapitalismus" von Boltanski / Chiapello (UVK, 2003) , eine kurze theoretische Analyse des Künstlerarbeitsmarktes erstellt. Vor allem interessieren ihn, wie die Kunstproduktion als Experimentierfeld der Flexibilität funktionieren und – ist das Feld einmal abgesteckt – in den allgemeinen Arbeitsmarkt übertragen werden.![]()
Es wäre tatsächlich seltsam gewesen, würde dieser in der von Franz Schultheis in der Reihe édition discours herausgegebenen Band, nicht völlig neue Sichtweisen auf eine eher idealisierte Schattenwelt des künstlerischen Schaffens werfen würde. Das streben nach Originalität und Authentizität, den eigenen, unverwechselbaren Arbeitsstil, im Kulturbereich die erstrebenswerte Ideale überhaupt, werden nun kategorisiert, in "Schulen" und Richtungen eingeordnet, sowie von der Kritik mit nicht immer fairen Bewertungskriterien taxiert. Die so inszenierten spektakulären Ungleichheiten, die Superstars und die Nebenrolle, Star- Modell und eher Durchschnittstyp, sind für Menger das Ergebniss eines gnadenlosen Konkurrenzkampfes in der Film-, Musik-, Literatur- und bildenden Kunst-Branche. Die eklatanten Unterschiede der Gagen und der Arbeitsbedingungen werden in diesen Bereichen so wenig in Frage gestellt, wie sonst nirgendwo. Das hat natürlich Gründe: Die zeitlich befristete Künstlerarbeit hat sich immer weiter aufgespalten, während der Wettbewerb zwischen einer wachsenden Zahl an Künstlern immer schärfer wird. Die Zahlen des französischen Arbeitsmarktes, die der Autor aus einer Studie von Coulangeon / Rannou / Rohanik präsentiert, sprechen eine deutliche Sprache. Es ist allerdings nicht so, dass dies dort nicht erkannt wird. Wer die Interviews mit der amerikanischen Band THE MAKE UP (a.k.a. WEIRD WAR) verfolgt hat, weiß worum es geht. Ihr Sänger schreibt übrigens gerade ein Buch zu seiner Texas Instrument Calculator-Theorie. Pierre-Michel Menger dürfte dies gefallen.![]()
Pierre-Michel Menger, Kunst und Brot. Die Metamorphosen des Arbeitnehmers. Universitätsverlag Konstanz 2006.![]()
Qualifiziert & Arbeitslos![]()
Die Arbeitssuche ist in Zeiten deregulierter Arbeitsmärkte zu einer komplexen Technik, wenn nicht gar eine Wissenschaft geworden, dass kein Mensch diese Aufgabe mehr allein bewältigen kann. Sind die Bewerbungsunterlagen auf dem neuesten Stand, die potentielle Arbeitgeber beeindrucken können? Sind die menschlichen Kontakte noch in Ordnung, oder müssen sie durch ein profesionelles "Networking Event" aufgefrischt werden? Sollen etwa "Kernkompetenzen" neu bearbeitet oder besser hervorgehoben werden? Wichtige Entscheidungen stehen an, von denen eine ganze "Übergangsindustrie" profitieren.![]()
Die Journalistin Barbara Ehrenreich hat inkognito, mit falscher Identität die amerikanische Schattenwelt der Vermittlungsagenturen und Karrierecoachs unter die Lupe genommen. Wohlgemerkt die Amerikanische: Staatliche Arbeitsagenturen, die ihre "Kunden" mit sinnlosen "Trainingsmaßnahmen" beglücken, tauchen in dem Buch fast nicht auf. In den USA zahlen die Klienten, im Zuge der Verarmung der Mittelschichten, ihre Coachs selbst. Deshalb ist die Analyse auch nur bedingt auf europäische Verhältnisse zu übertragen. Ganz anders verhält es sich bei den sogenannten Persönlichkeitstest, die unabdingbar jedem erfolglosen Vermittlungsversuch vorausgehen. Sie tauchen auch auf den deutschen "Coachingsides" auf, die immer mehr expandieren: Zum Beispiel der sogenannte "Meyers-Briggs Typ Indikator", von einer amerikanischen Hausfrau ohne jede psychologische Vorkenntnisse entwickelt. Populärpsychologische Modeerscheinungen aus den heißen Quellen der Esoterik. Der Mensch ist halt ein Gewohnheitstier, also muss man nur die richtigen herausfinden. Am Besten in einem drittklassigen Hotel, die Teilnehmer um einen hufeisenförmigen Tisch gruppiert, mit Web-Präsentation und im Tonfall einer therapeutischen Sitzung. Es werden Flipcharts mit "Schlüsselkompetenzen" bestückt, mit Visitenkarten um sich geworfen und gegebenenfalls die "Klientin" auf erhebliche Defizite hingewiesen. Coachs sind eine Klasse der Übergangsindustrie, die seit den ´90er Jahre als unausweichliche Folge der Arbeitslosigkeit boomt. Sie sind selbstbewußt, verfügen über Erfahrung im Projektmangement (im Planspiel also) und das Beste was ihnen passieren kann, ist die Untersützung der TV-Moderatorin Sabine Christiansen durch die Einladung zu einer Expertenrunde. Ob diese Spezialisten des Übergangs oft selbst gerade arbeitslos waren, fragt niemand.![]()
6000 Dollar für diverse Coachs, Reisen, Trainings- und Networking-Sitzungen, sind in den USA keine Seltenheit. Einen Job finden die wenigsten und wenn doch, mit Sicherheit nicht über diese Agenturen, die oft genug auch noch der Rekrutierung für fundamentalistische Evangelisten fungieren. Reicht es da die Beantwortung der Frage zu versuchen, die da lautet: Was möchte ich "wirklich machen"? Oder ist sie weiter zu fassen: Was stimmt am Gesamtbild nicht? Ein spannendes und verständlich geschriebenes Buch.![]()
Barbara Ehrenreich, qualifiziert & arbeitslos. Eine Irrfahrt durch die Bewerberwüste. Verlag Antje Kunstmann, München 2006.![]()
Kritik des Kapitals![]()
Eine Broschüre mit dem Untertitel "Texte und Polemiken", ganz und gar vom linksradikalen Geist inspiriert, hat der Freiburger Soziologe Gerhard Hanloser vorgelegt. Welchem Geist, möchte man mit Derrida fragen? Natürlich eine ganze Menge: Situationisten, Rätekommunisten, Operaisten, die Krisis- Gruppe, Antideutsche und die kritische Theorie. Alle sind sie dabei (na ja, beinahe alle, die Libertären kommen ein wenig zu kurz) und fast alle kriegen ihr Fett ab, allerdings sehr unterhaltsam und immer humorvoll. "Der Linksradikalismus ist in Deutschland in keinem guten Zustand", befindet der Autor in der Vorbemerkung zu recht. In der linken Tageszeitung Junge Welt betreute er eine interessante Kolumne zum Thema (Benjamins Tigersprung), unter dem Pseudonym Walter Hanser. Der Autor setzt sich auch mit den neueren Kapitalismustheorien auseinander wie von Moshe Postone, der eine Kritik des Kapitalismus formuliert ohne den Klassenbegriff zu benutzen, oder von John Holloway, der mittels philosophischer Kategorien ("der Fluß des Lebens", "das Tun") dem Kapitalismus auf den Leib rücken will. Hier versucht Hanloser Marx als Klassenkämpfer dagegen zu setzen, einen ganz bestimmten Marx nämlich, den der Grundrisse. Es gelte, so der Umschlagtext, das "Erbe des Linksradikalismus aufzunehmen", ein schwieriges Unterfangen. All die nebulösen Phantome, Bauchredner und Wiedergänger, die auch einen Philosophen immer interessiert haben, der hier nicht zum wiederholten Male genannt werden muß. Eine solche, hierzulande immer noch viel zu selten anzutreffende Herangehensweise an eine Kritik des Kapitals, wird von vielen als geradezu unerhört empfunden werden. Für das Verstehen der Kämpfe nach 1968 ist die Broschüre jedenfalls ein Glücksfall!![]()
Gerhard Hanloser, Kritik des Kapitals. Texte und Polemiken. Syndikat-A, Moers 2006.
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