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Artikel


Stattzeitung für Südbaden Ausgabe 66, 2006-09

Quarti, Adi:
Kunst und Gewalt

Eigentlich sollte das hier so was wie im Sinne von: >>Meine gediegenen Vorabende mit Andrea Müller, Bernadette Schoog und Sonya Schrecklein, daheim in Bd.- Württemberg<< werden. Mit empörenden Nachrichten aus der EU-Kommision, den Wetterkapriolen und spannenden Interviews, präsentiert von den wohl weltweit einzigen öffentlich-rechtlichen Mobilisten, mit Prominenten aus dem Lande der Tüftler. Auch Fab Moretti von The Srokes, sowie Paris Hilton (ihr wißt schon, der Werbeclip, >>Brrrötchen<<) und Courtney Love von Hole standen uns nicht zur Verfügung. Also, weiter wie bisher.

DIE LIEBE ZUR KUNST

Was erwarten, bzw. was suchen die Besucher in den Tempeln der modernen Kunst? Wie kommt die Präsentation der Werke dem Betrachter entgegen, wo verhindert oder maskiert sie eher? Fragen, die in Zeiten eines boomenden Kunstmarktes, fast schon Rhetorik sind. Pierre Bourdieu und Alain Darbel haben schon vor vierzig Jahren eine großangelegte kultursoziologische Feldstudie erarbeitet, die nun auch im UVK auf deutsch veröffentlicht wurde, an der wie bei Bourdieu üblich, ein ganzes Forscherteam beteiligt war. Der spätere Theoretiker der >>feinen Unterschiede<< macht in Befragungen und Erhebungen der Museumsbesucher in mehreren europäischen Länder deutlich, dass sowohl Präsentation der Werke, Führungen, aber auch eine unverkrampfte Stimmung in den Kathedralen der Kunst, sich sofort auf die Besucherzahlen niederschlagen. Was darüber hinaus sofort ins Auge springt: Polen war an dieser Vergleichsstudie beteiligt, Deutschland nicht. Ob Zufall oder nicht, offensichtlich war der >>Eiserne Vorhang<< doch durchlässiger als die Rheingrenze im Kalten Krieg, wir werden darauf zurück kommen. Doch zunächst analysieren Bourdieu / Darbel gnadenlos die soziale Zusammensetzung der Museumsbesucher, die zwar vorwiegend sehr jung sind, aber pyramidal vom Ausbildungsabschluß abhängig und damit sozial determiniert ist. Für die Autoren ein eindeutiges Indiz für das Versagen der Schule, in deren Kunstunterricht meist nur praktische Übungen im Vordergrund stehen. Gerade in den Grundschulen einiger deutscher Bundesländer, diese Situation wird sich mit der sogenannten Föderalismusreform noch verschärfen, kommt das Fach Kunst einer Amtsanmaßung gleich, die oft genug von völlig fachfremden Pädagogen verbrochen wird. Die Entschlüsselung eines Werkes überfordert folglich oft den Betrachter, zu deren Bewältigung einer ganzen Reihe von Chiffren, Codes, Schulen, Stile, Epochen notwendig sind, kurz, eines Klassifikationssystems des Kunstsachverstandes. >> Derart wird klar, dass die Ästhetik nur und ausnahmslos eine Dimension der Klassenethik (oder besser, des Klassenethos) sein kann<<. So wundert es kaum, wenn Angehörige der unteren Klassen in Befragungen zugeben, einer erklärenden Führung gerne teilnehmen zu wollen, während sogenannte Gebildete ein solches Unterfangen brüskiert zurückweisen würden. Pädagogische Hilfestellungen sind in den sakralen Einrichtungen der Museen durchaus sinnvoll, kein Wunder, dass zum Beispiel das Museum für zeitgenössische und moderne Kunst in Strasbourg solche Führungen sehr erfolgreich praktiziert. Ein anderes, hierzulande sehr beliebtes Vorurteil widerlegen die Autoren: Dass die Besucher am häufigsten die berühmtesten und durch die Schule am meisten sanktionierten Gemälde bevorzugen würden und umgekehrt - die modernen und zeitgenössischen Maler ablehnen. Offensichtlich eine Affinität zur Stuttgarter Staatsgalerie etwa oder zur Tübinger Kunsthalle, wo man sehr oft den Eindruck hat, dass hier einfach nur der Kanon abgefeiert wird. >>Diesen Kulturfrommen, die sich dem Kult der geweihten Werke verstorbener Propheten hingeben, wie den Hohepriester der Kultur, die sich der Durchführung dieses Kultes widmen, stehen in allem, wie man sieht, die Kulturpropheten entgegen, die die Gewohnheiten der ritualisierten Inbrunst ins Wanken bringen, bis auch die Zeit für sie gekommen ist, ihrerseits durch neue Priester und neue Gläubige >veralltäglicht< zu werden<<.

Die Autoren plädieren im übrigen für eine offensive Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Museen, eine Botschaft, die dort inzwischen angekommen zu sein scheint. Ausserdem fordern sie eine Demokratisierung der Kultur und niederschwellige Angebote. Auch dieser Hinweis wurde etwa vom bereits erwähnten Museum für moderne und zeitgenössische Kunst in Strasbourg umgesetzt, mit jährlich stattfindenden Museumsnächten und musikalischem Rahmenprogramm (letztes Jahr mit DJ´s und Ambietmusik), die dann leider oft vollkommen überlaufen sind, oder durch freien Eintritt an jedem ersten Sonntag im Monat. Das Kunstmuseum in Basel und das Museum Tingueley haben dagegen ihre Pressearbeit an ein freies Journalistenbüro ausgelagert, welches sich Abart nennt und auch genau so arbeitet. Eine andere (sehr deutsche) Spezialität sind wild gestikulierende Aufseher, die ehrfurchtsvolle Distanz der Besucher abnötigen, von denen die Gästebücher so mancher Ausstellung im ZKM in Karlsruhe Bände sprechen. Aber immerhin gibt es hier sehr ambitionierte kleine, unabhängige Galerien, die vorbildlich arbeit leisten. Was ein wenig in den Hintergrund rückt, allerdings auch nicht Thema des Buches ist, ist der Kunstmarkt, der heute regelrecht explodiert. Gerade hier wird deutlich, wie sehr Bourdieu fehlt. Wenn man >>Die Liebe zur Kunst<< zum Anlass nehmen würde, beispielsweise hier im Dreiländereck die Museumslandschaft zu untersuchen, würde schnell klar werden, wie die Arbeit des großen Soziologen zumindest Frankreichs Ausstellungslandschaft verändert haben. Eine deutsche Übersetzung war überfällig.

Pierre Bourdieu / Alain Darbel, Die Liebe zur Kunst. Europäische Kunstmuseen und ihre Besucher. Universitätsverlag, Konstanz 2006

GUTER MOSLEM, BÖSER MOSLEM

Der kalte Krieg und die Wurzeln des Terrors sind das Thema einer ausführlichen Studie des Professors an der Columbia-Universiät in New York, Mahmood Mamdani. Als geborener Inder, in Afrika aufgewachsen, geht ihm jedoch jener koloniale Blick, den Edward Said in seinen Werken demaskierte, völlig ab. Was hat zum Erstarken des Fundamentalismus beigetragen, egal ob in Saudi-Arabien oder in den Vereinigten Staaten selbst? Die >>wiedergeborenen Evangelisten<< etwa, nun, der amerikanische Präsident Bush und Teile seiner Administration, wie vor ihm Reagan und Carter, sind bekennende Evangelisten. In den USA sind diese immer wieder durch Anschläge auf Abtreibungsärzte hervorgetreten. Aber auch die Attentäter von Oklahoma City im April 1995, bei dem 168 Menschen starben, gehen auf das Konto von rechten amerikanischen Fundamentalisten: Den Golfkrieg-Veteranen Timothy McVeigh und Terry Nicholson. Mike Davis hat in Lettre International (Sommer 2006) diesen Aspekt der Geschichte ausführlich analysiert. Mamdani geht anders vor, er untersucht ausführlich die Außenpolitik der USA nach dem Vietnamkrieg, geht der Finanzierung von Stellvertreterkriegen auf den Grund- und den Verwicklungen der CIA in diese. Kokain, Contras und die CIA in Nicaragua der 80er Jahre, oder der Iran-Contra-Skandal. Als Höhepunkt des Kalten Krieges schließlich Afghanistan: >>Sowohl die Contras in Nicaragua als auch später in Afghanistan Al-Qaida (und die Taliban) waren amerikanische Alliierte im Kalten Krieg. Die Unterstützung dieser Kräfte zeigte die Entschlossenheit, den Kalten Krieg „mit allen nur denkbaren Mitteln“ zu gewinnen. Das konnte nichts anderes bedeuten, als dass auch unlautere Mittel in Frage kamen. Der 11. September, das Ergebnis einer Allianz, die aus dem Ruder gelaufen ist, muss in erster Linie als Hypothek des Kalten Krieges verstanden werden<<.

Der Autor ist kein Verschwörungstheoretiker, sondern ein ausgezeichneter Kenner der amerikanischen Außen- und Innenpolitik, er nennt Namen, Geheimdienstinternas und Netzwerke. Und zwar sowohl auf der pro-westlichen, als auch auf der pro-islamischen Seite. So ist er auch in der Lage, die Geschichte nach dem Zusammenbruch des Warschauer Pakts bis heute nachzuzeichnen, die geprägt ist vom Übergang des >>Konflikts niederer Intensität<< zur offenen Aggression. Er zitiert den ehemaligen Justizminister der USA und Kritiker der Bush-Administration, Ramsey Clark, aus einem Brief an die Mitglieder des UN-Sicherheitsrats: >>Die USA haben Verträge zurückgewiesen, die auf eine Kontrolle von Atomwaffen und ihre Weitergabe abzielen, sie haben gegen das Protokoll votiert, das die Inkraftsetzung der ”Konvention über biologische Waffen” ermöglicht, sie haben den Vertrag zurückgewiesen, der Landminen verbietet, sie haben versucht, die Schaffung des Internationalen

Gerichtshofs zu verhindern und ihn seit seinem Bestehen in seiner Wirksamkeit unterminiert, und schließlich haben sie sich der UN-Kinderrechtskonvention ebenso verweigert wie einem Verbot, Kinder in Kriegen einzusetzen. Die USA haben sich praktisch jedem Vorstoß, Kriege zu kontrollieren oder einzudämmen, die Umwelt zu schützen, die Armut zu bekämpfen und die Gesundheit zu fördern, widersetzt<<. Der Dreh- und Angelpunkt des Nahostkonflikts ist das besondere Verhältnis der USA zu Israel, welches im Nahen- und Mittleren Osten zu Kollektivstrafen und ständiger Mißachtung des internationalen Rechts führt. Eine sehr detaillierte, komplexe Analyse der gegenwärtigen Geopolitik, ein Buch zur rechten Zeit!

Mahmood Mamdani, Guter Moslem, böser Moslem. Amerika und die Wurzeln des Terrors. Edition Nautilus, Hamburg 2006.

THE MEDIUM IS THE MESS

Gewissensbisse der Wahrnehmung also? Die neue testcard kennt diese nicht. Das Medium ist die Bottschaft, frei nach Marshall McLuhan, genau damit setzt sich das Magazin mit dem Untertitel >>Beiträge zur Popgeschichte<< auseinander. Was war die Medientheorie McLuhans? Der Versuch die Philosophen Heidegger und Popper zusammen zu bringen, wie Roger Behrens meint? Mag sein. Aber das Heidegger ebenso triumphal auf >>den elektronischen Wellen surfte<<, >>wie Descartes auf der mechanischen Welle<<, ist schlicht eine Erfindung McLuhans. Heideggers Gestell, wie Mark Terkessidis sehr humorvoll nachwies, war einer Angst geschuldet, vor >>einer immer unabhängiger agierenden Technik << (Globalkoloritit, Hannibal Verlag 1998). Eine der vielen Paradoxe Heideggers, der als Nazi-Rektor der Freiburger Uni (und die Nazis waren bekanntlich alles andere als technikfeindlich), mit seiner Studentin Hannah Arendt befreundet war. Der Begriff der Angst, auf den McLuhan sich beruft, stammt von Kierkegaard, in dem Jahr erschienen, in dem in Amerika der kommerzielle Telegraf eingeführt wurde. Er selbst hat später darauf hingewiesen (deutsch: Gewissensbisse der Wahrnehmung, Leibzig 1993). McLuhan war der Theoretiker der modernen Massenmedien, die er aber nicht als Spielzeug betrachtet, sondern nur >>Künstlern<< anvertrauen wollte. Ein ziemlich elitäres, zudem ausgesprochen naives Unterfangen! Behrens Rezeption der Gutenberg-Galaxis ist dennoch, oder gerade deswegen, eine der wenigen kritischen linken Annäherungen an McLuhan. An-gesichts der Forschungen zur militärischen Nutzung der Nanotechnologie, eine überfällige. Clemens Beier beschäftigt sich mit Nicht-Kommerziellen Lokalradios, dem freien Hamburger Radio FSK etwa. Das Flaggschiff der linken Radios käm-pft mit den gleichen Schwierigkeiten wie anderswo. Der Enthusiasmus der Anfangstage ist einem eher nüchternen Pragmatismus gewichen. Die Situation unabhängiger Plattenläden, Mailorder und Vertriebe untersucht Martin Büsser, Teenage Wastland in Mainz, Flight 13 in Freiburg und a-Music in Köln. Plattenläden, Labels und Mailorder die einen Markt bedienen, den WOM und 2001 niemals erreichen würden. Es gibt aber natürlich auch jede Menge aktuelle Medienkritik: Die öffentlich-rechtlichen und die privaten Rundfunkanstalten, so Thomas Venker, haben ihre Programme bis zur Austauschbarkeit angeglichen. Einen ebenso abgründigen, wie bemerkenswerten Aufsatz liefert Franziska Meifert: >>Anarchismus, Terrorismus, Avantgarde<< analysiert einen Diskurs, der nach dem 11.09. selbst den Surrealismus in die Nähe der Taliban rückte. Dada, Fluxus, Aktionismus sind jedoch gegen die >>Guerillastrategien<< zeitgenössischer Kunst, eines Jonathan Meese etwa, fast schon anachronistisch.

testcard # 15, Beiträge zu Popgeschichte. The medium is the mess. Ventil Verlag, Mainz 2006.

UTOPIE ET RÉVOLTE

22. September bis 31. Dezember, MUSÉE D’ART MODERNE ET CONTEMPORAIN, 1, place Hans – Jean – Arp, Strasbourg.

Wieder eine interessante Themenausstellung: Von Jugendstil zu Bauhaus, die Deutschland zwischen den Weltkriegen im Blick hat. Das heißt eine Epoche, wie sie widersprüchlicher und zerrissener nicht sein kann. Der etwas kitschige Geist des Jugendstil wird mit dem schonungslosen Realismus von Käthe Kollwitz konfrontiert. Der expressionistische Ausdruck der Brücke- Gruppe (Kirchner, Nolde), mit den schillernden Farben des Blauen Reiter (Kandinsky, Franz Marc). Schließlich der 1. Weltkrieg, der Thema verschiedener Künstler wurde (Kollwitz, Beckmann, Grosz) und die Neue Sachlichkeit (Dix, Beckmann, Grosz), sowie Bauhaus (Feininger, Klee, Kandinsky). So, mit Deutschland sind wir durch...



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