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stattweb-News Ausgabe 07, 2007-01

Güde, Fritz:
Allensbach: Erst Meinungen, dann Menschen sortieren
News-Beitrag auf stattweb.de vom 4.Januar 2007

Zum Neunzigsten von Elisabeth Noelle-Neumann aus dem schönen Allensbach am Bodensee steuert Otto Koehler im neuen FREITAG aufschlussreiche Erinnerungen und Erkenntnisse bei.

Noelles bekannte Technik, Registratur in politische Aktion zu überführen, schildert er an einer Befragung in Freiburg 1961/62, die zum Sturz des damaligen körperbehinderten Oberbürgermeisters Braudel entscheidend beitrug. Zunächst wurde laut Koehler gefragt,ob schon bekannt wäre,dass der OB krank sei. Dann: Ob man einen Rücktritt befürworte. Wenn ja: in diesem Jahr oder später? Schließlich: wer Nachfolger werden solle.”Und dann wurden Alternativkandidaten vorgeschlagen, besonders der heimliche Auftraggeber, der CDU-Stadtrat Albert Maria Lehr,- er zahlte für die Noelle-Umfrage 20 000 DM”(Köhler). Zum Vergleich: Rürup soll für sein Gutachten 45 Jahre später “nur” 60 000 € bekommen haben.

Der OB musste ins Sanatorium und 1962 seinen Stuhl räumen. Der Umfragenauftraggeber kam freilich am Ende doch nicht zum Zug.

Durch einen glücklichen Zufall kann Köhler auf Vorlesungsnotizen aus dem Jahr 61 zurückgreifen. In einer Berliner Vorlesung schilderte Noelle ihr Vorgehen in Freiburg selbstzufrieden: "Freiburg, Oberbürgermeister, musste schon getragen werden. Diese Umfrage hat Frage aufgeworfen, ob man nach der Krankheit einer Persönlichkeit fragen darf, starke Entrüstung hervorgerufen. Freiburger Umfrage, die erste, gegen die solche Polemik."

So abgerissen aus den Notizen, aber doch verständlich: Noelle-Neumann rühmt sich einer Pioniertat.Und weiter: "Man versucht, sich eine Position des Vorsprungs zu sichern. Man hat also den Zusammenhang zwischen Zählen und Herrschaft erkannt.Rechtsfrage aufgeworfen, ob Auftraggeber genannt werden muss. Natürlich stellen sich die Interviewer vor, nicht der Auftraggeber. Zwingender Grund: Unbefangenheit des Befragten ginge verloren."(Vorlesungsnotiz Köhlers nach Noelle)

Soviel zur Rechtfertigung “Man”- der sich einen Vorsprung verschafft: ganz einfach- der Nachfolgeanwärter und Machtkonkurrent. Wer zählt, gewinnt Macht. Offen genug bekannt und praktiziert.Dass der Auftraggeber nicht genannt wurde, wird dann aber nicht aus dem Machtinteresse erklärt, sondern aus dem Geist heiligster Wissenschaft: unverminderter Objektivität.Streng kapitalistisch deduziert. Der Auftraggeber kauft Meinung wie eine Ware. Die wird nach Wunsch gelenkt und konfektioniert. Köhler geht auf Jung-Noelles Karriere und Doktorarbeit in der Zeit des Nationalsozialismus ein. Man darf sich die junge Frau Neumann keineswegs als Fanatikerin vorstellen. Sie bietet einfach das logisch unmögliche, faktisch inflationär vorhandene Beispiel eines Opportunismus aus Überzeugung. Wer oben ist, hat immer auch Recht.Es wird ein Satz zitiert, aus der Doktorarbeit, der den mühelosen Weg Elisabeth Noelles und so vieler anderer vor- und nachzeichnet von der Zeit der offenen Diktatur zu jener der gelenkten Demokratie."Das Volk soll sich nicht mehr selbst überlassen werden ... Das Volk soll anfangen, einheitlich zu denken, einheitlich zu reagieren, und sich der Regierung mit ganzer Sympathie zur Verfügung zu stellen." Der von Köhler zitierte Satz aus Elisabeth Noelle-Neumanns Dissertation ist ein Zitat aus Goebbels. Der Satz, ist aber -unabhängig vom Primärverfasser- Leitfaden späterer Tätigkeit. Köhler bietet als Beispiel die Kampagne an zu Kohls Wahljahr 1985. Schon damals wurde befürchtet, dass die Arbeitslosenfrage sich in den Mittelpunkt der Wahldiskussion drängeln könnte. Was dagegen half? Zerstückelung. Es sollte nicht mehr die Frage “der Arbeitslosigkeit” geben, auch nicht das Heer der Arbeitslosen.

So zerlegte Elisabeth Noelle-Neumann in “arbeitslos gemeldete Hausfrauen”- die leiden doch gar nicht wirklich. Rolle der Frau! Dauerarbeitslose: gesinnungsmäßig besonders Hervorgetretene. Dann -damals schon -die “freiwillig Arbeitslosen”-Alkoholiker, Drogensüchtige, jugendliche Sektenangehörige-1985 der Zahl nach mit 700 000 angegeben. Und so weiter.

Der Wirtschaft gegenüber gibt Noelle laut Köhler als Ziel der Untersuchung klar an:”die geplante Untersuchung soll den Block derArbeitslosen segmentieren”.segmentieren wird ohne Gehässigkeit übersetzt mit “zerstückeln, zerbröseln, zerlegen”.

Hochwissenschaftlich, das Ergebnis der Untersuchung vor dieser selbst vorauszuwissen. Wissenschaftliche Objektivität -siehe oben- ist eben auch kein Selbstzweck

Herrschaft durch Kategorien- Bildung, Waffelförmchen, Trennzäune. Was ist zwanzig Jahre später draus geworden? Die Kategorien sind inzwischen nicht nur in die Köpfe der Rürups, Schröder und anderer Sozialplaner eingewandert,sondern zur Schaffung sozialer Realität genutzt. Es gibt zahllose Maßnahmen, die zwar an der Arbeitslosigkeit wenig ändern, aber neue Boxen schaffen zur Absonderung: Zeitarbeiter, Existenzgründerin, klassischer Industriearbeiter, Altarbeitslose,Arbeitsverweigerer, natürlich immer noch und wieder Hausfrau im Wartestand. Geschaffen damit die ungeheure Schwierigkeit der Arbeiterklasse, sich zusammenzuschließen, ja sich nur als solche zu verstehen. “Prekäre” und “Unterschicht” neuere Beiträge zur Tortenzerlegung. Die hatte Elisabeth Noelle-Neumann noch nicht im Werkzeugkasten. Dankbare Schüler haben sie nachgeliefert.

Sie aber hat im Denken die Kategorien vorgeliefert, die dann nach Kohl von Rot-Grün zur wechselseitigen Absonderung der Menschen angewendet wurden. Schwarz-Rot ehrt heute mit Recht die Wühltäterin, die auch der CDU auf die Sprünge helfen soll.

Köhlers letztes Verdienst: er wirft einen Blick zurück auf Noelles ersten Ehemann Erich Peter Neumann. In der offiziellen Biographie wird er danklos verabschiedet. Vielleicht auch deshalb, weil Ehemann Erich Peter Neumann sich in der Renommierzeitschrift Goebbels’ DAS REICH -zu offen hervorgetan hatte. ( redigiert hat er damals wohl nicht, wie Köhler annimmt, aber geschrieben)Neumann, zur Stimmungsmache vor das Ghetto in Warschau geschickt, äußert sein Entsetzen: eine solche Ansammlung von verlumpten Existenzen, heruntergekommen, gierig usw. -Mitgedacht: und das hatte uns einmal beherrschen wollen.

Ein Nachdruck von Harry Pross im Sammelband “Das Reich”- heute wohl lange verramscht, brachte die Impression in den frühen sechziger Jahren ans Licht und erregte -mittleren- Unmut. Ehemann Neumann hatte sprachlich vervollständigt, was die Ghettos -auch- bezweckten. In einer eigens zu diesem Zweck geschaffenen Realität das nachher “wahr “ zu machen, was die Propaganda vorher über “die Juden” behauptet hatte. Reales Handeln geht dann in die Schaffung überzeugenden Scheins über und ein. freilich nicht so vollständig und rückstandslos, wie die Situationisten meinten, wenn ich sie recht verstehe. Es bleiben die leidenden und zur Vernichtung bestimmten Körper. Von denen ist übrig nicht einmal mehr der Schein. Nur und allenfalls ihr vermisstes Sein, ihr Fehlen. Ihr Nichtsein.

Noelle erlag der Inszenierung nicht so unmittelbar und passiv wie der verstoßene Ehemann. Sie lernte, dass nur der oben bleibt, der an der Inszenierung selbst teil hat. Der sie selber vornimmt. In diesem Sinn lernte sie von den alten Schleier-Machern und wob selbst die neuen Netze, denen wir uns immer noch gefangen geben .

Quelle: Freitag,4.1.07


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