Stattzeitung für Südbaden Ausgabe 69, 2007-06![]()
Quarti, Adi:
In Analyse: Aphasie, Paraphasie und andere Fehlleistungen
Die ARD machen im Augenblick das, was sie am besten beherrschen, sie parodieren sich selbst. Und zwar in einem Remake des ´80er Jahre Kult-Krimi Adelheid und ihre Mörder. Es treten auf und ab: Intrigante Polizeidirektoren (O-Ton: „setzen, weitermachen“), eine völlig inkompetente Mord zwo und ihre ständig „in einem schäbigen Ambiente“ Schneckennudeln essende Beamten, sowie korrupte und paranoide Innenminister. Das ist ja fast wie im wirklichen Leben? Nun, in der Serie gibt es allerdings noch keine Vorbeugehaft, keine Käfighaltung von Demonstranten wie in Rostock beim G 8-Gipfel und auch kein Einsatz von Aufklärungsflugzeuge der Bundeswehr. Ach ja, einer der Fernsehkommissare outet sich als Fan von Cocaine-Kate Moss. Hauptkommissar Strobel hat ein echtes Problem!![]()
Maschinen Papier![]()
„Maschinen Papier“ bindet, verbindet und archiviert verschiedene Artikel, Interviews und Reden die der französische Philosophieprofessor Jacques Derrida in den ´90er Jahre veröffentlicht hat. Wird der (Ein)band halten und nicht nach dem ersten lesen auseinanderfallen, durch die moderne Telekommunikation gar an den Rand gedrängt werden werden? Welche Seiten, hier also vor allem politische, hatte Derrida noch? Da es an dieser Stelle, vor allem im deutschsprachigen Raum, allzu viele leeren Schreibmaschinenseiten gibt, hat der Passagen Verlag eine echte Lücke geschlossen.![]()
Beginnen wir also zunächst mit „Die Maschine und der/das Papierlose“, natürlich eine Anspielung auf die sans papiers, die Bewegung zur Legalisierung illegal Eingewanderter, welche immer wieder Bestandteil seiner politischen Aktivitäten waren. Derrida geht das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven und verschiedenen Medien an (Les Carhiers de médiologie, Le Monde, L’Humanité). Was bedeutet es also papierlos zu sein, ohne offizielle Dokumente, jene Phantomglieder aus Papier, die heute mit Chips und biometrischen Daten versehen sind, welche Art von „Fortschritt“ drückt dies aus? Und: „Wenn wir uns für die ‚ohne Papiere‘ schlagen, wenn wir sie heute in ihrem Kampf unterstützen, fordern wir immer noch, dass man ihnen Papiere ausfertige. Wir müssen in dieser Logik bleiben“. Im übrigen seien wir angesichts der modernen Infomationstechnologien (digitalisierten Photografie und genetische Fingerabdrücke) nicht längst schon alle „ohne Papiere“? Es ist leicht zu erkennen, der gewitzte Sprachakrobat verschiebt die Vokale, Konsonanten und ganze Wortfragmente in unnachahmlicher Weise zu völlig anderen Bedeutungen. Es spuckt und raunt wie immer in seinen Werken, hier aber erstaunlich Altersweise und ohne grantig zurück zu blicken.![]()
Ein anderer, höchst bemerkenswerter Aufsatz, liefert „Meine ‚humanités‘ vom Sonntag“. Eine Anspielung auf den Eigenname der Zeitung der KPF, aber auch auf die Menschheit, Mitmenschlichkeit, Humanität, der tatsächlich in der Sonntagsausgabe der L’Humanité von 1999 erschien. Hoppla, der alte libertäre Spaßvogel in einem post-stalinistischen Blatt, hatte man dies nicht schon immer heimlich vermutet werden nun jene „Intellektuelle“ murmeln, die nicht lesen können. Ja, Derrida läßt es sich nicht nehmen seine Bewunderung für jene Auszudrücken, die in der Nachkriegszeit von Tür zu Tür eine Zeitung verkauften, in einem politischen Klima, in dem auch in Frankreich der eine Totalitarismus mit dem anderen gleichgesetzt wurde. Seine Hochachtung für dieses Kämpfertum ist unverändert, aber... „Es gab immer einen gewissen Spielraum zwischen einem gewissen Zentrum oder Zentralismus der Politik der Kommunistischen Partei (durch ihre gesamte Entwicklung hindurch) und den Kulturpolitiken (plurale oder weniger monolithischen Praktiken) bestimmter Kommunisten. Dieser Spielraum war stets der Ort und die Chance einer Wandlung des politischen Dogmatismus“. Wir wollen das so in der Schwebe lassen und uns einem entwendeten Brief zuwenden, der aber seinen Schickungsort im Weißen Haus mit Sicherheit erreicht hat, und an das Ehepaar Clinton adressiert ist. Zusammen mit Frau Pierre Mendès France vom Institut P. M. France appelliert Derrida im Namen des Internationalen Schriftstellerparlament an das amerikanische Präsidentenpaar, dem Aktivisten und Journalisten Mumia Abu-Jamal eine Revision seines Todesurteils zu ermöglichen. Der Brief blieb unbeantwortet! Für José Rainha von der brasilianischen Landarbeiterbewegung (MST), dem 1999 unter mysteriösen Umständen der Prozeß gemacht wurde, veröffentlichte er einen glühenden Aufruf in der L’Humanité vom 30. November, der fast prophetisch ein Ereignis verkündet, das kurz darauf eintritt. „Wir befinden uns am Beginn eines Welthandelsgipfels, von dem man noch nicht so recht weiß, welche Zukunft ihm beschieden sein wird, von dem ich jedoch zu wissen glaube, dass er – in einer neue Wege eröffnenden Weise – vor Ort bereits eine große Zahl von Männern, Frauen und Nichtregierungsorganisationen mobilisiert, die darüber beunruhigt sind, was man ihnen unter dem Namen und dem oft konfusen, mystifizierenden und von vornherein kontrollierten Begriff der ‚Globalisierung‘ bereitet“. José Rainha wurde in der Berufungsverhandlung freigesprochen, aber was war noch mal im Dezember 1999 in Seattle? Genau!![]()
„Aber..., nein aber..., niemals..., und dennoch..., was die Medien betrifft“, welcher Definitionsversuch durch ihn selbst könnte fragmentarischer ausfallen als dieser? Nun lese, wer lesen kann, den Philosophen mit den wirren grauen Haaren, der nun in einem Brief an die Les Temps Modernes, anläßlich des 50-jährigen Jubiläums in einem Sonderheft, genüßlich Sartre paraphasiert. Man denke, die müssten sich nahe stehen? Lesen!![]()
Jacques Derrida, Maschinen Papier. Das Schreibmaschinenband und andere Antworten. Passagen Verlag, Wien 2006. 370 Seiten, Fadenheftung.![]()
Namen-des-Vaters![]()
Jacques Lacan (1901-1981) kann mit Fug und Recht als der Psychoanalytiker bezeichnet werden, der bis heute den französischen philosophischen Text am stärksten von Grunde auf erschüttert. Er war mit Maurice Merleau-Ponty eng befreundet, kein geringerer als der marxistische Philosoph Louis Althusser ermöglichte ihm nach Entzug der Lehrerlaubnis wegen seiner unkonventionellen Methoden, in der Rue d’Ulm an der Ecole normale supérieure weiterzumachen. Von nun an waren seine Seminare sogar öffentlich. In den ´30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts gehörte er neben Georges Bataille (mit dessen Frau er ein Kind hat) dem surrealistischen Spektrum an, unter anderem der Zeitschrift Le Minotaure. ![]()
Der Verlag Turia+Kant hat nun ein kleines Bändchen mit zwei Texten die zehn Jahre auseinander liegen verlegt (dessen Gesamtwerk sich auf ungefähr zwanzig Bände beläuft), was Lacan zu Lebzeiten wohl kaum geduldet hätte, welches allerdings eine kleine Sensation enthält: Die „Einführung in die Namen-des-Vaters“ war bisher noch nicht veröffentlicht und ist das Abschlußseminar anläßlich seines Ausschlusses als Lehranalytiker. Doch zunächst bildet das „Das Symbolische, das Imaginäre und das Reale“ (1953) eine kleine, ziemlich logische Einführung in Lacans nicht unkomplizierte Gedankenwelt, beispielsweise die, dass „das Unbewußte strukturiert sei wie eine Sprache“, die es nach belieben zu interpretieren gelte, was inzwischen eine analytische Binsenweisheit ist, damals aber mißtrauische wahrgenommen wurde. Mit Saussure ist er der Meinung, nach der „das Subjekt seine Welt halluziniert“, wie der berühmter „Famillionär“ in einem anderen Text des Psychoanalytikers, ein Bekannter des Rothschild-Clans, der seine Beziehung zur bekannten Bankierfamilie so umschrieb, „famillonär“. Eigentlich keine Fehlleistung im Sinne Freuds, sondern eine klar strukturierte Assoziation. Das Symbolische, das Imaginäre und das Reale können somit als konstituierende Instanzen gelesen werden. Das Lacan am Ende seines Vortrags seine Hypothesen als spröde mathematische Formel präsentiert, wird sicher einige irritieren. Aber das war auch nur eine Einführung. Alle diese Faktoren werden dem Analytiker „dieses Wohlwollen (gegenüber dem Subjekt) geben, an welchem die negative Übertragung zerschellt, und das erlaubt ihm, die Analyse sicher in den Hafen zu bringen. All das ist ein wenig schnell gesagt worden“.![]()
„Einführung in die Namen-des-Vaters“ (1963) wirkt dagegen fast gehetzt, warum dieser Plural, ist ein Vater nicht genug? Warum dieser Höllenterminus der Angst, des Begehrens, was hat es mit dem heiligen Augustinus und dem brennenden Dornbusch, sowie all den anderen alttestamentarischen Metaphern auf sich? Die schließlich in eine heftige Attacke gegen J.P. Pontalis eskaliert, ein ehemaliger Schüler Lacans, damals Mitglied des Redaktionskomitees der Zeitschrift von Merleau-Ponty, mit der auch Sartre und Camus zu tun hatten (Les Temps Modernes). Um die Geschichte hier zu Ende zu erzählen, wie so oft aus den verschlungenen Fußnoten Derridas: Pontalis verließ 1969 die Redaktion der Les Temps nach einem Streit mit Sartre, um die Veröffentlichung eines Dialogs zwischen einem Analysanten und einem Analytiker („Der Mann mit dem Tonband“). Wie auch immer, Lacan hatte am Abend zuvor erfahren, das er „exkommuninziert“ sei, wie er es später nannte, er war aus der Liste der Lehranalytiker gestrichen worden. Die Feinheit seines philosophischen Stils, seine schillernde Persönlichkeit machen ihn auch heute aktuell. Von seinen Ecken und Kanten ist in einem anderen Buch die Rede, dem seiner Tochter Sibylle Lacan: „Ein Vater“. Lest Lacan!![]()
Jacques Lacan, Namen-des-Vaters. Turia+Kant, Wien 2006. 102 Seiten, 15 Euro.![]()
Blauer Montag![]()
„Blauer Montag“ enthält Edward P. Thompsons bahnbrechende Untersuchung „Über Zeit und Arbeitsdisziplin“, sowie eine kurze, nicht desto trotz sinnvolle Einführung von John Holloway. Seine Fragestellung ist berechtigt: Befinden wir uns in einer Periode „der Zersetzung der Zeit“? Die Zeit anhalten, fast jeder kennt diese Bilder aus Chaplins berühmten Film Moderne Zeiten. Oder das Foto aus der Bewegung um das AJZ in Zürich von 1980, die Uhr von einem Pflasterstein angehalten, welch eine Symbolik.![]()
Thompson gilt als einflussreichster Sozialhistoriker der Neuen Linken und mit dem zweibändigen „Die Entstehung der englischen Arbeiterklasse“ zu Recht als einer der Väter der britischen Cultural Studies. Ludditen, Maschinenstürmerinnen, Drucker, die ihre eigenen Zeitschriften mit aufrührerischem Gedankengut herausgeben. Gruppen mit ausufernden Trinkgewohnheiten und schlechten Manieren hatte Thompson in den Archiven entdeckt, die sich z.B. Armee der Gerechten oder die Verschwörer der Cato Street nannten, welche die Fabrikbesitzer mitsamt ihren Schwitzbuden in die Luft jagten. Davor allerdings – und sozialhistorisch ebenso akribisch – die vorliegende Veröffentlichung über Verdichtung und Zersetzung der Zeit. Die Uhrzeit wird schlagen, allein die Stunde ist ungewiss! Der Autor ortet die Zeitnahme zu Beginn des Industriekapitalismus, Zeit wird nun bekanntlich Geld. Und da sie nun wie Sand zerrinnt, gilt es nun sorgsam damit umzugehen, sie einzuteilen – und je mehr der Arbeitsprozess synchronisiert wird nimmt ihre Bedeutung zu. Da war keine Zeit mehr für den berühmten Blauen Montag, in der vorindustriellen Epoche eine normale Verhaltensweise der arbeitenden Klasse, die in vielen Liedern romantisiert wurde. Nun schlägt die Stunde der Kontrollkarten, Aufseher, Denunzianten und Fabrikstrafen, die der Stechuhr vorausgehen. In der Sprache der Nuer gebe es, so Thompson, kein unserem Begriff der ‚Zeit‘ entsprechendes Wort. „Die Nuer sind ein glückliches Volk“. Aber: Die Universitäten des Westens seinen heute vollgestopft mit akademischen Uhrmachern, „die darauf brennen, neue Schlüssel patentieren zu lassen“, gibt er jedoch zu bedenken. Ein höchst aktuelles, ein schönes Buch.![]()
John Holloway / Edward P. Thompson, Blauer Montag. Über Zeit und Arbeitsdisziplin. Edition Nautilus, Hamburg 2007.![]()
Energiesicherheit![]()
Mit einem höchst brisanten Thema, dem der Energiesicherheit, beschäftigt sich Sascha Müller-Kreanner, der lange Zeit das Referat Europa/Nordamerika der Heinrich-Böll-Stiftung leitete. Eine prognostizierte neue Energiekrise und Peak Oil, welche einen Zeitpunkt bezeichne, „ab dem die weltweite Gesamtförderung von Rohöl ihren Höhepunkt erreicht hat und anschließend zurückgeht“, bilden den Ausgangspunkt seiner Analyse. Die Alternative Erdgas, kurioserweise an den Ölpreis gekoppelt, sei anfällig für politische Krisen, wie das Hauptförderland Russland seinen abtrünnigen Nachbarn, damit auch Europa, gezeigt haben.![]()
Erstaunlich das nun ausgerechnet ein Grüner Vordenker, als alternative Energiequelle die Steinkohle in den Mittelpunkt seiner Überlegungen rückt, vor allem auch deswegen, weil eine große Koalition und Umweltminister Gabriel (SPD) gerade den Bau von zwanzig neuen Kohlekraftwerken, die größten Dreckschleudern Deutschlands, beschlossen haben. Dies konnte der Autor bei Niederschrift des Manuskripts zwar noch nicht wissen, damit rechnen können hätte man schon. Nun geht es aber mit Riesenschritten in die Abgründe der Geopolitik, die neue Ölpipeline vom aserbaidschanischen Baku bis zum türkischen Mittelmeerhafen Ceyhan und damit aus dem russischen Einflussbereich, das westliche Projekt der letzten Jahre überhaupt, „wird durch AWCS-Flugzeuge der Nato beobachtet“. Ein neues „großes Spiel“ trete auf den Plan, an welchem sich im Kampf um die Pipelines nun auch noch China und andere Länder Ostasiens beteiligten. Tja, bitter! Ob aus dieser verfahrenen Situation aber „langfristig einen gemeinsamen europäischen Sitz“ im UN-Sicherheitsrat führen wird, scheint mehr als zweifelhaft. Ganz brauchbar dagegen ist die Analyse Müller-Kreanners der „Energiesupermacht Russland“, an dessen Gemeinschaftsunternehmen der Gazprom auch die deutschen Firmen Eon und die BASF-Tochter Winterhall beteiligt sind, die auch 49 % der Anteile an der umstrittenen Ostseepipeline halten und damit Polen, immerhin ein EU-Land, aussen vor lassen. Ob die Zukunft der Energie in der Biomasse liegt, wie der Autor andeutet, ist bereits durch eine Studie schweizerischer Wissenschaftler widerlegt, die ausgerechnet haben, dass der Anbau von Raps, Roggen, Palmöl und Mais zur Energieerzeugung, bis zu einer dreimal höheren Belastung der Umwelt führen könnte als mit Benzin. In Brasilien, wie der ARD-Weltspiegel vom 27. Mai berichtete, wo bereits jedes zweite Auto mit Äthanol fährt, wird in riesigen Monokulturen Zuckerrohr angebaut um Sprit zu gewinnen, gegen den heftigen Protest von örtlichen Umweltaktivisten und Landbevölkerung. Abgesehen davon, wie er richtig bemerkt, dies zu drastischen Preiserhöhungen bei Lebensmitteln führen könnte. Viel wahrscheinlicher aber ist, das die Laufzeiten von Atomkraftwerken bis ins Unendliche ausgeweitet werden, zusätzlich zu den projektierten Kohlekraftwerken. Was den Emissionshandel betrifft, dem Müller-Kraenner eine große Zukunft in Osteuropa einräumt, warum sagt er eigentlich nicht, das diese Zertifikate vom bereits erwähnten sozialdemokratischen Urgestein und Umweltminister an die Konzerne verschenkt wurden, obwohl eine EU-Richtlinie vorsah sie zu verkaufen? Diese Richtlinie wurde inzwischen in deutsches Recht umgesetzt, über Ausnahmen für Kohlekraftwerke wurde ausgiebig zwischen den Koalitionspartner gerungen. So bleiben Fragen über Fragen offen, machen vor allem deutlich warum eine einst als Protestpartei angetretene Grüne Parteispitze, in Umweltfragen sich schon lange der dreckigen Realpolitik angenähert haben. Dennoch eine brauchbare, sehr detaillierte Analyse weltweiter Energiepolitik.![]()
Sascha Müller-Kraenner, Energiesicherheit. Die neue Vermessung der Welt. Verlag Antje Kunstmann, München 2007.![]()
Ausblick![]()
Die Unterwassergeräusche in Egon Günthers Led Zeppelin – Aquarium, wir können sie nicht hören, wohl aber nachvollziehen in einem wunderschönen Gedichtband. Alle sind sie dabei: Wiedergänger und konträre Gespenster, melancholisch gestimmte Liebhaber und Betty Page, Ned Ludd und der anarchistische Eisenbahner Giuseppe Pinelli. Dies sind nun nicht gerade jene weiß-blauen Verszeilen, die man glaubt Touristen erzählen zu müssen. Oft liegt die Schönheit der Dichtung in einem Schattenbereich, zwischen den Zeilen gewissermaßen, Worte die man dann braucht, wenn alles gesagt ist. Und: Gedichte kann man eigentlich nicht rezensieren, höchstens rezitieren, hier also Ludds Traum. „Melancholie eines schönen Tages / Poesie der Lastkähne / die Apollon heißen oder Lüttich / und Schrott geladen haben oder Kohlen / oder Landschaft als Konterbande / die Schleusenwärter der Begierden / zu überlisten“. Ein Gefühlsanarchist! Neben Günther sieht Achternbusch aus wie ein Sowieso – Zwerg, keine Ahnung in welchen Hosen. Kann man die heuer überhaupt vergleichen?![]()
Egon Günther, Ausblick. Medien Streu. Verlag Peter Engstler, Ostheim/Röhn 2007.![]()
Extremismus![]()
Die inzwischen sechzehnte Ausgabe der testcard beschäftigt sich mit unterschiedlichen Varianten extremer Positionen in der Popkultur. Inzwischen haben es Leute wie der Theoretiker Antonio Negri (siehe Artikel in dieser Nummer der SZ), der Ex-Manager der Sex Pistols, Malcom McLaren und der Skandal-Fotograf welcher die Benetton-Kampagne entworfen hat, Oliviero Toscani, ins Museum Tinguely nach Basel geschafft um über den Situationismus zu referieren, dies alles unter der provokanten, auf‘s Plakat gesprühten Parole: ne travailles pas plus jamais! „Alles nur ein Missverständnis“, wie Martin Büsser meint und sehr persönlich von seiner popkulturellen Sozialisation berichtet, sowie die Entwicklung in die Museen nachzeichnet. Es lohnt sich also genauer hinzusehen, was da unter dem Label extrem ver- und gehandelt wird. Sind tatsächlich nahezu alle Provokationsstrategien von einst im Kapitalismus aufgegangen, also von der Mode und Kulturindustrie einverleibt worden? Susann Witt-Stahl untersucht eine andere Version extremen Habitus, wie Bourdieu es vermutlich genannt hätte, „Partie in der Gaskammer“ rechnet ab mit dem Flirt in der Popmusik, den Holocaust zu relativieren oder, wie es Johnny Rotten und Ronnie Biggs (der Ex-Posträuber) auf The Great Rock’n‘Roll Swindle gemacht haben: Einmal war Belsen wirklich vortrefflich, einer der abgründigsten, zynischsten Songs der Popgeschichte. Christian Hißnauer betrachtet wie das Phänomen RAF in der Filmproduktion verarbeitet wird, irgendwo zwischen entpolitisierte Gewaltorgie und Schwulenporno. In Filmen etwa wie Die Stille nach dem Schuss (Schlöndorff), Was tun, wenn’s brennt (Schnitzler) oder im Tatort: Schatten (Nätter).![]()
Daneben gibt es ausführliche Interviews mit Mark Stewart (Ex-Pop Group), Mayo Thompson (The Red Krayola) und mit dem Bad Guy des Kunstbetriebs Jonathan Meese, der sich allerdings schüchtern gibt. Gewaltig viel Extremismus also, analytisch aufbereitet..., erstaunlich eigentlich das ausgerechnet in einer Publikation mit dem Untertitel Beiträge zur Popgeschichte, die gründlichste linke Untersuchung zu lesen ist. Wie immer mit ausführlichen Tonträger-, DVD- und Bücherbesprechungen.![]()
testcard # 16. Beiträge zur Popgeschichte. Extremismus. Ventil Verlag, Mainz 2007.![]()
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