Stattzeitung für Südbaden Ausgabe 69, 2007-06![]()
Krause-Schmitt, Ursula/ Schmitt, Christine:
“Macht Eure Augen weit auf und schaut genau, was um Euch herum passiert.”
Ein Nachruf auf Gertrud Müller
Gertrud Müller, die Ehrenvorsitzende der Lagergemeinschaft Ravensbrück/-Freuntdskreis, ist am 25. Mai 2007 in Stuttgart in ihrem 91. Lebensjahr gestorben. Fast 30 Jahre lang hat sie mit ihrer politischen Klarsicht und ihrer beeindruckenden Persönlichkeit die Lagergemeinschaft Ravensbrück geprägt. 1979 übernahm Gertrud den Vorsitz der Organisation der Überlebenden der Frauenkonzentrationslager Moringen, Lichtenburg und Ravensbrück in der Bundesrepublik, um in den folgenden Jahrzehnten mit ihrer Stimme dem Anliegen der Überlebenden Ausdruck zu geben. Im Mittelpunkt standen dabei die Erinnerung an die Verbrechen des deutschen Faschismus sowie der Kampf um die Erhaltung der Orte der Verfolgung als Gedenkstätten. Untrennbar mit diesen Auseinandersetzungen verbunden war für Gertrud der Widerstand gegen alle neuen Bedrohungen einer „Welt des Friedens und der Freiheit“, wie sie sich die Überlebenden nach der Befreiung von der Nazibarbarei erhofften. ![]()
Geboren wurde Gertrud Müller am 29. November 1915 in einer Arbeiterfamilie in Stuttgart Feuerbach. Als junges Mädchen trat sie dem Kommunistischen Jugendverband bei. Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten kurzzeitig verhaftet versuchte sie nach ihrer Freilassung mit ihren Genossen, die Menschen aufzurütteln, zum Widerstand gegen die nationalsozialistische Politik und den drohenden Krieg zu bewegen. Im Juni 1942 wurden Gertrud und ihr Mann Hans denunziert, als sie versuchten, sowjetischen Zwangsarbeiterinnen Hilfe zukommen zu lassen. Gertrud wurde nach Monaten der Einzelhaft im Oktober 1943 nach Ravensbrück gebracht; ihre Akte trug den Vermerk „Rückkehr unerwünscht“. Ihr Überleben verdankte sie – sie hat es immer wieder betont – der internationalen Solidarität im Lager. Als überzeugte Kommunistin musste sie in der unmittelbaren Nachkriegszeit im Internierungslager und in der Bundesrepublik im Zuge des KPD-Verbotes eine zweite Verfolgung erleiden. Gertrud blieb sich und ihrer politischen Überzeugung treu. In den Jahren 1960/61 gehörte sie zu den Mitbegründerinnen der Lagergemeinschaft Ravensbrück. Von 1979 bis 1997 war sie Vorsitzende und danach Ehren-vorsitzende der Lagergemeinschaft, ausserdem Vizepräsidentin des internationalen Ravensbrückkomitees. Unter ihrem Vorsitz erfolgten der Zusammenschluss mit der Lagerarbeitsgemeinschaft Ravensbrück der DDR sowie die Öffnung der Organisation gegenüber Angehörigen von Verfolgten und Freund/innen. Bis ins hohe Alter war Gertrud eine unerbittliche Gegnerin der alten und neuen Faschisten und eine scharfe Kritikerin der gesellschaftlichen Verhältnisse. Sie war unerschütterlich überzeugt, dass es eine Alternative zum Bestehenden gibt und dass der Kampf für eine bessere Zukunft lebensnotwendig ist. In unzähligen Veranstaltungen berichtete sie über den Widerstand gegen den Faschismus und zeigte auf, dass damals wie heute ein anderes Verhalten möglich war und ist. Gertrud gab sich dabei nie mit der einfachen Parole „Nicht wegsehen“ zufrieden, sie forderte vielmehr von sich und uns: “Macht Eure Augen weit auf und schaut genau, was um Euch herum passiert.” Die Bewahrung der Erinnerung an den Widerstand, an die deutschen Verbrechen und an die Millionen unschuldiger Opfer lag ihr besonders am Herzen. Sie setzte sich vehement für Orte des Gedenkens ein, ob im württembergischen Rudersberg und in Geislingen/Steige oder in Moringen, auf der Lichtenburg und besonders in Ravensbrück. Dem in den 1990er Jahren geplanten Bau eines Supermarkts und später einer Umgehungsstraße auf dem Gelände der Konzentrationslager Ravensbrück und Uckermark setzte sie ihr entschiedenes Nein entgegen; sie organisierte den Protest auch auf internationaler Ebene und konnte mit Unterstützung vieler schließlich diese Vorhaben verhindern. Für sie wie für alle Überlebenden war und ist Ravensbrück ein großer Friedhof; bei allen Plänen zur Neugestaltung war es ihr am wichtigsten, dass dieser Ort ein Ort des Gedenkens und Mahnens bleiben muss. Nicht vergessen werden darf Gertruds nachhaltiges Engagement für die Entschädigung der Zwangsarbeiter/innen. Im Blick hatte sie dabei ihre vielen Kameradinnen, die im Siemenswerk Ravensbrück Sklavenarbeit verrichten mussten, und besonders ihre Kameradinnen aus den osteuropäischen Ländern. Auch wenn sie immer wieder betonte, dass an dem geschehenen Unrecht nichts wieder gutzumachen ist, war ihr die mit der Entschädigung verbundene Anerkennung des Unrechts wichtig. Die Lagergemeinschaft Ravensbrück/ Freundeskreis wird Gertrud sehr schmerzlich vermissen; doch sie bleibt in unserem Gedächtnis als streitbare, couragierte und warmherzige Kämpferin für eine Welt ohne Faschismus und Krieg! ![]()
Ein Nachruf von Ursula Krause-Schmitt und Christine Schmitt aus Ravensbrückblätter Nr. 131, 33. Jahrgang, Juni 2007 ![]()
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