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Artikel


Stattzeitung für Südbaden Ausgabe 69, 2007-06

Mitsch, Thomas:
Stimmen aus England zum G8-Gipfel und zu sozialen Bewegungen weltweit

Thomas Mitsch, Anti-G8-Kampagnenmit-glied der WASG, führte im Vorfeld der Proteste gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm Interviews mit der linken Fotografin Jess Hurd und John Rees, Sprecher von Respect London. Jess Hurd wurde weltweit durch das Photo des erschossenen Demonstranten Carlo Giuliani beim Sozialforum in Genua bekannt. Das Bild von Carlo Giuliani wurde für die Ausstellung des „ John Kobal Photoportrait Preises 2002“ ausgewählt und wurde „Abbildung des Jahres“ der Ausgabe Januar 2003, des britischen Journals der Photographie sowie Sieger der Gewerkschaftspresse und des Fotorezeptors 2000. Das Gespräch mit Hurd fand in London statt, das Gespräch mit Rees im Anschluss an eine Mobilisierungsveranstaltung der Linksfraktion in Stuttgart. Wir dokumentieren die Interviews in Auszügen.red

Jess Hurd: “Die soziale Bewegung wuchs durch eine Gewalttat der Polizei zu einer wirklichen Kraft”

SZ: Sie haben Sozialforen weltweit besucht. Wodurch unterscheiden sie sich?

Hurd: Ich habe nur drei Welt-Sozialforen besucht. Das erste und auf viele Arten beeindruckendste war in Mumbai. Indien war ein solcher Gefühls-Taumel, der Verkehr, die Umweltverschmutzung, der Lärm... Trotz der entsetzlichen Armut reisten Delegierte voller Lebendigkeit und Enthusiasmus Hunderte von Meilen, um an diesem Event teilzunehmen. Von den Anti-Kindersklaverei-Aktivisten, den Dalits (Kastenlose) bis zu den Bankangestellten war dieses Event wirklich eine Inspiration und ich bin stolz, dass ich dort Freunde gewinnen konnte. Das zweite Sozialforum hatte einen ganz anderen Charakter mit viel politischerer Richtung. Mittelpunkt war der Kontrast zwischen dem schnell schwindenden Beistand für Lula und den Besuch von Präsident Hugo Chavez, der stürmisch empfangen wurde. Im Jahr darauf folgte ich dem Kampf gegen Neo-Liberalismus in die Bolivarische Republik Venezuela. Obwohl das Welt-Sozialforum in Caracas stattfand, verbrachte ich die meiste Zeit in Barrios, der Slum-Region in den Bergen, wo die radikalen Reformen stattgefunden haben. Ausrottung des Analphabetismus, Bildung auf jedem Level offen für alle, kostenlose medizinische Versorgung, Kinderkrippen, subventionierte Märkte, all das machte für das Leben durchschnittlicher Menschen einen großen Unterschied. Das erstaunlichste war, die Beteiligung im Ablauf zu sehen, die Besetzung der Produktionsstätten, die Barrio-Organisation und die Programme zur politischen Bildung von Arbeitern.

SZ: Ist das G8 Teffen ein Thema in England?

Hurd: Leider ist es derzeit nicht oft in den Nachrichten. Es wird Tony Blairs letzter G8-Gipfel sein, es wird also einige Spalten in den Kolumnen hergeben. Aber allgemein wird es auf die unabhängigen politisch orientierten Journalisten und Fotografen ankommen. Die Masse wird lediglich die Tumulte wahrnehmen, nicht die Sache an sich.

SZ: Sie haben das wohl berühmteste Foto des erschossenen Demonstranten Carlo Giuliani gemacht. Was änderte sich aus Ihrer Sicht, nachdem Sie es während der G8-Proteste in Genua veröffentlichten?

Hurd: Der Protest gegen den G8-Gipfel in Genua war die bedeutendste Europäische Bewegung bis heute, nicht nur wegen ihrer Mischung aus Gewerkschaftern, sozialen und politischen Aktivisten. Tragischerweise wurde der junge Aktivist Carlo Giouliani von der italienischen Bereitschaftspolizei erschossen. Doch die soziale Bewegung wuchs durch diese Gewalttat zu einer wirklichen Kraft, die Änderungen bewirken konnte.

SZ: Was erwarten Sie vom Protest in Rostock im Juni?

Hurd: Ich erwarte nicht weniger als von allen anderen EU-, WTO- oder G8-Gipfel-Protesten, über die ich berichtet habe. Einzelne und Gruppen leidenschaftlicher Menschen kämpfen für eine oder mehrere Sachen. Solche Veranstaltungen sind immer aufregend wegen der Vielfalt und des Einfallsreichtums der Aktionisten, mit welcher sie ihren Glauben und ihre Wünsche für eine bessere Welt Ausdruck verleihen.

John Rees: “Wir sind gegen Privatisierungen und Kriegseinsätze mit ihren Profiteuren!”

John Rees, Sprecher von Respect London und Thomas Mitsch WASG G8 Kampagne

SZ: In der Veranstaltung im Gewerkschaftshaus sprachen Sie von Solidarität. Wie ist das gemeint?

Rees: Nun, zuallererst habe ich natürlich die Solidaritätsbekundung von Respect London für die Streikenden der Telekom übermittelt. In England haben wir ja schon reichlich negative Erfahrung mit der Privatisierung und deshalb unterstützen wir die streikenden Telekommitarbeiter in Deutschland. In Großbritannien sind inzwischen über 70 Prozent der Bevölkerung gegen jegliche Privatisierung. Als Beispiel möchte ich Ihnen die Privatisierung der Eisenbahn nennen. Glücklich darf sich in England ein Reisender nennen, der am Bahnsteig auf die sowieso zu spät kommenden Züge wartet und wenn doch tatsächlich der Zug endlich kommt, er einen Sitzplatz ergattern kann. Noch glücklicher darf er sich allerdings fühlen, wenn er tatsächlich sein Ziel erreicht, ohne dass der Zug vorher aus den Gleisen gesprungen ist. Natürlich habe ich auch die besten Glückwünsche für die gewonnene Wahl der Linkspartei in Bremen dabei.

SZ: John, was wird sich nach Tony Blairs Abgang in England ändern?

Rees: Finanzminister Gordon Brown kandidiert offiziell für die Nachfolge Blairs als Premierminister und damit auch als nächster Vorsitzender der Labour-Partei. Brown gilt als Architekt der neoliberalen Entwicklung. Unter ihm wird die Privatisierung, der Versuch der weiteren Schwächung der Gewerkschaften, im Prinzip die Umsetzung der Lissabonstrategie, massiv weiter vorangetrieben.

SZ: Was erwarten Sie von den Protesten in Rostock zum G8 Treffen der Regierungschefs in Heiligendamm?

Rees: Ich hoffe natürlich, dass eine phantastische, friedliche Mobilisierung stattfinden wird. In Rostock können wir zeigen, dass wir gegen Privatisierungen und Kriegseinsätze mit ihren Profiteuren sind. Gegen die Beschneidung der Gewerkschaften und Lohnsenkungen sowie gegen die Senkung der Standards im Gesundheitswesen und Bildungssysteme sind. Wir stehen für Frieden und wollen Alternativen aufzeigen, die zum Wohle aller sind und nicht nur für einige wenige Großkonzerne. Außerdem muss es uns gelingen, einen massenwirksamen Appell an die G8 zu formulieren um die Armut zu verringern. Deshalb ist es wichtig, dass so viele Menschen wie möglich zur Groß-demonstration nach Rostock kommen, denn Tausende kann man übersehen, Zehntausende nicht und Hunderttausende schon gar nicht, geschweige denn überhören.

SZ: Ist das G8 Treffen in England ein großes Thema?

Rees: Wie Sie wissen, haben wir 2005 in Gleneagles, Schottland, das letzte G8 Treffen gehabt. Nach Gleneagles waren über 200.000 Menschen gekommen. Die von der britischen Regierung unterstützte Kampagne „Make Poverty History“, „Welcome“-March und Live-8-Konzerte von Bono und Bob Geldof sowie die Schuldenerlassvorschläge für die armen Staaten haben Blair im Stimmungstief nach dem Irak-Krieg geholfen. Deshalb wissen wir in England, welche Bedeutung das G8 Treffen in Heiligendamm hat. Zahlreiche Busse werden England Richtung Rostock verlassen und viele werden mit Zügen anreisen. In der Presse allerdings werden die Kampagnen der G8 Gegner kaum erwähnt.



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