
Stattzeitung für Südbaden Ausgabe 70, 2007-11![]()
Quarti, Adi:
Über das ungleiche Geschwisterpaar Politik und Pädagogik
In Nordlondon erinnern die Häuserfassaden ein wenig an die gespentischen Szenen eines David Lynch-Films, hoppla, war das nicht eben Laura Dern? Egal, wir sind endlich in der Archway Road, genau vor The Boogaloo, dem populärsten Musik-Pup im Moment. Alles schön in Holz und mit Spiegel über dem Tressen, überhaupt nicht postmodern! Alle waren sie schon hier, Bobby Gillespie, Noel Gallagher, The Babyshambles und jeden Abend fragt man sich, wie viele pints (Bier) Shane MacGowan wieder intus hat.![]()
Der unwissende Lehrmeister![]()
Jacques Rancière, der Philosphieprofessor welcher in Frankreich vor allem durch seine Kritik an den „Meisterdenker“ der ´70er Jahre bekannt wurde (dem Dreigestirn Sartre, Foucault, Glucksmann), geht in seinem neuen Buch in „Fünf Lektionen über die intellektuelle Emanzipation“ derselben auf den Grund. Er liefert damit, vermutlich nicht ganz unbeabsichtigt, wichtige Argumente zu einer gerade im deutschsprachigen Raum gnadenlos reaktionären Debatte, in der „Exzellenzforschung, Eliteuni und frühkindliche Pädagogik“ die Stichworte liefern.![]()
Rancière stellt seinen LeserInnen Joseph Lacotot vor, einen aussergewöhnlichen Pädagogen und Professor mit halben Bezügen an der Universität zu Löwen, der an der französischen Revolution beteiligt war, dann aber nach Rückkehr der Bourbonen ins niederländische Exil ging. Da er die niederländische Sprache nicht beherrschte, er aber seinen StudentInnen französisch unterrichten sollte, ließ er ihnen eine zweisprachige Ausgabe des gerade erschienenen Telemach aushändigen und ermutigte sie den französischen Text mit Hilfe der Übersetzung zu lernen. Dieses wohl aus der Not geborene Experiment übertraf alle Erwartungen und war ganz nach dem Geschmack des Jahrhunderts der Aufklärung, ein radikaler Bruch mit der Logik der bisherigen Pädagogik. Diese stützt sich auf den Gegensatz von Wissen und Unwissenheit: „Die Pädagogen unterscheiden sich durch die gewählten Mittel, um den Unwissenden wissend zu machen: harte oder weiche Methoden, traditionelle oder moderne, passive oder aktive, deren Ertrag man vergleichen kann“. Lacotot jedoch lehrte worüber er unwissend war, und proklamierte die intellektuelle Emanzipation, Bildung wird also nicht verliehen, sondern genommen: Alle Menschen hätten die gleiche Intelligenz. Dieser eigentlich philosophische, politische Ansatz, der Autor nennt ihn den „universellen Unterricht“, existiert seit es die Welt gibt neben allen erklärenden Methoden. Alle praktizieren sie auch, nur will sie keiner anerkennen, niemand will sich der intellektuellen Revolution, die sie bedeutet, stellen. Sie würde die Ordnung der Dinge umkrempeln! Unter den fortschrittlichen Aufklärern und Industriellen genoß damals eine andere Methode grosser Beliebtheit: der gegenseitige Unterricht. Diese Art von Fortschritt roch für Lacotot nach Zaumzeug, perfektionierte Manege, sagte er dazu. Die Gelehrtenrepubliken standen Kopf, den diese neue Methode verbreitete sich auf der ganzen Welt, sogar in Preußen war man interessiert. Sollte es also möglich sein, Erkenntnis ohne verdummende Lehrmeister zu erlangen? Das war für diese Spezies nur schwer erträglich, wenn nicht anmaßend. Galt es doch seit Sokrates als vornehmste Pflicht des Lehrmeisters, durch Fragen und Erklären insgeheim und subtil die Intelligenz des Schülers zu lenken, anzuleiten. Der universelle Unterricht dagegen improvisiert, zeichnet, malt und dichtet in einer Gemeinschaft der Gleichen. Nun weiß man zwar, dass der König der Niederlande ein aufgeklärter Monarch war, der dem Pädagogen alsbald die Leitung einer militärischen Akademie anvertraute. Nach einer Reihe von Skandalen, die Lacotot inszenierte, wurde diese auch bald aufgelöst. Den Lehrmeister, der lehrte nichts zu wissen, zog es wieder nach Paris um in der Junirevolution von 1830 die siegreichen Liberalen und Progressive zu unterstützen. Als der Minister für öffentliche Bildung, Monsieur Barthe, persönlich bei Lacotot vorsprach, um sich drüber beraten zu lassen was zu tun sei, um eine Ausbildung zu organisieren, welche die Regierung dem Volk schuldig sei, reagierte dieser erstaunt. „Nichts“, antwortete der Pädagoge, einfach deshalb weil man den Leuten nichts schulde, was sie sich selbst nehmen können, solange eine gesellschaftliche Infrastruktur existiere, welche dies fördere. Nun aber erhoben wieder genau jene Gespenster ihre Häupter, welche die Revolution mit befördert hatte: Der Fortschritt, das heißt die pädagogische Fiktion, die sich als Fiktion der gesamten Gesellschaft etabliert hat. „Sie wollen die Geister der alten Routine, der Umklammerung durch die Priester und Obskuranten aller Art entreissen. Und dafür braucht man rationellere Methoden und Erklärungen. Man muss sie testen und vergleichen mittels Kommissionen und Gutachten... Man muss vor allem die Improvisation Inkompetenter vermeiden und darf durch Zufall oder durch Routine gebildeten Geistern, die der perfektionierten Erklärungen und fortschrittlichen Methoden unkundig sind, nicht die Möglichkeit bieten, eine Schule zu eröffnen und darin irgendwie irgendwas zu unterrichten... Man braucht eine Universität und einen großen Meister“. Lacotot hatte es vorausgesagt, der universelle Unterricht werde sich nicht durchsetzen. Aber er hatte hinzugefügt, dass er nie untergehen würde. Ein Buch, welches auch Noam Chomsky gefallen dürfte.![]()
Jacques Rancière, Der unwissende Lehrmeister. Fünf Lektionen über intellektuelle Emanzipation. Passagen Verlag, Wien 2007. 162 Seiten, 21,90 Euro.![]()
Die Erben![]()
Eine schonungslose soziologische Analyse des Bildungswesens haben Pierre Bourdieu und Jean-Claude Passeron bereits in den frühen 1960er Jahre veröffentlicht, mit seinem Erscheinen im UVK ist damit auch eine Lücke seines Frühwerkes geschlossen. Läßt sich aus einer empirischen Studie tatsächlich noch etwas lernen, die sich zudem auf das sehr spezifische französische Bildungswesen stützt? Zumindest in Deutschland schon, nirgends in Europa haben die Diskussionen über die „Demokratisierung des Bildungswesens“ und „Reformpädagogik“, wie die PISA-Studien belegen zu schlechteren Ergebnisse geführt. Nirgendwo sonst in den OECD-Staaten ist der Bildungsabschluß mehr sozial determiniert als hier.![]()
Bourdieu / Passeron setzen genau daran mit ihren Untersuchungen an, die sich auf Befragungen an verschiedenen Universitäten stützen, „wie etwa das Abdrängen von Kindern aus unteren oder der Mittelschicht in gewisse Fachrichtungen und Verzögerungen und Stagnationsphasen während des Studiums“. Während andererseits die Kinder der Oberschicht meist jenes Verhalten an den Tag legen, welches ihnen wie ein Adelstitel verliehen wurde: „Ironische Lässigkeit, vorgestellte Eleganz und selbstbewusstes Auftreten, die Gewandtheit oder zumindest den Anschein von Gewandtheit verleihen, sind fast immer bei Studenten aus der Oberschicht anzutreffen, wo solche Verhaltensweisen die Zugehörigkeit zu einer Elite kennzeichnen“. Allerdings: Das Studentenmilieu ist alles andere als eine einheitliche, heterogene Gruppe, es repräsentiert vielmehr ein ganzes Arsenal unterschiedlicher sozialer Gruppen, das allerdings darin einig ist sich abzugrenzen. Gerade in den studentischen politischen Gruppen wird dies besonders deutlich: „Über das Elend im Studentenmilieu“ (1966) der SI war zwar noch nicht geschrieben, in welchem unter anderem behauptet wird, dass die Studentinnen in Frankreich nach den Polizisten und Priester die am weitestgehenden verachteten Wesen seien. Bourdieu / Passeron hätten einem solchen Defätismus sicher widersprochen, es als Teil eines Spieles bezeichnet in dem die Bewunderer des frühen Antonioni gegen die Verehrer des späteren opponieren, beide Fraktionen sich aber „darüber einig sind, Bergman hinrichten zu müssen, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen“. Die „Chancengleichheit“ ist für sie nicht mehr als ein verbaler Exorzismus solange die Ungleichheiten nicht durch pädagogische Maßnahmen aufgehoben werden. Im Anhang sind alle statistischen Daten und Statistiken der Entstehungsjahre abgedruckt. Ein Klassiker der Bildungssoziologie.![]()
Pierre Bourdieu / Jean-Claude Passeron, Die Erben. Studenten, Bildung und Kultur. Universitätsverlag, Konstanz 2007. 176 Seiten, 22 Euro.![]()
Soziologie der Abtreibung![]()
Luc Boltanski, einer der ganz Großen der Soziologie der Gegenwart, hat nach dem monumentalen Der neue Geist des Kapitalismus, sein Augenmerk auf eine leicht zu vernachlässigende Frage geworfen: Die der Abtreibung. Es hat sie immer und in allen Gesellschaften gegeben, durchgeführt von sogen. Spezialisten oder Quacksalbern, jedenfalls im Gefolge der Frauenbewegung mit Fristenlösungen und ähnlichen Behinderungen sanktioniert, ist in Frankreich heute die Pille danach ohne Probleme zu bekommen.![]()
Doch zunächst analysiert Boltanki sozialhistorisch akribisch die veränderten Gesetzgebungen den Schwangerschaftsabbruch betreffend (Veil) von 1975 bis zur verlängerten Frist der Gesetze von 2001 (Aubry) und wundert sich wohl zu Recht, wieso die angeblichen Bastionen der patriachalen Gesellschaft so einfach geschleift werden konnten. Für ihn ein klares Indiz des Übergangs der „familienweltlichen“ Dispositive hin zu einer „projektbasierten“ Polis. In einer kritischen Untersuchung des Werkes von Mary Boyle u.a. entdeckt Boltanki einige der Fallstricke der konstuktivistischen grammatikalischen Ansätze, wie er sie nennt, welche als die „soziale Konstruktion der Realität“ bezeichnet werden. „Wie davon entfernt die Klassifizierung, die die Eigenart des Sozialen ist, der Singularisation, die sie angeblich nicht zu fassen bekommt, entgegenzustellen, trachtet diese Analyse also im Gegenteil danach, zu zeigen, daß der Prozeß der Singularisation eine der möglichen Operationen bildet, die sich dem klassifizierenden Denken bieten“. Er entwickelt ein ganzes Arsenal kategorialer Begrifflichkeiten, wie die der „tumoralen Föten“, welche wiederum eine beachtliche Reihe juristischer Überlegungen begleiten, welche die medizinischen Möglichkeiten der Technoföten, Leihschwangerschaft und künstliche Befruchtung mit sich bringen. Gerade die Biotechnologien und Bioethik haben ja gerade die Forderung nach „einem Status für den Embryo“ mit sich gebracht, deren gesellschaftlichen Dimensionen sich heute nur in Ansätzen abschätzen lassen. Vor allem die erbitterten Auseinandersetzungen in den USA um die Pro Choice und Planned Parenthood-Bewegung, werden die Abtreibung wohl nicht vergessen machen.![]()
Luc Boltanski, Soziologie der Abtreibung. Zur Lage des fötalen Lebens. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007. 448 Seiten.![]()
Kritik der Kreativität![]()
Einen schönen Sammelband mit Texten zur Kritik der Kreativität, herausgegeben von Gerald Raunig / Ulf Wuggenig ist bei Turia+Kant erschienen, der es in sich hat. Es handelt sich hier um Beiträge zum kognitiven Kapitalismus (Yann Moulier Boutang), ein Gespräch zu einer Erneuerung der Sozialkritik (Boltanski / Chiapello) welches auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Autoren von Der neue Geist des Kapitalismus (UVK 2003) zu den Vertretern des (Post)Operaismus hinweist. Esther Leslies Beitrag „Mehr Wert für die Inhalte. Die Verwertung der Kultur heute“ legt einen Finger in die offenen Wunden der Cultural Studies, deren Wertkritik oft einem reinen Ästhetizismus gewichen ist. Einige Texte beschäftigen sich mit dem Problem der prekären Beschäftigung gerade in der Kunstproduktion und verwanden Gebieten. Angela McRobbie untersucht Auswirkungen der Politik von New-Labour in England, sogen. Guerilla-Läden die Designer –Plunder an wenigen Tagen verkaufen, um am nächsten Tag wieder zu verschwinden (das arte-Magazin chic berichtete ausführlich darüber). Angeheizt durch die Politik wird Kreativität zu einer ungeheuren Blase, die hoffentlich bald platzen wird.![]()
Hg. von Gerald Raunig / Ulf Wuggenig, Kritik der Kreativität. republicart 6. Turia+Kant, Wien 2007.![]()
White Bicycles![]()
Joe Boyd, Ex-Produzent bei Elektra, Ex-Tourmanager von u.a. Nick Drake, Fairport Convention und The Incredible String Band, sowie Gründer und Betreiber des legendäreren Londoner UFO Clubs der swinging Sixties, in dem sich The Pink Floyd und The Soft Machine die Klinke in die Hände gaben, hat ein überaus wichtiges Buch über die Musik der 60er Jahre veröffentlicht. Bereits als Stage-Manager beim Newport-Festival 1965 sammelte er erste Erfahrungen, als Bob Dylan zum Entsetzen einiger Folk-Puritaner zur Stromgitarre griff und Pete Seeger angeblich die Stromzufuhr mit der Axt kappte (was Boyd endgültig in den Bereich der Pop-Mythen verweist).![]()
Das Buch überzeugt nicht nur das beachtliche Maß an Insiderwissen und Sachkenntnis, sondern ist auch ziemlich gut und unterhaltsam geschrieben. Vor allem aber seine Sichtweise als Amerikaner in Europa, der beruflich immer wieder hin und her pendelt (zwischen den Genres von Jazz, Folk zum Pop, als auch zwischen den Kontinenten) kommen ihm hier zugute. Für Stanley Kubrick produzierte er gar den Soundtrack zu Uhrwerk Orange, welcher Beethoven, Rossini und Walter Carlos‘ Moogsyntesizer-Kompositionen vereinigt. Es kommen zu Wort: Eher tragische Figuren wie Syd Barrett und Nick Drake, John Cale, Duke Ellington, Francoise Hardy, Max Roach und Miles Davis, The Pretty Things und viele andere. Brain Enno: „Das beste Buch über Musik, das ich seit Jahren gelesen habe“. Der muß es schließlich wissen.![]()
Joe Boyd, White Bicycles. Musik in den 60er Jahre. Antje Kunstmann Verlag, München 2007. 331 Seiten.![]()
Feindanalysen![]()
Beim zuKlampen Verlag, der die Schriften von Herbert Marcuse in neun Bänden verlegt, ist soeben der fünfte der sechsbändigen Nachlaßausgabe erschienen. „Feindanalysen. Über die Deutschen“ enthält Schriften des Philosophen, die er im Auftrag des amerikanischen Geheimdienstes während des 2. Weltkrieges angefertigt hatte. Seine Bemühungen die Alliierten gegen Nazideutschland zu unterstützen und gleichzeitig die Möglichkeiten einer freien Gesellschaft auszuloten, sind auch in diesen Arbeiten immer präsent.![]()
Der Abschnitt „Die neue deutsche Mentalität“ analysiert sehr genau die nationalsozialistische Maßstäbe, nach „der alle Werte, alle Denk- und Verhaltensmuster durch die Notwendigkeit des unaufhörlichen Funktionierens der Produktions-, Destruktions- und Herrschaftsmaschinerie bestimmt“. Tatsächlich hätten sogar Teile der Arbeiterklasse von der neuen Situation profitiert, offiziell herrschte gar Vollbeschäftigung. Das die Spielregeln der Arbeiterbewegung allerdings beschränkt waren, ist ihm nicht entgangen, genau hier sollte eine wirkungsvolle Gegenpropaganda ansetzen. „Der nationalsozialistische Staat übernahm selbst das Risiko, das private Unternehmer nicht länger eingehen wollten. In Leys Worten: Der Staat stellt neuen Raum für die Initiative von Unternehmen bereit“. Sie, und vor allem die Groß- und Schwerindustrie, hätten am meisten von der Umstellung zur Kriegsindustrie profitiert. Trotz der Probleme der staatssozialistischen Bürokratien in sowjetischen Lager gibt er die Hoffnung zum Ausdruck, die revolutionäre Theorie wieder herzustellen: „Aber vielleicht ist die relative Unabhängigkeit vom Sowjetischen Diktat, die diese Aufgabe erfordert, als Möglichkeit in den kommunistischen Parteien Westeuropas und Westdeutschlands gegeben“. Das KPD-Verbot hatte er 1947 noch nicht voraussehen können! Ein hervorragender Denker der Antiautoritären-Bewegung.![]()
Herbert Marcuse, Schriften aus dem Nachlaß. Feindanalysen. Über die Deutschen. zuKlampen Verlag, Springe 2007. 168 Seiten.
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