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stattweb-News Ausgabe 08, 2008-01

Güde, Fritz:
Bohlens Lebensgeschichte- ist über Gramsci positiv an sie anzuknüpfen?
News-Beitrag auf stattweb.de vom 16.Januar 2008

In der Zeitschrift “Z” findet sich eine interessante Frage, gestellt an die Autobiographie Dieter Bohlens.”Nichts als die Wahrheit. München 2003”, Bohlen stellt sich mit Hilfe einer Ghost-Writerin erfolgreich als Kotzbrocken dar. Erfolgreichen Kotzbrocken. Findet sich darin von links her etwas, an das anzuknüpfen wäre? Heiko Bolldorf fragt danach.

Zunächst entwickelt er kurz die Lehre Gramscis, dass zur Vorbereitung der Revolution in einem mühsamen Stellungskrieg im Westen die Hegemonie erworben werden müsste. Diese bestünde darin, dass an verbreitete und erfolgreiche Vorstellungen so angeknüpft würde, dass über die bloß passive Kontemplation hinausgegriffen würde. Bekanntestes Beispiel: Gramsci sieht im “Grafen von Monte Christo” von Alexandre Dumas die Keimform der späteren Figur des “Übermenschen” bei Nietzsche. Nun ist ja auch der Übermensch kein linkes Vorbild.

Müsste also weiter geschlossen werden: liegt im Bilde des Rächers, der seine Peiniger endlich bestraft und zur Strecke bringt, ein Impuls, der massenhaft aufgegriffen und kollektiv gewendet werden könnte.

Die Schwierigkeit , einen Bohlen in die Reihe von Monte Christo und Übermensch zu bekommen, zeigt sich sofort. Seine Fans werden ihn- bevor sie das Buch gelesen haben- einfach als den erfolgreichen Typen ansehen. Freilich, der bloße Wunsch nachzueifern- reicht der schon, um das Gegebene als überwindbar anzusehen? Ist dieser Wunsch nicht einfach Köder, uns tiefer ins Leben nach dem gängigen Erfolgs-Schema hineinzuziehen.

Was findet Bolldorf in Bohlens Selbstfarstellung. Zunächst ein penetrantes “Jeder ist seines Glückes Schmied”. Das begabte Individuum trampelt begeistert auf allen Konkurrenten herum.

Das Hasserregende, das der Anblick der Bohlens im Leben auslöst, wird neutralisiert durch Projektionen. Alle Züge von Egoismus, Ehrgeiz, Hochkletternwollen werden auf andere übertragen, die dann den Hass zu tragen haben.

Bohlen scheint nach den mitgeteilten Zitaten zu versuchen, über den bloßen Ego-Trip hinaus auch anderen was auf den Weg mitzugeben.”Free your mind. Think different. Be different”.

Unerfüllbare Leitsätze! Das “different” -das Einzigartige, der Unterschied findet sich in jedem Ehreizigen völlig gleich: eben als als das völlig Identische des auf die Spitze getriebenen Konkurrenzwesens!

Bollbach erblickt darin die Nähe zum verbreiteten Bild des “Unternehmers der eigenen Arbeitskraft”. Wer seine Arbeitskraft verkauft, soll Stolz aus dem einzigen Augenblick ziehen, wo er als Verkäufer -sehr formal- dem Käufer- dem Kapitalisten- gleichwertig gegenübersteht. Nach Wunsch kann er die Stelle wechseln, um den Genuss öfter zu haben. Freilich nicht immer zu seinem Besten in den Wochen, Monaten und Jahren nach dem Verkaufsglück.

“Die Welt durchschaubar machen”- Bohlens weiteres Kunststück nach Bolldorf. Das ganze Leben wird erklärt als Trick. Beherrschung des Tricks. Etwa die Stimme durch eine gewisse Grunztechnik um eine Oktav zu senken. Oder, obwohl alt und schlotterig, durch den Maskenbildner immer noch hingetrimmt zu werden, dass ein abendlanger Selbstverkauf noch möglich wird.

Besondere Wohltat für das begierige Publikum: Anti-Intellektualismus. Schlautuer werden unbarmherzig niedergemacht. Noch unbarmherziger Schlautuerinnen. Und des Kommunismus verdächtigt. Wieso soll das den Lesenden Genuss bereiten. Nach Bolldorf, in Anlehnung an Bourdieu, weil die untersten auf der sozialen Leiter durch echtes oder angemaßtes Wissen der ein wenig höher Stehenden noch einmal gedrückt werden, über den Tatbestand der Ausbeutung an sich hinaus. Freilich: die pauschale Verachtung von “Kunst und Wissenschaft”, wie es schon bei Goethe heißt, blockiert jede Chance, durch Erkenntnis soweit zu kommen, die eigene Grube als etwas zu erkennen, aus dem man auch wieder herauskrabbeln könnte.

Bollbach lässt keinen Zweifel an den ekelhaften Zügen einer solchen Selbstfeier im Buch -vielleicht 250 Seiten lang. Er sieht aber trotzdem einen Anknüofungspunkt von links, für links: den im Buch angesprochenen Willen zur Selbstentfaltung. Während nach allgemeiner Vorstellung die realsozialistischen Staaten große Gleichmacher gewesen wären, riesige Arbeitskasernen. Dem eben würden Impulse sich widersetzen, die sich am Bilde des Selbsthelfers Bohlen nährten.

Wirklich? -Es scheint doch einen Unterschied ums Ganze zu geben, zwischen Sues ”Die Geheimnisse von Paris” oder “Graf von Monte Christo “und dem eitlen Selbstbild Bohlens. Die Unterhaltungsromane von damals zehrten immer noch von Bürgeridealen und -Bürgerwallungen, wie entstellt und verzerrt auch immer. Insofern konnte dem “Grafen” trotz allem noch etwas abgelesen werden von den Zügen der bürgerlichen Revolution, etwas, das hätte weitergetrieben werden können.

Bohlen präsentiert allein das nackte EGO. Ohne jede Anknüpfung an Überindividuelles. Wenn man zum Spaß den Gedanken ganz ernst nähme: was für ein Sozialismus, von tausend kleinen Bohlens bevölkert?

Die nützliche Überlegung Bolldorffs in “Z” ergäbe demnach, dass angeknüpft werden kann nur an solche Elemente der Trivial-Literatur, die heute noch an verallgemeinerbares Interesse anknüpfen. Etwa an die Entdeckungsfahrten, Aufdeckungsleisten des jüngeren Wallraff, als er als Türke Ali, als Versicherungsmann bei Gerling, als Reporter bei Springer eindrang und -für uns- Geheimnisse aufdeckte, die uns hätten alle interessieren sollen. Lethen und Schneider haber in einem aufschlussreichen Bericht über ihren Deutschunterricht in einer Berufsschule vor über dreißig Jahren davon berichtet.( Von der kritischen zur materialistischen Wissenschaft. Oberbaum-Verlag. Leider seit langem vergriffen)

Wenn wir also Bolldorf auch nicht folgen können bei seinen Verwertungsabsichten Bohlens, hat er doch eine anregende Frage aufgeworfen. Ob links, ob rechts bewegen wir uns schließlich alle -wohl oder übel- in einem Wust von Serien, Reprtagen, Sendungen, Broschüren. Was fangen wir mit all dem an, was doch auch in unserem Hirn Platz nimmt. Schließen wir es streng weg, sobald wir uns mit “ernsten” Problemen beschäftigen- oder knüpfen wir doch heimlich immer wieder daran an? Wenn ja- aber wie- mit welchem Erkenntnisertrag?

Quelle: Z.Nr 70, Juni 2007 Heiko Bolldorf: Das Beispiel Dieter Bohlen. Antonio Gramscis Theorie der Populär-Literatur heute.



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