stattweb-News Ausgabe 08, 2008-04![]()
Böck, Hanno:
Ein Turm im Genfeld
News-Beitrag auf stattweb.de vom 9.April 2008
Oberbohingen, ein kleines Dorf, irgendwo zwischen Stuttgart und Tübingen. Niemand würde es kennen, würde hier nicht die Fachhochschule Nürtingen seit langem Freisetzungsversuche mit gentechnisch veränderten Pflanzen durchführen. Neben der A8, unweit befindet sich ein ökologisch wirtschaftender Landwirtschaftsbetrieb. Leicht haben es die Helfershelfer des Weltkonzerns Monsanto hier nicht - vielfach wurden in den vergangenen Jahren Pflanzen umgeknickt, ausgerissen, zerstört - so etwa im Jahr 2006 in einer angekündigten Aktion des Imkers Achim Schultheiß (die Gruppe Cinerelebde hat hiervon ein Video produziert [1]).![]()
In der Nacht vom 3. auf 4. April 2008, etwa 20 Menschen sammeln sich unweit des Feldes, auf dem auch dieses Jahr wieder Genmais von Monsanto ausgesät werden soll. Irgendwann nach Mitternacht macht sich die Gruppe auf, ein Tripod soll entstehen. Ein Tripod ist eine Konstruktion aus drei Stangen, in luftiger Höhe können sich Aktivisten festketten, eine Räumung ist sehr schwierig. Es erfreut sich bei Umweltaktivisten großer Beliebtheit, ob bei Protesten gegen Straßenbau in England, bei Castor-Blockaden oder kürzlich bei einer Blockade an der Baustelle des Kohlekraftwerks Karlsruhe.![]()
Während ein Teil der Gruppe mit Spaten die Löcher in korrekt ausgemessenem Abstand gräbt, befasst sich der Rest mit der Frage, wie man 10 Meter lange Baumstämme effektiv auf viele Schultern verteilt. Zwischendurch kurz Panik: Blaulicht. Es ist jedoch nur ein Schwertransporter auf der nahe gelegenen Autobahn. Irgendwann, auf die Uhr schaut niemand wirklich, steht der Turm. Einzelne fangen an zu jubeln, andere mahnen zur Vorsicht. Feldbetten werden nach oben befördert. Man will ja möglicherweise längere Zeit dort ausharren. Ein mit Beton gefülltes Faß taucht auf, welches auf die Feldmitte gelangen soll - was ebenso nicht ganz einfach ist.![]()
Ein Fahrzeug kommt den Feldweg entlang - die Polizei hat wohl von der Aktion Wind bekommen. Die Gruppe kann es einigermaßen gelassen nehmen, zwei Menschen befinden sich in 10 Meter Höhe angekettet, zwei weitere fest verbunden mit dem Betonfass. Von einigen Menschen werden die Personalausweise kontrolliert, was bei der örtlichen Polizei aus Nürtingen mehrere Stunden dauert. Trotz der Polizeipräsenz und sehr zu deren mißfallen wird weitergemacht. Zelte werden aufgebaut, einige richten sich erschöpft ihren Schlafplatz ein.![]()
Es wird Tag, während die meisten der Aktivisten schlafen, kommen weitere Menschen auf das Feld. Die Aktion ist inzwischen öffentlich bekannt, einzelne Radiosender berichten bereits. Menschen aus den umliegenden Orten, teils nur neugierig, teils mit offener Sympatie, schauen vorbei. Im Lauf des Tages wächst das kleine Zeltdorf auf dem Genfeld beachtlich - ein Küchenzelt, ein Zirkuszelt. Abends befinden sich circa 50 gutgelaunte Menschen auf dem Feld. Im Laufe des Tages viel Presse, der SWR, das Schwäbische Tagblatt [2], die Stuttgarter Zeitung [3], ein Mensch von Cine Rebelde, einem politischen Medienkollektiv, macht einen Filmbeitrag [4], für das freie Radio Wüste Welle aus Tübingen entstehen mehrere Interviews [5], [6]. Ein Mensch, der mit PressevertreterInnen telefoniert, berichtet, dass die taz sich wohl nicht für das Thema interessiert. Ein Grußwort geht nach Gießen, dort wird bereits seit einer Woche ebenfalls ein Versuchsfeld besetzt [7].![]()
Die FH verhält sich bislang ruhig und ohne Anweisung des Besitzers kann auch keine Räumung stattfinden. Rechtlich ist die Besetzung bislang also kaum eine Bedrohung, ein Strafbestand liegt sowieso nicht vor, maximal eine Ordnungswidrigkeit, so berichtet die Rechtshilfegruppe.![]()
Abends finden zwei Vorträge statt, zunächst Antonio Andrioli, Wissenschaftler aus Brasilien, der im Moment an der Universität Linz arbeitet und seit Jahren zu den prominentesten Kritikern des Weltkonzerns Monsanto gehört. Anschleißend erzählt der Bioimker Michael Grolm von seinen Erfahrungen. Imker sind im besonderen betroffen von der Gentechnologie, was schnell einleuchtet - eine Biene interessiert sich nicht für Mindestabstände zwischen Feldern. Die Interessen der Imker wurden bei Verabschiedung des Gentechnikgesetzes, wie Michael Grolm betont, damals unter der grünen Ministerin Renate Künast, schlicht vergessen. Grolm gründete daraufhin vor einigen Jahren die Initiative »Gendreck Weg« [8] - Feldbefreiungen nach französischen Vorbild.![]()
Der Tübinger Liedermacher Häns Dämpf spielt zum Abschluss eines erfolgreichen Tages im Widerstand gegen die grüne Gentechnik. Die anschließende Goaparty kann nur noch wenige hartgesottene anziehen - was weniger an der Musik als mehr an der Erschöpfung der BewohnerInnen im kleinen Zeltdorf liegt. Sie wollen ausharren, so lange wie es notwendig ist - entweder bis die FH den Versuch absagt oder die Zeit der Maisaussaat vorüber ist.![]()
Eine knappe Woche später gibt die HfWU Nürtingen bekannt, dass die Genversuche abgesagt werden [9].![]()
[1] http://www.cinerebelde.org/product_info.php?products_id=54![]()
[2] http://www.tagblatt.de/35669796![]()
[3] http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/detail.php/1676411![]()
[4] http://www.cinerebelde.org/product_info.php?products_id=69![]()
[5] http://www.freie-radios.net/portal/content.php?id=21852![]()
[6] http://www.freie-radios.net/portal/content.php?id=21856![]()
[7] http://www.gendreck-giessen.de.vu![]()
[8] http://www.gendreck-weg.de/![]()
[9] http://www.hfwu.de/index.php?id=315&no_cache=1&tx_ttnews[tt_news]=6587&tx_ttnews[backPid]=203&cHash=7603a03bf5![]()
Quelle: Eigener Bericht



