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Artikel


stattweb-News Ausgabe 08, 2008-05

Holz, Hans Heinz:
Hans Heinz Holz: Über das Neue im Alten
News-Beitrag auf stattweb.de vom 20.Mai 2008

Das Neue im Alten - das Alte im Neuen

Sozialistische Kultur beginnt im Alltag - Von Hans Heinz Holz

[Professor Dr. Hans Heinz Holz hatte die Einladung, beim 3. Kulturforum der DKP in Nürnberg ein Referat zu halten, im vergangenen Jahr angenommen. Nach zwei aufeinander folgenden Operationen reiseunfähig, kann er diese Aufgabe zu seinem Bedauern nicht erfüllen. Daher hat er in diesem Artikel die Grundgedanken seiner vorgesehenen Ausführungen zusammengefasst. Unseren Dank dafür verbinden wir mit den besten Wünschen für seine Genesung. Redaktionelle Vorbemerkung der UZ]

Wenn ich an meine Jugend zurückdenke, klingt in meinen Ohren noch der Ausspruch des Joseph Goebbels, des Nazi-Ministers für Propaganda und Volksaufklärung (!): "Wenn ich das Wort Kultur höre, entsichere ich den Revolver." Zehn Jahre später, schon dem Untergang nahe, schrie derselbe Goebbels im Berliner Sportpalast den Massen hysterisch zu: "Wollt ihr den totalen Krieg?"[ Das Wort vom entsicherten Browning wird allerdings schon vor Goebbels dem ehemals expressionistischen Autor Johst zugeschrieben. Er legt es einer Personin der Mund in seinem -Hitler gewidmeten- Drama" Schlageter" Red fg]

Er hätte nicht zu fragen brauchen. Der totale Krieg hatte schon mit dem globalen Angriff auf die Kultur begonnen. Der Wille zur Zerstörung, "bis alles in Scherben fällt" (wie es in dem Nazi-Lied hieß), begann bei der Ächtung von Oskar Kokoschka und Otto Dix, Thomas Mann und Bert Brecht, unterschiedslos bei allen, die im Fortschreiten und in der Kritik am Bestehenden zugleich den Bestand des Erbes erhalten wollten. Dagegen entfesselten die Nazis unter der Vorspiegelung des Neubeginns den Furor der Vernichtung. Es ist das Wesen des Faschismus, die Herrschaft der Bourgeoisie nur noch auf den Trümmern ihrer eigenen Ideale aufrechterhalten zu können. Schon Nietzsche hat die Heraufkunft des Nihilismus angesagt.

Der Widerstand ging durch alle Schichten. Er formierte sich aber hauptsächlich in der Arbeiterklasse, die die Traditionen der Aufklärung aufnahm, wenn sie eine vernünftig geplante Ordnung der gesellschaftlichen Prozesse zum politischen Programm erhob. Losungen, heute von der Propaganda der Kapitalisten schmählich missbraucht und verkehrt, setzten Marksteine auf dem Weg zum Sozialismus. "Brüder, zur Sonne, zur Freiheit ..." - "Die Internationale erkämpft das Menschenrecht". Freiheit und Menschenrecht sind keine Merkmale der bürgerlichen Gesellschaft und überhaupt keiner Klassengesellschaft, sondern erst gewährleistet, wo "eine Assoziation" errichtet wird, "worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist" (Manifest, MEW 4, 482).

Die Erbschaft bürgerlicher Ideale

Aber Freiheit und Menschenrecht, Gleichheit und Brüderlichkeit wurden als Ziele gedacht und gesetzt, als das Bürgertum sich gegen die feudal-klerikale Herrschaft erhob. Die Manifeste der nordamerikanischen Unabhängigkeitserklärung und der Französischen Revolution verkündeten zum ersten Mal die Autonomie der Vernunft und die Selbstbestimmung des Menschen. Das ist der Geist der Aufklärung, "des Ausgangs des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit", wie Immanuel Kant schrieb. Dass die bürgerliche Gesellschaft, gefangen in den Selbstwidersprüchen der Kapitalakkumulation, ihre eigenen "heroischen Illusionen" (Marx) nicht realisieren konnte, ist nur die eine Seite dieses geschichtlichen Prozesses; die andere ist, dass diese frühbürgerlichen Ideale als Substanz kultureller Identität fortbestehen und in die Weltanschauung der Arbeiterbewegung eingegangen sind.

Die Gefahr des Faschismus war aber auch jenen bewusst, die in der Kultur des Bürgertums lebten und sich ihr verpflichtet fühlten., Zur gleichen Zeit, als Goebbels ankündigte, den Revolver zu entsichern, fand sich in Paris 1935 beim Internationalen Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur die geistige Elite der Welt zusammen, um gegen die Zerstörung der Kultur ein Signal zu setzen. Allen war klar, dass Antikommunismus, der die Kehrseite des Faschismus ist, bei der Verteidigung der Humanität nichts zu suchen habe. Im Vorwort zum 2. Jahrgang der von ihm gegründeten Zeitschrift "Maß und Wert" betonte Thomas Mann: "Solidarität, Sammlung, Einmütigkeit, Zusammenschluss - sie sind die Forderung der Stunde; eine überparteiliche, übernationale, überkontinentale Solidarität, in der alle Meinungs-, ja Glaubensunterschiede und -gegensätze sich aufheben zu dem einen Willen und Vorsatz: die unveräußerlichen geistigen und moralischen Errungenschaften der Menschheit, die Kultur zu wahren und zu verteidigen gegen das Infame, gegen die Barbarei." Könnte das nicht heute, siebzig Jahre danach, wieder geschrieben werden?

Die Kommunisten wussten - und Marx und Lenin hatten es ihnen immer wieder eingeschärft -, dass es keine sozialistische Kultur geben werde, wenn nicht das Alte, die vorsozialistischen Ideen und Werke, in sie aufgenommen und transformiert würde. Die Bürgerlich-Konservativen waren bereit, die Avantgarderolle - nicht nur die formale in der Kunst, sondern auch die politische in der Partei - als Moment des gesellschaftlichen Fortschritts zu akzeptieren. (Über das Verhältnis der beiden Avantgarden gibt es übrigens eine aufschlussreiche Studie des Malers und Kritikers Hans Platschek).

Der Übergang zum Neuen

Geschichte ist ein Prozess von Veränderungen. Gewichte verschieben sich. Auch das Neben- und Miteinander von rationaler bürgerlicher und rationaler sozialistischer Kultur bleibt nicht einfach bestehen. Der Klassenkampf hat ebenso kulturelle wie soziale und politische Aspekte. Kultur manifestiert sich in Lebensweise, Weltanschauungsgehalten, Institutionen. Sie prägt Einstellung und Verhalten insgesamt, einschließlich des politischen. Die Sprache, in der man sich ausdrückt, lenkt auch das Denken. Kürzlich sagte mir eine Krankenhausschwester, sie bedauere, dass an die Stelle der ganzen Wortvielfalt von "schön", "reizend", "lieblich", "entzückend", aber auch von "gelungen", "vollkommen" usw. das nichtssagende Einheitswort "super" getreten sei (das sie selbst ja auch dauernd gebrauchte). Sie spürte etwas von der Verarmung und der Schwächung des Gedanken, der darin liegt.

Wer über die Sprache verfügt, beherrscht das Bewusstsein der Menschen. Die kapitalistischen Medienmacher wissen das und handeln danach. Eine sozialistische Kultur beginnt nicht erst bei den Theaterstücken und Themen der bildenden Kunst, gar bei abstrakten Debatten über Formalismus und Realismus, sondern schon im Alltag der Begriffsbildung und des Sprechens. Das ist die Ebene der "Jedermannsphilosophie", wie Antonio Gramsci sagte. Sie gewinnt Gewalt über die Menschen in den Formulierungen der Tagesschau, in den Texten von Schlagern, in den Reden von Politikern - überall wo Klischees erzeugt und benutzt werden. Darin liegt dagegen der politische Wert von Literatur, gerade der älteren: Sie vermittelt einen Wortschatz, der uns differenzierter denken lässt. Realismus ist nicht die Nachahmung immer simpler werdender Sprachgewohnheiten, sondern die möglichst fein unterscheidende Abbildung der Wirklichkeit durch das Wort.

Ich schweife ab ins Detail. Zurück zum Grundsätzlichen. Wenn Kultur die Gesamtheit unseres Weltverhältnisses ist, des praktischen wie des theoretischen, des materiellen wie des ideellen, dann ist der Horizont des politischen Klassenkampfs das Ringen um die kulturelle Hegemonie, um die Ausbreitung und Durchsetzung der Weltanschauungsgehalte, Lebenserwartungen, Wertvorstellungen, Verhaltensnormen der Arbeiterklasse - man könnte auch sagen, des "Stils" der Arbeiterklasse. Gramsci hat dieses Konzept der Hegemonie ausgearbeitet, es ist die (wie mir scheint) orientierende Kulturtheorie im Marxismus, die die Dialektik von Materiellem und Ideellem angemessen erfasst und die Einheit von Materiellem und Ideellem in den Institutionen erkennt (z. B. gegenüber Proletkult, anarchistischer Auffassung vom repressiven Charakter von Kultur, verengten, naturalistischen Realismuskriterien, d. h. Realitätsverständnis usw.). Kultur ist das Gesamtsystem der Reflexion von gesellschaftlicher Organisation des menschlichen Lebens, das sich aufgliedert in viele einzelne Teilsysteme (z. B. Kunst, Bildung, Sport, Unterhaltung, Naturbegegnung ...), die sich wieder überschneiden und wechselseitig beeinflussen.

Als Gesamtheit der Reflexion des gesellschaftlichen Seins ist in Kultur immer schon das enthalten, was einmal war und als Bedingung und Entstehungsgrund dessen, was ist, im Gegenwärtigen weiterwirkt und sich in die Zukunft fortsetzt. Es gibt nichts Neues, in dem nicht das Alte eingeschlossen ist, wenn auch natürlich im Prozess der Veränderungen umgeformt und auf neue Situationen und Fragestellungen bezogen. Darum gibt es keine Kultur ohne Interpretation der Vergangenheit. Wir sind geschichtliche Wesen.

Klassenkampf und Hegemonie

Die Veränderungen in den Produktionsverhältnissen führen dazu, dass eine neue Gesellschaftsformation die alte ablöst. Der Übergang ist ein stetiger in der Lebensweise und ein jäher im revolutionären Umsturz der politischen Herrschaftsverhältnisse. Beide Formen des Übergangs sind Formen des Klassenkampfs, die Gramsci durch die Metaphern "Stellungskrieg" und "Bewegungskrieg" charakterisiert hat. In der Zeit des Stellungskriegs bildet sich eine Kultur der Beherrschten gegenüber der Kultur der herrschenden Klassen heraus. Sobald sie stark genug geworden ist - und das steht immer in Parallele zur Entwicklung der Produktionsverhältnisse -, dass sie die Leitvorstellungen der Lebensweise prägt, ist die Zeit für den Bewegungskrieg, für den revolutionären Umsturz reif. Klassenkampf ist immer auch Kulturkampf.

In diesem Sinne hat Lenin von "zwei Klassen in jeder Kultur" gesprochen; "In jeder nationalen Kultur gibt es Elemente einer demokratischen und sozialistischen Kultur, denn in jeder Nation gibt es eine werktätige und ausgebeutete Masse, deren Lebensbedingungen unvermeidlich eine demokratische und sozialistische Ideologie erzeugen. In jeder Nation gibt es aber auch eine bürgerliche Kultur, und zwar nicht nur im Form von Elementen, sondern als herrschende Kultur" (LW 20, 8 f.). Thomas Metscher, der zur Theorie der zwei Kulturen eine erste Systematik entwickelt hat (Kunst, Kultur, Humanität, Band 1, Fischerhude 1982), betont richtig, dass "in" hier "innerhalb" bedeutet. Lenin will nicht die Einheit der Nationalkultur zerreißen, sondern ihre klassenspezifische Differenzierung als politische kenntlich machen. Eine Nationalkultur (und letzten Endes auch die Weltkultur - darum ist die Rede vom "Krieg der Kulturen" Unsinn) ist eine Einheit, die in sich einen Gegensatz enthält; sie ist, dialektisch formuliert, die Gattung ihrer selbst und ihres Gegenteils. Als herrschende Kultur ist die den Vorstellungen der herrschenden Klasse entsprechende Kultur, zu der aber auch die Kritik vom Standpunkt der Beherrschten aus gehört; wie eben auch das Proletariat zur kapitalistischen Gesellschaft unter der Herrschaft der Bourgeoisie gehört. Solange die herrschende Klasse mit ihren Vorstellungen auch die Beherrschten durchdringt, hat sie die kulturelle Hegemonie (man denke z. B. an die Ideologie der Sozialpartnerschaft). Ja, Hegemonie ist nichts anderes als die Fähigkeit, die Zustimmung der Beherrschten zu den Herrschaftsverhältnissen herbeizuführen; wer erst zu den Mitteln gewaltsamer Unterdrückung greifen muss, hat die Hegemonie schon verloren.

Im Klassenkampf ist es für die Beherrschten entscheidend, die Hegemonie zu erobern, also ihre Wertmaßstäbe und Ziele dominant werden zu lassen. Das ist die Voraussetzung, die Zustimmung der Massen zu einem revolutionären Umsturz zu gewinnen. Die Hegemonie erringt man nicht durch reine Negation des Bestehenden, schon gar nicht auf einen Streich. Vielmehr werden die Elemente im Bestehenden aktiviert, die über das Bestehende hinausweisen - also ideale, utopische, abstrakte Antizipationen einer besseren Welt. Sie zu konkretisieren", also formationstheoretisch zu formulieren, ist die theoretische Aufgabe der "zweiten Kultur". Nicht "eine andere Welt ist möglich", sondern eine bestimmte andere Welt, nämlich der Sozialismus, ist nötig und möglich.

Es ist der Sinn kommunistischer Kulturtage, der unbestimmten Negation bürgerlicher Hegemonie den bestimmten Inhalt eines politischen Ziels zu geben. Die Erinnerung an den Kongress zur Verteidigung der Kultur 1935 mag uns bewusst machen, dass dies nicht in sektiererischer Abgeschlossenheit gelingt, sondern mit der Aufnahme der gesamten Nationalkultur in unser Selbstverständnis verknüpft ist. Dass wir das Neue schon im Alten entdecken können, schließt ein, dass wir das Alte im Neuen, unser Erbe, nicht verlieren. Und seien wir uns darüber im klaren, dass wir auch heute das Humanum gegen einen neuen (und das ist alten) Faschismus zu verteidigen haben zusammen mit all jenen, die das Erbe der bürgerlichen Aufklärung, das Erbe Voltaires, Kants und Hegels, nicht preisgeben wollen.

Quelle: UZ /Feuilleton 20.5.08



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