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Stattzeitung für Südbaden Ausgabe 69, 2007-06

Redaktion:
“Wir sind gekommem um zu bleiben”
Interview mit einem Demonstranten

SZ: Warum und mit wem bist Du nach Heiligendamm gefahren?

Simon: Wir haben uns in der VVN Jugend mit diesem Thema beschäftigt. Viele von uns hatten großes Interesse hinzufahren, jedoch wurde schnell klar, dass nur wenige mit können, da die Aktion eine ganze Woche stattfand. Schlussendlich sind wir zu dritt nach Heiligendamm gefahren. Für mich war es wichtig nach Heiligendamm zu fahren, weil die Aktion die Möglichkeit einer großen Signalwirkung hatte. Uns war bewusst, dass eine Blockade des Gipfels diesen weder stoppt noch ihn von der Infrastruktur abschneidet, wie es der Plan war. Trotzdem hielten wir es für eine gute Idee den Gipfel zu blockieren, schon allein um gegen die undemokratische Versammlungseinschränk-ungen zu demonstrieren. Wir wollten einen bunten und lauten Protest, mit vielen politischen Menschen aus aller Welt, veranstalten, um uns mit unseren Forderungen Gehör zu verschaffen.

SZ:Wie seid ihr dorthin gekommen?

S: Nachdem alle Attac-Züge ausgebucht waren und auch andere Mitfahrgelegenheiten geplatzt sind, haben wir uns dafür entschieden mit dem Auto zu fahren.

SZ: Hältst Du es für möglich, dass einzeln Dazustoßende überhaupt ein Bein auf die Erde bekommen hätten? War nicht vorgängige Gruppenbildung stillschweigend als Voraussetzung mitgedacht?

S: Es ist immer besser im Vorfeld eine gut aufeinander eingestimmte Bezugsgruppe zu finden, um in dem Trubel, der dort passieren kann, den nötigen Rückhalt zu haben. Es ist aber keine Voraussetzung. Auf dem Camp gab es öfters durchgesagte Termine, an denen man sich mit anderen zu einer Bezugsgruppe zusammenschließen konnte. Unsere Gruppe hatte auch Zuwachs durch einen Kurzentschlossen, der sich auf Grund der Möglichkeit sich unserer Bezugsgruppe anzuschließen doch noch nach Heiligendamm gekommen ist.

SZ: Wenn Ihr abends in den Camps von den Events gesprochen habt, was ist dann Deiner Meinung nach rübergekommen und im Gedächtnis geblieben?

S: Es gab rege Diskussionen, man ist öfters miteinander ins Gespräch gekommen, hat gelobt und kritisiert, wie bei anderen Aktionen auch. Nur hatte man sich hier weitaus mehr zu erzählen, da es ein Fülle von Informationen verschiedenster Aktionen gab.

SZ: Welchen Satz/welche Ausführungen auf der Veranstaltung am Samstagabend hast du behalten?

S: „Wir sind gekommen um zu bleiben, eine andere Welt ist möglich...“

SZ: Wie war die Musik?

SB: Von grottenschlecht bis sehr gut. Am Samstag haben z.B. Juli gespielt, während auf der anderen Seite des Platzes es heftig zur Sache gegangen ist. Ein bessere Reihenfolge der Bands hätte sicher für mehr Großdemonstrationsfeeling gesorgt. Vor allem Irie Revolte aus Heidelberg haben für so eine gute Stimmung gesorgt, dass die Auseinandersetzungen mit der Polizei zur Nebensache wurde.

SZ: Warst Du auch bei Bono und Grönemeyer?

SB: Nein, im Vorfeld gab es da auch mehrere Gerüchte über komische Ticketpreise. Da hatten wir schon gar keine Lust mehr gehabt. Zudem haben wir am Donnerstag weiter blockiert.

SZ: Wie viel von dem, was Du wolltest, ist für Außenstehende durch die Poren der Medien gedrungen?

SB: Ich habe während dessen natürlich die Zeitungen gelesen, die täglich in großen Bündeln im Camp ankamen. TV – Beiträge habe ich aber nicht gesehen. Das die Aktion statt gefunden hat, ist das eigentlich ausschlaggebende. Das so viele Menschen zusammen gekommen sind, um gegen die Ausplünderung auf unserem Planeten zu demonstrieren, hat überall zu regen Diskussionen geführt. Auch wenn die eingefärbten Berichte der Medien versuchten etwas anderes darzustellen.

SZ: Warst Du bei den Blockaden dabei -und wie ist die Gesamtstrategie von den “Fünf Fingern” den einzelnen Teilnehmern und Teilnehmergruppen vermittelt worden?

S: Ja, das war ja das eigentliche Ziel unseres Kommens. Blockaden mit so vielen Menschen gibt es ja sonst eher selten. Wir haben uns im Vorfeld in einer Veranstaltung des Block G8-Bündnis schlau gemacht, was für Aktionen geplant sind. Die Zeit zwischen Großdemonstration und Blockade haben wir genutzt, um an den zahlreichen Plenen teilzunehmen, auf denen die Aktionen bis in Detail durchgeplant und besprochen wurden. Außerdem haben wir ein Actiontraining mitgemacht, in denen in einem Rollenspiel die Taktik trainiert und alle möglichen Szenarien durchgesprochen wurden.

SZ: Konkret - Früher dachte man, man brauche Partei oder ähnliche Organisationen, um über Kommando gemeinsam handeln zu können. Wie hat jetzt die dezentrale Steuerung geklappt?

SB: Die einzelnen Plenen wurden moderiert von Vertretern der Bündnisses. Die Plenen wurden konstruktiv und gemeinsam geführt. Man hat sich z.B. darauf verständigt, anstatt Applaus für gute Beiträge zu geben, dies lediglich durch ein Handschütteln zu signalisieren, um Zeit zu sparen. Der G8-Konsens hat die Aktionen maßgeblich koordiniert und hat Eckpunkte definiert, die keine weiteren Kommandozentralen nötig machten. Es wurde rege diskutiert, bis allen klar war, wie die Aktion ablaufen soll. Auch während den Aktionen wurden Plenen durchgeführt, um weiteres Vorgehen abzustimmen. Während die Blockade schon im volle Gange war, haben sich allerdings die sinnvoll und guten Plenen ins Absurde gewandelt. Nun wurde viel mehr über die Form innerhalb der Plenen gesprochen, wodurch die einzelnen Ansätze der Leute aufeinander geprallt sind. Was zur Folge hatte, dass die Vertreter der einzelnen Gruppen nach und nach den Plenen fernblieben und diese im weiteren Verlauf keine Rolle mehr gespielt haben.

SZ: Wie hast Du das Gesamtauftreten der vereinigten Obrigkeit -Polizei, Verfassungsschutz, Militär - erlebt?

S: Bei Demonstrationsbeginn am Samstag eher untypisch, da nahezu keine Präsenz vorhanden war. Erst auf dem Endkundgebungsplatz zeigte die Polizei starke Präsenz. Wenn die Polizei auch weiterhin im Hintergrund geblieben wäre, hätte der Samstag einen anderen Verlauf gehabt. Nach den ersten kleinen Konflikten war es dann immer die Seite der Polizei, die an der Spirale der Gewalt gedreht hat, um die wohl bestellten Fernsehbilder zu erzeugen. Auch im weiteren Verlauf der Woche hat die Polizei unverhältnismäßig aggressiv auf die Aktionen reagiert. Auch die aufgedeckten Geschichten über die Spitzel, haben mal wieder bewiesen, dass der Staat keine ernst gemeinte Deeskalationsstrategie vor- hatte.

SZ: Vergleiche bitte mit anderen Demos? Verhielt sich die Polizei dort wesentlich anders als in Rostock?

S: Eigentlich gab es keine großen Unterschiede zu anderen Großdemos.

Jedoch hat man gemerkt, dass die Leute entschlossener waren und nicht klein bei gegeben wollten.

SZ: Wie hast Du den Vorstoß der Autonomen an dem berühmten Samstag wahrgenommen? Und wie die Reaktionen von der Bühne der Schlussveranstaltung herab, mit ihren wechselnden Bitten an die Polizei, das Feld zu räumen- und den folgenden Distanzierungen?

S: Die Veranstaltung wurde mehrfach unterbrochen und von der Bühne aus wurde die Polizei aufgefordert aufzuhören und sich sofort zurückzuziehen. Aber das ist auf taube Ohren gestoßen, genau wie die Forderung, den über der Hauptbühne kreisenden Helikopter zu entfernen. Zwischenzeitlich gab es zwei Welten auf dem Platz. Auf der einen Seite Großveranstaltungsflair mit Reden und Musik und auf der anderen Seite Tränengas und Wasserwerfer. Die darauf folgenden Distanzierungen wurden von den Menschen im Camp abgelehnt. Es wurde klar als ein von der Polizei angestachelter Konflikt gesehen.

SZ: Wie siehst Du die Aussichten für einen verstärkten Zusammenhalt verschiedener Linksgruppen über die Zeit der Camps hinaus?

S: Den Zusammenhalt der in dem Camp zu spüren war, zwischen allen Gruppen, war großartig. Wie viel sich nach Heiligendamm rüber retten wird, kann ich so nicht sagen. Für mich gesprochen denke ich, dass die Leute aus unserer Region jetzt besser connected sind.

SZ: Bis Du mit Leuten vom Legal Team zusammengetroffen, bzw. mit Vermittlern wie Haensel und Pflueger? Wie bewertest Du ihre Eingriffsmöglichkeiten und ihr wirkliches Eingreifen?

S: Menschen vom Legal Team habe ich immer wieder angetroffen, jedoch habe ich nichts näheres über ihr Arbeit mitbekommen. Aus den Durchsagen war heraus zuhören, dass die Polizei zwar die Kommunikation gesucht hat, aber die interne Kommunikation der Polizei nicht funktionierte und die Verhandlungen ins Leere liefen.

SZ: Wie war die Volksküche? Gab es wie in Straßburg Veganerterror? Krach mit Leuten, die keinen Kaffee-Satz-Brot-Aufstrich wollten?

S: Die VoKü war genauso gut organisiert, wie alles andere, was mit dem Camp zu tun hatte. Allein in Reddelich gab es sieben VoKüs. Das Essen war sehr reichlich, natürlich konsequent vegetarisch oder vegan. Von Verganerterror war nix zu spüren, da ausgerechnet eine fleischverarbeitende Firma dem Camp kostenfrei Strom und Wasser zur Verfügung gestellt hat. Somit wurde im großen und ganzen akzeptiert, dass der von der Firma betriebene Grillstand immer gut besucht war und sich die Menschen, wie ich es auch oft tat, um den Grill reihten und sich ihre tägliche Portion Fleisch holten. Die VoKü sorgte auf den Blockaden dafür, dass das leibliche Wohl und der Wille zum Durchhalten gestärkt wurden. Ständig wurde neue Töpfe mit Fressalien und ganz wichtig Wasser an die Blockierenden verteilt. Unsere Gruppe hatte die Nacht auf der Straße verbracht und war über dieses Frühstuck glücklich.

SZ: Wie lange warst Du nach der Rückkehr aktionsunfähig?

S: Es hat schon eine Weile gedauert bis ich ohne die gewohnte Geräuschkulisse von Heiligendamm einschlafen konnte. Das ständig in der luftliegende tuktuktuktuk der Polizeihubschrauber und des tatütata der Bullenwannen war allgegenwärtig und wurde schnell zum Normalzustand dort.

SZ: Mit welchen Gefühlen bist du nach Hause gekommen?

S: Ich bin sehr froh dass ich dort war. Denn mit so vielen Menschen so eine Aktion durchzuführen ist sehr beeindruckend und motivierend. Alles in allem werte ich die Aktion in Heiligendamm für einen großen Erfolg. Es kamen verschiedenste Menschen und Gruppen zusammen und haben den Slogan „eine andere Welt ist möglich“ eine Woche lang im Kleinen gelebt. Es wurde ein klares NEIN zu dem undemokratischen Gremium, das hinter dem Zaun ihre Politik der Aufteilung der Welt nach den Maßstäben der Verwertbarkeit und Profitmaximierung abhielten, formuliert.

Wir danken für das Gespräch

red



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