stattweb-News Ausgabe 08, 2008-09![]()
Güde, Fritz:
WIRTSCHAFT: Nicht Charakterfehler der Kapitalisten, sondern das Wesen des Kapitals erzeugen unweigerlich die Krise
News-Beitrag auf stattweb.de vom 16.September 2008
Obama, Cains und Steinbrück waren sich einig: Kapitalismus selbst ist unantastbar. Die einzelnen Kapitalisten allerdings, vor allem die im Bankgewerbe, sind samt und sonders von unstillbarer Gier befallen, scheuen vor keinem Risiko zurück, rennen geschlossenen Auges einer Beute nach - in den Abgrund. ![]()
Von da aus die moralisierende Genugtuung: alle Banken in den USA wurden gerettet, aber bei dieser einen, der letzten, war es zuviel. Selbst Bush der alles verstand, rechtfertigte und anpries, war diese Unbeherrschtheit im Geldraffen strafwürdig.![]()
Mindestens fünfhundert Jahre Kapitalismus. Mindestens 2000 Jahre entwickelte Geldwirtschaft mit Banken. Und immer begleitet vom Mahnruf: ”Sacra auri fames.” Verfluchte Geldgier - lass dich nicht verführen. Moralisch, aber folgenlos.![]()
Hat es in dieser ganzen Zeit niemand gewundert, dass sich in einer einzigen Berufsparte -die der im Geldwesen Beschäftigten- die Aktivisten sämtlicher sieben Todsünden zusammengefunden haben sollen.![]()
Dabei kennt jeder die Bilder des unerbittlichen Bankers, der in der Sekunde nach der Pensionierung barfuß in Sandalen in einer Hütte lebt, Grottenolme beschützt, für einen buddhistischen Kindergarten spendet, sich von einer Domina versohlen lässt und anderen unschuldigen Vergnügungen hingibt. Wohin ist die angeblich fressende Gierin ihm dann gegangen?![]()
Vielleicht liegt es gar nicht an den Charakterfehlern des einzelnen Kapitalisten? Vielleicht liegt es einfach an der Natur des Kapitals selbst. Altväterisch gesagt: ein Haufen Geld wird erst dadurch Kapital, dass es so angelegt wird, dass über die Ausbeutung fremder Arbeitskraft Mehrwert abgepresst und einbehalten wird.![]()
Schon Marx hat nicht als erster gesehen, aber als erster auf den Begriff gebracht, dass da jedes Mal ein Problem auftritt: der Gewinn aus dem Kapitaleinsatz des letzten Jahres muss im nächsten Jahr wieder gewinnbringend angelegt werden. Ist aber zuviel Ware in einer Branche produziert worden- zuviel nicht gemessen am Bedarf der gesamten Menschheit, sondern gemessen an der Zahl der Zahlungsfähigen- muss nach anderen Anlagefeldern gesucht werden. Der Profit aus dem Autowesen zum Beispiel könnte in der Elektronik sich im nächsten Jahr gewinnbringend lokalisieren. Wie der neben Keynes letzte Nationalökonom Schumpeter, der etwas Neues innerhalb des Kapitalismus vorgetragen hat, entwickelte, setzt die Möglichkeit solcher Investitionen technische Innovationen voraus, die die ganze Welt der technischen Produktion umwälzen. Das waren beispielsweise zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts die Dampfkraft, dann mit Siemens die Entwicklung nicht ortsgebundener Maschinen, dann etwa das Auto, schließlich nach dem Krieg Atomindustrie- aber durch schlechte Erfahrungen gestoppt- und als letzte eben die Elektronik. Das ist aber auch Jahrzehnte her. Seither ist nichts mehr hinzugekommen.![]()
Um es kurz zu machen: seit den neunziger Jahren wäre damit das Kapital weltweit am Ende gewesen. Die krisenhaften Erschütterungen in dieser Zeit zeigen es. Um nicht einfach aufgeben zu müssen, wurden erweiterte Anlagemöglichkeiten geschaffen, die aber keinerlei Produktivitätszuwachs mehr erbrachten. Ich meine die Privatisierung von Post, Telefon, Bahn, Energieversorgung in ganz Europa. Da konnten die Kapitalien sich noch einmal kurzzeitig mästen. In den USA war nichts weiter zu privatisieren. Dem Kapital blieb nur eines übrig: durch kollektive Übereinkunft, fiktive Anlagemöglichkeiten zu erfinden. Zunutze machte man sich, dass der Unterschied zwischen vorliegenden materiellen Gütern und der Erwartung solcher Güter nie niemals klar festzulegen ist. Ein Haus aus Backsteinen mit Vorgarten und Veranda ist zweifellos ein geldwertes Gebrauchsding zum Wohnen. Die Erwartung eines solchen Hauses, das man vielleicht in zehn Jahren bezieht, schon weniger. Diese Erwartungen lassen sich immer weiter verdünnen über Hypotheken, Anwartschaft auf Hypotheken, Anwartschaft auf ein Bündel von Hypotheken ohne jeden überprüfbaren Bezug zu einem realen Haus.![]()
Das alles führt zu weiteren Anlagemöglichkeiten, je ferner von einem realen Gebrauchsding, um so leichter und häufiger. Hinzu kommt eine Entwicklung, über die Zeit von Marx hinaus. Jeder Markt, seit dem ersten am Kirchentag von Sankt Emmeram oder wo auch immer, braucht den Marktpolizisten. Der, als Vogt oder Büttel, passte auf, dass die Waren wirklich vorhanden waren, nicht verfälscht und so weiter. In früher Zeit hingen diese Vögte vom Marktherrn ab und mussten zugunsten von dessen Marktgebühren allen auf die Finger schauen, die zum Beispiel über Falschgeld den Ruf dieser Einnahmequelle des Herrn schädigten. Damit die Einnahmen selbst.![]()
Der Kapitalismus hat nur die Eigenschaft, dass am Ende alles zur Ware wird. Der Gedanke wird Ware, das Aussehen, frühere reale Verdienste. So wird auch der Kontrolleur der Ware selbst zu einer. Er ist es ganz offensichtlich in Form der rating-Agenturen geworden, selbst im Dienste einer Bank.![]()
Die rating-Agentur gibt zweifelhaftesten Waren einen Garantiestempel. Dieser soll den Bezug zur zugrundeliegenden Realität ersetzen- das am Ende total aus dem Blick geratene Haus. So allein lässt sich erklären, dass halbwegs normale Bankleute solche Zettel für teueres Geld kauften, deren Wert einzig am Zeugnis der lohnabhängigen rating-Agenturen lag.![]()
Jetzt ist auf einmal alles weg. Was soll das heißen? Es sind zwar so und soviel inzwischen zum Teil leerstehende Häuser übrig- und eine schwarzschwirrende Wolke von Gutscheinen auf diese Häuser. All die Kreditzusagen der Nationalbanken könnnen diesen Schwarm nur vermehren.![]()
Krise -nach Marx der Augenblick- wo die Kapital-Überproduktion ihr Fiasko erklärt. ![]()
Ein großer Teil der Geldzeichen -imaginärer Gutscheine- bekommt ihren Gutscheincharakter gestrichen. Überkapital wird vernichte. Der Rest des Kapitals -auf neuer Stufenleiter- fängt auf bereinigem Kampffeld den Konkurrenzkampf aufs neue an.![]()
Das wäre der klassische Verlauf. Eingetreten davon ist das Schwinden ganzer Riesenkonzerne: von fünf großen Investmentvanken sind zwei übrig geblieben. Vergleiche auch die Übernahmen im Bank-und Nichtbankbereich in der Bundesrepublik: Dresdner Bank musste dran glauben, Conti, usw. Offenbar haben im Vorgriff auf die erwartete Krise einige Firmen ihre Position für später zu verbessern versucht. Um als Quasi-Monopolist unangreifbarer zu sein. ![]()
Umgekehrt mussten schon einige der gefürchteten Finanzinvestoren aus Übersee Wohnungen wieder abstoßen, die sie auf Kredit gekauft hatten. Es ist klar, dass Kapitalvernichtung in der Krise Krediterschwerung und -verteuerung mit sich brachte. Allerdings seit 1929 nie gründlich genug. So blieb der Bodensatz von Kapitalüberoriduktion und Inflation immer nicht nur erhläten, sondern als Sockelbetrag jedes Mal höher.![]()
Und damit zum Schluss wieder zur moralischen Seite. Es ist müßig, darüber zu jammern, dass die Repräsentanten des Systems des notwendigen Weiterfressens- des Kapitals- dessen Eigenschaften verinnerlichen und als Gier entäußern. Das ist festzustellen, nicht weiter vor Gottes Gericht zu bringen.![]()
Anders das Urteil über die Heerschar der freiwillig Tauben und Blinden. Alle, die heute nach Ausflüchten suchen, um den Kapitalismus selbst zu entlasten und stattdessen an einzelnen Ursachen herumzumäkeln, machen sich schuldig der absichtlichen Verdunklung der Welt. Ihrer prinzipiellen Unerkennbarkeit.![]()
Schuldig macht sich heute der, der sich weigert, die Unheilbarkeit des Übels anzuerkennen. Wenn es an dem Nicht-Aufhörenkönnen des Kapitals liegt, muss dieses System selbst angeklagt und angegriffen werden. Auch dann, wenn wir für das momentane Leiden kein Pflaster wissen.![]()
Immer unabweisbarer die Pflicht, sich wenigstens theoretisch dieser Situation zu stellen. Nicht gierige Personen für sich allein sind zu bekämpfen, sondern das entfremdende Verhältnis zwischen Personen, das man Kapitalismus nennt, und dass die Verformugnen des Menschen erst hervorbringt.![]()
Quelle: Nachdenkseiten, 16.09.08
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