Stattzeitung für Südbaden Ausgabe 72, 2008-08![]()
Quarti, Adi:
Waschzettel, Zettelkasten und vorsichtige Berührungen
Kukuli
Waschzettel, Zettelkasten und vorsichtige Berührungen![]()
Waschzettel sind knappe Gebrauchsanleitungen zum Lesen von Büchern, die von den Verlegern an Buchhändler und Journalisten adressiert sind. Zettelkästen sind so was wie Archive, für Schriftsteller zum Beispiel, Arno Schmidt hatte eine Menge davon... Am Ende war aber auch bei ihm die Erkenntnis: „WIR WERDEN SCHEITERN“! In genau der Orthographie, groß. Werden wir das? Ein Textcorpus ist schwer zu fassen, man muss ihn eher vorsichtig berühren, wie der Philosophieprofessor Jean-Luc Nancy aus Strasbourg es tun würde. Aber nur um ihn hier noch einmal zu nennen.![]()
Macht und Gerechtigkeit![]()
Zwei Giganten des Nachkriegsdenkens hat der Journalist Fons Elders 1971 im niederländischen Fernsehen zusammen gebracht: Michel Foucault (1926 – 1984) und Noam Chomsky (1928), zwei Intellektuelle die wie wenige die Diskussionen nach 1968 beeinflusst haben. Foucault, der bereits in seiner Antrittsvorlesung am Collège de France 1970 sein Vorhaben umriss, die Abendländische Geschichte von Vernunft/Wahnsinn neu schreiben zu wollen, eine „Archäologie des Wissens“ vorzunehmen, welche eine wissenssoziologische Analyse der Rolle des Autors beinhaltet, des Redens, bzw. Nicht-Redens über Sexualität, der Klinik, Gefängnisse und Macht. Mit anderen Worten gehe es ihm darum, die Raster der Ausschließung dieser Gesellschaft aufzuzeigen. Foucault hat gleichzeitig die politische Theorie und Praxis der Linksradikalen, den marxismusinspirierten Gruppen der 1970er und ´80er Jahre entschieden beeinflußt. Mit der Gruppe Gefängnisinformation (GIP) probte er von 1971 – 1973 ein Gruppenkonzept, welches von vornherein darauf angelegt war die Initiatorengruppe aufzulösen, sobald die Strafgefangenen sich selbst organisieren um die politische Arbeit autonom zu übernehmen, also als Relais (er mochte die Maschinenmetaphern) fungieren, wie Foucault es nannte. In „Überwachen und Strafen“ (1976) hatte er u.a. dieses Konzept genau beschrieben. Noam Chomsky, der dieses Jahr 80 Jahre alt wird, ist der meistzitierte Sprachwissenschafter der Welt, seine Bibliographie umfasst über 700 Einträge, wobei über die Hälfte davon politische Themen behandeln. Er ist bis heute eine der Symbolfiguren der Antikriegsbewegung in Amerika. Sein linguistisches Hauptwerk zur Universalgrammatik wirkt bis in die Gegenwart auch in den Bereichen der Neurolinguistik, der Lerntheorien und der Psychologie. In den aktuellen Forschungen über Intuition (Bauchentscheidungen vs. Kopfentscheidungen) spielt Chomsky eine wichtige Rolle. Eine sehr gute Einführung in sein Denken liefert „Sprache und Politik“ (Berlin 1999). Das neu erschienene Bändchen von orange press enthält die gesamte Diskussion zwischen Foucault und Chomsky, moderiert und mit einem aktuellen Vorwort versehen von Elders.![]()
Ihm (dem Moderator) geht es darum die Unterschiede und Gemeinsamkeiten im Denken der beiden herauszuarbeiten, beispielsweise Chomskys Annahme für seine Sprachtheorie, dass die Menschen von Natur aus mit einem System intellektueller Organisation ausgestattet seien, einer universellen Grammatik, die man auch als Anfangszustand des Geistes bezeichnen könne. Foucault misstraute dieser Annahme, allerdings nicht prinzipiell, er kennt das Werk Chomskys offensichtlich sehr genau und beide sind darum bemüht die zum Teil unterschiedlichen Begrifflichkeiten, Ansätze und Methoden aufeinander abzustimmen. Die Diskussion, welche mehrmals durch Zwischenfragen des Studiopublikums unterbrochen wird, verläuft jedenfalls sehr sachlich. Und wird gelegentlich sogar richtig lustig, als Elders nach Foucaults Politikverständnis fragt. Foucault: „Ihre Frage lautet, warum ich so an Politik interessiert bin? Am liebsten würde ich mit einer Gegenfrage antworten: Warum sollte ich nicht? Mit welcher Blindheit, welcher Taubheit, welcher engstirnigen Ideologie müsste ich geschlagen sein, um mich vom Interesse für das alles entscheidende Thema abzuhalten“? Sicher, unbedingt! Allerdings die Dramen, die damit verbunden waren, seien hier nur kurz gestreift: Jacques Derrida, der sich als ehemaliger Schüler Foucaults anmaßte eine kritische Rezension von „Wahnsinn und Gesellschaft“ (1961) zu veröffentlichen, die neben viel Lob für die Arbeit Foucaults eigentlich nur schüchtern darauf hinwies, dass der Professor den langen Epochen in der Geschichte den Vorzug einräume und seine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft, so der Untertitel, eben vor der Psychoanalyse Freuds endete, folgte eine barsche Reaktion: Die zweite Auflage der französischen Ausgabe enthielt ein düsteres Nachwort an Derrida. Aber dies ist eine andere Geschichte. ![]()
Chomsky wiederum, der bereitwillig und eloquent auf Fragen zum Anarchosyndikalismus , Arbeiterräten und anderen freien Zusammenschlüssen antwortet, widerspricht der Revolutionstheorie Foucaults, der mit Spinoza argumentiert, bzw. kokettiert, dass der Klassenkrieg geführt würde, um ihn zu gewinnen, nicht weil er gerecht wäre. In diesen seltenen Momenten schimmert durch, wie sehr das unbedingte Denken Foucaults jenes seiner Generation beeinflußt hat, und umgekehrt das analytische Denken Chomskys, jenes eines anderen Teils. Das mag sicher auch eine Frage der unterschiedlichen Persönlichkeiten sein, Elders berichtet im Vorwort davon, dass der Franzose nach 20 Uhr keinen Philosophenkollegen mehr treffen wollte und sich statt dessen lieber im subkulturellen Zentrum Melkweg in Amsterdam vergnügte. Der Amerikaner dagegen bezeichnete sich in einem anderen Interview als ausgesprochener Familienmensch, was Foucault aufgrund seiner sexuellen Präferenzen nicht sein konnte. Während der niederländische Fernsehsender N.I.O. im Frühjahr 2008 ein weiteres Porträt von Chomsky, produziert von Fons Elders, ausstrahlte, glauben die Fernsehverantwortlichen hierzulande anscheinend man könne dies dem deutschen Publikum nicht zumuten?![]()
Und dass zumindest diese einzigartige Diskussion endlich auch schriftlich vorliegt ist einem kleinen, unabhängigen und sehr ambitionierten Verlag zu verdanken.![]()
Michel Foucault, Noam Chomsky, Fons Elders. Absolute(ly). Macht und Gerechtigkeit. orange press, Freiburg 2008.![]()
Souvenirs & Leftovers![]()
Egon Günther, der gelegentlich ausgesprochen kenntnisreich über Wanderwege und Fluchtrouten über die Alpen schreibt, dann wieder mit Bayerische Enziane (2007) ein etwas anderes Heimatbuch vorlegte, aktiv ist er immer. Ihn interessieren vor allem Menschen, die sich der Obrigkeit widersetzen, wie die der Bayerischen Räterepublik, wo er in der Zeitschrift für kein ruhiges Hinterland zusammen mit Thies Marsen den „Roten Frauen von Riederau“ ein Porträt malte, im vorliegenden Fall handelt es ich um Poesie.![]()
Flieg Milan, flieg ist ein Gedicht in Gedenken an Helmut Salzinger, des in den ‘90er Jahren verstorbenen Musikjournalisten und Krautrocklegende. He is the eggman dagegen, ein an einen Beatlessong angelehntes sinniren über die Regeln zum Bleiberecht und frivolen Gedanken. Da ist ein deutscher Beatnik tätig, der sich an Ost-West-Stereotypen abarbeitet oder an verbeulten Hakenkreuze, die man einfach nicht los wird. Dann diese Ambivalenzen: „Von allem zu viel / nur die Luft wird bald knapp / von allem zu wenig / nur die Halde / wächst und wächst / von allem etwas / doch nichts / macht mich an“. Schön, nachdenklich, manchmal überschwenglich – einfach großartig!![]()
Egon Günther. Souvenirs & Leftovers. Gedichte. Medienstreu. Verlag Peter Engstler. Ostheim/Rhön 2008.![]()
Jenseits des Terrors![]()
Eine knappe Analyse der drängenden aktuellen Problem der Welt, erarbeitet von einer englischen NGO, der Oxford Research Group ist als Nautilus Flugschrift erschienen. Es geht um den Klimawandel, den Kampf um Ressourcen, die Marginalisierung der Weltmehrheit und die weltweite Militarisierung, um ziemlich viel also. Der Vorteil dieses klugen Buches liegt zweifellos darin, dass es auf 120 Seiten knapp und deutlich die weltweite Gemengelage zusammen fassen versucht. ExxonMobil, die größte Ölgesellschaft der Welt, versucht dabei immer wieder den Leuten einzureden, dass die Rolle des Menschen im weltweiten Klimawandel nicht bewiesen sei, während hierzulande gelegentlich Tornados, wie kürzlich über Hessen, in Windhosen oder Fallwinde umgetauft werden. Man mag es nennen wie man will, um die unangenehmen Folgen wird man nicht herumreden können. Atomkraft jedenfalls, machen die Autoren deutlich, wird niemals eine Lösung sein, auch wenn sie noch so oft von den Lobbyisten, wie unlängst von Clement wieder auf Tagesordnung gesetzt wird. Diese Diskussion blendet im übrigen völlig aus, dass auch Uran nur noch für wenige Jahre unbegrenzt zur Verfügung steht. Die Lösung kann nur in der Entwicklung lokaler, erneuerbarer Energiequellen liegen, verbunden mit deutlichen Maßnahmen zur Energie-Einsparung. Die Städte Woking in England, wo man auf verschiedene erneuerbare Energieträger, aber auch Dongtan in China, wo man aus traditionellen Gründen auf Biomasse (Scheiße, kein Witz, Gas!) setzt, machen es vor wie es gehen könnte, in China experimentierte man sogar schon seit den 1970er Jahre unter Mao mit Biomasse. Das diese Dinge in England so klar diskutiert werden, könnte in Deutschland schon bald zu einem unsanften Erwachen aus den Träumen der Führungsmacht in Sachen erneuerbarer Energiequellen führen. Ausgerechnet Kalifornien ist hier das wahre Vorbild!![]()
Der verschärfte Kampf um Ressourcen und die weltweite Militarisierung machen nach Auffassung der Autoren eine Anstrengung gegen Weiterverbreitung von Atomwaffen, sowie Abrüstungsbemühungen jener Staaten, die im Besitz von Nuklearwaffen sind, dringend erforderlich. Gleichzeitig solle die Entwicklung neuer atomarer und biologische Waffen dringend beendet werden. Das Buch enthält außerdem eine nützliche Adressensammlung von Organisationen die auf den genannten Felder aktiv sind.![]()
Chris Abbott / Paul Rogers / John Sloboda. Jenseits des Terrors. Was unsere Welt wirklich bedroht. Edition Nautilus, Hamburg 2008.![]()
Rebellisches Barcelona![]()
Einen sehr interessanten Stadtführer der etwas anderen Art, herausgegeben von einem spanischen Herausgeberkollektiv, genau das richtige für die Ferienzeit, allerdings keiner der herkömmlichen Art. Das Herausgeberkollektiv möchte an Hand der Geschichte der Stadt der Rebellen, Hausbesetzer, Immigranten, Streikenden und Revolutionäre ein anderes Modell bieten als das Offizielle, welches von den Stadtplanern als Cluster konzipiert wurde. Wie so oft bei Edition Nautilus stehen natürlich die zahlreichen libertären Protagunisten im Vordergrund die der Stadt entstammen, oder sich auch nur zeitweilig dort aufgehalten haben. Victor Serge, die russische Anarchistin Emma Goldmann, der Boxer und Poet Arthur Caravan, Errico Malatesteta, George Orwell, Durruti, die Internationalen der spanischen Revolution, um nur einige zu nennen. Der Führer ist nach Stadtviertel geordnet, die einen Auszug des Stadtplanes enthalten, die auch auf Besonderheiten des Viertels und das Lebensgefühl seiner Bewohner eingehen. Geschichte und Gegenwart werden behandelt, nicht zuletzt deshalb ist der Textteil ziemlich umfangreich geworden. Die Freien Radios kommen zu Wort, die zahlreichen Generalstreiks und die Mieterstreiks werden erläutert, die besetzten und kollektivierten Fabriken vorgestellt.![]()
Wer jetzt nicht die Koffer packt und Richtung Süden fährt, am besten direkt nach Katalonien, dem ist nicht mehr zu helfen.![]()
Herausgeberkollektiv. Rebellisches Barcelona. Edition Nautilus, Hamburg 2007.
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