Stattzeitung für Südbaden Ausgabe 72, 2008-08![]()
Friedrich, Sebastian:
Nazis akzeptieren?
Eine Kritik am akzeptierenden Ansatz mit rechtsexremen Jugendlichen
In dieser STZT-Ausgabe findet sich ein Interview mit Andrea Röpke und Andreas Speit. Gegen Ende äußert sich Andreas Speit auf die Frage, was seiner Meinung nach gegen Rechtsextremismus, insbesondere in Bezug auf Jugendliche, getan werden sollte wie folgt: „Ich befürchte, dass vielen noch nicht klar ist, wie verinnerlicht rechtsextreme Ressintiments zum Beispiel bei Jugendlichen vorhanden sind. Hier sollten verschiedenste sozialpädagogische Maßnahmen kritischer Art forciert werden. Also nicht mit einer akzeptierenden Pädagogik, sondern mit Streitgesprächen, bei denen die politische Auseinandersetzung gesucht werden muss.“ Was heißt aber in diesem Zusammenhang eine „akzeptierenden Pädagogik“? Und was ist daran auszusetzen? ![]()
DER AKZEPTIERENDE ANSATZ![]()
Ursprünglich stammt das akzeptierende Konzept aus der Arbeit mit drogenabhängigen Menschen. Dort wurde der Ansatz in den 1980ern im Zusammenhang mit der Arbeit von Streetworkern entwickelt. Anders als in herkömmlichen Ansätzen sollte nicht mehr der Drogenkonsum im Zentrum der Arbeit stehen, sondern die Umstände, die zu diesem führen. ![]()
Dieses Konzept wurde dann auch bei der Arbeit mit rechtsextrem-orientierten Jugendlichen angewendet und ausgebaut. Wesentlichen Einfluss hatte hier das „Bremer Modell“, das unter der Leitung von Franz Josef Krafeld entwickelt und besonders im Rahmen des von der Bundesregierung in Auftrag gegebenen Aktionsprogrammes gegen Aggression und Gewalt (AgAG) von 1992 bis 1997 in den ostdeutschen Bundesländern angewendet wurde. Krafeld geht davon aus, dass „Pädagogik keine gesellschaftlichen Probleme lösen kann“ und „pädagogische Arbeit genauso wichtig ist mit denjenigen, die rechtsextreme Orientierungen für sich als passende und sinnvolle Deutungs- und Handlungsmuster empfinden. Denn Pädagogik geht immer von der Lern- und Veränderungsfähigkeit von Menschen aus.“ (Krafeld: Die Praxis Akzeptierender Jugendarbeit 1996, S. 13)![]()
Demnach können weder Ausgrenzung noch Bestrafung positive Ergebnisse erzeugen, insbesondere nicht bei Jugendlichen, die über ausgeprägte rechtsextreme Orientierungen und Gewaltpotentiale verfügen. Ähnlich wie beim ursrpünglichen Ansatz mit drogenabhängigen Menschen soll den rechtsextrem-orientierten Jugendlichen nicht durch Repressionen und Belehrungen geholfen werden, sondern durch einen begleitenden und unterstützenden Umgang. Dabei soll der Frage nachgegangen werden, warum diese rechtsextreme Tendenzen vorhanden sind. ![]()
AnhängerInnen dieses Konzeptes gehen meist davon aus, dass Jugendliche mit rechtsextremen Denk- und Verhaltensmustern tiefgreifende Probleme haben, die zu diesen Mustern führen. Erfolg kann also nur dann eintreten, wenn die Probleme im Vordergrund stehen, die die Jugendliche haben und nicht die Probleme, die sie machen. Mögliche Schwierigkeiten rechtsextremer Jugendlicher könnten demnach Arbeitslosigkeit, familiäre Diskrepanzen und Orientierungslosigkeit sein. Rechtsextreme Jugendliche sind folglich vorwiegend die Opfer der gesellschaftlichen Umstände im Allgemeinen und der speziellen sozialen Situation im Besonderen. ![]()
Vor allem geht der akzeptierende Ansatz von zwei Hypothesen aus: Einerseits werden durch wachsende Integrations- und Selbstenfaltungschancen sozialverträglichere Verhaltensweisen zunehmen. Andererseits nimmt mit wachsender Kompetenz zur Lebensbewältigung die Bedeutung rechtsextremer Verhaltens- und Einstellungsmuster ab.![]()
Der Ausruck rechtsextrem-gesinnter Jugendlicher in entsprechendem Verhalten und Gewalt, ist für Krafeld ein „wesentliches Mittel, auch dort wahrgenommen und für wichtig genommen zu werden, wo sie es eigentlich nicht (oder nicht mehr) erwarten.“ (Krafeld 1996: S.14) Dabei spielen Mitgliedschaften und Ausdrucksformen rechtsextremer Gesinnung, ebenso wie die Einstellung als solche, eine sehr untergeordnete Rolle, sodass die direkte Konfrontation mit rechtsextremen Ideologemen abgelehnt wird. ![]()
Aus diesem theoretischen Hintergrund heraus benannte Krafeld zusammen mit Kurt Möller und Andrea Müller sieben praxisanleitende Grundsätze:![]()
1. Sozialisations- und Alltagshilfe: Die Jugendlichen benötigen nicht andere Ideologien, sondern konkrete Hilfen im Alltag.![]()
2. Selbstorganisation und -verwaltung: Jugendliche benötigen freie Verfügung über ihre Räume, sodass sie produktiv und gestalterisch tätig sein können und sich so ihre Lebensumwelt aneignen. ![]()
3. Erschließen von Ressourcen: Die Jugendlichen benötigen zeitliche, räumliche, materielle und soziale Ressourcen, um sich sozial zu platzieren.![]()
4. Beziehungsarbeit: SozialarbeiterInnen sollen eine positive Beziehung mit verlässlichen Kommunikationsstrukturen zu der Person aufbauen, damit diese sich nicht ausgeschlossen, sondern akzeptiert fühlen. ![]()
5. Grenzen setzen: Wo Gefahr besteht, dass deutliche körperliche und physische Gewalt angewendet wird, rechtsextreme Propaganda-Wirkungen beabsichtigt werden und SozialarbeiterInnen zur Deckung oder Mitwirkung von rechtswidrigen Aktivitäten instrumentalisiert werden, sollen die SozialarbeiterInnen Grenzen ziehen (ohne jedoch auszugrenzen). Grenzziehungen dürfen vor allem aber nicht durch Cliquen hindurch verlaufen, da diesen eine besondere Rolle bei der Identitätsbildung zugesprochen wird.![]()
6. Aktivitätsangebote: Durch bspw. erlebnispädagogische Angebote sollen den Jugendlichen Ressourcen- und Selbstwert-Zuwächse ermöglicht werden.![]()
7. Strategien politischer Einmischung: Jugendliche sollen sich an kommunalen Infrastrukturprozessen beteiligen. Dies ist als Strategie gegen die Skandalisierung Jugendlicher in manchen Medien und Teilen der öffentlichen Wahrnehmung gedacht, die der Skandalisierung sozialer und politischer Misstände entgegensteht, da diese als gewalt- und auffälligkeitsfördernd beurteilt wird. ![]()
Zusammenfassend können aus den theoretischen und praktischen Gründsätzen vier Dimensionen aus dem Ansatz der akzeptierenden Jugendarbeit mit rechtsextrem-orientierten Jugendlichen abgeleitet werden: Erstens sollten Diskussionen bzgl. der Ideologie vermieden werden, da Belehrungen im Allgemeinen abzulehen sind und die Pädagogik keine gesellschaftlichen Probleme lösen kann (Marginalisierung der Ideologie). Zweitens sollten sich Jugendliche Freiräume erschließend und nicht von ihrer Clique ausgegrenzt werden (Freiraum- und Cliquenakzeptanz). Drittens sind rechte Jugendliche desintegriert, sie sollten daher mittels intensiver Beziehungsarbeit re-integriert werden (Re-Integration). Und schließlich liegen viertens die Ursachen für eine rechtsextreme Gesinnung in den Problemlagen der Jugendlichen (Problemorientierung).![]()
KRITIK AM ANSATZ MIT JUNGEN NEONAZIS![]()
Soviel zum akzeptierenden Ansatz mit rechtsextrem-orientierten Jugendlichen aus objektiver Sicht. Damit wurde hoffentlich die erste der beiden Fragen in der Einleitungen beantwortet. Was spricht aber im Einzelnen gegen diesen Ansatz?![]()
Marginalisierung der Ideologie![]()
Die Absage an eine inhaltliche Auseinandersetzung ist ein zentrales Moment der akzeptierenden Jugendarbeit. Schließlich folgt diese unter anderem dem Grundsatz, dass Pädagogik keine gesellschaftlichen Probleme lösen kann. Die Jugendlichen benötigen demnach nicht andere Ideologien, sondern konkrete Hilfen im Alltag. ![]()
Wenn von dem dargestellten Grundsatz ausgegangen wird, stellt sich die Frage, wer oder was in der Lage ist, gesellschaftliche Probleme zu lösen. Die Pädagogik allein vermag dies nicht zu leisten, aber auch andere Instanzen, seien sie politischer, zivilgesellschaftlicher oder wirtschaftlicher Art, sind mit der Bewältigung der gesellschaftlichen Problemen sicher überfordert, denn gesellschaftliche Probleme sind, wie der Name impliziert, Probleme der ganzen Gesellschaft. Sie zu lösen bedarf einer umfassenden Auseinandersetzung auf allen Ebenen. Speziell beim Thema Rechtsextremismus ist die Politik genauso gefragt wie die Zivilgesellschaft – und so auch die Pädagogik. Von der Sozialarbeit, der Sozialpädagogik und der Pädagogik wird nicht zu erwarten sein, dass sie dieses Problem allein lösen. Aber diese Bereiche müssen sich als Teil der Gesellschaft an der Auseinandersetzung gegen rechtsextreme Tendenzen beteiligen und sich genauso wie die anderen Instanzen dem Problem stellen.![]()
Freiraum- und Cliquenakzeptanz![]()
Die Erschließung von zur Verfügung stehenden Freiräumen für Jugendliche kann in der Praxis rechtsextreme Strukturen begünstigen. Es gibt Berichte über Jugendeinrichtungen, die Musik-Bands mit rechtsextremen Texten Proberäume zur Verfügung stellten. Im Magdeburger Jugendzentrum „Brunnenhof“ durfte jahrelang die in der Rechtsrock-Szene bekannte Band „Endstufe“ proben. Es ist zu bezweifeln, dass bei Jugendlichen, für die rechtsextreme Musik eine hohe Anziehungskraft besitzt, durch das gemeinsame Proben mit anderen rechtsextrem-gesinnten Jugendlichen und dem gemeinsamen Verfassen von rechtsextremen Texten, „sozialverträglichere“ Verhaltensweisen zunehmen. Anderen Berichten zufolge gibt es ganze Jugendzentren, in denen rechtsextreme Jugendliche zu Beginn des AgAG-Programms die Minderheit darstellten und mittlerweile klar bestimmend sind. So geht von Jugendlichen mit rechtsextremer Gesinnung in dem Leipziger Jugendzentrum „Kirschberghaus“ mittlerweile die Hegemonie aus. ![]()
Neben Freiräumen sollen sich laut Krafeld rechtsextrem-orientierte Jugendliche die soziale Wirklichkeit aneignen. Dies soll durch Jugendkulturen, Jugendszenen und jugendliche Cliquenbildung geschehen. Folglich sei es keine Prämisse, rechtsextrem-orientierte Jugendliche von ihrem „letzten Ort“ der jugendlichen Identitätsbilung, der Clique, zu entfernen.![]()
Damit werden rechtsextreme Cliquen auf die gleiche Stufe von Aneignungsbewegungen gestellt, die bisher hauptsächlich in den sozialen Bewegungen zu finden waren und damit im Zusammenhang mit Sozialisierungs-, Demokratisierungs- und Friedens-Bewegungen standen. Das Auflehnen gegen die Obrigkeit und sozialemanzipatorisches Protestpotential zu verknüpfen zeichnen solche Prägungen aus. Dabei wird außer Acht gelassen, dass es bei nazistischen „Bewegungen“ nicht um die Negation gültiger Normen geht, sondern um die bedingungslose Konsequenz dieser. Zudem wären die Folgen der Verwirklichung rechtsextremer Konzepte eine xenophobische, diktatorische, chauvinistische, antisemitische und sozialdarwinistische Gesellschaftsordnung. Diese Denkstrukturen haben nichts mit sozialemanzipatorischen und progressiven Zielvorstellungen gemein. Daher ist die indirekte Gleichstellung von sozialen und nationalen Bewegungen unpassend. ![]()
Re-Integration![]()
Durch intensive Beziehungsarbeit und die Erschließung der sozialen Platzierung sollen sich Jugendliche Ressourcen aufbauen. Dieser Grundsatz folgt der Desintegrations-Hypothese von Wilhelm Heitmeyer. Die VerfechterInnen der akzeptierenden Jugendarbeit gehen von einer vorhandenen Stigmatisierung der Jugendlichen aus, die es aufzubrechen gilt. Besteht jedoch diese Stigmatisierung in vielen Gebieten, in denen der Ansatz angewendet wird? ![]()
In „No-Go-Areas“ (oder wahlweise „National-befreite Zonen“ bzw. „Angstzonen“) bestimmen rechtsextreme Jugendliche die örtliche Jugendszene und sind in den lokalen Strukturen integriert. Der Ansatz, den Jugendlichen bei der Entwicklung von Ressourcen behilflich zu sein, um sich sozial zu platzieren, ist daher in weiten Teilen der Problemregionen verfehlt. ![]()
Erreicht werden soll diese Re-Integration vor allem durch eine enge Beziehungsarbeit. Dabei besteht jedoch die Gefahr, rechtsextreme Denk- und Verhaltensmuster zu bagatellisieren, indem SozialarbeiterInnen ein zu enges Verhältnis zu den Personen aufbauen und Gefahr laufen, mögliche Täter oder Täterinnen in Opfer zu verwandeln. ![]()
Diese Umkehrung der Täter-Opfer-Rolle kann aber nicht nur durch eine zu persönliche Beziehungsarbeit entstehen. So genügt es bereits, einer Grundannahme von Krafeld zu folgen: Nach dem Ansatz der akzeptierenden Jugendarbeit ist gewalttätiges Verhalten rechtsextremer Jugendlicher lediglich als Mittel zu verstehen, um ernst genommen zu werden. Wenn rechtsextrem-orientierte Jugendliche Menschen nicht-deutscher Herkunft oder vermeintliche Linke verletzen oder töten, ist es problematisch, die Täter-Opfer-Perspektive zu verändern. Das lässt einerseits komplett die Perspektive der Opfer der Gewalt völlig außen vor und kann andererseits den Gewalt-TäterInnen Auftrieb verschaffen bzw. ihnen indirekt ein Gefühl der Legitimation ihrer Taten geben.![]()
Problemorientierung![]()
Allen Grundsätzen und Hypothesen der akzeptierenden Jugendarbeit liegt der Annahme zu Grunde, die Ursachen für eine rechtsextreme Orientierung bei Jugendlichen seien in den spezifischen Problemlagen zu suchen.![]()
Es ist jedoch zumindest umstritten, ob Probleme wie Desorientierung und Arbeitslosigkeit die Hauptursachen für eine rechtsextreme Gesinnung sind. Aber selbst wenn davon ausgegangen wird, dass dies der Fall ist, so empfiehlt es sich, Studien heranzuziehen, die untersucht haben, ob rechtsextrem-orientierte Jugendliche überproportional derartige Probleme haben. ![]()
Rechtsextrem-orientierte Jugendliche befinden sich unterschiedlicher Studien zufolge eher seltener in den genannten Problemlagen. Viele verfügen demnach über einen Ausbildungs- oder Studienplatz und haben relativ deutliche Vorstellungen von ihrer Lebensplanung. (vgl. u.a. Shell-Studie 1992 und die Tübinger Untersuchung „Du musst so handeln, dass du gewinn machst“ von Held, Horn, Leiprecht und Marvakis von 1991). Außerdem belegen andere Studien regelmäßig (z.B. Deutsche Zustände oder „Vom Rand zur Mitte“ der Friedrich-Ebert-Stiftung), dass es sich bei Rechtsextremismus nicht um ein jugendspezifisches Phänomen handelt, sondern in allen Schichten und Altersklassen - der „Mitte der Gesellschaft“ - verankert ist. (An dieser Stelle kann die oben genannte Desintegrations-These nochmals kritisch hinterfragt werden: Ist etwa die „Mitte der Gesellschaft“ aus genau dieser desintegriert?)![]()
Insofern ist auch die zweite Hypothese, wonach rechtsextreme Einstellungs- und Verhaltensmuster mit wachsender Kompetenz in der Lebensbewältigung abnehmen, zumindest teilweise obsolet, denn rechtsextrem-orientierte Jugendliche benötigen diese wachsende Kompetenz nicht mehr als andere Jugendliche. Würde man der Logik dieser Hypothese folgen und die Ergebnisse der Studien miteinbeziehen, bräuchte jeder Jugendliche eine intensive sozialpädagogische Betreuung. ![]()
Die Beachtung des Zusammenhangs zwischen Ursache und Wirkung ist zwar notwendig, denn nur so ist die jeweilige Person in der Lage, nachhaltig Wirkungen zu ändern, zu überdenken oder zumindest zu kontrollieren. Das setzt jedoch voraus, dass die Ursache erkannt wird. Nicht alle rechtsextrem-orientierten Jugendlichen haben die gleichen Voraussetzungen, die gleiche Sozialisation, das gleiche soziale Umfeld, die rechtsextreme Tendenzen mit bewirken können. Daher greifen einseitge Erklärungsversuche bei rechtsextremen Fixierungen zu kurz – vor allem dann, wenn die angenommenen Ursachen nicht der Realität entsprechen.![]()
FAZIT![]()
Die kritische Untersuchung der wesentlichen, praktischen und theoretischen Grundannahmen der akzeptierenden Jugendarbeit zeigt, dass dieser Ansatz in der Arbeit mit rechtsextrem-orientierten Jugendlichen tatsächlich ungeeignet ist.![]()
Die Ablehnung einer direkten Konfrontation mit der rechtsextremen Ideologie ist der falsche Weg. Nur wenn sich weite Teile der gesamten Gesellschaft an der Auseinandersetzung mit den Denk- und Verhaltensmustern einer rechtsextremen Orientierung beteiligen, sind diese zu begreifen und ist ihnen entgegenzuwirken. Folglich müssen sich PädagogenInnen kritisch mit dem Rechtsextremismus auseinandersetzen. Gleiches gilt für die praktischen Folgen der Freiraum- und Cliquenakzeptanz. Daraus ergeben sich Möglichkeiten für die Etablierung lokaler rechtsextremer Strukturen. Ebenso schwierig gestaltet sich die Annahme, rechtsextrem-orientierte Jugendliche seien desorientiert und müssten daher re-integriert werden. Der daraus gefolgerte praktische Grundansatz einer engen Beziehungsarbeit birgt zusätzliche Gefahren in der Praxis. Schließlich ist die Maxime der Problemorientierung abwegig und undifferenziert. Einerseits belegen Studien, dass sich rechtsextrem-orientierte Jugendliche nicht überproportional in den angeführten Problemlagen befinden und andererseits besteht aufgrund dieses Grundsatzes das Risiko, individuelle und kollektive Ursachen auszublenden oder zu vernachlässigen.![]()
Um adäquat sozialpädagogisch intervenieren zu können, ist eine genauere Beschreibung des Rechtsextremismus in Deutschland von Nöten, um daraus mögliche Ursachen ableiten zu können. Dies zu gewährleisten, setzt eine engere Zusammenarbeit der wissenschaftlichen Disziplinen voraus. Rechtsextremismus, Rassismus und Neofaschismus sind nicht alleinig auf die individuellen Problemlagen, die Sozialisation oder ähnliche Faktoren zurückzuführen. Vielmehr sollten auch politische Gründe beachtet und Fragen ins Zentrum gerückt werden, die nach den Zusammenhängen des vorhandenen Systems und rechtsextremer oder faschistischer Systeme forschen. ![]()
Ist Rechtsextremismus beispielsweise vor allem eine Folge nationalistischer Politik? Wenn es mehr und mehr stattliche Repressionen gegen Asylbewerber in Deutschland gibt, warum sollten neben der fremdenfeindlichen Politik nicht auch Jugendliche fremdenfeindlich sein? Zwischen dem völkischen Nationalismus der NPD und einer Art Standort-Nationalismus von Wirtschaft und Poltik gibt es zwar zugegebenermaßen Unterschiede, aber auch Überschneidungsmerkmale. ![]()
Erst wenn die Debatte auch diese Fragen aufgreift ist es möglich, breitere Zusammenhänge zu durchdringen und so Ursachen für rechtsextreme Orientierungen zu erkennen.![]()
Monokausale Erklärungen und Interventionen helfen da nicht weiter, sondern stellen nur einen Tropfen auf dem heißen Stein dar oder sind gar – wie in Teilen auch beim akzeptierende Ansatz – hochgradig kontraproduktiv.
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