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Artikel


stattweb-News Ausgabe 08, 2008-11

Veegd, Konrad:
Erich FRIED zu seinem zwanzigsten Todestag
News-Beitrag auf stattweb.de vom 24.November 2008

Inzwischen besteht man darauf, dass seine Liebesgedichte überdauern werden. Bei den politischen müsse man noch stark nachdenken. Wer tot ist, muss es leiden.

Es fehlen Raum und Zeit, hier nachzuweisen, dass die politischen und die Liebesgedichte aus einer Wurzel entspringen: dem Sprachspiel.

Was manche von Frieds Gedichten nahe an die Jandls rückt, ist die Aufmerksamkeit auf das Eigenleben der Wörter. Die Erstfassung “Hollald im Nebel” zum Beispiel erfährt eine Korrektur: alle verbliebenen -n- werden auch noch durch -l- ersetzt. Um der Undurchdringlichkeit willen.

Das Lustige erweist sich bei Fried aber meist als Qualvolles: die Sprache, geschaffen im Lauf der Menschheitsentwicklung, um Menschen zueinanderzubringen, stellt sich als Wand heute zwischen sie. Fried starrt auf den Eigensinn der Wörter, die sowohl den bösen Sinn des Sprechers verraten, wie auch das Nichtgesagte, das sie verhüllen, bei geeigneter Behandlung offen legen.

Küchentischgespräch

Zwischen Besteck und Geschirr

Reste von Unterhaltung

Umschreibungen Gähne Geplänkel

geflügelte Worte



Aber sie fliegen nicht

Nichts schwingt sich auf und davon

Der Vogel hüpft fort von mir

und kauert unter dem Ausguß



Wenn ich tot wäre

wollte ich hämmern

an deine

verriegelte Welt



Wenn ich wieder

geboren wäre

dich finden

und zu dir sprechen



Aber ich lebe

und meine Worte reichen

nicht bis zu dir

und fallen unter den Tisch

(Quelle: Erich Fried: 100 Gedichte ohne Vaterland. Berlin 1978. © 1978 Verlag Klaus)


Zweifellos ein Liebesgedicht. Wenn auch die erstickten, die ermüdeten, die verstummten Beziehungen dazu rechnen. Wie Eichendorffs: Hat mir die Treu gebrochen/ Das Ringlein brach entzwei.

Den “geflügelten Worten” -epea pteroenta- wie sie seit Homer formelhaft heißen, sieht Fried das verstümmelte Bild an: die Worte am Küchentisch fliegen gerade nicht. Kraftlos flattern sie unter den Tisch.

Dann die ungeheure Anstrengung, aber fiktiv, ganz ohne Macht über den irdischen Widerstand. Die Geschichte von Orpheus und Eurydike ist nicht zu schade, aufgerufen zu werden, der Gang durch die Finsternisse der Unterwelt. Alles eher, als einfach die Hand hinüberzustrecken. Im letzten Satz gewinnt die Phrase unseliges Leben” sie fielen unter den Tisch“. Bittere Einsilbigkeit des finalen Urteils.

Das Politische heftet sich genau an die Fähigkeit der Sprache, das Gemeinte zu verschlingen. Im Küchentischgespräch als Leiden erfahren, in der Politik als gewaltsames Zudecken.

Das folgende aus den letzten Jahren des Vietnamkriegs:

Die Freiheit den Mund aufzumachen

besteht auch dort

wo andere schreien:

Denen wird der Mund zugemacht!



Im Gegenteil

man muss nur eine Liste anlegen

was alles herauskommt

aus Mündern die angeblich zu sind



Erstens Schreie

zweitens am Anfang und

ganz am Ende

vielleicht sogar noch Proteste



Drittens Zähne

und viertens Blut und fünftens

Erbrochenes

und sechstens in vielen Fällen



Flüssigkeiten

die vorher eingeflößt wurden

durch Schläuche oder

durch Untertauchen des Kopfes



Man darf das nicht einseitig sehen

denn die Freiheit den Mund aufzumachen

ist gleiches Recht für alle

zum Beispiel auch für die Behörden



den verbissenen Mund

des Gefangenen aufzumachen

Was kommt da hinein?

Viel Wasser oder viel Öl



oder Stiefelabsätze

oder Kot und blutige Lappen

oder Urin

oder Sägemehl oder Erde



und heraus kommt dabei

wenn es gut geht

das freiwillige

Geständnis



Der Mund wird manchmal verletzt

nie die Freiheit den Mund aufzumachen

sie herrscht immer noch - so oder so -

in all unseren Ländern


Die Phrase der Freiheitskämpfer und Befreier - bei uns kann man wenigstens noch den Mund aufmachen, und sagen, was einem stinkt.

Fried dringt wieder bis zum verschütteten Bildgehalt der Redensart vor, und gibt ihr -in Umkehrung- den entsetzlich anschaulichen Sinn zurück, den sie verbergen will. Was als Wortspiel begann, endet als bohrend sinnliches Starren ins Blutige, Verkotzte. In genau das, was die Rede von freier Rede zudecken sollte. Von da aus die Wucht der Verallgemeinerung in der letzten Zeile.

Das ganz persönliche Liebesgedicht und jenes: Politik als persönliches Leid, Beleidigung empfindende Kampfgedicht: Beide aus einer Wurzel.

Fried verletzte damals viele reine Herzen, die nicht hören können, was reine Herzen nicht entbehren können. Es setzte Strafanzeigen, so für das Gedicht auf den toten Generalbundesanwalt Buback. Schlusszeile: ”Besser wäre es, ein Mensch hätte nicht so gelebt”. Vorige Fassung- vielleicht ein Druckfehler, vielleicht Absicht: “Besser wäre es, so ein Mensch hätte nicht gelebt.”

Bei allem Mitgehen mit der äußersten Zuspitzung des Klassenkampfes im Flirren zwischen den zwei Fassungen das Gefühl -ja Mitgefühl- für den lauen Körper, der dalag und ausblutete. Es hätte doch nicht sein sollen. War es nicht aber unvermeidlich in der äußersten Konsequenz der Einsätze?

Einer tat sich in den letzten Lebensmonaten Frieds traurig hervor. Broder in seinem - im Vergleich zum heute Ausgeworfenen noch lesbaren Buch “der Ewige Antisemit”. Darin erfand er erst mal die Liebe der Deutschen zu den jüdischen Dichtern, aber nur zu den Toten.

Und dann auch ein Sprachspiel: und wenn es die Toten nicht sind, dann die sterbenden. Mit dieser Zusammenstellungsabstraktion fiel er über Fried her, der selbst Jude, sich genau so gegen die israelische Friedensverhinderungspolitik gewendet hatte wie gegen jede andere.

Broders Sprachspiel: Gleichsetzungen. Von der Roheit, einen auf dem Sterbebett zu Lebzeiten in den Sarg zu befördern, abgesehen - Uns, die wir jedes neue Buch von Fried bei Wagenbach gierig einverleibten, das Interesse an Erkenntnis abzusprechen zugunsten des Generalverdikts: die Deutschen sind halt solche Nekrophilen - ein Sprachtrick der Urteilsanmaßung, der alles wegfegen sollte. Dieser Vernichtungsabstraktion setzt Fried seine Suche nach den Brüchen entgegen - den Löchern im Sprachkonstrukt, die -noch einmal, zum letzten Mal- den Blick erlauben auf den trotz allem noch sprechenden Mund, den schmerzenden Leib, alles Stöhnen und Geschrei des lebendigen Lebens.

Nach nunmehr zwanzig Jahren ist der Blick vielleicht freier, das Ohr geübter für die Unterscheidung, wer damals dauerhafter gesprochen und vernichtender geschrieben hat: Broder oder Fried.

Quelle: Fried: Küchentischgespräche: Fried: Die Freiheit den Mund aufzumachen



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