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Artikel


Stattzeitung für Südbaden Ausgabe 73, 2009-01

Friedrich, Sebastian:
Der Anti-Islamismus des Udo Ulfkotte
„SOS Abendland“ - konservativ oder rassistisch?

Spätestens seit den Anschlägen auf das World Trade Center am 11. September 2001 ist der Islam bzw. die Islamkritik in aller Munde – und das sowohl in rechten, als auch in linken Kreisen. Linke neigen dazu, den Fehler zu begehen, sich bei Unrecht bedingungslos mit den Opfern latenter und offener Diskriminierung zu solidarisieren, obwohl die Weltanschauungen der jeweiligen Orientierungen durchaus kritisiert werden dürfen. Sieht das jemand im Spektrum anders und solidarisiert sich dann wiederum ebenso undifferenziert mit anderen – vor allem auch religiösen Gruppierungen – kommt es zu der Linken liebsten Spielart: der Spaltung.

Doch auch bei Rechten wird nicht mehr im Gleichschritt gegen „Schund und Schmutz“ gewettert. Zunehmend differenzieren sich hier Ansichten, Meinungen und Forderungen aus. (Neo-)FaschistInnen stehen teilweise Seit an Seit mit antisemitischen IslamistInnen und nehmen an revisionistischen Holocaustkonferenzen teil, da sie meinen, einen völkischen Anknüpfungspunkt gefunden zu haben. Doch während dies innerhalb der extremen Rechten nichts wirklich Neues ist, sondern einer gewissen Logik und Traditionslinie folgt, sind Gruppierungen wie „Nationale Sozialisten für Israel“ eine Novität. Laut Internetpräsenz eigne sich demnach das jüdische Volk mit dem jahrtausendlangen Kampf für das Volk geradezu als völkisches Vorbild.

Neben dieser in der Szene auf wenig Liebe stoßenden Entente beteiligen sich auch viele „bürgerliche Rechte“ am heiteren Islam-bashing, wobei bei den selbst ernannten rechtskonservativen Demokraten jegliche Verbindung zu Rechtsextremen bestritten und mehr oder weniger entschieden zurückgewiesen werden. Eine der bekanntesten Akteure in diesem Spektrum dürfte der ehemalige FAZ-Redakteur Udo Ulfkotte sein. Seit einigen Jahren fällt er vor allem damit auf, dass er regelmäßig verkündet, eine Anti-Islam-Partei gründen zu wollen. Bis es soweit ist, fühlt er sich bei Intimi wie der rechtspopulistischen Wählervereinigung WUT und der christlich-fundamentalistischen „Deutschen Zentrumpartei“ wohl. Bei letzterer war er kurzzeitig als Kandidat für die Hamburger Bürgerschaftswahlen 2008 angekündigt.

Jüngst veröffentlichte Ulfkotte sein aktuelles Buch mit dem bezeichnenden Titel „SOS Abendland – Die schleichende Islamisierung Europas“ beim Rottenburger Kopp-Verlag. Dieser vertreibt hauptsächlich Bücher über - oft braun gefärbte - Verschwörungsmythen von Erich von Däniken bis Jan van Helsing. Um „rechtskonservative“ Islamkritik zu demaskieren lohnt es sich, einen Blick in dieses Werk zu wagen.

Quantität statt Qualität

Wie der Titel schon vermuten lässt, ist es Ulfkottes Intention, nicht nur vor der Islamisierung Europas zu warnen, sondern eine ganze Religion - genauer gesagt: einen ganzen Kulturkreis - zu kompromittieren.

Um dies zu untermauern wird methodisch auf ein bewährtes Rezept zurückgegriffen: Die RezipientInnen mit unzähligen Beispielen (tatsächlich sind es laut Ulfkotte über 1000) Seite für Seite verbal so zu bearbeiten, dass sich jede Leserin und jeder Leser nach den über 300 Seiten vermeintlicher Belege für die Boshaftigkeit der Menschen aus dem islamischen Kulturkreis taumelnd in der Ecke befindet. Jeder Widerspruch und jede Ungereimtheit der Beispiele sollen durch Quantität im Keim erstickt werden - die Qualität bleibt bei solchen Versuchen erfahrungsgemäß auf der Strecke.

Es verwundert deshalb auch nicht, dass das vorliegende Buch durch außergewöhnlich viele Nachlässigkeiten auffällt. Neben zahlreichen orthographischen Fehlern finden sich haarsträubende Aneinanderreihungen von – wohl bewusst – sehr einfachen Sätzen, nach denen es ähnlich lustvoll ist weiterzulesen, wie am Morgen nach einer Nacht des Vollrausches ein Glas Bier zu trinken. Gelingt dennoch das Herunterwürgen der Sätze sowie des Inhalts und glückt es, einigermaßen konzentriert zu bleiben, fallen weitere geistige Absenzen auf. Zum Beispiel wiederholen sich die vermeintlichen Belege in jedem vorgestellten europäischen Land. So sehr, dass die Formulierungen oft sogar exakt die gleichen sind. Ulfkotte schafft es gar in einem einzigen Kapitel in gleichem Wortlaut viermal zu erwähnen, dass in den britischen Medien Muslime aus „Gründen der politischen Korrektheit“ nur noch als Asiaten bezeichnet werden dürfen (Seiten 48, 61, 78, 100).

Generalisierung und Verängstigung

Diese formalen Achtlosigkeiten könnten jedoch noch einigermaßen verdaut werden, würde nicht auch der Inhalt so stimulierend auf den Brechreiz wirken.

Bei der Suche nach Beispielen greift Ulfkotte – wie bereits angedeutet – nicht nur im hohen Maß auf deckungsgleiche zurück, sondern kramt auch äußerst banale Belege für die Niederträchtigkeit des Islam heraus. In Großbritannien fühlte sich eine Familie beispielsweise gesegnet, da sie eine Tomate besaß, in der der Name Allah zu lesen war (88). Es ist Ulfkotte zu danken, dass er auf diese und ähnlich skandalöse Umstände aufmerksam macht.

Weniger lustig wird es, wenn Ulfkotte radikal vereinfacht und künstlich Angst erzeugt. Mehrfach im Buch ist zu lesen, dass es überall, wo viele Muslime leben, die gleichen Probleme gebe: „Messerstechereien, Drohungen, Pöbeleien, Inländerfeindlichkeit“ (z.B. 27). Oder an einer anderen Stelle klärt uns Ulfkotte dankenswerterweise auf, warum viele britische Muslime gegen den Afghanistan-Krieg sind. Klar, alles Taliban-SymphatisantInnen (48f). Und wer verkauft eigentlich an kleine Kinder Drogen, vergewaltigt „unsere“ Frauen und betrügt den Sozialstaat? Bei der NPD und Konsorten ist es einfach „der Ausländer“ - Ulfkotte differenziert da ein bisschen mehr: Nicht der Ausländer per se ist schuld, sondern hauptsächlich die islamischen AusländerInnen. Ausgleichend merkt Ulfkotte exemplarisch im Kapitel über Dänemark jedoch auch folgendes an: „Es gibt natürlich auch viel Positives über die nach Dänemark zugewanderten Mitbürger zu berichten: Sie schaffen Arbeitsplätze bei Richtern, Anwälten und in Gefängnissen.“ (160)

Aber Ulfkotte weiß, dass hetzerische Verallgemeinerungen nicht allein ausreichen, um den Hass gegen das Fremde zu schüren. Zum Hass gehört naturgermäß auch eine ausreichende Portion Angst – gewissenhaft wird diese kübelweise geliefert. Gefühlte einhundertmal erwähnt der Autor, dass fast alle west-europäischen Länder in zwanzig, dreißig, vierzig oder fünfzig Jahren islamisiert seien – also mehr Muslime als Christen beherbergen. Gewürzt mit dem einen oder anderen Zitat von nicht sehr einflussreichen Islamisten wie Scheich Green, der den Muslimen der Welt dazu rät, „die westlichen Staaten durch ein Baby-Boom der Muslime zu islamisieren“ (34), lässt sich Angst und Hass verschärfen.

Chauvinismus und Rassismus

Schnell könnte beim Lesen das Urteil fallen, dass es sich bei Ulfkottes Form und Inhalt um alt-bekannten, aber leider immer noch verankerten Rassismus handelt. Geradezu verwirrend erscheinen dann die Stellen, an denen er sich davon abgrenzen möchte. Doch wem die bisherigen Auszüge noch nicht ausreichen oder diese als „nur“ xenophob einstufen würde, sollte sich die folgenden ausgesuchten Beispiele zu Gemüte führen.

Zwar versucht Ulfkotte oft sprachlich den bürgerlich-demokratischen Anschein zu wahren, es gelingt ihm aber nicht immer. Nicht nur aus Schlampigkeit, wahrscheinlich eher aus tiefen Empfindungen heraus, bezeichnet er junge „Kulturbereicherer aus der islamischen Welt“ als eine „Plage“ (43) oder auch als „kleine Frankenstein-Monster“ (364) und die „Islamideologie“ als einen „bösartigen Virus“ (365). Endgültig entlarvt sich Ulfkotte, wenn er feststellt, dass Menschen mit Migrationshintergrund „geisteskranker“ (z.B. 166), „gen-defekter“ (189) – und „dümmer“ seien. Bezeichnend sein Beleg für letztere Behauptung: „Jedenfalls berichten belgische Zeitungen (...), dass etwa 50 Prozent der muslimischen Schüler in Belgien die weiterführenden Schulen ohne Abschluss wieder verlassen müssen“ (231). Bildung hat also nicht mit der Klasse, sondern mit der Rasse zu tun. Nicht die Tatsache, dass die MigrantInnen in den westeuropäischen Ländern mehrheitlich zu den unteren Schichten gehören sorgt für die Entfernung zur Bildung, sondern die kulturelle Herkunft. Aber wer sich die Mühe macht und weiterliest, erfährt auch die Gründe für Ulfkottes Ansicht: Zum Beispiel haben die Zuwanderer aus der Türkei einen zwischen 10 und 15 Prozent niedrigeren IQ als „Durchschnittseuropäer“ (301).

Von der Mahnung zur Drohung

Was fehlt noch in der Reihe der typisch hetzerisch-rassistischen Propaganda? Bisher wurde gezeigt, dass gezielt mit Hass, Angst und Übersteigerung der „eigenen Kultur“ gearbeitet wird. Die logische Konsequenz ist eigentlich die Drohung. Aber umfassend wie Ulfkotte ist, verzichtet er selbstverständlich nicht darauf. Am Ende seines Buches finden sich 28 Handlungsempfehlungen (367-374), die wie ein Parteiprogramm für die oft angekündigte Anti-Islam-Partei zu lesen sind. An dieser Stelle fordert Ulfkotte ein Ende der Toleranzpolitik, des „Unterschichten-Imports“, ein „Strafbewehrtes Verbot der Verherrlichung des Massenmörders Mohammed“ (368) sowie verwirrenderweise einerseits „städtebauliche Maßnahmen zur Verhinderung der Entstehung weiterer Zuwanderer-Ghettos“ (371) und andererseits „Umzugshilfen für Inländer, die in Moslem-Ghettos“ beständig bedroht werden“ (370). Überdies hält er die guten und bescheidenen Europäer („Moslems würde es nicht schaden, europäische – christliche – Werte zu übernehmen, beispielsweise Bescheidenheit“ 373) an, sich auf die Werte des westlichen Kulturkreises rückzubesinnen, sich von „Multi-Kulti“ zu befreien und offensiv gegen die offene Islamisierung vorzugehen, die in den Großstädten schon bald in einen Bürgerkrieg münden wird (361).

Ulfkotte versus CDU/CSU und NPD

Ulfkotte versucht sich mit seinem bürgerlichen - aber nicht weniger rassistischen - Antlitz sowohl von der neonazistischen NPD als auch von den Unionsparteien abzugrenzen. Er bedauert, dass es in Deutschland keine rechtspopulistischen PolitikerInnen gibt – „In Deuschland gibt es kein Ventil für jenen wachsenden Teil der Bevölkerung, der den Vormarsch des Islam mit gespaltenen Gefühlen betrachtet.“ (255)

Die Abgrenzung zu rechtsextremen Gruppierungen versucht Ulfkotte beharrlich. Anfang Dezember trat er sogar aus der von ihm gegründeten „Bürgerbewegung Pax Europa“ aus, weil ihn Karikaturen von Pax Europa-Mitgliedern berechtigterweise an die des nationalsozialistischen Stürmer erinnerten. Und auf der anderen Seite erscheint vor allem die CDU für viele – Ulfkotte eingeschlossen – am „rechtskonservativen“ Rand zu liberal. Erst vor einiger Zeit klärte uns die CDU auf, dass Deutschland ein Einwanderungsland sei – ein „Eingeständnis“, das vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen wäre.

Woher kommt aber dieser Wechsel? Setzt die Christdemokratie nun etwa auf Vielfalt denn Einfalt? Gezwungenermaßen wahrscheinlich. Erstens wurde erkannt, dass Probleme wie Fachkräftemangel und demographischer Wandel ohne MigrantInnen nicht zu lösen sind. Das Bekenntnis zum Einwanderungsland ist zweitens insofern aufgezwungen, als es nichts anderes als die Erkenntnis ist, dass die hier lebenden MigrantInnen – vor allem aus dem islamischen Kulturkreis – einfach nicht abhauen wollen. Außerdem sind es die gleichen Parteien, oft auch die gleichen PolitikerInnen, die Integration und Versöhnung predigen und auf der anderen Seite eine äußerst selektive Einwanderungspolitik betrieben haben und betreiben. Es sei nur an Beckstein erinnert, der anmerkte, dass Deutschland mehr Ausländer brauche, die nützlich seien und weniger solche, die „uns“ ausnutzen.

Es gibt also keine Kehrtwende in der bürgerlichen Politik. Der kapitalistische Nationalstaat ist nur durch ein geeinigtes funktionierendes Volk zusammenzuhalten. Das ist Voraussetzung für das Erreichen der wesentlichen Ziele des Systems: Wachstum und Souveränität. Weite Teile der CDU/CSU haben das erkannt, die Neonazis naturgemäß nicht – und Ulfkotte tatsächlich auch nicht.

Aber ob nun völkisch oder ökonomisch – alle eint der Nationalismus, wesentlich geprägt durch Rassismus, sei er nun latent oder offen. Bei aller Abgrenzung zu rechtsextremen Gruppierungen erscheint Ulfkottes Rassismus als relativ offen, vor allem bei den Handlungsempfehlungen. Der bürgerliche Nationalismus differenziert sich in der Erscheinung aus – harmloser wird er dadurch sicher nicht. Die Wurzel ist die selbe.

Quelle: Udo Ulfkotte: SOS Abendland - Die schleichende Islamisierung Europas. Kopp Verlag, Rottenburg am Neckar 2008.



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