Stattzeitung für Südbaden Ausgabe 73, 2009-01![]()
Fischer Runa:
Rosa Luxemburg und Mathilde Jacob
Gesehen vor zwanzig Jahren in Film und Buch
Zu Rosa Luxemburg etwas Neues zu sagen fällt schwer. Wichtiger vielleicht, an die ersten neueren Bemühungen zu erinnern, sich ihr Bild zu vergegenwärtigen.![]()
Der nachfolgende Text wurde vor 22 Jahren von Runa Fecher in der linken Vierteljahrszeitschrift UMBRUCH veröffentlicht, in Auseinandersetzung mit dem Film, mehr noch mit dem Blick auf diejenigen, die um Rosa Luxemburg herum die revolutionäre Bewegung ab 1914 erst ermöglichten. Zu ihnen gehört vor allem auch Mathilde Jacob. Es ist das bleibende Verdienst des Schriftstellers und Journalisten Knobloch aus dem damaligen Ostberlin, gerade an ihre Gestalt erinnert zu haben. So unbarmherzig auch wilhelminische Festung und Gefängnis auch waren, Trennscheibe und totale Isolation kannten sie noch nicht. In Stammheim wäre auch eine Mathilde Jacob mit ihren Künsten verloren gewesen. Trotzdem: auch 1916 brauchte es im Weibergefängnis Breslau einiger List, Verschlagenheit und vor allem Zähigkeit, um ein Werk wie die JUNIUSBRIEFE aus dem Knast zur geheimen Druckerei zu befördern.![]()
Ohne Mathilde Jacob wäre es nicht möglich gewesen. Und so sei sie nach so langer Zeit bedankt- samt ihrem unermüdlichen Biographen, der uns ihren Beitrag überliefert hat.![]()
Vorbemerkung von Runa Fecher: ![]()
“EINE SCHÖNE LEICHE”![]()
“Eine schöne Leiche”- heißt es beim geselligen Zusammensein nach der Beerdigung, dem Graböl, wie man im Hessischen sagt, wo jedermann etwas zum Besten geben darf.![]()
Die Projektionsflächen der teuren Dahingegangenen werden größer und behaglicher -und die Totenehrungen kommen den Überlebenden mehr zu gute als den Toten.![]()
Kaum jemand hat im zwanzigsten Jahrhundert eine so große Projektionsfläche geboten wie Rosa Luxemburg- für die angeblich oder wirklich “Andersdenkenden”- für die verschiedensten Interessen der herrschenden Kasten.![]()
Außer vielleicht noch Che Guevara:Statt auf einer Schrottvespa in Südamerika sieht man ihn treu und immer noch mit Baskenmütze, Pali-Tuch auf einer Harley on tue Road sixties zwischen Kiel und München.![]()
So latscht auch Rosa Luxemburg noch immer am liebsten durch den Frankfurter Palmengarten -sinniert über “Andersdenkende”- und ist vor allem “Frau”![]()
So haben wir sie gern- die bequemen schönen Leichen.![]()
Aus den Zeiten der Entstehung des Films![]()
Genau das war die Lage vor 23 Jahren, als ich den Film von Margareta von Trotta besprach. Zum Verständnis des damaligen Zeitgeistes:, dem von Trotta mit ihrem Film damals erlegen ist und zu dem sie beitrug.![]()
Die Grünen hatten sich auf Realo-Linie konsolidiert unter der entschlossenen Führung von Fischer und Konsorten.Man richtete sich im Gegebenen ein. Der Kampf um “Hausfrauenlohn” und “Für das ungeborene Leben” hatte bei den Grünen-Frauen alles andere verdrängt. Allen voran tat sich damals Waltraud Schoppe damit hervor, umgeben von stämmigen Landmännern in Schurwolle.![]()
Mit diesen Hilfstruppen der “neuen Mütterlichkeit” hatten CDU/CSU ![]()
und CO leichtes Spiel, den gerade zehn Jahre zuvor reformierten Paragraph 218 wieder zurückzudrehen, hin zum Beratungszwang und entsprechenden Schikanen.![]()
Gerade Rosa Luxemburg, zeitlebens ohne Familie und Kind, musste paradoxerweise dafür herhalten.![]()
Zusätzlich war der Film “Rosa Luxemburg” ein gefundenes Fressen für die damals sich noch links geben wollenden Kreise der SPD. Rosa loben- um sie endlich loszuwerden.![]()
Von Oertzen, lebenslänglicher Geheimtrotzkist, zugleich Chefideologe der SPD, hat sich damals mit einem mehrseitigen Artikel im Parteiorgan “Vorwärts” darum bemüht:![]()
Da heißt es;”Ein Problem ihres (R,Ls) Lebens ist jedoch erst in den letzten Jahrzehnten wirklich ins Bewusstsein der Linken getreten: Ihre Exsitenz als Frau in einer Männergesellschaft.Die unvermeidlichen Spannungen und Konflikte der Revolutionärin wurden durch die Hoffnungen und vor allem Enttäuschungen der Frau vertieft. Sie teilte durchaus die Träume ihrer Zeitgenossinnen: Familie und Kinder, Haus und Garten, Kochen und Geselligkeit”![]()
Alles Eingemeindungsversuche an einer, die das vielleicht a u c h wollte, deren Leben sich aber keineswegs darin verausgabte.![]()
Wohin heute mit der schrägen Frau?![]()
Was ist heute mit einer so schrägen Frau anzufangen? Kleiner Vorschlag: Vielleicht wären ihre “Juniusbriefe” aus den ersten Jahren des Ersten Weltkriegs noch einmal aufzuschlagen- vor dem nächsten Einsatz in Jugoslawien oder Afghanistan. Hätte sicher nichts geschadet.![]()
Oder “die Akkumulation des Kapitals”. Wäre ganz nützlich, noch einmal hineinzuschauen, bevor man in das allgemeine Geheule über die “Gier” der Manager einstimmt.![]()
Ein wenig von der alten Atmosphäre wäre zurückzuwünschen, wenn Rosa Luxemburg bei Tee und Gebäck die Ihren zu Schulungen versammelt hatte. Und streng die Analyse des Kapitals studieren ließ. Und vor allem auf eines achtete: NICHT KRÜMELN! ![]()
ROSA LUXEMBURG UND MATHILDE JACOB ![]()
Gesehen vor zwanzig Jahren in Film und Buch![]()
Meine Großmutter und Rosa Luxemburg waren Zeitgenossinnen, gleichaltrig und beide herzensgute Frauen. Damit hört die Ähnlichkeit zwischen ihnen auch auf. Rosa Luxemburg passt nicht in die Gr0ßmutter-Mutter-Tochter-Diskussion der Frauenbewegung, weil sie sich ganz und gar nicht der Frauenbewegung fügte. Rosa Luxemburg wurde 1871 in Zamost in Polen geboren. Im 19. Jahrhundert war eine systematische Schulausbildung für Mädchen nicht üblich, und zu den Universitäten hatten die Frauen in Deutschland noch keinen Zugang. Den neu gegründeten Frauenorganisationen war die politische Betätigung untersagt und erst nach der Novemberreolution erhielten die Frauen in Deutschland das Wahlrecht.Rosa Luxemburg studierte aber und promovierte , und sie wurde eine der bedeutendsten Politikerinnen und Theoretikerinnen der deutschen Arbeiterbewegung.Im prüden 19.Jahrhundert heiratet sie pro forma in der Schweiz, wohin sie aus Polen flüchten musste, einen Deutschen, um in Deutschland, dem Land mit der stärksten sozialdemokratischen Partei- “ein Juwel der Arbeiterbewegung”- politisch für die Revolution arbeiten zu können.![]()
Mögen auch glückliche Zufälle eine Rolle gespielt haben, Rosa Luxemburg nahm sich all das, was den Frauen damals nicht zustand-auch einen Liebhaber, dem sie nachher den Laufpass gab, weil sein Verhalten nicht den Vorstellungen entsprach. Rosa Luxemburg unterwarf sich niemandem, auch nicht den Theoretikern der Sozialdemokratie. Auf der Grundlage der Kritik der politischen Ökonomie von Marx entwickelte sie eigene Theorien über die Entwicklung der Revolution, über die Partei und ihre Führer.Rosa Luxemburg war und ist der lebendige Beweis dafür, dass die so unverrückbar scheinenden der bestehenden Über-und Unterordnung nur sehr relativ sind..Sie ist der Beweis dafür, dass Utopien nur wahr werden, indem wir versuchen, sie praktisch zu verwirklichen.![]()
Die Frauenfrage war kein Thema für Rosa-Sei bleibt in ihrer Theorie ein blinder Fleck.![]()
Durch ihre eigene Unbeugsamkeit hat Rosa Luxemburg wenig Verständnis für das Bitten und Betteln.für das Kriechen, Speichellecken und Pfründensammeln. Sie wird zu einer der schärfsten Polemikerinnen gegen die Kompromissler, die kleinmütig Ängstlichen und gegen die bürokratische Buchhaltermentalität der sozialdemokratischen Führer. Als zu Kriegsbeginn 1914 die sozialdemokratische Fraktion außer Karl Liebknecht, trotz gegenteiliger Beteuerungen vorher, den Kriegskrediten zustimmt, kannte Kaiser Wilhelm “nur noch Deutsche”.Die deutsche Sozialdemokratie war damit hoffähig geworden.Den größten Teil des Krieges saß Rosa Luxemburg in den verschiedensten Gefängnissen..Sie nutzte die Zeit, analysierte, wie es zu dem “Burgfrieden” und dem “Verrat der Sozialdemokratie” kommen konnte.Sie richtet aus dem Gefängnis den Appell sowohl an die Sozialdemokraten wie auch an die ganze Bevölkerung, aus den Erfahrungen zu lernen, indem sie Schritt für Schritt aufzeigt, wie Kaiser Wilhelm mit getürkten Karten gespielt hat, um den Weltkrieg als einen “Verteidigungskrieg” zu verkaufen. Die fordert die “schonungslose Selbstkritik der Parte”, denn diese ist nicht bloß das Daeinsrecht, sie ist die oberste Pflicht der Partei”( Juniusbriefe)![]()
Es erfolgte keine schonungslose Selbstkritik. Die Novemberrevolution spülte die Sozialdemokraten in die Regierung. Dort saßen nun in der ersten deutschen “sozialistischen” Republik Noske, Ebert und Scheidemann, die dann auf die aufständischen Arbeiter schießen ließen.![]()
Gegen diese Pervertierung des Sozialismus durch die Sozialdemokratie gründete die Spartakus-Gruppe um Kalr Liebknecht und Rosa Luxemburg die KPD: In dem Programm, das Rosa Lucemburg entwarf, wird ein Stück weit auch ihre Verzweiflung über die gerade niedergeschlagene Revolution in Deutschland sichtbar.![]()
“Über den zusammensinkenden Mauern der kapitalistischen Gesellschaft lodern wie ein feuriges Menetekel die Worte des “Kommunistischen Manifests” :Sozialismus oder Untergang in die Barbarei”![]()
Die Barbarei siegte vorerst auch über Rosa Luxemburg.Für die Sozialdemoratie, deren Widersprüche zwischen Anspruch und Wirklichkeit immer größer wurden, blieb die unbeugsame Rosa Luxemburg mit der Vision der befreiten Menschheit im aufrechten Gang ein Stachel im Fleisch. ![]()
Der Film![]()
In dem Film “Rosa Luxemburg” wollte Margaretha v.Trotta nach eigenen Aussagen “die Frau Rosa Luxemburg porträtieren”![]()
Die neue Frage, die v.Trotta an Rosa Luxemburg stellt,kommt aus der Frauenbewegung, aus der “Vorbilder-Diskussion”.Die Fragestellung lautete: Wie konnten die berühmten Frauen der Geschichte trotz der Verhältnisse ![]()
ihre jeweiligen Leistungen vollbringen- also nicht durch ihr Frausein, sondern trotz der Verhältnisse? Eine Antwort auf diese Frage erhalten die Zuschauerinnen und Zuschauer im Film nicht. Im Film hat Rosa Luxemburg keine Entwicklung.Sie “ist” nur, sie ist vor allem schon von Kind an die große Lehrerin. Der Film gibt ihr immer recht, aber wir können gar nicht entscheiden, worin und inwiefern sie recht hat,denn sie redet im Film nicht m i t , sondern immer bloß z u den Menschen; sei es bei den Tischgesprächen , Parteitagen, Versammlungen oder beim Trösten von Sonja Liebknecht, die wie alle anderen Personen im Film kein Rederecht hat.Einzig durch die Liebesgeschichte mit Leo Jogiches kommt so etwas so etwas wie ein Dialog zustande.Da erscheint sie menschlicher, als Frau!![]()
Der Theoretikerin Luxemburg, die sich immer in der Auseinandersetzung und im Getümmel der Ereignisse ihrer Zeit befand- selbst wenn sie im Gefängnis saß - dieser Theoretikerin![]()
wurden im Film Inhalt und Gegenstand ihrer Theorien entzogen: die Wirklichkeit.So wird sie im Film zu einer vor sich hin monologisierenden Frau ohne reale Umwelt.Eine Rosa selbdritt. Auch ihr Erfolg erscheint als Wunder, weil er nicht aus dem Filmgeschehen verstehbar ist.Entgegen der Intention der Regisseurin ist der Film Heiligenlegende geworden.Denn nur Heilige können allein durch sich selber und ihre Wundertätigkeit einen Beweis erbringen. Nicht trotz der Verhältnisse leistete sie im Film Großes;wenn es nach Trotta geht, vielmehr allein durch ihr Frausein,durch sich selber.Dazu braucht es dann keine Gesellschaft mehr.![]()
Die wirkliche Rosa zusammen Mathilde Jacob![]()
Dass Rosa Luxemburg all das, was ihr der Film zuschreibt, nicht als isolierte Person hätte leisten können, zeigt ein unscheinbares kleines Buch, das zugleich mit dem Film -!986 -erschienen ist. Es beschreibt das Leben der unauffälligen Revolutionärin Mathilde Jacob.![]()
Wer war diese “meine liebste Mathilde” an die Rosa Luxemburg schrieb, bei der sie ihre Katze Mimi während der Haft in guten Händen wusste und der sie am Ende ihrer Briefe manchmal etwas beklommen gestand”:Ich habe so Sehnsucht. Kuß .Ihre R.![]()
Anhand von alten Adressbüchern,Straßenkarten, Zeitungsnotizen und nicht zuletzt durch Rosa Luxemburgs Briefe hat der Ostberliner Schriftsteller Heinz Knobloch in fünfjähriger Knobelarbeit versucht, das Leben dieser unbekannten Frau Mathilde Jacob zu rekonstruieren.![]()
Fräulein Mathilde Jacob unterhielt in der Hansastraße 11 in Berlin ein Schreibbüro. Unbekannt für die Behörden blieb es, dass diese unauffällige “Schreibkraft” dort einen großen Teil der “Hetz”schriften der linken und oppositionellen Sozialdemokraten und dann später der Spartakisten auf ihrer Schreibmaschine Marke “Oliver” abtippte..So etwas tat sie wohl nicht aus Naivität, sondern aus Überzeugung.In diesem Schreibbüro, wo Liebknecht, Jogiches, Levy und andere ein und ausgingen, lernten sich auch Rosa Luxemburg und Mathilde Jacob kennen. Die Frauen mochten sich.Mathilde wird Rosas Sekretärin und liebevolle Freundin. Mathilde wird darüber hinaus die engste Vertraute und Mitarbeiterin Rosas.Das musste für die Behörden unerkannt bleiben. Dadurch blieb auch Mathilde der Nachwelt unbekannt.Die “Aufgabenverteilung”, die sich zwischen den zwei Frauen ergibt sich aus ihren gemeinsamen Vorstellungen und Zielsetzungen- und nicht aus Über-oder Unterordnung.So auffällig sich Rosa Luxemburg als Agitatorin und Propagandistin der revolutionären verhalten muss, so unauffällig muss sich Mathilde als Überbringerin von Nachrichten und Kassibern verhalten, als die Person, die diese Ideen und Dokumente aus dem Gefängnis schmuggelt.![]()
Das für die Behörden und die Nachwelt so unauffällige Fräulein Jacob erweist sich nach Knoblochs Puzzle als eine resolute,energische und mutige Frau. Als Rosa in den Knast kommt, organisiert Mathilde unermüdlich für die Magenkranke, die bei der Gefängniskost verhungert wäre. Mathilde kümmert sich um die vielen Sachen, die wir “Kleinigkeiten” nennen.die notwendig waren, damit die isolierte Rosa während der Haft leben und arbeiten konnte. Es sind nicht Jogiches, Karl Liebknecht oder Paul Levi, die den neuen Gummizug in Rosas rotgestreiften Winterunterrock einnähen und mit frischen Blumen und selbstgebackenem Kuchen ins Gefängnis senden.Gewiss, sie bemühten sich auch um Rosa.Sie konnten aber, auch wenn sie dies gewollt hätten, nicht Mathildes Aufgaben und Rolle übernehmen : die der mütterlichen Freundin.![]()
Als “mütterlicher Hausgeist”- so die Vorankündigung des Luxemburg-Films- ist Mathilde in die Geschichte eingegangen.Die Strategie von Rosa und Mathilde täuscht immer noch.”Mütterlicher Hausgeist”- das hört sich sehr hausbacken und bieder an.Wenn Mütterlichkeit für Frauen etwas Natürliches ist, dann ist sie auch unauffällig und unverdächtig. Die Mütterlichkeit ist eine prima und nicht mal aufgesetzte Rolle für Mathilde.Gleichzeitig ist natürlich diese Klassifizierung und diese nicht nur den Behörden eigene Logik umwerfend.. Wirft sie doch ein Schlaglicht auf die gängige Ethik.Denn wenn das Mütterliche die gängige Praxis ist,was bleibt dann übrig für den “Menschen”, der ja - definitionsgemäß nach dem gleichen Klischee- männlich ist. Der Rückschluss liegt auf der Hand: je mehr Mütterlichkeit gefragt ist, desto inhumaner müssen die Verhältnisse sein.Scharfsinnig benutzten Mathilde und Rosa die Palette weiblicher Tugenden zur Verdeckung ihrer Zusammenarbeit.Sie mussten sich dabei keinen Zwang antun: sie mochten sich und waren beide human.![]()
Unter der Tarnkappe “mütterlich-schwesterliche Liebe” schmuggelt Mathilde eifrig und regelmäßig ins Gefängnis und die Aufrufe und Aufsätze Rosas wieder hinaus. Bei ihren Umarmungen trugen Rosa und Mathilde die gleichen Handtaschen.Während Rosa in Wronke in Festungshaft saß, tauschten beide fast täglich Mitteilungen aus.”Wir mussten sie uns in gewohnter Übung, auch ohne dass wir uns sahen, zukommen lassen” berichtet Mathilde. Die täglichen Sendungen, von denen die Rede ist, waren Blumen.![]()
Knobloch tut in seiner sonst so behutsamen Skizze Mathilde Unrecht, wenn er sie zu arg in die mütterliche Ecke drückt. Das widerspricht seinen eigenen Angaben. Das bloß betulich Bemutternde mochte Rosa rein gar nicht leiden. Das konnte nicht Grundlage ihrer Freundschaft sein.Ärgerlich schreibt sie einmal an Mathilde:”Um Gottes willen, nennen sie mich nicht - Liebe Gute- das haben sie von Klara gelernt. Ich kann aber diesen Gevatterinnenton nicht ausstehen”Und dann kommt noch eine Bitte: Mein Elixier wieder! Ich entwickle mich hier zu einem richtigen Säufer.”![]()
Ihre unterschiedlichen Aufgaben nahmen Rosa und Mathilde gleich wichtig. Aber beide überkommt auch der Gedanke, nicht gut genug zu sein. In einem Brief an Mahtilde zitiert Rosa Conrad Ferdinand Meyer und meint halbwegs ernst: “ Diesen Spruch werden sie mir aufs Grab setzen:![]()
“Mich reut, ich beicht’ es mit zerknirschtem Sinn, Dass ich nicht dreifach kühn gewesen bin”![]()
Von der Verhaftung und Ermordung Liebknechts und Luxemburgs erfährt Mathilde, selbst inzwischen in Haft gekommen, erst in der eigenen Zelle. Zur großen Trauer kommt nun der Selbstvorwurf hinzu, dass sie nicht durch dreifache Vorsicht ihre eigene Verhaftung vermied, und dadurch diejenige Rosas mitverschuldete.![]()
Mathilde arbeitet nun nach der eigenen Entlassung mit Jogiches zusammen bis zu dessen Ermordung, danach mit Paul Levi bis zu dessen mysteriösem Fenstersturz. Und dann?![]()
Die Rückseite des Buchs von Knobloch wird von einer Schrift überzogen- auf gelbem Grund gedruckt: SPUREN EINES JÜDISCEN LEBENS IN BERLIN 1873-1942![]()
Mathilde Jacob und Rosa Lucemburg gehörten beide zu den rund 65 000 jüdischen Einwohnern Berlins. Auch das mag zu ihrer Freundschaft beigetragen haben. 1939 übergibt Mathilde heimlich die unveröffentlichten Manuskripte Rosa Luxemburgs und ihren eigenen Bericht dem amerikanischen Geschichtsforscher Lutz und rettet damit den Nachlass vor den Faschisten. Mathilde behält bis 1942 ihr Schreibbüro in der Hansastraße. Aber gegen die nun systematisch organisierte Barbarei half kein Humanismus, keine Mütterlichkeit, kein Mut und keine Vorsicht einer Mathilde Jacob mehr. Am 27. Juli 1942 wird sie nach Theresienstadt deportiert.Der Vermögenswert von Mathilde Jacobs Sachen machte nach der Vermögenserklärung, die alle Juden ausfüllen mussten- das ist ihr letztes Dokument- 333,02 Reichsmark aus- minus 8,90 Reichsmark für den Obergerichtsvollzieher. Das Vermögen wurde vom Deutschen Reich eingezogen. Nicht eingezogen werden konnte die Schreibmaschine, die Oliver. Diese hatte Mathilde auf die Seite geschafft![]()
Runa Fecher, Juni 1986, in der Zeitschrift “UMBRUCH”![]()
Bibliographische Angaben: ![]()
H. Knobloch: Meine liebste Mathilde, 1986 erschienen in :DAS ARSENAL, 244 Seiten, damals 36,80 DM. Inzwischen -auch schon wieder antiquarisch zu erhalten bei Fischer Taschenbuch. ![]()
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