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Artikel


Stattzeitung für Südbaden Ausgabe 73, 2009-01

Friedrich, Sebastian:
Marx zurück an den Hochschulen!
Interview zur neuen Kapitallesebewegung mit Nikolas Grimm aus Freiburg

Wir befinden uns mal wieder in einer Finanzkrise. Die eiligen und hektischen Reaktionen der Machthaber lassen auf die Vermutung schließen, dass es diesmal alles ein bisschen krisenhafter ist. Auch die Stimmen nach einer Veränderung des Finanzmarktsystems werden zunehmend lauter.

Doch wer genauer hinhört erkennt, dass es den PolitikerInnen und KommentatorInnen in den bürgerlichen Medien eigentlich nicht um eine wirkliche Veränderung geht. Denn die gegenwärtigen Interventionsmaßnahmen der Regierungen zielen nicht darauf ab, die Grundstrukturen zu verändern. Vielmehr geht es darum, ein eigentlich halbtotes System irgendwie wieder zu beleben – doch wie soll Vertrauen in grundsätzlich auf Konkurrenz und Spekulation basierende Strukturen kommen? Diese Frage wird im breiten öffentlichen Mainstream nicht beantwortet – ja nicht einmal gestellt.

Doch fern von der bürgerlichen Hegemonie wächst die Gruppe derer, die Grundsätzliches in Frage stellen. Selbst an den Orten, an denen manche schon vermuteten, der Dämmerschlaf sei nicht nur zu einem Tiefschlaf geworden, sondern dort seien einige bereits dabei, gänzlich geistig zu sterben, werden mehr und mehr Menschlein kritischer. Gemeint sind die Studierenden an den Hochschulen.

Eigenartigerweise scheint sich genau in einer Phase Widerstand zu regen, in dem das Kampffeld Hochschule schon längst verloren schien. Nach dem neoliberalen Umbau der Hochschulen müssen die Studierenden extremer als zuvor ihre Ellbogen ausfahren und gegeneinander statt miteinander lernen und forschen. Zudem werden immer weniger Lehrstühle mit kritischen ProfessorInnen besetzt. Was also tun? Wie sind während des Studiums doch noch Inseln zu finden, um eigene und reflektierte Standpunkte zu entwickeln? Bleibt nur die Selbstorganisation – das gemeinsame Lesen, Verstehen und Entwickeln kritischer Theorien. Diese scheinen in einer Zeit, in denen die gesellschaftlichen Widersprüche immer sichtbarer werden, so langsam wieder einen Nerv zu treffen: Ab diesem Wintersemester wird an vielen Hochschulen in der Republik wieder gemeinschaftlich gelesen und diskutiert. Und welches Werk bietet sich in der momentanen Situation – vielleicht auch prinzipiell – besser an als Das Kapital von Karl Marx?

Genau jene Kritik der politischen Ökonomie wird nun fast flächendeckend gelesen. Das vom Hochschulbund DIE LINKE.SDS initiierte Projekt wird seit etwa einem Jahr vorbereitet: Sogenannte TeamerInnen - diejenigen, die also über gewisse Vorkenntnisse verfügen sollen - wurden auf mehreren Wochenend-Seminaren auf die Lesekreise vorbereitet.

Einer von diesen TeamerInnen ist Nikolas Grimm aus Freiburg, den wir zur „Kapitallesebewegung“ befragten.

SZ: Nach etwa einem Jahr Vorbereitung starteten nun zum Wintersemester in vielen deutschen Städten „Kapital-Lesekreise“. Wie liefen die Vorbereitungen?

Niko: Wir haben mit den Vorbereitungen etwa vor einem Jahr begonnen. Wir hatten besonders seit den Protesten gegen den G8 Gipfel in Heiligendamm und durch die globalisierungskritische Bewegung die Erfahrung gemacht, dass es eine neue Generation von jungen Leuten gibt, die sich mit den herrschenden Verhältnissen nicht mehr abfinden wollen und gegen diese auf die Straße gehen.

Gleichzeitig herrscht aber an den Unis ein theoretisches Vakuum: Das sehen wir besonders jetzt, wenn angesichts der aktuellen Wirtschaftskrise die bürgerliche Ökonomie samt ihrer Experten nur mit den Schultern zucken kann – eine Erklärung haben sie nicht. Wir haben uns zur Aufgabe gemacht, dieses Vakuum zu füllen: Wir wollten eben jener neuen Generation, die aus den Protestbewegungen der letzten Jahre hervorkam, das Werkzeug liefern, diese Gesellschaft grundlegend zu kritisieren. Den Kapitalismus verstehen, um ihn zu überwinden, sozusagen.

Dabei standen wir vor einem grundlegenden Problem: Mit einer bundesweiten Kapital-Lesebewegung haben wir ein Projekt gestartet, an das sich seit den 1970ern niemand mehr gewagt hat. Doch die Verhältnisse an den Universitäten sind heute natürlich anders als in den 1970ern: Nicht nur wurde fast jeder Ansatz von kritischer Wissenschaft verdrängt, dazu kommt, dass durch die Bachelorisierung der Studiengänge die Studierenden permanent unter Zeit- und Prüfungsdruck stehen. Das sind schwierige Bedingungen, um an einer Hochschule einen Kapital-Lesekreis zu gründen. Die Kapital AG von DIE LINKE.SDS hat sich mit diesem Problem intensiv beschäftigt: Wir mussten die Einstiegshürden, einen solchen Lesekreis zu gründen, möglichst tief halten.

Dazu haben wir im vergangenen Jahr mehrfach bundesweite Seminare angeboten, in denen sogenannte „Teamer“ ausgebildet wurden. Teamer sind Personen, die zumindest ein grundlegendes Verständnis und einen Überblick über den Text haben und die Lesekreise so begleitend moderieren sollen. Dazu wurden auf diesen Seminaren auch zahlreiche didaktische Fragen geklärt.

Für uns war wichtig, dass diese „Lesebewegung“ auch wirklich eine bundesweite Bewegung wird. Dazu bieten wir zahlreiche Vernetzungsmöglichkeiten an: Die Lesekreise sollen Das Kapital nicht nur für sich lesen, sondern miteinander in Austausch treten. Die beiden wichtigsten zukünftigen Projekte dazu sind momentan noch in Vorbereitung: Über Ostern soll eine bundesweite Zwischenkonferenz (2.-5. April) stattfinden, zu der die Lesekreisteilnehmer aller Hochschulgruppen eingeladen sind. Neben einer fundierten Kapitalismusanalyse wollen wir diese Konferenz dazu nutzen, den bisherigen Verlauf der Lesebewegung zu analysieren.

Als großes Highlight der Lesebewegung findet im Herbst 2009 eine bundesweite Auswertungskonferenz (29. September – 4. Oktober) statt, zu der wir auch internationale ReferentInnen einladen und mit rund 1000 Teilnehmern rechnen.

SZ: Wie liefen eure bisherigen Sitzungen ab?

Niko: Unser Lesekreis in Freiburg begann mit einer großen Auftaktveranstaltung, zu der wir Wolfgang-Fritz Haug (em. Prof. von der FU Berlin) eingeladen hatten, und zu der etwa 120 Menschen kamen. Am Lesekreis selbst nehmen nun etwas über 20 Leute teil.

Erfreulich ist für mich die Zusammensetzung des Lesekreises. Dem Klischee entsprechend würde man einen Haufen linker SoziologiestudentInnen erwarten. Dabei scheint die Marxsche Theorie nicht nur im üblichen linken Spektrum Interesse zu finden. Viele TeilnehmerInnen sind bisher nicht politisch aktiv oder explizit links eingestellt. Dazu sind viele keine Geisteswissenschaftler, sondern studieren Mathematik, Biologie, Physik oder andere Naturwissenschaften. Ich glaube, dass dieses gesteigerte Interesse an den Ideen Karl Marx` auch ein Symptom der aktuellen Wirtschaftskrise ist.

Der Lesekreis trifft sich einmal die Woche. Dabei arbeiten wir an einem Leseplan entlang: Bis zu jeder Sitzung wird ein bestimmter Abschnitt zu Hause gelesen. Dieser wird von einem Freiwilligen dann in einem kurzen Einleitungsreferat wiedergegeben und die Diskussion ist eröffnet. Ich als Teamer versuche dabei möglichst wenig vorzugeben oder vorwegzunehmen, sondern begleite die Diskussion moderierend und mit ergänzenden Fragen.

SZ: Welche Probleme gab es bisher?

Niko: Man muss sich bei der Lektüre des Kapitals natürlich erst einmal auf den hohen Abstraktionsgrad von Marx einstellen. Viele sind da verständlicherweise ungeduldig und wollen auf konkrete Phänomene unseres modernen Kapitalismus hinaus. So wurden z.B. im ersten Kapitel, als Marx gerade einmal die Ware als Elementarform des Kapitalismus eingeführt hat, zahlreiche Fragen zu Geld, Preisen etc. gestellt. Als Teamer muss man da aufpassen, dass Diskussionen nicht zu sehr abschweifen und die Beantwortung einiger Fragen auf spätere Sitzungen verlegen, um nichts vorwegzunehmen.

SZ: Was bewog dich dazu, dich bereits im Vorfeld so intensiv mit dem Marxschen Kapital zu beschäftigen und dich derart zu engagieren?

Niko: Ich wurde im Wesentlichen durch die globalisierungskritische Bewegung und die Proteste in Heiligendamm politisiert. Dabei bekommt man natürlich eine gewisse Kritik an den neoliberalen Verhältnissen, den Finanzmärkten und dem Welthandel mit auf den Weg. Für mich ist es jedoch wichtig, Kritik nicht nur an den Exzessen des Neoliberalismus zu üben, sondern diesem Gesellschaftssystem grundlegend auf den Zahn zu fühlen und es in Frage zu stellen.

Wenn wir die Deregulierungen und den Sozialabbau der letzten 30 Jahre sowie die Gier von Managern kritisieren, dann ist das natürlich zunächst alles richtig. Die Grundmechanismen des Systems und die Gründe für seine Krisenanfälligkeit erklärt man damit noch lange nicht.

Wenn ich momentan das Wort „Finanzkrise“ höre, verdrehe ich die Augen. Warum nennt man die Dinge nicht beim Namen und sagt Kapitalismuskrise? Ich glaube nicht, dass alles gut wird, wenn wir die Finanzmärkte nur ausreichend kontrollieren. Bei Karl Marx finden wir eine viel grundlegendere Analyse der Krisenhaftigkeit des Kapitalismus. Letztendlich können wir auch die aktuelle Krise auf eine allgemeine Profitkrise des Kapitalismus zurückführen, die überhaupt erst zu diesen Phänomenen der Deregulierung, wie wir sie kennen, führte. Es handelt sich um eine Systemkrise - und das macht Marx für mich ungeheuer aktuell und lesenswert.

SZ: Wie erklärst du dir das gesamtgesellschaftlich gestiegene Interesse für Marx?

Niko: Das Interesse an Marx ist wirklich immens gestiegen: Allein zu den Auftaktveranstaltungen unserer Lesebewegung kamen bundesweit über 2100 BesucherInnen. Dazu hat der DietzVerlag kürzlich verkündet, der erste Band des Kapitals sei mittlerweile ausverkauft.

Wir befinden uns sozusagen in einer doppelten Krise: Zu der Wirtschaftskrise kommt eine grundlegende Ideologiekrise der bisher vorherrschenden Wirtschaftstheorie. Ich möchte momentan ehrlich gesagt nicht in der Haut jener Theoretiker stecken, die uns jahrelang vom Gleichgewicht und der Selbstheilungskraft der Märkte erzählten. Viele dieser sogenannten „Spezialisten“ müssen heute mit den Schultern zucken, wenn sie die aktuelle Krise erklären sollen. Diese stellt einen gewaltigen Bruch dar: Sogar Finanzminister Steinbrück hat sich kürzlich in einem Spiegel-Interview gefragt, ob an der marxschen Krisentheorie nicht doch etwas dran sei.

Das alles ist natürlich ein guter Nährboden für alternative Theorien oder auch alternative Gesellschaftsmodelle, nach denen sich die Leute umschauen - und auch für unsere Lesebewegung.



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