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Artikel


Stattzeitung für Südbaden Ausgabe 75, 2009-09

Red, Mecki:
Was nicht tötet, härtet ab
Zwölf Tage im Bühler Krankenhaus: Ein Erlebnisbericht

Nach einem privaten Unfall hatte ich das Pech und kam mit einem Trümmerbruch am rechten Handgelenk und einem Trümmerbruch am rechten Gelenkkopf des Schienbeins nach Bühl ins Krankenhaus. Ich wollte dorthin gebracht werden, da ich bisher dort nur gute Erfahrungen gemacht habe. Leider kommt es manchmal anders als erwartet. Nach der Notaufnahme brachte man mich auf Station – und da geschahen Dinge, auf die ich nicht gefasst war.

Am Tag nach der Aufnahme wurde ich direkt operiert, mein rechter Arm und mein rechtes Bein waren fortan in Schienen verpackt. Selbstredend sollte ich nach der komplizierten OP beinahe die komplette rechte Seite nicht belasten. Am dritten Tag kam dann vermehrt bei mir die Frage auf, wie wasche ich mich oder wie kann ich überhaupt essen. Da ich ja als Notfall kam, und ich beim Unfallgeschehen am „werkeln“ war, war der Reinheitsgrad meines Körpers nicht gerade ideal. Schmutzige Hände, etwas Körpergeruch und dergleichen waren also normal. Die Krankenschwester stellte mir eine Schüssel mit Wasser auf den Nachttisch und verließ das Zimmer mit den Worten: „Wenn Sie Hilfe brauchen, sagen Sie Bescheid.“ Da lag ich also – die wesentlichen Teile der rechten Körperhälfte in Schienen und mit sehr starken Schmerzen – und wusste nicht, ob ich nach dieser Frage lachen oder weinen sollte. Glücklicherweise kam meine Frau, die mich dann erst mal gewaschen und mich auch von dem OP-Höschen befreit hat. Die Krankenschwestern, die das dann mitbekommen haben, fanden das offensichtlich gut und verließen auch sofort wieder das Zimmer mit den Worten: „Ich komme später wieder.“ Ob wir Hilfe bräuchten wurde nicht mehr gefragt. Im Laufe meines Aufenthals änderte sich das kaum. Ohne die regelmäßigen Besuche meiner Frau hätte ich in den 12 Tagen wahrscheinlich sehr gestunken. Bisher ging ich eigentlich davon aus, dass Hygiene im Krankenhaus relativ wichtig ist.

Bemerkenswert waren auch manche der - seltenen - Arztbesuche. Vier Tage nach der OP fragte freundlicherweise der Narkosearzt, ob ich die Narkose der OP gut vertragen hätte. Naja, noch lebe ich, anwortete ich ihm. Die kürzeste und zugleich einprägsamste Visite war die, als der Arzt die Zimmertür öffnete, im Gang stehen blieb und zu uns sagte: „Bei Euch ist es aber kalt im Zimmer. Ist bei Euch alles OK, braucht Ihr was?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, schnappte die Tür auch wieder zu.

Aber nicht nur die Ärzte scheinen für manche Dinge zu wenig Zeit zu haben. Da ich ja nicht aufstehen konnte, musste ich zwangsläufig eine Urinflasche benutzen. Wer nun denkt, dass die PflegerInnen von allein sehen, wenn das Ding voll ist, irrt sich. Ich musste also immer wieder klingeln und sagen, dass die Flasche voll ist. Als mal wieder eine Flasche voll war und sich eine Schwester zufällig im Zimmer befand, fragte sie mich, ob sie die leer machen soll und ob ich eine neue bräuchte.

Meine Erfahrung ist sicher kein Einzelfall – wahrscheinlich eher trauriger Alltag. Im Vergleich zu anderen PatientInnen hatte ich aber noch Glück im Unglück. Nach dem ich bereits etwa eine Woche im Krankenhaus lag, wurde ein Notfall zu uns ins Zimmer gelegt. Er, ein gebürtiger Russe, der in Portugal lebt und LKW-Fahrer ist, sprach nur Russisch, etwas Spanisch und etwas Portugiesisch. Der Notfallpatient hatte nur seine Papiere, sein Handy und die Kleidung dabei, die er auf dem Leib trug. So lag er dann da: Ohne Wechselwäsche, Handy-Ladekabel, Handtuch, Waschlappen, Zahnbürste und was sonst so gebraucht wird. Da kein Ladekabel passte, liehen wir ihm ein Handy von uns, damit er wenigstens für seine Familie wieder erreichbar war. Da sich auch drei Tage nach seiner Einlieferung niemand vom Personal dafür verantwortlich fühlte, dem jungen Mann mal Handtuch, Waschlappen, Zahnbürste und Wechselwäsche zu besorgen, brachte kurzerhand meine Frau ihm alles von zu Hause mit. Das bemerkte dann eine Krankenschwester und sagte, es sei nun wirklich nicht unsere Aufgabe, einem Patienten Wäsche und dergleichen zu bringen, das bekäme er ja schließlich vom Krankenhaus. Wir merkten an, dass es ein bisschen komisch sei, dass sich bis dahin niemand darum gekümmert habe. Er sei jedoch gefragt worden, erwiderte die Schwester. Unfreiwillig war ich immer im Raum, davon mitbekommen habe ich jedoch nichts. Selbst wenn, wie hätte man ihn fragen sollen, sprach doch niemand Spanisch, Russisch oder Portugiesisch?

Einen Tag vor meiner Entlassung bekam ich sogenannte „Bettlerkrücken“, die werden unter die Arme geklemmt und somit war ich wenigstens in der Lage, zur Toilette zu kommen. Damit war dann die Sache für das Krankenhaus erledigt. Am Entlassungstag wurde ich dann per Krankentransport nach Hause gebracht, ins Wohnzimmer auch das Sofa gesetzt und Tschüss.

Was dann für Probleme mit der Krankenkasse auf mich zukamen, wäre eine eigene Geschichte wert, aber da kommt vielleicht das dicke Ende noch. Was meinen Krankenhausaufenthalt angeht, so sehnte ich mich sogar manchmal an die Zeit der katholischen Krankenschwestern zurück und fragte mich, wie ein reicher bürgerlicher Staat mit viel Geld weniger Fürsorge hinbekommen kann als religiöse Orden. Ich hatte zunächst eine riesige Wut auf die beteiligten Ärzte und PflegerInnen. Ich kam aber zu dem Ergebnis, dass es nicht sein kann, dass plötzlich so viele schlechte Ärzte und PflegerInnen im Bühler Krankenhaus arbeiten und ich dann gleichzeitig das Pech haben sollte, so viele schlimme Exemplare entdecken zu dürfen - zumal es dort vor ein paar Jahren noch deutlich besser war. Außerdem habe ich in meinem näheren Freundeskreis und in verschiedenen Zeitungsartikeln und Fernsehbeiträgen ähnliche Berichte aus anderen Krankenhäusern gehört. Meinem subjektiven Empfinden nach häufen sich solche Berichte in letzter Zeit. Die Probleme sind also wahrscheinlich struktureller Art. Vielleicht kann uns irgendjemand im Bühler Krankenhaus erklären, wie solche Zustände sein können, wer die zu verantworten hat und was im speziellen Fall die Teilprivatisierung zum Klinikum Mittelbaden damit zu tun hat?



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