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stattweb-News Ausgabe 09, 2009-11

Tescho, Olga:
Bildungsstreik: Nie mehr mit “68” vergleichen! Ein Rück- und ein Ausblick
News-Beitrag auf stattweb.de vom 20.November 2009

Kaum laufen ein paar Studis die Straße entlang, wird von “68” phantasiert Als Maßstab! Zu Unrecht! 68 kann sich in seiner Form niemals wiederholen! Es beruhte - vor allem in Deutschland, Frankreich, Italien - auf dem Zusammentreffen des Zorns auf den unmenschlichen Krieg der USA in Vietnam mit der Revolte gegen eine über die Unibürokratie weit hinausreichende zusammengeschmorte Wertegemeinschaft. Die diesen Krieg als einen des Westens in der Regel verteidigte.

Vordergründig richteten sich 68 die Wünsche der Kämpfenden auf die diversen Formen der Mitbestimmung an den UNIS selbst. Eigentlich aber gegen Formen der Zurichtung des Subjekts, die sich damals schon in ersten Formen abzeichneten. Im Unterschied zu heute begriffen sich die entstehenden Studi-Gruppen als “Wissende”. Wie später bei den entstehenden Parteigruppen entstand das Stereotyp vom Studenten: er demonstrierte, verteilte Flugblätter und belehrte. Damit stieß er auf wenig Verständnis bei vielen, die in den Fabriken arbeiteten. Sie konnten es- bei allem Interesse - den Studis nicht gleichtun, und wenn sie gewollt hätten. Wen hätten sie über ihre Lage belehren können? Sie kannten sie selber Die Lehre des Flugblatts enthielt keine Befolgbahre Handlungsanweisung für die an der Drehbank oder am Band.

Rascher Verfall

Von daher der schleunige Verfall der Bewegung. Die einen verfielen Brandt und seiner SPD: der sollte den Traum zu Ende führen. Die anderen - in den K-Gruppen - verzehrten sich innerlich. Sie blieben die Intellektuellen - die Arbeiter Arbeiter. Es fand sich nur selten eine Brücke. Die Intellektuellen sahen ihre eigene Zerrissenheit und starrten auf das –vermutete - Klassenbewusstsein der andern. Oder sie blieben an Adorno hängen und entwickelten dessen Massenverachtung endgültig zur Eintrittskarte für diverse Edelquartiere.

Der große Erfolg der Bewegung von 68 beruhte auf der - trotz allem - verbliebenen Nähe zu den bürgerlichen Idealen. Ein winziges Beispiel: Kein Prof versäumte in den fünfziger Jahren die Ermunterung, doch ja nicht stur aufs Examen hinzuschauen. Mal bei anderen reinhören! Das wäre heute Dienstvergehen! Lenzen, Rektor in Berlin, ab morgen Import für Hamburg, soll die neuen Studis verwarnt haben; Keine Zeit in den zugestandenen sechs Semestern Bachelor für “Hirnakrobatik”.

Der Protest gegen den “Fachidioten” der Studenten von 68 berief sich -bewusst oder nicht - auf das humboldtsche Ideal der universellen Selbstbildung. Das griff noch dem fernsten Studienassessor in die Seele, der sich verkümmert wusste. Von aller Erkenntnis abgeschnitten.

Studis heue: Einsicht in die Gesamtlage

Das alles nicht um zu widerrufen. Oder am Reuesumpf zu lagern. Nur um den Unterschied der Situation zu markieren. Soweit sich das erkennen lässt, fehlt den heute streikenden Studentinnen und Studenten gerade das unvermeidliche Besserwissertum der 68er. Auch im Vergleich zu früher die nur theoretische Wissbegier! In Frankfurt scheint es die größten Schwierigkeiten zu geben, ums IVI-Haus herum auch nur die beliebte “Einführung in den Marxismus” hinzubekommen.

Überall dagegen heute bewusst die Auflehnung gegen das Ponyrennen, zu dem die Bachelor-Ausbildung geworden ist. Zusätzlich zu der immer offener liegenden Erkenntnis, dass man mit nur “Bachelor” nirgends auch nur die geistige Selbständigkeit mitbekommt, die die gewöhnlichen Arbeitgeber noch eintreiben wollen.

Der heutige Protest ist unvermeidlich und nur zu berechtigt. Er darf durch den Vergleich mit 68 nicht heruntergedimmt werden Ganz im Gegensatz zu 68 liegt der gedankliche und reale Zugang zu den Lehrlingen offen. Und weiter zu den allgemeinen Maßnahmen der kapitalistischen Regierungen in ganz Europa, wie deren gemeinsame Brutalität im Einüben von Bologna beweist. Überall Einsparung der Kosten für Ausbildung als Teil der allgemeinen Arbeitskosten. Damit auch Einsicht in die Zwangsarbeitsmaßnahmen von Hartz-IV

“Master für alle“

Streiks für Zugang für alle zum Master-Studium. Das scheint wenig. Aber solche Streiks richten sich gegen die Grundabsichten des Kapitals an der Ausbildung zu sparen - selbst für solche, die jetzt noch hysterisch alle Politik in den Kämpfen ablehnen. Viele sehen vielleicht den grundsätzlichen Widerspruch nicht, in den sie sich selbst zum Herrschaftssystem der BRD setzen. Auch wenn sie “nur“ den - von vielen Profs empfohlenen - freien Zugang zum Master-Studium fordern. Ließe das Kapital sich zwingen, diesen zuzugestehen, wäre es nicht gleich am Ende. Aber es müsste eine Position räumen und nach einer anderen Einsatzstelle suchen. Das wäre eine Niederlage, wie man es nachher auch drehen und wenden würde. In dieser Richtung ergibt sich vielleicht ein Ansatz, auf den die studentische Selbstaufklärung sich konzentrieren ließe.

Es könnte - muss nicht - Ausgangsspunkt eines Denkens werden, in dem das gesamte Fortschritts- und Konkurrenzdenken überschritten wird, wie es den gegenwärtigen Betrieb dominiert. All dem exportorientierten Gehetze der Kanzlerin - Bleiben wir nicht zurück hinter dem Ausland! - all der geschürten Angst vor dem Nachhumpeln ergäbe sich dann als Antwort: No Future - but present!

Warum immer sich mit dem künftigen angeblich Besseren vertrösten lassen? Keine Zukunft - aber einen vollen Schluck Gegenwart - in jedem Augenblick. In der Erkenntnis des notwendigen Zusammenhangs aller Tätigkeiten in einer Gesellschaft, ob körperlich hervorgetan oder “nur” denkerisch.

Was will im Vergleich dazu die vermottete Erinnerung an ein 1968, das nie wiederkommt?

Quelle: per mail, 20.11.



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