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stattweb-News Ausgabe 09, 2009-12

Trueten, Thomas:
Neues vom Angriff auf das Buch "Stuttgarter NS-Täter"
News-Beitrag auf stattweb.de vom 3.Dezember 2009

NS Täter Buch
NS Täter Buch

Das Buch "Stuttgarter NS-Täter" wurde in der Stuttgarter Zeitung zum wichtigsten Stuttgarter Buch des Jahres erklärt.

In einer langen Liste werden Helfer, Täter und Profiteure des faschistischen Regimes fundiert aufgeführt: "Mit Ausnahme von Ferdinand Porsche sind fast alle in diesem Buch vorgestellten Männer nahezu unbekannt. Es sind Richter, Ärzte, Unternehmer, Gemeinderäte, Gestapo-Leute, KZ-Aufseher oder Denunzianten. Viele von ihnen waren nicht nur lokal bedeutsam, sondern auch reichsweit oder in den von Deutschland besetzten Gebieten.

Für die Nachkommen der Täter ein schmerzhafter aber notwendige Auseinandersetzung. "Ursula Boger ist die Enkelin eines Täters, des - verurteilten - Auschwitz-Folterers Wilhelm Boger. In einem Beitrag im Buch stellt sie sich der Auseinandersetzung mit diesem Kapitel ihrer Familie genau wie Malte Ludin, dessen Vater Hanns Elard Ludin als Kriegsverbrecher hingerichtet wurde. Eine schmerzhafte Auseinandersetzung, wie Ursula Boger, mit den Tränen kämpfend, bekannte. Aber es sei notwendig: Das, so Abmayr, habe ihm auch Helga Breuninger versichert, die nicht dagegen protestierte, dass ihr Großvater Alfred Breuninger als „Nazi-Profiteur" gelten muss." (1)

Doch Volker Lempp, Rechtsanwalt in Stuttgart, geht wegen des Kapitels über seinen Großvater Karl Lempp, ehemals Leiter des Städtischen Kinderheims sowie des Städtischen Gesundheitsamtes gerichtlich gegen das Buch „Stuttgarter NS-Täter" vor. (2)

Karl Lempp war laut Darstellung des Buches als leitender städtischer Beamter beteiligt an Zwangsterilisierungen und an Kindereuthanasie. Zu dieser Erkenntnis kam auch der Theologe und Sozialpädagoge Ernst Klee in seinem 1983 erschienenen und bis heute populären Buch "Euthanasie im NS-Staat": "Er listet zahlreiche dieser Kinderfachabteilungen in ganz Deutschland auf, auch der Eintrag "Stuttgart Städtisches Kinderheim, Leiter Dr. Lempp" findet sich.

Ernst Klee stützt sich dabei vor allem auf die Aussagen von Hans Hefelmann und Werner Heyde, die als hochrangige Berliner Euthanasie-Gutachter maßgeblich an der Mordaktion beteiligt waren. Werner Heyde hatte sich nach dem Krieg unter falschem Namen eine neue Existenz aufgebaut und wurde 1959 enttarnt. Nach einer mehrtägigen Flucht stellte er sich der Justiz. Verhandelt wurde sein Fall jedoch nie: Heyde beging im Februar 1964 Selbstmord. Hans Hefelmann wiederum wurde seinerzeit für verhandlungsunfähig erklärt."
(3)

Mit einem Antrag auf Erlass einer einstweiligen Verfügung will der Anwalt jetzt den Verleger Hermann G. Abmayr zwingen, die Verbreitung des Buches "sofort und so lange einzustellen, bis die Seiten, die Herrn Dr. Karl Lempp betreffen, aus dem Buch entfernt oder unkenntlich gemacht worden sind, einschließlich der Namensnennung auf der rückwärtigen Umschlagseite und im Inhaltsverzeichnis".

Der Antrag richtet sich auch gegen den Autor des Kapitels, Karl-Horst Marquart von der Stolperstein-Initiative Vaihingen und langjähriger Mitarbeiter im Städtischen Gesundheitsamt. Mit seinem Antrag wollte Volker Lempp laut Stolpersteininitiative auch verhindern, dass dieses Kapitel am Sonntagabend im Haus der Wirtschaft vorgetragen wurde. In dieser Hinsicht war sein Antrag bisher erfolglos, die Lesung konnte wie geplant stattfinden, wie die Stuttgarter Zeitung berichtete.

Bemerkenswert ist, dass nach Ansicht der Stolpersteininitiativeim im Antrag auf Einstwillige Verfügung "keine einzige Textstelle des Buchkapitels nachgewiesen wird, in der falsche bzw. nicht beweisbare Behauptungen aufgestellt werden."

Nächste Woche wird der Antrag vor dem Stuttgarter Landgericht verhandelt. Der Termin zur mündlichen Verhandlung ist festgesetzt auf Donnerstag, den 10. Dezember 2009, 11 Uhr, 1. Stock, Saal 155, Landgericht, Urbanstraße 20 (Gerichtsgebäude).

Dieser Rechtsstreit ist bezeichnend für die Art, wie in Stuttgart mit der NS-Geschichte umgegangen wird, insbesondere auch mit der überfälligen Aufarbeitung der Geschichte der Städtischen Ämter. Nicht umsonst fordern die in der Initiative Gedenkort Hotel Silber zusammengeschlossenen Initiativen die Gründung eines Stuttgarter NS-Dokumentationszentrums.

Zunächst geht es jedoch um Solidarität mit zwei Mitstreitern in der Arbeit „gegen das Vergessen.“ sowie um Widerstand gegen den Versuch, unbequeme Stimmen einzuschüchtern und zum Schweigen zu bringen.

Eine Möglichkeit, das zu unterstützen ist neben dem Besuch der Verhandlung, das Buch zu kaufen und auch zu verbreiten. Das ist noch bis zum 10.12.2009 möglich.

Das 383 seitige Buch mit 48 Schwarz-Weiß-Abbildungen kann beim Verlag Hermann G. Abmayr, Stuttgart zum Preis von 19,80 € bestellt werden.

info@stuttgarter-ns-taeter.de

Anmerkungen:

(1) Stuttgarter Zeitung 30.11.2009

(2) http://www.stattweb.de/baseportal/NewsDetail&db=News&Id=6508

(3) Dokumente zum Fall Karl Lempp beim Landesarchiv Baden Württemberg: http://www.landesarchiv-bw.de/web/45269


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