stattweb-News Ausgabe 09, 2009-12![]()
Schulze, Dietrich:
Karlsruhe: MIT meets KIT / US-Friedenswissenschaftler Subrata Ghoshroy in brechend vollem Uni-Streikhörsaal
News-Beitrag auf stattweb.de vom 8.Dezember 2009
Studis nehmen Zivilklausel mit Bezug auf Urabstimmung in den Forderungskatalog an Minister Frankenberg auf! ![]()
Beim Vortrag des US-Friedenswissenschaftlers Subrata Ghoshroy (MIT) war der besetzte Redtenbacher-Hörsaal am 1. Dezember mit etwa 250 Studis und Außeruniversitären brechend voll. Wie das? Die Veranstaltung war doch für den großen Bau-Ing.–Hörsaal angekündigt. ![]()
Wie es zur Verlegung des Versammlungsorts kam ![]()
Wie in der Webseite www.KITbrennt.de der für bessere Bildung streikenden Studierenden mitgeteilt wurde, hatte das Plenum Ende November beschlossen, den Veranstaltern (Gewerkschaftliche Studieren-dengruppe Karlsruhe GSKa mit Beteiligung von UStA, ver.di, GEW und sechs Friedensgruppen) den besetzten Benz-Hörsaal anzubieten. Dafür gab es nicht nur einen inhaltlichen Zusammenhang (Rüstungshaushalt runter, Bildungshaushalt), hatten sich doch die Studierenden im Januar mit großer Mehrheit in einer Urabstimmung für eine einheitliche Zivilklausel, d.h. für den Verzicht auf Militärforschung am gesamten KIT ausgesprochen. Und „Verzicht auf Militärforschung als Herausforderung und Chance“ war das Thema des Referenten. ![]()
Am 26. November hatte jedoch der frühere Uni-Rektor und jetzige KIT-Präsident Prof. Hippler den streikenden Studierenden ein Ultimatum bis Montag 30. November früh gestellt, den Benz-Hörsaal (HMU) und den im gleichen Gebäude besetzten Daimler-Hörsaal (HMO) zu räumen. Um dem Nachdruck zu verleihen, erinnerte er an die Uni Tübingen, in der es zu einer polizeilichen Räumung kam. Nach mehrtägigen heissen Debatten beschloss das Plenum der Nacht von Sonntag auf Montag nach einem fünfstündigen demokratischen Ringen mit über 200 Anwesenden, die Besetzung in dem kleineren Redtenbacher-Hörsaal fortzuführen und damit den großen HMU, der auch für Grundlagenvorlesungen für die Erstsemester gebraucht wird, sowie den HMO freizugeben und die Streiktätigkeit mittels Demon-strationen und Blockaden organisatorisch auszuweiten. Einen sehr weitgehenden Vermittlungsvorschlag der Studierenden hatte Prof. Hippler kurz davor abgelehnt. Die beiden wichtigsten Argumente für die Fortführung des Streiks a) Es gibt bisher außer allgemeinen Zustimmungserklärungen keinerlei konkrete Ergebnisse zum vorgelegten Forderungskatalog (1). b) Der Abbruch des Streiks würde die Aufkündigung der Solidarität mit den streikenden Studierenden der anderen Universitäten bedeuten. Gerade für die EDV-technische Vernetzung mit anderen Unis haben die Karlsruher Studi-Fachleute sehr viel getan. Am Montagabend, einen Tag vor der Veranstaltung, beschloss das Plenum, das Angebot zu erneuern und den Redtenbacher-Hörsaal zur Verfügung zu stellen. ![]()
Veranstalter, Referent und Studierende ![]()
Nach der Begrüssung durch Richard Marbach (GSKa) stellte Reiner Braun gleich zu Beginn für die Veran-stalter fest, dass es eine Ehre und Auszeichnung sei, dass die streikenden Studierenden diesen Vortrag ![]()
in den Rahmen ihrer selbst gewählten Vortragsreihe aufgenommen haben. Er erinnerte daran, unter welch schwierigen Bedingungen sich Subrata Ghoshroy vom Rüstungsforscher zum Friedenswissenschaftler entwickelte, ein Vorbild für alle, die eine von Fremdbestimmung, Geheimhaltung und Unterordnung freie Universität wollen. ![]()
Was vom Vortrag zu lernen war ![]()
Subrata Ghoshroy machte anhand von Originalquellen und Statistiken in Form einer PowerPoint-Präsen-tation deutlich, welche enormen Rüstungsausgaben den US-Haushalt belasten und welch dominierenden Einfluss Militärforschung im MIT und anderen US-Einrichtungen hat. Für militärische Anwendungen der Nanotechnologie gebe es ein eigenes Institut, das an der Ausrüstung des Kriegers der Zukunft arbeitet. Der Spitzname des MIT sei „Pentagon am Charles“ (Charles ist der Fluss Charles River). Sein Fazit: Obwohl dort exzellente Forschung betrieben werde, könne das MIT kein Vorbild für das KIT sein. Er unterstützte die Forderung der Studierenden und anderer für eine einheitliche KIT-Zivilklausel und wünschte sich in den Staaten eine solche aktive Studierendenbewegung wie hier. Die letzte große Streik-bewegung am MIT liege Jahrzehnte zurück. Sie galt dem Protest gegen den Vietnam-Krieg. Noam Chomsky war dabei. ![]()
Der Ghoshroy-Vortrag (als pdf mit Übersetzung von Lothar Letsche) ist auf der Studi-Webseite KITbrennt (2) nachzulesen, der Audio-Mitschnitt seines Vortrags auf der Querfunk-Webseite (3) anzuhören. ![]()
Was diskutiert wurde ![]()
In der regen fast einstündigen Diskussion wurden von den Fragenden und vom Referenten anhand ver-schiedener Aspekte die unterschiedlichen Voraussetzungen in beiden Ländern und die gemeinsame Verantwortung der Studierenden und Lehrenden behandelt. Antikriegspositionen erhielten regelmässig Beifall. Als ein vom Pentagon stark unterstütztes Forschungsziel unter dem Titel „Führung, Steuerung, Informationsverwaltung & netzzentrierte Kriegführung“ wurde „Kommunikationstechnik mit hoher Bandbreite“ genannt. Das ist genau jenes Thema „Software Defined Radio“, an dem das Nachrichten-technische Institut der Universität mit Mitteln des Bundesverteidigungsministeriums forscht. Behandelt wurde in der Diskussion auch die Thematik Grundlagenforschung, Trennbarkeit von zivilen und militäri-schen Zwecken, dual-use und Mitbestimmung vs. Steuerung durch Großindustrie. ![]()
Schlüsse der Studierenden nach der Veranstaltung ![]()
Nach dem Vortrag wurde von den streikenden Studis der Antrag "Wir fordern Bundes- und Landesregierung in Übereinstimmung mit dem Ergebnis der Urabstimmung der Studierenden im Jahr 2009 auf, im KIT-Gesetz die Zivilklausel für das gesamte KIT zu verankern." einstimmig beschlossen. ![]()
Was sonst noch passierte ![]()
Vor dem Hörsaal wurden 100 Freiexemplare der Tageszeitung „junge Welt“ mit einem aktuellen Interview (4) mit Subrata Ghoshroy verteilt. ![]()
Am Vormittag nahmen im UStA bei einer Pressekonferenz der Veranstalter Vertreterinnen der BNN und von ka-news teil. Jeweils in der Mittwochsausgabe sind dazu Artikel in der BNN (5) und in ka-news (6) erschienen. ![]()
Übrigens: Die Universität Tübingen soll aufgrund einer Forderung der streikenden Studierenden ebenfalls eine Zivilklausel bekommen, wie das Schwäbische Tagblatt am Mittwoch berichtete. ![]()
Gewerkschaftler der „Initiative gegen Militärforschung an Universitäten“ organisierten für den Gast aus dem MIT vier historische Besichtigungs- bzw. Informationsprogramme: ![]()
• Am Montag gab es einen Stadtrundgang mit Jürgen Schuhladen-Krämer über die historische Entwick-lung der Stadt, z.B. über die strahlenförmige Straßenführung, die Modell für Washington wurde. Dem Gast wurde auch ein Einblick in den faschistischen Massenmord an der jüdischen Bevölkerung von Karlsruhe gegeben. ![]()
• Am Dienstagnachmittag gab es eine Führung durch die Geschichte der Universität mit dem Leiter des Uni-Archivs Dr. Klaus Nippert. Dabei wurden interessante Details zur MIT-Vorgeschichte bekannt gemacht. Der Uni-Vorgänger „Polytechnisches Institut“ war Vorbild für das MIT. In diesem Zusammenhang wurde dem Gast das Buch „Ferdinand Redtenbacher – Festschrift aus Anlass seines 200. Geburtstags“ für das MIT-Archiv mit gegeben. ![]()
• Am Mittwochnachmittag wurde der Gast ins Rastatter Museum der 48er-Revolution geführt. Eine Reihe von Revolutionären, denen die Flucht gelang, war damals in die USA ausgewandert. Carl Schurz zum Beispiel hatte es bis zum US-Innenminister gebracht. Der historische Rückblick förderte teilweise verblüffende Ähnlichkeiten der politischen Auseinandersetzungen mit der Gegenwart zutage. Eindrucksvoll für den Gast die Bedeutung der Farben der deutschen Flagge, wie sie damals beschrieben wurde: “Pulver ist schwarz / Blut ist rot / Golden flackert die Flamme!“ ![]()
• Jürgen Schuhladen-Krämer fand im Rahmen des Rastatt-Besuchs Gelegenheit, über die „Säuberungen“ 1933 an der Uni zu berichten, unter Bezug auf das Gedenkbuch für die Karlsruher Juden, für das er zuständig zeichnet und auf eine 2008 an der Uni Karlsruhe entstandene Magisterarbeit von Tobias Seidel. ![]()
Am Mittwochvormittag war Subrata Ghoshroy zu Gast bei der Evangelischen Kirche und diskutierte dort mit den Landtagsabgeordneten Dr. Gisela Splett (GRÜNE) und Johannes Stober (SPD) über aktuelle Friedensfragen, u.a. über die einheitliche KIT-Zivilklausel, die von beiden Oppositionsparteien im Landtag unterstützt wird. ![]()
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(1) http://kitbrennt.unserebildung.de/wiki/Forderungskatalog ![]()
(2) http://kitbrennt.unserebildung.de/images/5/5a/Abandonment_of_Military_Research_mit_Übersetzung_Endfassung.pdf ![]()
(3) http://www.querfunk.de/kit-zivilklausel/20091201-Ghoshroy.mp3 ![]()
(4) http://www.jungewelt.de/2009/12-01/043.php ![]()
(5) http://www.stattweb.de/files/civil/Doku20091202.pdf ![]()
(6) http://www.ka-news.de/region/karlsruhe/Erneute-Diskussion-ueber-Ruestungsforschung-am-KIT;art6066,312625
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