stattweb-News Ausgabe 10, 2010-01![]()
Güde, Fritz:
Ausgrabungen: Die ersten Texte rumäniendeutscher Dichter nach dem Krieg
News-Beitrag auf stattweb.de vom 16.Januar 2010
Lang ist es her. Da gaben ein paar wissbegierige Leute in der Mainzer Landstraße in Frankfurt eine Zeitschrift heraus, die man nach gewissen Textheimsuchungen „Umbruch” nannte. Mit dem feinen Doppelsinn: Umwälzung und Zeitungsherstellungs-Schlussphase.![]()
Herbst 1986 bekamen wir dankenswerterweise von einem Mann namens Jürgen Roth ein ganzes Paket zugestellt von Texten rumäniendeutscher Schriftsteller. Mit einem Essay, der hier unten auszugsweise folgen soll.![]()
Die Texte der Gedichte wirken heute oft als Nachhall der deutschen Naturlyrik, die Benn in Hass-Ekstasen getrieben hatte. Mit einigen bitteren Einsprengseln. Bösen Anmerkungen.![]()
Aber weit entfernt von der Deutlichkeit des Angriffs und Widerstands,die sich erst nachher voll entfalten konnten. Als Bekenntnisliteratur in Westdeutschland. Hertha Müller wird im Begleittext nur nebenbei erwähnt. Die Gruppe von damals hat sich wohl ziemlich weit voneinander ausgebreitet. Richard Wagner zum Beispiel betätigt sich als Dauerkommentierer in Broders „Achse des Guten” und gibt da den harten Knochen.![]()
In „Report Mainz” wurde noch einmal am letzten Montag das Spiel aufgeführt: wer hat wen verraten. Mit sehr gemischten Gefühlen erfuhr ich aus der heutigen „Frankfurter Rundschau”, dass Hertha Müller auf den Spuren Birthlers zu wandeln wünscht und Verfolgung damaliger Spitzel verlangt. Was wird da wohl rauskommen?![]()
Das alles war aber nicht das Eindrucksvollste an der damaligen Sendung. Computer gab es damals fürs niedere Volk noch keine. Wohl aber Kugelkopfmaschinen mit durchgeputztem Schriftfeld. Wie wir nun die Textblätter sahen, die uns zugekommen waren, erschraken wir und waren beschämt. Diese immerhin weithin bekannten Schriftsteller mussten an Maschinen gesessen haben voll schiefer Typen. Sie arbeiteten mit Farbbändern, die nach dem Flicker schrien. Einem Autor war offenbar das -ß- ausgegangen. Er setzte an der Stelle eine -3- ein.![]()
Unter welchen Bedingungen mussten die Leute dort wohl arbeiten? Wir fühlten ein wenig wie das jüngste Geißlein im Uhrenkasten: Wenn das alles über uns käme.![]()
Wobei damals Rumänien keineswegs als so schlimm dastand, wie es in der Rückschau hingestellt wird. In lebhafter Erinnerung war bei uns maoistisch angetretenen Leutchen noch die Weigerung, sich am kollektiven Überfall auf die CSSR zu beteiligen. Breschnew-Doktrin gab es in Rumänien nicht. Um das geheime Grausen weiter zu verbreiten, hat der damalige Layouter - ich weiß nicht mehr, wer es war -, die Texte der Dichter in ihrer ganzen Armseligkeit im Druck beibehalten und ausgestellt. Wir versuchen, das in der Wiedergabe beizubehalten.![]()
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Es folgt auszugsweise der damalige Text von Jürgen Toth: ”...und schrieben sich hinweg aus dem Land”![]()
Toth schildert zunächst die Lage der deutschen Minderheit von Intellektuellen unter Bauern. Da diese unter den verschiedenen Systemen in der Regel ans Überleben dachten und ums tägliche Brot sich sorgten, blieb wenig Achtung und Aufmerksamkeit für die paar Schriftsteller, die unter ihnen in ihrem altertümlichen Deutsch schrieben.![]()
Dass in der Zeit des Bündnisses Rumäniens mit den Nazis im Weltkrieg entsprechende Literatur in Siebenbürgen übernommen wurde, muss nicht verwundern. Die Lockerung nach dem verweigerten Überfall auf die CSSR brachte Erleichterungen im Kulturaustausch. So dass Trakl, Benn, Celan bekannt wurden,aber auch Brecht.![]()
Dann Toth wörtlich weiter:![]()
”An die Stelle isolierter Einzelgänger war in den frühen sechziger Jahren war ein Wir-Gefühl getreten, das „denen”, dem Volk, und allen Perversionen des Sozialismus, die Leviten lesen wollte. Dabei waren die Autoren keineswegs um Verständlichkeit bemüht. und für die Schwaben und Siebenbürger Sachsen war eine linke Kritik der rumänischen Verhältnisse ohnehin verdächtig. Aber eine Spielerei blieb das Ganze dann doch nicht. 1975 wurden vier Autoren vom rumänischen Geheimdienst, der Securitate, unter einem Vorwand verhaftet. Wegen staatsfeindlicher Schriften musste Totok für acht Monate ins Gefängnis.![]()
Die „wissenschaftliche Expertise” für die Untersuchung der Militärstaatsanwaltschaft lieferten Professoren der Temesvarer Philologischen Fakultät. Der staatliche Eingriff beschleunigte die Auflösung der Aktionsgruppe. Auch das verbindende poetische Konzept erwies sich nicht mehr als tragfähig, als ein Kreis junger Autoren zu den verbliebenen Mitgliedern stieß.![]()
Wenn überhaupt von einer verallgemeinerbaren literarischen Tendenz der darauffolgenden Jahre gesprochen werden kann, so ist es eine stärkere Betonung der Subjektivität. Die Erkenntnis, dass die eigene alltägliche Erfahrung genug Anlässe zu lyrischem Sprechen liefere, begann sich durchzusetzen. Doch vor einem und demselben Hintergrund ist auch Gesellschaftliches sehr wohl verallgemeinerungsfähig. somit leserbezogen.![]()
Lyrik sollte nicht mehr abstrakt Dialektisches aus der Wirklichkeit destillieren vielmehr begannen die Autoren eine verinnerlichte bewusste Dialektik auf die Beschreibung ihrer individuellen Umwelt anzuwenden. Erkenntnisse werden nicht vorgeführt, sie werden vermittelt”(Th Krefeld in „das Nachtkafé” Nr 18/1981)![]()
Von wenigen Ausnahmen abgesehen, schreiben die rumäniendeutschen Autoren![]()
vorwiegend Lyrik. Isoliert vom binnendeutschen Sprachraum leben sie in einer Inselsituation inmitten einer rumänischsprachigen Umwelt. Ein lebendiges Deutsch, das in der Kommunikation das Alltägliche in Sprache verwandelt, kann nicht entstehen, und in den Enklaven der schwäbischen Dorfbexölkerung ist das Deutsche antiquiert und starr geblieben. Dort wird zudem ausschließlich Dialekt gesprochen. Eine Prosa, die auf dem binnendeutschen Literaturmarkt eine Chance hätte, kann auf diese Weise nicht entstehen.![]()
Die Lyrik hingegen zwingt weniger zur Schilderung komplexer Situationen und Handlungen, ihr Feld ist die komprimierte Sentenz, die treffende Metapher. Dass man in dieser Arbeitssituation auf der Suche nach dem richtigen Wort ist, dass der Umgang mit der Muttersprache für einen Dichter in der polyglotten Umwelt bewusster wird, wird auch zur Chance der deutschen Literatur in Rumänien. So leicht wird der Gedanke nicht mit Worten zerredet; die Sprache der Texte ist oft von eindringlicher Originalität...![]()
Verschiedene Themenschwerpunkte kristallisieren sich in den Publikationen heraus. Der Alltag im realen Sozialismus Ceaucescus, die Rolle des Schriftstellers in der Opposition und seine Verbundenheit mit allen Gleichgesinnten in anderen Ländern des „Resozismus” (Enzensberger). Die Sichtweise auf diese Themen ist die kritischer linker Intellektueller, wenngleich die traditionelle Unterscheidung rechts-links nach Meinung der Autoren in ihrem Land auf den Kopf gestellt zu sein scheint.![]()
Diejenigen Schriftsteller, die heute noch in Temesvar leben, können heute nicht mehr in Rumänien publizieren, nachdem bereits in den letzten Jahren Gedichtbände von den Zensoren zusammengestrichen worden waren, einzelne Autoren Publikationsverbot erhielten. Nebenbei sei bemerkt, dass eine ![]()
Existenz als freier Schriftsteller auch in besseren Zeiten nicht möglich war. Zwar sind die Autorenhonorare gesichert, unabhängig vom Verkaufserfolg, aber um „selbständig” zu sein, müssten mehrere Bücher pro Jahr publiziert werden - wofür wiederum der Markt zu klein ist. Die Auflagenhöhe bewegt sich je nach Autor zwischen 250 und 700 Exemplaren.![]()
Nachdem in den sechziger und siebziger Jahren bereits Autoren wie Pastior und viele andere ausgewandert sind, haben auch alle oben genannten ihre Ausreiseanträge gestellt.![]()
Dem langsamen Exodus der deutschsprachigen Literatur in Rumänien wird also unweigerlich der Exitus folgen. In einem Land, das sich zunehmend gegen alle westlichen Einflüsse abschirmt (keine ausländische Presse, Kontaktverbot für Rumänen mit Ausländern) und auf unbedingte Loyalität zur Politik des Generalsekretärs setzt, wird nur noch Raum bleiben für den windigen Opportunisten mit der schnellen Feder, der glaubt, sich von einer kritischen Äußerung durch zehn Lobeshymnen auf Partei-und Staatsführung feikaufen zu können.”![]()
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Bildhinweis: Exemplarisch soll das Gedicht von Johann Lippert verdeutlichen, unter welchen Bedingungen die lyrischen Ergüsse damals entstanden sein müssen. Der Bildausschnitt wurde aus Umbruch (5-6/1986; S. 76) entnommen. ![]()
Quelle: von unserem ehemaligen Autor Fritz Güde u.a. aus seinem Archiv. Er lässt überdies alle damaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im UMBRUCH herzlich grüßen
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